Vse o prošlom (Alles über Früher)

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Ausgehend von dem Ausstellungsprojekt der Moskauer Rodchenko Art School unter dem Titel Performativnyj archiv (Das performative Archiv) ein paar Gedanken zum Genre des „performativen Archivs“ in der zeitgenössischen russischen Kunst.

Vom 11.-18. April 2011 war das Ausstellungsprojekt Performativnyj archiv von Studierenden der Moskovskaja Škola fotografii i mul’timedia imeni А. Rodčenko (Rodchenko Art School) zu Gast in der Galerie E.K. Art Bureau von Elena Kuprina-Ljachovič in Moskau. Die Ausstellung bzw. das Projekt fand in zwei Etappen und an unterschiedlichen Orten statt: zunächst in einem Moskauer Hinterhof – der Ort wurde von Andrej Monastyrskij höchstpersönlich ins Gespräch gebracht – erst danach im „weißen Würfel“ der Galerie.

Monastyrskij konstatiert in seinem Kommentar zum Projekt etwas verwundert: „Vse о prošlom“. Auch wenn es die gestellte Aufgabe zu suggerieren scheint – das Archiv als Thema stand am Anfang und das Material sammelte sich im Laufe des Projektes an, ist es doch nicht selbstverständlich, dass sich NACH einer Beschäftigung mit dem Moskauer Konzeptualismus und einigen kulturologischen Archivtheorien (Foster, Foucault, Derrida) im Rahmen der vorangegangenen Seminare (unter der Leitung von David Riff und Ekaterina Degot) ein überaus konservativer Archivbegriff bei den Teilnehmern des Projektes durchsetzt. Befragt nach den Wirksamkeit des Archivbegriffs für das eigene Werk im Rahmen des Projektes nennen die Teilnehmer die Stichworte „nostalgische Phantasmen“, „wundersame Welt der Erinnerungen“, „Fetischisierung der Kindheit“. Aber auch das Nachdenken über das Archiv als Regulativ und Kontrollinstanz (sicher durch die Lektüre von Derrida und Foucault getriggert), Identitätsfragen und Identitätskrise spielten eine Rolle. Nirgends aber ein Hinweis auf das Verständnis eines performativen Archivs, die Komponente der „Performativität“! (http://aroundart.ru/1339257/-)

Unter „Performativierung des Archivs“ wird hier die Produktivierung und Re-aktivierung/ -animierung von Archivmaterial für den Zweck der Ausstellung verstanden, so dass die Ausstellung als Ganzes dem Genre des „Performing Archive“ zuzurechnen wäre. Dem eigenen, privaten (Haus-)archiv wird in diesen Rahmen der Status von ästhetisch verwertbarem Material zugesprochen. Die einzelnen Ausstellungsobjekte der TeilnehmerInnen testen den Raum, den die Kippfigur zwischen dem Spiel mit dem ästhetischen Wert eines obsessiven Exhibitionismus, der sich aus dem Kindheitsarchiv speist – mehrmals gesehen die Geste des Ausbreitens des eigenen (Foto-)Archivs – und der Anerkennung der ästhetischen und performativen Qualitäten eines „ätherischen“, d.h. allgegenwärtigen Archivs: „… i sreda v kotoroj ja živu i est‘ moj glavnyj archiv“ („die Umgebung, in der ich wohne ist mein hauptsächliches Archiv“; E. Lazareva, Arthive) aufspannt.

Die Performativität des Archivs wird aber eigentlich nicht nur in den einzelnen Werken der beteiligten Künstler untersucht, sondern schon durch die Form des Projektes aufgerufen: ein performanceartiges Intro im urbanen Raum und ein klassisches Ausstellungsformat im Anschluss, bei dem aber zusätzlich zu den eigentlichen, im Laufe des Projektes entstandenen Ausstellungsobjekten die Dokumentation des ersten Teils des Projektes gezeigt wird. Dieses Verfahren ist orientiert an der Aktionspraxis der Gruppe KD (Kollektivnye Dejstvija, hier vertreten durch Andrej Monastyrskij), in der sich Prozesse der Dokumentation und Aktion vermischt und geschichtet haben, so dass ein mehrdimensionales Archiv zwischen Präsenz und Repräsentation, zwischen Prozess und Produkt, zwischen Aufrufen und Aufführen resultierte.

Die eigene performative Archivität dieser geschichteten Form ist in dem Ausstellungsprojekt der Rodchenko-Studierenden aber nur unzureichend reflektiert worden. So blieb der erste, von Monastyrskij initiierte Teil des Projekts in seinem Archivcharakter anscheinend unerkannt. „snačаlа v odnom konkretnom dvorike (čem on primečatelen my ne znali, i daže kogda proveli tam akciju do konca ne ponjali, čtо Andrej imel v vidu)“ („erst auf einem konkreten Hinterhof (wodurch er sich auszeichnete, wussten wir nicht, und selbst als wir dort die Aktion durchführten wurde nicht abschließend klar, was Andrej meinte)“) schreibt „Calamari_union“ (E. Lazareva) im Blog Arthive .

Das Archiv als Grundlage, als Ausgangsmaterial ästhetischer Weiterentwicklung und Performativierung wird hier kaum thematisiert, sondern eine, vielleicht nicht ausschließlich, so doch überwiegend retrospektiven Perspektive produktiviert. Das Archiv ist in diesem Verständnis immer noch etwas, „worauf man zurückgreift“, und nicht etwa etwas, was sich prozesshaft im Entstehen befindet und gleichzeitig schon wirkungsmächtig ist. Es dominiert der Rückgriff auf Themen und Bildmaterial aus den 90ern, auf Kindheitserinnerungen und historische Persönlichkeiten. Auch „formal“ dominiert eine Anlehnung an konzeptualistische Praxis aus den 80ern, deren archivische Progressivität und Radikalität nicht erreicht, ja nicht einmal verstanden wurde.

Auch wenn der Begriff des „Archivs“ aus künstlerischer Praxis und deren theoretischer Reflexion nicht mehr wegzudenken ist, so ist doch dessen Weiterentwicklung in Richtung des „performativen Archivs“ noch nicht theoretisch fundiert nachvollzogen worden (und das war erklärtes Ziel des Projektes Performativnyj archiv).

Bildquelle: http://arthive.livejournal.com/6720.html

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Eine Antwort to “Vse o prošlom (Alles über Früher)”

  1. Vse o prošlom » JuliaFertig.de Says:

    […] von mir zum Genre des „performativen Archivs“ in der zeitgenössischen russischen Kunst im Novinkiblog. – to be continued! […]

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