Posts Tagged ‘Theater’

Polnisch-Russischer Frühling

Mai 6, 2010

Nach der Katastrophe von Smolensk wird auch im offiziellen Kulturbetrieb viel von Versöhnung zwischen Polen und Russland gesprochen. Am 4. Mai fand im Moskauer Čechov-Kunsttheater (MchAT) eine „symphonische Performance“ statt, die an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 65 Jahren erinnern sollte.

http://www.mxat.ru/english/performance/requiem/

Vier Teile der traditionellen Totenmesse haben die Veranstalter ausgewählt, um Musik und Text zusammen zum Totengedenken erklingen zu lassen. Alles ziemlich erhaben. Es gab aber auch einen ‚Teil‘ des Requiems, der gar nicht im traditionellen musikalischen Requiem vorkommt: Confiteor – Ich bekenne. An diesem Teil waren sechs prominente Redner beteiligt, die sich wahrscheinlich zu etwas oder etwas bekennen sollten.  Eine interessante Gruppe kam da zusammen: u.a. Hanna Schygulla (Deutschland), Oleg Tabakov (Russland), Daniel Olbrychski (Polen). Wie die polnische Gazeta Wyborcza berichtet, wurde der polnische Teilnehmer, der Schauspieler Daniel Olbrychski, der mit Vladimir Vysockij befreundet war, mit sehr viel Sympathie empfangen. Der Liedermacher Vysockij war auch, um es etwas respektlos auszudrücken, Olbrychskis Aufhänger. Denn mit ihm, mit der Erinnerung an seine rauhe und melancholische Stimme, lässt sich alles Tabuisierte und Schmerzhafte schnell neutralisieren. Der Schauspieler zitierte in seiner Geschichts-Erinnerungsrede, die von der Gazeta Wyborcza abgedruckt wurde, ein Gedicht von Vysockij über das ‚Ausbluten‘ Warschaus 1944, als die sowjetischen Panzer vor der Stadt gestoppt wurden. Danach konnte dann auch unter der Vysockij-Betäubung auch noch Katyn und NKDW in einem Zug genannt werden. Vielleicht geht es nicht anders. Es war keine lange Rede, das hätte, zusammen mit den anderen Rednern, den Rahmen des Confiteor sicher gesprengt. Daher kam der wirklich kleinste gemeinsame Nenner zwischen Polen und Russland zur Sprache: „Ihr Russen und wir Polen liebten beide Vysockijs Lieder. Denn in ihnen war Wut gegen unsere gemeinsame Realität nach dem Zweiten Weltkrieg“. Ich fürchte, da kann auch Hanna Schygulla mit einstimmen. Wie in dem Lied „Koni“ von 1979, dessen polnische Übersetzung in den 1980ern sehr beliebt war.

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XipXopera!

Februar 15, 2010

Der naheliegende, aber vielleicht nicht immer glücklich zu nennende Versuch einer Fusion von Elementen aus Oper und Hip Hop ist in den letzten Jahren zweifelsohne international salonfähig geworden. Nachdem MTV bereits im Jahre 2001 eine Carmen-Adaption mit unter anderem Wyclef Jean und Mos Def verfilmt hatte, folgten in den letzten Jahren ähnliche, nun ja, Cross-Culture-Projekte in verschiedenen europäischen Ländern, darunter in Deutschland wie etwa die Hip H’Opera – Così fan tutti an der Komischen Oper in Berlin im Jahre 2006 oder gerade aktuell die als „Kulturschocker“ apostrophierte Version von Mozarts Zauberflöte in Mannheim, auf der kräftig vom unvermeidlichen Sido mitgeblasen wurde.

Da ist es nur recht und billig, wenn es auch die Moskauer Hip-Hop-Szene zur großen Form der Oper drängt. Unter dem Titel Копы в огне (zu deutsch etwa Cops unter Feuer) feierte Ende Januar im Teatr na Strastnom eine Aufführung eine reichlich umjubelte Premiere, die auf der experimentellen Zusammenarbeit von jungen Theaterakteuren und Rappern beruht. Unter der Regie des MChT-Absolventen Jurij Kvjatkovskij spielt, singt, tanzt und rappt ein gut 30-köpfiges Ensemble eine absurde Komödie herunter, bei der die vier Polizisten Kozul’skij, Jablonski, Pipi und Černyj Kop versuchen, einen bösartigen Verbrecher und dessen kriminellen „Klub 8 ubijc“ dingfest zu machen, bevor dieser die Stadt N. mit einer Horrordroge vom schlagenden Namen „Der’morin“ überziehen kann.

Was als Plot zunächst an Einfachheit kaum zu überbieten ist, gewinnt seinen Reiz jedoch aus einer überdrehten Charmschen Komik, einer kaum zu leugnenden Trashigkeit insbesondere der Protagonisten und dem parodistischen Spiel mit dem Mythos vom toughen Police Officer.

Die Musik, die vom Rapper und Gründer des Hip-Hop-Labels How2make Aleksandr Holenko, auch bekannt als DZA, geschrieben wurde, liefert hierzu einfache Old School Beats und schmutzig-böse bis lakonische Texte.

Das Stück debütierte bereits im Dezember 2009 in St. Petersburg und ist jetzt an die Moskauer Bühnen gekommen, wo es im Strastnoj zum Renner im Repertoire aufgestiegen ist und das stürmische Interesse eines jungen und trendigen Publikums erregt.

Die nächsten Aufführungen finden wieder im März statt. Karten über die Kasse des Teatr na Strastnom

Eine Art offizieller Video-Clip des Hits „V čem kopa dela?“, der aus dem Auftritt der Cops beim Piknik Afiša entstanden ist, lässt sich hier begutachten:

Und hier noch ein Eindruck von den Proben mit Interviews zum Thema: