Posts Tagged ‘Warschau’

Die visuellen Geister von Tonbandschnipseln

Oktober 22, 2014

Zuzanna Solakiewicz kehrt in ihrer filmischen Hommage an die Musik von Eugeniusz Rudnik das Verhältnis von Ton und Bild um. Entstanden ist ein experimentelles Stück über die Geheimnisse des materialisierten Geräuschs: 15 Stron Świata.

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Der Dokumentarfilm 15 Stron Świata (15 Corners of the World, 2014) von Zuzanna Solakiewicz ist ein heimlicher Experimentalfilm. Die Interviewsequenzen mit dem polnischen Pionier der elektroakustischen Musik, Eugeniusz Rudnik – einem experimentellen Komponisten, Toningenieur und Klangkünstler, der seit über 50 Jahren mithilfe von analogen Tonbändern produziert – tauchen lediglich als vereinzelte Episoden auf; der Löwenanteil des Films besteht aus der Interpretation des Tonmaterials. Die Dokumentarfilmerin Solakiewicz gewichtet so Information und Interpretation neu und beschreitet mit ihrem neuen, bisher längsten Werk einen experimentelleren Weg als mit den vorhergehenden Regiearbeiten Jorcajt (2012), Tak, to jest (2009) und Kabaret Polska (2008). (more…)

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Städte im Bau: Berlin – Warszawa

Oktober 11, 2011

„Cały naród buduje swoją stolicę – Das ganze Volk baut seine Hauptstadt“, Aleja Jezorolimskie, Warschau (Bild via)

Es gab eine Zeit, da baute  die Bevölkerung eine Stadt gemeinsam auf. Heute dagegen scheinen die Menschen, die in einer Stadt leben, ihren Lebensraum, das Recht auf die Nutzung öffentlicher Räume, bezahlbare Mieten etc. permanent verteidigen zu müssen. Gleichzeitig werden, nicht selten auch mitbestimmt durch die Bevölkeung selbst, die architektonischen Zeugen einer ungeliebten Vergangenheit niedergerissen – ganz so als ob damit auch die Erinnerung verschwände.

Berlin und Warschau, jene europäischen Metropolen, die im Zweiten Weltkrieg am meisten zerstört wurden, suchen seit der Systemtransformation 1989 nach einer neuen Identität und einer Überwindung des Jahrhunderts der Extreme – und der Kampf darum ereignet sich nicht selten auf dem Feld der Architekturpolitik. Beide Städte stehen vor ähnlichen Herausforderungen: Sollte im Sinne einer Geschichtsklitterung der Warschauer Kulturpalast ebenso abgerissen werden wie der Berliner Palast der Republik? Wird Praga das Warschauer Schwabylon? Wo rumpeln mehr Rollkoffer über das Kopfsteinpflaster – und was kann man dagegen tun? Diese und andere Fragen werden von polnischen und deutschen Stadtkundigen am Donnerstag, den 13.10.2011 um 19.00 Uhr im Martin Gropius Bau diskutiert und unnnachgiebig nach dem genius loci der beiden europäischen Hauptstädte gefragt sowie über die Rolle von Kunst, Kultur und der Zivilgesellschaft beim „Bau“ der beiden Metropolen gestritten.

Mit: Arnold Bartezky (Uni Leipzig): Er wird architekturgeschichtliche Thesen zum Wiederaufbau Warschaus und Ostberlins nach dem Krieg und zum Umgang mit der modernen Architektur nach 1989 vorstellen – Tomasz Fudala (Museum für Moderne Kunst Warschau): Er berichtet von der Initiative „Warsaw under construction“ und dem Versuch des Museums, sich in die aktuelle Warschauer Planungspolitik einzumischen – Joanna Erbel (Krytyka Polityczna) schildert jüngste Verdrängungsprozesse in einigen Warschauer Stadtvierteln und den sich dagegen artikulierenden Protest und Markus Bader (raumlaborberlin) vergleicht den Umgang mit öffentlichem Raum in Warschau und Berlin. Moderation: Stefanie Peter (Kulturwissenschaftlerin).

Städte im Bau: Berlin – Warszawa
Donnerstag 13.10.2011 um 19.00
Martin-Gropius-Bau, Kinosaal
Niederkirchnerstr. 7, Berlin-Mitte

Abseits der gewohnten Pfade: Stadtführungen durch Warschaus Stadtteil Praga

Januar 26, 2011

 

 

 

 

 

 

 

An einem im Verhältnis nicht allzu kalten Dezembernachmittag – die Temperaturen sind nur ein paar Grade unter den Gefrierpunkt gefallen – spazieren wir durch die Strassen und Hinterhöfe Pragas. Praga, das auf Warschaus östlicher Seite der Weichsel liegt und im Zweiten Weltkrieg, anders als das Warschau auf der westlichen Weichselseite, kaum zerstört wurde, ist geprägt von Mietshäusern und Industriebetrieben aus dem 19. Jahrhundert. Hatte das ehemalige Arbeiterviertel wegen seiner vielen sozialen Probleme den Ruf, eine gefährliche Gegend zu sein, so ziehen seit einigen Jahren immer mehr Künstler nach Praga. Es entstehen alternative Kneipen und Kulturzentren.

Die Journalistin Katiusza kennt diese Orte: Da gibt es eine Kneipe voller Bilder der Jungfrau Maria, das W oparach absurdu [In den Dämpfen des Absurden]; gleich gegenüber befindet sich das Po drugiej stronie lustra [Auf der anderen Seite des Spiegels], wo im Sommer die Leute aus der Umgebung sozusagen neben einem der unzähligen Marienaltäre Pragas ihr Bier trinken; im Teatr Academia im „Bermudadreieck“ an der 11 Listopada-Strasse traten die ersten Künstler auf, die es Mitte der 90er Jahre nach Praga zog; ein wenig versteckt in einem Hinterhof ist schließlich das Studio 23, ein Café, in dem bei einem Stück hausgemachtem Kuchen die neusten Comics gelesen (und gekauft) werden können – um nur ein paar wenige Orte zu nennen.

Katiusza lebt schon seit über zehn Jahren in Praga, und während wir gehen, weiß sie viele Geschichten und Anekdoten über die Strassen und Häuser, Fabriken und Märkte zu erzählen. Etwa die Geschichte von Pan Guma, Herrn Gummi: Dieser Trunkenbold von Praga stand Tag für Tag vor dem gleichen kleinen Lebensmittelgeschäft. Heute steht sein Denkmal dort, und zwar ein Denkmal der besonderen Art: Die Statue ist aus Gummi und wippt vor- und rückwärts – so wie der „echte“ Pan Guma das wegen seiner Alkoholsucht zu tun pflegte. Die Idee für diese Statue kam von Jugendlichen aus der Nachbarschaft, die an einem Workshop mit dem Künstler Paweł Althamer teilgenommen hatten, und wurde von den Anwohnern kontrovers aufgenommen: Es gab Leute, die der Ansicht waren, durch das Denkmal eines Säufers werde das schlechte Image Pragas zementiert; andere Leute mögen Pan Guma und legen ihm im Winter einen warmen Schal um.

Neben Führungen zur Kulturszene bietet Katiusza auch Führungen zum jüdischen Praga, zu Pragas Frauen und den Marienaltären in Praga an; außerdem besteht die Möglichkeit, sich abends von ihr die alternativen Clubs zeigen zu lassen. Für die Zukunft sind Spaziergänge durch Praga geplant, bei denen man die Künstler nicht nur besucht, sondern sein Souvenir in den verschiedenen Ateliers auch gleich selber drucken, malen, fotografieren, meißeln oder schneidern kann.

Katarzyna „Katiusza“ Chudyńska: Stadtführungen in englischer und polnischer Sprache

Kontakt: katiusha@poczta.onet.pl/ Tel.: (+48) 507 054 381

Katiuszas Blog auf Polnisch, mit Bildern von damals und heute: http://warsoff.blox.pl/html und Englisch: http://warsofftrips.blox.pl/html

Orte, die im Artikel erwähnt werden:

Po drugiej stronie lustra: www.po2stronielustra.com
Studio 23: www.studio23.art.pl
Teatr Akademia: www.teatr-academia.art.pl
W oparach Absurdu: www.oparyabsurdu.pl

Za żelazną bramą (Hinter dem eisernen Tor)

Dezember 15, 2010

Im Zentrum Warschaus, auf den Ruinen des ehemaligen Ghettos, entstanden zwischen 1965 und 1972 19 Blocks à 15 Stockwerke. In winzigen Dreizimmerwohnungen waren 11m2 pro Person vorgesehen, soviel wie es das Gesetz damals vorschrieb. Platz gibt es hier für insgesamt 25’000 Personen – eine Kleinstadt.
Heidrun Holzfeind portraitiert in ihrem Film Bewohner/innen, die von ihrem Alltag in der Wohnsiedlung Za żelazną bramą (Hinter dem eisernen Tor) erzählen. Da ist beispielsweise der jugendliche Rapper, der die Umgebung so beschreibt: „Dort drüben ist ein Fünfstern-Hotel, dieses Hotel hier hat vier Sterne, dieses dort drei.“ In der Tat wurden in den letzten Jahren Luxushotels sowie neue, noch höhere Hochhäuser und Bürotürme um und zwischen diese seelenlosen Blocks gebaut, die von vielen Warschauer/innen als ungeliebtes Erbe der kommunistischen Ära empfunden werden. Andere Jugendliche schildern die Wohngegend halb gelangweilt, halb ironisch so: „Dort ist der Schulhof, hier ein Spielplatz, dort noch ein Spielplatz, hier sind Blocks.“ Sie wollen nur weg von hier, an einen „wilderen Ort“, aber wissen genau, dass das nicht realistisch ist, denn in zehn, zwanzig Jahren wird es auch in den neuen, schicken Wohnhäusern nicht besser sein als in diesen Blocks.
Die „Alteingesessenen“ hingegen scheinen an dem Ort zu hängen, denn wenn man lange am gleichen Ort lebt, fängt man an, Wurzeln zu schlagen. Eine ältere Dame meint, sie werde garantiert nicht sterben, nur weil zur richtigen Zeit kein Arzt in der Nähe sei: „Alles ist nur ein Steinwurf von hier entfernt.“ Sie fühle sich sicher hier.
Nicht zuletzt wegen ihrer zentralen Lage galten die von viel Grün umgebenen Wohnungen in den 1970er Jahren als luxuriös. Vertreter/innen der polnischen Intelligenzija wohnten hier: Za żelazną bramą war ein Vorzeigeviertel der kommunistischen Bauplanung.
Aber auch heute gibt es Bewohner/innen, die sich hier ganz gut eingerichtet haben: So hat sich etwa ein Paar die ganze Wohnung umbauen und von einer Interior Designerin gestalten lassen. Dank den elegant-schlichten Möbeln in Pastellfarben und den größeren Räumen, die durch das Herausreissen der Wände entstanden sind, wirkt die Wohnung schon fast wie ein modernes Appartement. Oder die Wohnung eines ehemaligen Soldaten der Heimatarmee, der sich am Warschauer Aufstand beteiligt hat: An den Wänden hängen antike Waffen und Portraits polnischer Staatsmänner; sogar eine Rüstung steht in einer Ecke. Die Wohnung dieses Napoleon-Verehrers, dessen Familie schon seit Generationen für Polen gekämpft hat, gleicht einem Kriegsmuseum. Er habe sich hier, sagt er, ein Zuhause mit „polnischer Atmosphäre“ geschaffen.

Za żelazną bramą erzählt auf eindrückliche Weise von der Realisierung einer Utopie im sozrealistischen Stil, die, aus heutiger Sicht betrachtet, gewiss viel Ernüchterndes hat – aber dennoch fasziniert. Eine ganz besondere Dokumentation!

Heidrun Holzfeind: Za żelazną bramą/ Behind the Iron Gate

2009. Österreich/Polen/USA. Polnisch mit englischen Untertiteln

ISBN 978-3-03747-031-2

Trailer: http://www.moma.org/explore/multimedia/videos/90/526

Heidrun Holzfeind: http://www.heidrunholzfeind.com/ZZB.html

Brave New World

März 12, 2010

Unterwegs in Warschau. In Antiquariaten und Buchhandlungen gestöbert, in der Milchbar vor der Uni Warschau günstig gegessen, jetzt noch einen Kaffee. Die Straße des Krakowskie Przedmieście entlang, vorbei an einer Steinbank, aus der per Knopfdruck eine Mazurka von Chopin krächzt. (Der 200. Geburtstag von Chopin fordert den guten Geschmack heraus – Limits! schreit J.Waters in meinem Kopf auf einer imaginären Showbühne.) Die Straße Krakowskie Przedmieście wird jetzt zu Nowy Świat (Neue Welt). Vorbei an dem Haus, in dem 1918 in einem Kaffeehaus die Literatengruppe „Skamander“ entstanden ist, die bis 1939 die legendäre Zeitschrift mit gleichem Namen herausgab. Weiter vorbei an dem Palais Zamoyski, aus dem 1863 das Klavier von Chopin (schon wieder!) durchs Fenster flog, auf dem Trottoir zerschellte (die Soldaten des Zaren haben nachgeholfen) und kurz danach in einem Gedicht von C. K. Norwid verewigt wurde. Literarische Topographie total. Aber ich will dorthin, wo ganz aktuelle literarische Raumbesetzungen stattfinden. Ich überquere die Świętokrzyska-Straße und gelange zur Nummer 63 von Nowy Świat. Hier ist im November 2009 das Kulturzentrum von Krytyka Polityczna (Politische Kritik) eröffnet worden.

Unten ein imposantes, weiträumiges Café, oben ein Seminar- und Vortragsraum (ich konnte ihn leider nicht sehen). Es darf geraucht werden, ein kleines Mittagsmenü zu Studentenpreisen ist vorhanden. Smarte Kellner geben Gas, denn der Raum ist groß und Service scheint der „Schönen neuen Welt“ geschuldet zu sein. Das Kulturzentrum gibt sich den Namen von Huxleys Roman, wie um anzudeuten, dass das Projekt einer neuen linken Bewegung in Polen mit diskreditierten Utopien umzugehen weiß und nutzt gleichzeitig den Straßennamen (Neue Welt) für eine symbolische Besetzung des Raums. In der schicken Straße lässt sich kein linkes Hausprojekt mit Vokü und Kicker machen. Hier geht es um Bildungsarbeit. Eine neue linksorientierte Jugend soll heranwachsen und politisch an Gewicht gewinnen, auch in einer offenen Auseinandersetzung mit der politischen Rechten, wie Stefanie Peters in einem Artikel für die FAZ geschrieben hat (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2007, Nr. 188, S. 37). Dazu wird Basisarbeit betrieben: die Zeitschrift Krytyka Polityczna bildet den Kern (seit 2002), der Verlag (seit 2007) erweitert mit programmatischen Buchreihen das Bildungsangebot, z.B. mit der Reihe Leitfaden der Krytyka Polityczna. Hier wird auf konkrete Vorurteile, Ängste, Fragen eingegangen und ‚aufgeklärt‘. Natürlich ist die Krytyka Polityczna auch um die Bildung eines ‚linken Kanons‘ bemüht, was immer man davon halten mag. Das macht sie aber zusammen mit den Literaten und Künstlern. Viele von ihnen sind mit ihren Werken häufiger in Berlin, wie zuletzt in der Galerie KW in Mitte.

In der Eingangshalle, die mit einer schönen Kuppeldecke ausgestattet ist, kann man alle vorrätigen Publikationen des Verlags kaufen. Mittlerweile öffnen in einigen polnischen Städten Ableger des Clubs; ein Distributions- und Bildungsnetzwerk entsteht. Organisiert werden (vor allem im warschauer Kulturzentrum) Vorträge, Seminare, Künstler-Gespräche. Krytyka Polityczna hat natürlich ihre Stars, z.B. Slavoj Žižek, wie ein Video (noch vor dem Umzug in die neuen Räume) dokumentiert.

Ich bin noch im Café. Design ist hier wichtig. Es gibt allerdings keinen einzigen Rückgriff auf eine ‚linke Symbolik‘. Das Emblem des Cafés ist wieder literarisch inspiriert. Flammen, ein 1908 erschienenes Buch des polnischen Philosophen Stanisław Brzozowski, in dem ideologische Diskurse um die Jahrhundertwende zur Sprache kommen und der Prototyp des engagierten Intellektuellen gezeichnet wird, war für viele Schriftsteller und Kulturschaffende vor dem Zweiten Weltkrieg und danach wegweisend (u.a. für Miłosz, Kołakowski, Michnik, Janion). Sławomir Sierakowski (den Gründer von Krytyka Polityczna stellte Marie Tarnopolska bereits vor) hat das Buch 2008 neu herausgegeben – mit stilisierten Flammen auf dem Buchumschlag. Und weil Krytyka Polityczna Brzozowski zum Hausheiligen erklärt hat, schlagen aus der emblematischen Kaffeetasse eben auch Flammen.

Ich habe meinen Kaffee getrunken, meine Zigarette geraucht. Ein Beamer projiziert die flammende Kaffeetasse auf eine Wand. Ein dicklicher Typ stellt sich davor und fotografiert sich und die Tasse im Hintergrund. Da wusste ich, ich werde keine Aufnahmen machen.