Posts Tagged ‘Übersetzen’

Sogar die Papageien überleben uns

Mai 20, 2010

Jeder Dichter, jede Dichterin tut es. Oder zumindest fast jede(r). Sie schreiben – früher oder später – Prosa. Oft kommen dabei Romane heraus und zwar durchaus beeindruckende. Und da ist die russische Lyrikerin Ol’ga Martynova keine Ausnahme. Martynova, Jahrgang 1962, die seit 1990 in Frankfurt am Main lebt, war dem deutschsprachigen Leser bislang als Dichterin, Übersetzerin und Literaturkritikerin bekannt. Zusammen mit der Übersetzerin Elke Erb machte sie die Romane ihres Mannes, Oleg Jurev, dem Leser hierzulande zugänglich und wirkte an der Übertragung ihrer eigenen Gedichte ins Deutsche mit, die sie – logischer- und vernünftigerweise – ausschließlich auf Russisch schreibt. Ihre zahlreichen Buchbesprechungen, die sie regelmäßig in der NZZ und der TAZ veröffentlicht, schrieb sie jedoch immer schon auf Deutsch (Die „Best of“-Texte sind nachzulesen im 2001 in dem beim Rimbaud Verlag erschienenen Band Wer schenkt was wem). Anfang dieses Jahres erschien nun im Droschl Verlag ihr erster, auf Deutsch geschriebener Roman Sogar die Papageien überleben uns, den sie am 09. April 2010 im vollen Saal des Berliner Literaturhauses vorstellte.

Die Fragen des Moderators bewegten sich erwartungsgemäß rund um das Thema Migration.  Die Haltung Martynovas: unpathetisch, uneitel und – unnachgiebig. Allseits bekannte Ausführungen zu den Problemen russischer Migranten, russischer Schriftsteller in Deutschland – Fehlanzeige. Kulturschock nach der Übersiedelung nach Deutschland? Nein, warum denn. Unterschiede zwischen Russland und Deutschland, der Mentalität (seufz), den Menschen? Nicht wirklich. Hätte sie ein besonderes Sprachtalent, wo sie so phantastisch Deutsch kann? Nein, Deutsch hätte sie so gut gelernt nicht etwa, weil sie so sprachbegabt wäre, so die fließend Deutsch sprechende Autorin, sondern weil sie neugierig war, sie wollte die deutsche Literatur, die nicht in russischen Übersetzungen verfügbar war, eben lesen. So lauteten ihre Antworten auf die hoffnungsvollen Fragen des Moderators, den sie konsequent ins Leere laufen ließ. Es lässt einen ja wirklich staunen (wenn es nicht gerade depressiv stimmt), dass sich deutsche Kulturjournalisten noch immer auf abgedroschenen Allgemeinplätzen bewegen (wie erst kürzlich auch die hier besprochene, geradezu peinlich moderierte Veranstaltung am LCB mit Dorota Masłowska und Ivana Sajko bewies). Man fragt sich – für welches Publikum sind solche Fragen interessant und relevant? Oder ist das Interesse des Publikums letztlich sowieso egal? Und wovon zeugt es denn, wenn sich jener Moderator, des Russischen nicht mächtig, es nicht für nötig hält, sich nach der korrekten Aussprache der zahlreichen im Roman vorkommenden Namen, geschweige denn deren Betonung, vor der Lesung zu erkundigen? So ist es vielleicht ganz bezaubernd, wenn aus Daniil Charms, ein der Slawistik bislang unbekannter englischer Autor namens Čarms wird, in der Sache ist es jedoch nur traurig. Die Gründe dafür seien dahingestellt, darüber sollte man besser nicht spekulieren, doch etwas mehr Respekt, nicht zuletzt vor der Autorin selbst, ihrem Text und den Gästen, wäre gewiss angemessen gewesen. Tröstlich nur, dass sich Martynova auf eine solche Diskussionsart nicht einlässt. Ihr überaus entspannter und humorvoller Umgang mit dem Thema Migration wirkt erfrischend neu und fast schon herausfordernd. Fast zufällig, wie nebenbei zu provozieren, das ist Martynovas Art, wie nicht zuletzt der neuerliche Wirbel um ihre These von der Rückkehr des sowjetischen Geschmacks in der russischen Gegenwartsliteratur bezeugt – zunächst in einem Artikel bei der NZZ  (Der späte Sieg des Sozialismus) und anschließend auf Russisch veröffentlicht und heftig diskutiert auf OpenSpace.ru.

Fazit – liebe Frau Martynova, bitte provozieren Sie weiter!

Porträt der Autorin auf novinki.de

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Petrusjka.no – podružka novinok

März 19, 2010

Eine Marke für russische Literatur in Norwegen

Vor einer Woche ist der Internetauftritt „Petrusjkaan den Start gegangen – ein kleines Fenster in das zeitgenössische russische Literaturgeschehen für norwegische und potentiell auch dänisch- und schwedischsprachige Leser.

Aleksandr Benuas ”Petruška” (Kostümskizze für Stravinskijs gleichnamiges Ballett, 1911)

Der Name der Puppenfigur „Petruška“ soll das skandinavische Ohr mit slawischem Klang schneiden, wurde aber auch wegen der Mehrdeutigkeit und der „humoristischen, spielerischen Bedeutung“ des russischen Kasperpendants ausgewählt. Statt „Matrёška“ scheint „Petruševskaja“ für Inspiration gesorgt zu haben.

Gegründet haben das Projekt mehrere WissenschaftlerInnen und ÜbersetzerInnen, die von sich schreiben, sie seien davon überzeugt, dass die Vermittlung von Literatur eine Grundlage für gute Nachbarschaft und gegenseitiges Verständnis schafft. Offensichtlich bietet das Projekt eine gelungene Ausgangsbasis dafür, die mit Sprach- und evtl. auch Kulturgrenzen verbundene postmoderne russische Literatur an Verlage heranzuführen: V. Erofeev, L. Petruševskaja und V. Makanin bilden den Anfang der Übersetzungsreihe, die bei CappelenDamm erscheint. Die Übersetzung ukrainischer Literatur ist auch im Gespräch.

Die Marke für das Projekt und die literarischen „Produkte“ stellt ein effektives Marketinginstrument zur Verfügung, zum Beispiel wenn es auf die öffentliche Präsentation bei Literaturfestivals, Messen etc. ankommt. Wieder ein simples, massenwirksames, den Bildungs- wenn nicht gar den Lebensstandard verbesserndes Prinzip, das man von den Skandinaviern glatt übernehmen könnte.

Petrusjka nr 1: Viktor Erofeev: Gravøl over sovjetlitteraturen & Livet med en idiot. (Übersetzt und mit einem Vorwort von Martin Paulsen)


Petrusjka nr 2: Ljudmila Petruševskaja: Tiden er natt (Übersetzt von Isak Rogde)

Textiles Übersetzen

Februar 14, 2010

Zum Dokumentarfilm über Svetlana Geier Die Frau mit den 5 Elefanten

Eine alte Frau in einem alten Haus. Die zierliche, grauhaarige und etwas buckelige Dame holt aus der Abstellkammer ein Bügelbrett heraus. Sie schleppt es in das nächste Zimmer, stellt es auf und breitet eine weiße Schürze darauf aus. Sie feuchtet die Finger mit Spucke an, prüft, ob das Eisen heiß genug ist. Langsam lässt Svetlana Geier das Bügeleisen über den Stoff gleiten und erzählt, dass die Fäden der Textilie durch das Waschen aus der Reihe gebracht wurden und nun an ihre Ursprungsposition zu rücken sind. Und genau so verhalte es sich mit der Sprache. Wie die Fäden eines Gewebes werden Wörter aneinander gereiht und bilden im besten Falle Meisterwerke wie sie Frau Geier ihr Leben lang aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt hat, unter anderem von Tolstoj, Bulgakov und Solženicyn. In den letzten Jahren die fünf Elefanten – so nennt man die großen Romane Dostoevskijs in Russland. Letztes Jahr wurde sie mit dem Spieler fertig. Der Film von Vadim Jendreyko Die Frau mit den 5 Elefanten nimmt uns mit auf die Reise durch das von Schicksalsschlägen geprägte Leben der deutschen Stimme Dostoevskijs. Es ist eine Reise in die Kultur der Sprache und in eine Epoche des Übersetzens. Auf die sich selbst gestellte Frage – warum Menschen übersetzen – ist die Antwort der bedeutendsten Übersetzerin russischer Literatur kurz: „Das ist die Sehnsucht nach etwas, was sich immer wieder entzieht, nach dem unerreichbaren Original.“ Der Klang der Wörter sei zu unterschiedlich: „Milost’ – was für ein wunderschönes Wort, das weiche m geht leise in das lang klingende i über, einfach wunderbar, so etwas kann man nicht übersetzen. Das deutsche Wort Gnade hört sich eher an wie eine steife Matratze“. Und doch tastet sich Frau Geier seit Jahren so nah wie möglich an das jeweilige Original heran. „Nase hoch beim Übersetzen“ hat ihre Lehrerin sie einst gelehrt. Was soviel heißt wie das Ganze immer im Blick zu behalten und nicht bloß Wort für Wort zu übersetzen. Wie etwas Gewebtes eben, wofür, wie der Film verrät, Frau Geier eine besondere Vorliebe hat.

Der Film läuft im Berliner Kino Krokodil bis zum 17. Februar 2010 – http://www.kino-krokodil.de/

Weitere Information unter http://www.5elefanten.ch/

Der Trailer zum Film ist hier zu sehen: