Posts Tagged ‘Ukranen’

Ukranenland Nr.2

August 19, 2010

Das Ukranenland im Nordosten Deutschlands ist nicht nur eine Imagination zu Ehren des 1. Aprils gewesen, sondern ein (auch mangels Alternativen) beliebter Ausflugsort im Sommer.

Die Mitarbeiter können nach eigener Auskunft leider kein „Slawisch“. Sie tragen angeblich historische Kleidung und verbringen die Tage in dieser kommunenartigen Einrichtung mit Bogen schießen, Messer schmieden, Filzarbeiten und dem Musizieren auf einem dudelsackähnlichen Instrument aus einem ehemaligen Schaf.

So geschichtsträchtig die Aufmachung, so indifferent scheinen die Teilnehmer der Erlebnisindustrie zu sein: Niemand kann mit Sicherheit sagen, was für eine Grenze mit dem Am-Rand-Volk und den Randow- und Uecker-Flüssen eigentlich gemeint sein könnte. Ist auch nicht so wichtig, denn statt Grenzen wiederzukäuen gibt’s FUSION. Das alljährliche Post-Woodstock-Festival auf dem ehemaligen, auch von der sowjetischen Armee genutzten, Militärflugplatz in Lärz verbindet die Region mit Berlin und (nicht nur) Technofreaks europaweit. Auch zu erkennen am stylischen Armband in kyrillischen Buchstaben.

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Osterspaziergang: Ukra(i)nenland in Meck-Pomm

April 1, 2010

Frei nach Pierre Bourdieu: Das Bedürfnis, sich zu der nächst höheren sozialen Schicht zu orientieren, wächst proportional zur Nähe an dasjenige Milieu, das als weniger zukunftsträchtig erscheint. Mecklenburg-Vorpommern möchte kein Mecklenburg-Vorpolen sein. Und erst gar nicht Ukraine-Vorland. Auch wenn einige Touristeninformationen auf Deutsch und Polnisch gedruckt werden, einige Toponyme in beiden Sprachen auf Tafeln stehen und polnische Urlauber am Wochenende am Stettiner Haff für Umsatz sorgen, ist die geographische Nähe zu Polen ein Anlass, „den Osten“ mental auszublenden und sich aktiv oder apathisch für die NPD zu engagieren. Die NPD wirbt übrigens in Meck-Pomm mit dem Slogan „Nationalismus ist wie ein politischer Frühling“ und lässt sich unter anderem bei „Volksfesten“ wie den alljährlichen Hafftagen Ende Juli in Ueckermünde feiern, verteilt Zeitungen mit rechter Propaganda, wirft von Booten Bonbons mit ihrem Parteilogo (zugegeben, eine Alternative zum Drogenproblem der Region) – unter den Augen von Zuschauern, die ihr Bewusstsein für die Grenznähe offensichtlich zur Abgrenzung verwenden.

Nimmt man den Verlauf der Uecker (auf pommerschem Gebiet) bzw. Ucker (in Brandenburg), auf der freundliche Männer von der NPD bei Stadtfesten entlang rudern, so mündet sie in der östlichsten deutschen Hafenstadt Ueckermünde ins Stettiner Haff, das in die Ostsee hinausläuft. Der Fluss verbindet (Ost)Deutschland mit Polen deutlich materieller als die ausgetrocknete und daher umso stärker imaginär wirksame Poltva in Andruchovyčs Stadt-Schiff-Essay. Die Poltva könnte Lemberg mit Mittel- und Südeuropa verknüpfen, doch die „Wasserscheidigkeit“ unter Lemberg habe genauso viel Trennendes wie Verbindendes…

Nicht nur der Verlauf, sondern auch der Name des Flusses Uecker/Ucker arbeitet sich an der Grenze zwischen Germanischem mit Slawischem ab. Der Fluss soll namensgebend für die Ukranen bzw. Ukrer gewesen sein, einen westslawischen Stamm, der sich im frühen Mittelalter zwischen Saale und Elbe im Westen und Prypjat’ im Osten aufgehalten habe: letztere fließt durch die Zentralukraine und Belarus’. „Ukraine“ hat möglicherweise mehr mit Nordostdeutschland zu tun als einigen lieb wäre. In experimenteller Etymologie könnte man annehmen, dass nicht der Fluss für den Stamm, sondern eine slawische Selbstbezeichnung der „Am-Flussrand“ Lebenden namensgebend für den Fluss und das Gebiet der Uckermark gewesen sein kann („u“ – am, „kra/j/u“ – Rand). In dieser Logik wären „Ueckerrandow“ und „Vor-Pommern“ zweifache Peripherisierungen und Kompositionen aus slawischen und germanischen Bezeichnungen.

Peripherie zu sein, führt nicht zwangsläufig zur künstlerischen Produktivität, auch wenn dies zahlreiche Beispiele von Galizien bis Alaska nahe legen. Theodor Fontanes fünfbändige „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ bieten sich in Mußestunden der Osterfeiertage als Hinführung an – wer die Müdigkeit des Laufens durch die Lektüre ersetzt haben möchte, greife zu. Oder fahre in das Ukranenland und erlebe die unwillkürliche Poetik der Heimatgeschichte. In „experimenteller Archäologie“ (www.ukranenland.de) baut das Freilichtmuseum Block-, Bohlen- und Flechtwandhäuser des 9. und 10. Jahrhunderts in Originalgröße nach, jeder Mitarbeiter beherrscht ein mittelalterliches Handwerk, im Hafen liegt „das erste in Deutschland rekonstruierte Slawenschiff“, die Svarog. Das wikingerartige Gefährt fuhr sicherlich sowohl über Rügen nach Skandinavien als auch über Prypjat’ und den Dnepr zu ukrainischen Kosacken.

Schilderte Fontane die historische Bedeutung des Klosters Lehnin von 1180, so lässt der Besuch der Burg Torgelow die Unterzeichnung einer Urkunde für das Kloster Buckow durch die brandenburgisch-askanischen Markgrafen Otto IV. und Konrad am 14. April 1281 nachvollziehen. Vermittelt werden soll „die Welt eines Torgelowers im Jahre 1281“ – einer gar slawischen und größeren als heute? Immerhin stehen auf dem Veranstaltungsplan keine politischen Frühlingsaktivitäten. Hier liegt also das Zentrum des Slawentums in Vorpommern, hier darf es sein.


P.S.: Eine künftige Partnerschaft zu Emir Kusturicas Küstendorf ist angedacht.