Posts Tagged ‘Sorokin’

Veranstaltungshinweis: Vernissage der Ausstellung „2“ am 04.03.2016

Februar 22, 2016
Aus der Fotoserie "Reise für alle: Berlin-Moskau" (2003), Marina Lioubaskina

Marina Lioubaskina: Aus der Fotoserie „Reise für alle: Berlin-Moskau“ (2003)

Marina Lioubaskina (geb. 1960 in der Nähe von Buchara, Usbekistan), Künstlerin und einzig(artig)e Vertreterin des von ihr begründeten Mürmürismus, ist bekannt für ihre eigenwilligen Bilder, Grafiken, Collagen, Fotoserien, Videos, Performances und Installationen, in denen sie sich mit ihrer zentralasiatischen Heimat und der sowjetischen Vergangenheit ebenso auseinandersetzt wie mit dem postsowjetischen Kapitalismus und ihrem Leben zwischen den Welten – Deutschland und Russland; weniger bekannt ist dagegen, daß sie auch als Autorin arbeitet. Ihr erstes Buch „Gemorroj ili Marinočka, ty takaja nežnaja!“ erschien 2009 im Verlag Zebra E in Moskau (dt. „Marinotschka, du bist so zärtlich“, 2015 bei konkursbuch). Julia Fertig hat das Buch für Novinki gegengelesen.

Lioubaskina lebt und arbeitet in Berlin, Moskau und Sankt Petersburg. Ihre Bilder sind immer wieder in Ausstellungsprojekten in Deutschland und Russland zu sehen und befinden sich in Museen, Galerien sowie privaten Sammlungen in der ganzen Welt.

Obomoro aus dem Zyklus "Novaja antropologija" (2014)

Vladimir Sorokin: „Obomoro“ aus dem Zyklus „Novaja antropologija“ (2014)

Vladimir Sorokin (geb. 1955 in Moskau) ist vornehmlich als Schriftsteller, Dramatiker, Autor zahlreicher Drehbücher und Librettist von Desjatnikovs Oper Deti Rozentalja (2005) bekannt und als solcher berühmt für seine beißenden Parodien auf den Sozrealismus und dystopischen Reflexionen über die gesellschaftspolitische Gegenwart in Europa und Russland. Weniger bekannt hingegen ist, daß er seine künstlerische Laufbahn einst als Maler und Grafiker begann, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Nach mehr als dreißig Jahren hat er nun zur Malerei zurückgefunden.

Sorokin lebt und arbeitet in Berlin. Im Wintersemester 2015/16 hat er am Institut für Slawistik der Humboldt Universität zu Berlin das Seminar „Der Autor als Leser“ gehalten.

In einer gemeinsamen Ausstellung zeigen die beiden Künstler-Autoren ihre aktuellen Arbeiten. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen zur Eröffnung der

AUSSTELLUNG „2“

am 4. März 2016 um 18:30 Uhr
in der Galerie Omnicultura in Berlin-Tiergarten, Potsdamer Straße 92.

Die Einladung der Veranstalter_innen finden Sie hier: Ausstellung 2

Zar und Gottes Mann (Teil II/IV)

Juni 9, 2010

– eine etwas ausführliche Filmrezension zu  Car‘Der Zar (Russland 2009, Regie: Pavel Lungin)

II Ostrov und Car‘

Natürlich habe ich mir sofort nach Car‘ auch Ostrov besorgt und angeschaut.

Ostrov gefällt mir, bei aller fragwürdigen Ideologie, die er transportiert – Volksfrömmigkeit und die Heiligkeit der russischen Orthodoxie sind im Grunde auch die Hauptmotive dieses Films – in handwerklicher Hinsicht weitaus besser als Car‘, auch ist der ideologisch-propagandistische Gehalt dort subtiler und damit auch weitaus wirksamer verpackt. Mit der Figur des gefallenen Sünders, der als Mönch in ewiger Buße und selbst gewählter Armut und Einfalt dem „Sinn des Lebens“ näher ist, als alle seine Zeitgenossen, die sich eher den schnöden Dingen der Diesseitigkeit hingeben, und zu denen sowohl seine Mitmönche als auch der Abt des Klosters zählen, und denen er allesamt seine Lektionen in Demut erteilt – mit diesem exemplarischen Vertreter einer ehrlich gesagt – bei aller Intensität – doch ziemlich einfältigen Volksfrömmigkeit konnten sich viele, auch recht intelligente, Russen sehr leicht und mit Freude identifizieren.

Ostrov ist letztendlich ein filmisch-religiöser Traktat über Schuld und Vergebung (respektive Gottes Gnade, der man sich natürlich bis zuletzt nicht sicher sein kann, das wäre ja Blasphemie!). Das verlogen utopische Element von Ostrov ist eine ganz spezielle Form von Sozialromantik, die auf so etwas wie einen „gesunden Menschenverstand“ des einfachen russischen Menschen abhebt, der auf Gott, sprich auf die russisch-orthodoxe Tradition und Religion, vertraut. Dieser Sozialromantik geben sich, so muss man fürchten, heutzutage in Russland leider auch viele Intellektuelle hin. Das tragende künstlerische Mittel des Filmes und damit auch seiner Botschaft ist ein klebriger Mystizismus, der sich wunderbar elegischer Naturbilder und der kreatürlichen Intensität des Hauptdarstellers – hier eben auch Pyotr Mamonov – bedient, und der den Zuschauer am Ende mit einem wohligen Hauch von Ahnung in seine jeweils gar nicht so elegische Welt zurückschickt.

Das Konzept von Ostrov geht –  das muss man anerkennen – auf; er kommt an, eben auch bei Zeitgenossen, die man für kritischer hielt.

Dagegen wirkt Car‘ in vielerlei Hinsicht erheblich unausgegorener. Mal abgesehen von einigen wirklich groben handwerklichen Schnitzern – vor allem im Bereich der Kameraführung und der Schnittfolge –, weiß der Film vor allem mit seinem im Titel angekündigten und mit Pyotr Mamonov kongenial besetzten Protagonisten überhaupt nichts anzufangen.

Anstatt sich auf die künstlerisch äußerst spannende Figur des Ivan Grosnyj zu konzentrieren, dessen Zar- und Menschsein, dessen Konflikte, Vielschichtigkeit und seine Rolle in der russischen Geschichte (des Landes wohlgemerkt, und nicht nur der Religionsgemeinschaft), und so vielleicht eben das in Russland immer noch aktuelle Thema der „Selbstherrschaft“ der Mächtigen nicht in fantastisch-verfremdeter Form wie Sorokin in seinem Tag des Opritschniks, sondern nun – etwas volksnaher – in Form des Historiendramas zu behandeln, erzählt Lungin ein ziemlich plattes Gut- und Bösespiel.

Für dieses Schwarz-Weiß-Spiel wird der Zar im Grunde nur als die Verkörperung des an und für sich Bösen gebraucht, als Antichrist im Kreml. Die ganze hervorragende darstellerische Leistung Mamonovs – Ivan ist hier ein von seinen Dämonen Getriebener, hin- und hergerissen zwischen Schuld und Buße und Selbstvergebung, einer, der sich hingebungsvoll in seiner boden- und haltlosen Selbstliebe und Selbstidolatrierung aufreibt – all das ist wirklich für die Katz, auch wenn es aufwendig und manchmal auch sehr gelungen ins Bild gesetzt wird. Denn die eigentliche Hauptfigur dieses Filmes, der eben in Wirklichkeit eine Heiligen-Chronik sein will, dem es aber aus verschiedenen, hauptsächlich handwerklichen Gründen aber auch nicht ganz gelingt, eine solche zu sein, ist Filip, jener Pope und Abt des Soloveckij-Kloster, dem das kleine Mädchen, das ich am Anfang erwähnte, justament in die Arme lief und der dann auch gleich seine schützende Hand über sie hält, als er auf seinem Weg nach Moskau den nach getanem üblen Handwerk zum Kreml zurückreitenden Opritschniki begegnet und diese die Herausgabe des Mädchens verlangen. Das Problem mit dieser Figur ist, dass sie als die Verkörperung des an und für sich Guten natürlich herzzerreißend langweilig und uninteressant ist. Aber das eigentliche Grundproblem des Filmes ist, dass er aus seinen Figuren, die ja historische sein sollen, überhaupt nichts herausholt.

(Es folgen Teil III und Teil IV, hier findet sich Teil I)

Zar und Gottes Mann (Teil I/IV)

Juni 5, 2010

– eine etwas ausführliche Filmrezension zu Car‘ / Der Zar (Russland 2009, Regie: Pavel Lungin)

I — Einstieg

Der letzte Film von von Pavel Lungin, Car‘, kam auf DVD im Original zu mir. Im Gegensatz zu seinem Film Ostrov, der sogar ins deutsche Kino kam, wird das in Deutschland höchstwahrscheinlich auch nicht anders passieren können. Vielleicht läuft Car‚ irgendwann auf 3Sat oder Arte im Minderheiten-Spätprogramm, wer weiß. Ich habe ihn mir also angeschaut, den „Zaren“ von Pavel Lungin. Der Zar, also Ivan IV. (1530-1585) – uns bekannt als Ivan der Schreckliche (eigentlich – groznyj – der Strenge) – ist in diesem Fall Pjotr Mamonov,  Film-Schauspieler (Taxi Blues, Ostrov — beide von Lungin), Dichter und Sänger seiner Band Zvuki Mu. Der Zar hat also sehr wenig Zähne und sieht überhaupt aus, wie man sich eben Ivan den Schrecklichen vorstellt. Nicht zuletzt, wenn man noch das Gemälde von Ilja Repin im Kopf hat, in dem der Maler wohl einen der widersprüchlichsten Momente in Ivans Leben imaginierte: Ivan hält den von ihm selbst gerade eben erschlagenen Sohn in den Armen.

Den Blick dieses Zaren wird man so schnell nicht vergessen. Aber nicht allein die Ähnlichkeit mit diesem bereits bestehenden Imago rechtfertigt die Wahl Pjotr Mamonovs, er verkörpert seinen Zaren auch darstellerisch sehr überzeugend und hinterlässt einen ebenso nachhaltigen Eindruck wie Repins Gemälde. Sehr bemerkenswert zum Beispiel eine Szene von Ivans erstem großen Auftritt in diesem Film: Ivan muss vor das Volk treten und scheut davor wie ein Pferd zurück, als hätte er selbst Angst vor seiner Größe, seine Getreuen müssen ihn festhalten. Das ist vielleicht auch die interessanteste Szene des Filmes, weckt sie doch die Hoffnung, es mit einer Auseinandersetzung mit Ivan IV., dieser für die russische Geschichte so wichtigen Figur, zu tun zu haben. Aber dem ist leider nicht so, die Hoffnung wird enttäuscht. Trotzdem habe ich diese seltsame Erwartung. Warum? Vielleicht deshalb, weil ich Sorokins Roman Tag des Opritschniks noch im Hinterkopf habe, wo mit klarem Verweis auf die Zeit Ivan Groznyijs und auf Basis eines literarisch aufwendigen und dem Leser einiges abverlangenden historisierendes Verfahren die Themen Autokratie und Willkürherrschaft auf interessante Weise für das heutige Russland und seine nahe (allzu nahe ?) Zukunft aktualisiert werden. Nun also drei Jahre später ein Historienfilm mit Ivan dem Schrecklichen als Hauptfigur – das weckt Erwartungen, gerade weil sich die politische Situation in Russland kaum verändert hat.

Aber wie gesagt, es sind die falschen Erwartungen. Trotzdem – schon in den ersten Szenen des Filmes kann ich gar nicht anders als an Sorokins Roman Tag des Opritschniks denken, denn beider Anfänge sind fast identisch: Opričniki, Ivans OMON-Truppen, fallen über ein Gut her und massakrieren den dortigen zum Abschuss freigegeben Bojaren, Gutsherren oder einen sonstwie in Ungnade gefallenen Angehörigen der Oberschicht. Doch gleich hier auch schon ein entscheidender Unterschied: Im Film kann sich ein kleines Mädchen aus dem Geschehen retten und die Kamera folgt ihr, um uns den Rest – die nun auf dem Hof stattfindenden Grausamkeiten – zu ersparen. Bei Sorokin dagegen wird der Hausherr erschlagen und die Hausfrau vergewaltigt, ausführlich und detailreich. Hier Kitsch, da abstrakter Realismus. Und schlimmer noch im Film – das Mädchen kann sich nicht nur retten, sondern flüchtet zudem noch in die Arme eines zufällig des Weges kommenden und gütig wie der Weihnachtsmann aussehenden Popen. Das ist wie alles in diesem Film und seiner nur notdürftig zusammengehaltenen Handlung kein Zufall. Denn dieser Pope ist Filip, Abt des Soloveckij-Klosters und späterer Metropolit von Moskau. Zu ihm aber später mehr (in den noch folgenden Teilen dieses Artikels, Red.).

Ganz kurz noch etwas zu meinen enttäuschten Erwartungen – während dieser Film nun an mir vorbeizieht und ich weiterhin darüber grübele, warum gerade Pavel Lungin einen Film über Ivan IV. dreht, begreife ich Folgendes: Ich gehe von den falschen Voraussetzungen aus. Und ich habe vor allen Dingen Lungins vorhergehenden Film – Ostrov – noch nicht gesehen. Nach und nach begreife ich dann aber, was ich mir da angucke: Dieser Film ist ein Propaganda-Film, im altbewährten Stile noch dazu – schlichte (sehr schlichte) Wahrheiten im Gewande historisch verbrieften Geschehens. Geschichte, wie ein ganz bestimmter Teil der russischen Gesellschaft sie braucht und gebrauchen kann. Denn Car‘ ist kein Film über den Zaren, Car‘ erzählt die Heiligen-Vita des im Jahre 1636 heilig gesprochenen Metropoliten Filip und steht ganz im Dienste der Propagierung einer ganz bestimmten, den Mächtigen und der Kirche sehr entgegen kommenden Volksfrömmigkeit. Ich bin ein wenig irritiert, Lungin ist doch Jude, denke ich. Vielleicht ist er es, aber das spielt hier absolut keine Rolle, er ist vor allen Dingen ein russischer Filmemacher. Vor allem einer, der sich seit Jahren wieder in Russland etablieren will (er lebte lange Zeit in Paris), und dies, wie es aussieht, auch geschafft hat. Nicht zuletzt mit seinem Film Ostrov, mit dem es ihm endgültig gelungen ist, in Russland und in der Mitte seiner Massenkultur anzukommen.

Hier finden sich Teil II, Teil III und Teil IV)

Ein Hauch von Winter

März 15, 2010

Metel’ – die neue Novelle von Vladimir Sorokin

Wer vom Winter noch nicht genug hat, kann sich auf Sorokins neues fantasmagorisches Werk freuen. Darin macht sich der Dorfarzt Garin bei eisigem Wetter auf den Weg in ein benachbartes Dorf, um die Bewohner vor einer Epidemie zu retten. An grotesken Szenarien, surrealistischen Bildern und virulenten Sprachspielen mangelt es dem Text nicht. Wer schon immer etwas über die Schwierigkeit mit der russischen Post zu reisen oder über die Gefahr des bolivischen Virus erfahren wollte, mache sich auf die Reise mit dem Doktor und begegne auf diesem durch Schneegestöber führenden Ausflug Kristallpyramiden mitten im Wald und Gestalten, die in Häusern aus immer wachsendem Filz leben.

Владимир Сорокин. Метель. Москва, АСТ, Астрель, 2010 г.