Posts Tagged ‘Żuławski’

filmPolska in Berlin

April 10, 2010

Am 15. April startet die 5. Edition des polnischen Filmfestivals in Berlin – filmPOLSKA.

Bis zum 21. April kann das berliner Publikum in acht verschiedenen Kinos neue Filme und Filmklassiker aus Polen sehen und dabei die spürbare Abwesenheit polnischer Streifen auf der letzten Berlinale vergessen. Das Festival bietet dabei fünf thematische Schwerpunkte an – Neues Polnisches Kino, Dokumentarfilme, Kurz- und Studentenfilme, Retrospektive Opus Filme, Filmreihe Solidarność im Film, Kamerakunst – und verspricht diesmal einen Hauch von Freiheit und Aufbruchstimmung, den nicht nur die Erinnerungen an Solidarność, sondern auch die neuen Low-Budget Produktionen – meist Kurzfilme – nach Berlin bringen sollen.

Begleitet wird das Festival von einem Workshop, der von dem krakauer Filmemacher Marcin Koszałka (*1970) künstlerisch betreut wird. Der Dokumentarfilmer und Kameramann stellt den Workshop unter ein Thema, das an seinen preisgekrönten Kurzfilm Do bólu (dt. Bis an die Schmerzgrenze) anknüpft. Schmerz im Film? Schmerz als Voraussetzung dokumentarischer Arbeit? Die Ankündigung verrät nur andeutungsweise, was damit gemeint sein könnte. Wer als Laie nicht am Workshop teilnehmen kann, wird zumindest den preisgekrönten Film Koszałkas Do bólu, oder seine anderen mutigen Filme sehen können, unter anderem Istnienie (dt. Existenz), ein dokumentarisches Projekt, das sich um die Person des 80-jährigen Schauspielers Jerzy Nowak (bekannt als Nebendarsteller in Schindlers Liste) dreht, der nach der Entdeckung seiner tödlichen Krankheit die “Hauptrolle seines Lebens spielen wollte” – zugegeben, eine Hauptrolle, die jeder von uns zu spielen hat. Den Auftakt des Festivals gibt Polenweiß und Russenrot – die Adaption von Masłowskas gleichnamigen Kultbuch – von Xawery Żuławski. Und endlich wird Tatarak von Andrzej Wajda gezeigt, der schon das letzte Jahr auf filmPOLSKA laufen sollte, aber kurz vor dem Festivalbeginn wieder aus dem Programm verschwand. Tatarak (dt. Der Kalmus) ist auch eine Literaturadaption – eine Erzählung Jarosław Iwaszkiewiczs war hier die Vorlage.

Film ab!

http://filmpolska.de/

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Glückssuche in Warschau

Februar 28, 2010

Nicht nur Michael Zgodzay ist die Abwesenheit des polnischen Kinos auf der Berlinale negativ aufgefallen. Es gibt aber keinen Grund zur Sorge: Am 15. April startet die neue Edition des Festivals filmPolska, die exklusiv polnische Berlinale also, mit 80 Filmen an 8 Tagen in 7 Berliner Kinos. Und einen Trailer gibt es auch schon unter: http://filmpolska.de.

Gezeigt wird im April u.a. die – von Michael erwähnte – Verfilmung von Dorota Masłowskas Roman Wojna polsko-ruska, ein Film von Xawery Żuławski (also Żuławski Junior). Sein Film beweist ex negativo, dass Dorota Masłowska eine geniale Sprachkünstlerin ist. Deshalb sollte man ihre Texte nicht verfilmen. Da helfen die besten Schauspieler nicht (Borys Szyc, Roma Gąsiorowska), nicht mal der Auftritt der Autorin selbst. Żuławskis Versuch, Masłowskas groteskes Erzählen zu visualisieren, wirkt prätentiös, kitschig, hysterisch – einfach idiotisch. Endlich habe ich begriffen, wie diejenigen, die Masłowskas Prosa nicht mögen, ihre Texte lesen (müssen): Sobald die Sprache und das Erzählen in den Hintergrund treten, bleiben eine mickrige Story und ein paar Gags à la Żuławski übrig. Warum der Film gefällt (er hatte in Polen gute Presse), kann ich mir leider nicht mehr erklären …

Noch mehr Kunst aus Polen, und zwar unterschiedlichster Art, wird es in den nächsten Monaten in Berlin geben. Mit der Ausstellungseröffnung Early Years in KW (www.kw-berlin.de) hat gestern das Projekt The Promised City begonnen, das metropolitanes Glück in drei Städten – Berlin, Warschau und Mumbai – erkundet: mithilfe von Kunst, Literatur und Performance, des Films und Theaters und sogar einer Vortragsreihe. In der Ausstellung in KW geht es um das neue Museum für Moderne Kunst, das gerade in Warschau gebaut wird. Fünf Jahre nach der Gründung blickt das Museum, das auf sein Gebäude immer noch wartet, auf eine ganz schön turbulente Geschichte (early years) zurück. Grund genug, die Museumsgründung künstlerisch zu reflektieren und – endlich – einen Gründungsmythos zu schaffen: Dies tut die gerade geöffnete Ausstellung mit Werken von Yael Bartana, Sharon Hayes, Zbigniew Libera, Joanna Rajkowska, Artur żmijewski und anderen polnischen und nicht-polnischen Künstlern, die mit Warschau zu tun haben.

Diese Ausstellung ist eine ordentliche Rezension wert, für die es hier keinen Platz gibt, deshalb nur noch einige wenige Zeilen zu ihrem absoluten Hit: dem Film Mur i wieża (Mauer und Turm) von Yael Bartana. Es ist der zweite Film (2009, 15 Min.) in der ‚polnischen Trilogie‘ Bartanas und die Fortsetzung von Mary koszmary (Träume Albträume, 2007, 11 Min.), in dem Sławomir Sierakowski, der Chef des linken Think-Tanks Krytyka Polityczna in Warschau, die Hauptrolle spielte. Diejenigen, die den ersten Film gesehen haben (z.B. auf der Tagung Verfahren der Anamnesis in Berlin 2008) werden wohl den als Partei-Funktionär stilisierten Sierakowski mit der roten Krawatte nicht vergessen haben – wie er in seiner Rede auf dem damals zum Abriss vorgesehenen „Stadion des 10. Jahrestags“ in Warschau drei Millionen Juden zur Rückkehr nach Polen aufruft. Nun – im zweiten Film der Trilogie – kommen die ersten jüdischen Siedler nach Warschau und gründen ihren Kibbuz Muranów direkt gegenüber dem Denkmal für die Ghetto-Kämpfer von Nathan Rappaport. Auch diesen Film inszeniert Bartana in Anlehnung an die Propaganda-Filmästhetik; diesmal bildet ein zionistischer Propaganda-Film über den Bau eines Kibbuz in Palästina von 1939 die Folie. Die Kunstaktion – der Bau des Kibbuz auf dem ehemaligen Ghetto-Gelände in Warschau – hat im letzten Sommer stattgefunden. Ein Teil der Kunstaktion war die Gründung der neuen zionistischen Organisation „Bewegung der jüdischen Wiedergeburt in Polen“ – ihr großartiges Manifest bekommt man auf der Ausstellung als Plakat (solange der Vorrat reicht). Bartanas Kunst ist so vieldeutig, wie die Mittel und Ideen es sind, die in ihren Inszenierungen zum Einsatz kommen: nostalgische Diskurse, kompromittierte Utopien, totalitäre Ästhetiken, die polnisch-jüdische Geschichte, der israelisch-palästinensische Konflikt. Absurd – lustig und gespenstisch zugleich – wirkt der Kibbuz in Muranów, wenn die Siedler zu den Nationalhymnen Hatikva und Mazurka Dąbrowskis die Mauer und den Wachturm aufstellen. Die überfrachteten hybridisierten Symboliken (wie der polnische weiße Adler auf dem jüdischen Stern als Logo der neuen Bewegung – dazu noch als Armbinde getragen!) sind Markenzeichen Bartanas post-utopischer, halluzinatorischer ‚paralleller Geschichten‘, die von der wirklichen Geschichte aber nicht wirklich loskommen. Auf YouTube ist ein kurzer Kommentar von Yael Bartana zu ihren beiden Filmen zu finden:

Am Rande der Berlinale

Februar 19, 2010

Auf der diesjährigen Berlinale ist Polen auffällig abwesend. Dass Polański in seinem Schweizer Chalet auf eine mögliche Auslieferung wartet, ist eher ein böser Treppenwitz. Aber da sein neuer Film „The Ghost Writer“ in den Medien gefeiert wird, die laufend Parallelen zur Situation des Regisseurs herstellen, verschmilzt Polański als Abwesender bei der Berliner Premiere um so mehr mit seinem Werk und ist anwesender den je. Doch mit ihm ist Polen nicht vertreten. Es gibt diesjahr überhaupt keinen polnischen Beitrag auf dem Festival.

Und ich denke am Rande der Berlinale an zwei polnische Filmemacher: an Andrzej Żuławski und seinen Sohn Xawery Żuławski, der sich mit der Adaption von Dorota Masłowskas Roman Wojna polsko-ruska pod flagą biało-czerwoną (dt. Polenweiß und Russenrot, übertr. von Olaf Kühl) in Polen einen Namen gemacht hat. Xawery Żuławski sollte eigentlich in der Jury der Sektion Kurzfilm sitzen, hat aber kurzfristig abgesagt, wie es in der Pressemitteilung heißt. (http://www.berlinale.de/de/presse/pressemitteilungen/kurzfilm/kurzfilm-presse-detail_5857.html).

Andrzej Żuławski ist als Regisseur (nicht nur auf der Berlinale) schon länger abwesend. Er hat seit 1990 nur zwei Filme gemacht, gilt aber neben Wajda und Zanussi als Meister des polnischen Kinos. Seine beeindruckendsten Filme (Trzecia część nocy, Diabeł, Na srebrnym globie) lassen sich in ihrer apokalyptischen Expressivität schwer klassifizieren und sind teilweise der polnischen Zensur zum Opfer gefallen. Daher hat Żuławski in den 1980ern meist im Ausland gedreht (auch in Berlin).

Ein Fragment aus Trzecia część nocy (Der dritte Teil der Nacht):

Żuławski hat sich seit der Wende dem Schreiben zugewandt – mit mäßigem Erfolg. Im Augenblick hat der Verlag von Krytyka Polityczna den Regisseur für sich entdeckt. In einem Wälzer sind Endlos-Interviews mit ihm erschienen und vor Kurzem publizierte er im selben Verlag sein bitterböses Anti-Tagebuch, das er ganz in diesem Sinne Nocnik genannt hat. Der Titel ist ein Wortspiel, ein quasi-Antonym zu ‚dziennik‘ (Tagebuch), also ein Nacht-buch, das nicht nur die nächtliche (dunkle, unbarmherzige, ungeschönte) Färbung der Aufzeichnungen betont, sondern auch auf den Modus des Aufzeichnens als eine Art ‚Entleeren‘ deutet – denn ’nocnik‘ steht als Lexem schlicht für den ‚Nachttopf‘.

http://sklep.krytykapolityczna.pl/sklep/catalog/product_info.php?products_id=176