Posts Tagged ‘russische Lyrik’

Hinweis: Gegenwartsproof – Daniil Charms am 21.04.2016

April 19, 2016

Gegenwartsproof: Daniil Charms

Lesung & Gespräch mit

Eugene Ostashevsky Autor, Übersetzer und neuer Siegfried-Unseld-Gastprofessor im SoSe 2016 an der Humboldt Universität, Berlin
Alexander Nitzberg Autor und Übersetzer, Wien
Peter Sendtko Autor, Duisburg (Moderation)

am 21. April 2016 um 19:00 Uhr
in der Literaturwerkstatt (Kulturbrauerei)
Knaackstraße 97, 10435 Berlin.

Eintritt  6 EUR / 4 EUR

Die Ankündigung der Veranstalter_innen:

Daniil-als-Sherlock-300x265Daniil Charms (*1905 Sankt Petersburg – †1942 Leningrad) war ein Tausendsassa der Form. Er war Mitbegründer der Künstlergruppe OBERIU, Musiker, Schauspieler, Zeichner, Akrobat, Zauberer und Okkultist. Seinem Selbstverständnis nach war er aber vor allem ein Lyriker. Zu Lebzeiten wurden aus politischen Gründen nur zwei Gedichte von ihm gedruckt.

Heute, da Charms’ Werk nach und nach aus einem chaotischen Nachlass geborgen wird, erscheint er dem Leser als Widerspruch in sich: als Klassiker der Avantgarde. Seine Prosaminiaturen und Szenen, seine Bänkelgesänge, Parodien, Kindergedichte, transrationalen Liedelchen, Gebete und Meditationen wirken heute nicht nur unverändert lebendig, sie verjüngen sich mit jeder neuerlichen Lektüre. Dabei mischt sich in Charms’ Texten auf einzigartige Weise Vollendetes mit Unfertigem.

Die Dichter und Charms-Übersetzer Alexander Nitzberg (*1969 Moskau) und Eugene Ostashevsky (*1968 Leningrad), der außerdem ein ausgezeichneter Kenner der russischen Avantgarde und Herausgeber einer englischsprachigen OBERIU-Anthologie ist, lesen Texte von Charms und diskutieren mit Peter Sendtko seine heutige Bedeutung.

Die Veranstaltung wird gedolmetscht.

Mit freundlicher Unterstützung durch ECHOO Konferenzdolmetschen.

Veranstaltungshinweis: New Colours of Berlin am 08.03.2016

Februar 26, 2016

Lesung & Gespräch
New Colours of Berlin: Russisch

am 08. März 2016 um 19:00 Uhr
in der Literaturwerkstatt Berlin
Kulturbrauerei, Knaackstraße 97, 10435 Berlin

Der Eintritt kostet EUR 6 / erm. EUR 4.
Tickets gibt es an der Abendkasse ab 18:45 Uhr.

Hier die Ankündigung der Veranstalter_innen:

Künstler und Autoren aus Russland hat es schon vor 100 Jahren nach Berlin verschlagen – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Der Dichter Hendrik Jackson stellt drei russischsprachige Dichter vor, die heute hier leben:

dmitri_dragilewDmitri Dragilew (*1971 Riga) zog 2005 als Korrespondent für den Fernsehsender RTVi in die deutsche Hauptstadt. Für ihn ist Berlin bis heute eine Stadt im Osten. Sein Interesse gilt unter anderem den russischen Kunstschaffenden im »Charlottengrad« der 1920er Jahre. Dragilew schreibt urbane, chaotisch-vielstimmige Gedichte über die prallen Fernen und die gesäuerte Mitternacht, über würzigen Sandstein, grammatikalische Radarantennen und den betörenden Geruch von Kapuzinerkresse.

csm_03_Kitup__c__Michail_Krasnow__3238f34d72Ilia Kitup (*1964 Vilnius), Dichter, Comic-Zeichner und Leiter des Propeller Verlags, war bereits Mitte der 90er Jahre Stipendiat der Akademie der Künste in Berlin. Im Jahre 1999 kam er dann als Kontingentflüchtling wieder in die Stadt. Seine Texte über die große Vergeltung und das »alleinige Heilige Russland« zeichnen sich aus durch ihren subversiv-ironischen Ton und den virtuosen Umgang mit der gebundenen Form.

ilia_ryvkinIlia Ryvkin (*1974 Petrosadowsk), Dichter, Kurator und Cyberaktivist, kam 1994 nach Berlin, um an der FU Slawistik zu studieren. Er hat Ausstellungen über russische Literatur sowie Aktionen der Protest- und Straßenkunst konzipiert. Durch seine Verse treiben unter einem grauen preußischen Himmel radioaktive Schiffe und zweischwänzige Nixen. Es sind Texte über die Schwärze von Bergpupillen, die Augen von Bastardmakrelen und den copyrightgeschützten Mond.

Dragilew, Kitup und Ryvkin lesen ihre Gedichte auf Russisch und Deutsch und werden von Hendrik Jackson zu ihren Berliner Jahren befragt.

novinki-Lesung am 3. Mai 2011 // Dmitry Golynko

April 28, 2011

Am 3. Mai 2011 liest der Petersburger Dichter Dmitry Golynko am Institut für Slawistik der HU Berlin. Es moderiert und dolmetscht Aleksandr Filyuta.

Dmitry Golynko ist Kunsthistoriker, Literaturkritiker und Lyriker. Er ist derzeit Gast im Berliner Künstlerprogramm des DAAD.

Wo? Institut für Slawistik, Dorotheenstr. 65, 10117 Berlin-Mitte (S+U Friedrichstr.), Raum 5.57, 5. OG

Wann? Dienstag, 3.05.2011 um 18 Uhr

Eine Auswahl aus Anna Al‘čuks Œuvre

September 8, 2010

– Anagramm, Klammer und andere Sprach-Verzweigungen

schwebe zu stand. Im Schwebezustand, im zweisprachigen, sind fast alle Texte dieses Bandes, einem kleinen Werkpanorama der Künstlerin Anna Al‘čuk. Da schieben sich Buchstaben übereinander. Auch laden Klammern und Versenden zu doppelten und dreifachen Lesarten ein wie ein manchmal buntes Durcheinander von Majuskeln und Minuskeln.  Folgt die Leserin dem Imperativ und verfolgt die schwebenden Fäden, bis sie zum Stand kommen – vor allem in den neueren Texten (seit Mitte der 1980er Jahre) zu vielfältigen Bedeutungen – dann gerät das anfängliche Vers- und stellenweise Buchstabengewirr zu poetischen Bildern.

Die Zweisprachigkeit potenziert bei diesen Gedichten, bei denen die Übersetzung nur Koautorschaft sein kann (wie Anna Al’čuk in einem von Michail Ryklin im Nachwort zitierten Manuskript schrieb) das Schweben, legen die beiden Sprachen doch wechselseitig Spuren bloß, die in der einen gar nicht unbedingt auffallen. Sehr schön, dass es immer wieder zwei, einmal auch drei Varianten zu einem russischen Gedicht gibt:

ра(дости гнуть)

испеПЕПЕЛинию

феникс (ли

кующий)

ил ЛИ БО

пьяный

———-

GLU(cksen)T

aus der asche LUGt

phönix lü

stern

o der WE der BE

trunken

———-

freuden schmiedend

aus der lineASCHE

ist das phö

nix jubel

oder LI(e) be(r) BO

trunken

———-

freud(voll führen)

ausASCHEerstehen

jubi LI

erender phönix

trunkener PO

et

Der Einfallsreichtum des Übersetzertrios, Gabriele Leupold, Henrike Schmidt und Georg Witte, beeindruckt in diesem fortwährenden Balanceakt aus Textnähe und der Loslösung vom russischen Original, derer es bedarf, um die Wort- und Bedeutungsspiele im Deutschen  nachzuempfinden. Gabriele Leupold und Henrike Schmidt beschreiben diese Suche in ihrem „Werkstattbericht“, in dem sie anhand einzelner Gedichte „die beiden wichtigsten Verfahren – Anagramm und Verklammerung, Zerlegen und Verdichten“ und ihre Nachdichtungen im Deutschen illustrieren: „Um das Wesentliche dieser Lyrik zu treffen, muss die deutsche Übersetzung die Methode der Autorin aufgreifen und versuchen, mit einem in ihrem Sinn gewählten Wortmaterial eine ähnliche Gestalt und dieselbe Verdichtung zu erzeugen wie im Original.“

Nicht alle Texte sind so filigran wie das zitierte Gedicht. Die frühen aus den 1970er Jahren, auch diese immer wieder klangvoll, auch diese mit verschiedenen Auflösungsfiguren, folgen durchaus bekannteren Versformen (wenn Al‘čuk sie auch kreativ weiterschreibt). Von ihnen aus scheinen die „rhythmischen Pausen“ eine Brücke zu bilden zu den Texten der letzten Werkphase, der das obige Zitat entstammt. Mit den „Einzellern“ (1988), gewissermaßen dem dichterischen Pendant zu Malevičs „Schwarzem Quadrat“ – „Schwarze Buchstabenquadrate“ nennt sie das Übersetzertrio – stellt der Band die verschiedenen Schaffensphasen und -weisen der Künstlerin vor.

Die beiden Nachworte erzählen von ihr, von ihrem Leben, ihrer Zeit und dem Kunstschaffen, Wer hier weiterlesen möchte, erfährt viel über Anna Al’čuks Werk, aber auch das sowjetische und postsowjetische kulturelle Leben. Mit dem Nachwort ihres Ehemanns Michail Ryklin, einem Nachruf, erhält die Auswahl einen in anderer Hinsicht persönlichen Ton und zugleich einen politischen: Anna Al’čuk und Michail Ryklin verließen Moskau 2007. Den Entschluss, so berichtet Ryklin, hat Al’čuk 2004 gefasst, als sie in einem Strafprozess in der Folge der Ausstellung „Achtung Religion!“ vor Gericht stand; auch der Freispruch vom „Schürzen nationalen und religiösen Zwistes“ änderte nichts daran. In seinem Nachwort liest man auch von dichterischen Vorbildern und Einflüssen: Marina Cvetaeva, dem Lieblingsdichter Osip Mandelstam (Widmungsgedichte und Epigraphen in der Auswahl von Gedichten künden bereits davon), Sapgir, Cvel (mit dem sie 1987 den „Klub der Geschichte der zeitgenössischen Poesie“ gründete), die japanische Lyrik, deren Einfluss sich vor allem in der späteren Lyrik zeigt. Das Nachwort und der Werkstattbericht ergänzen sich: erzählt das eine vom Leben der Künstlerin, widmet sich der andere der Gemachtheit der Gedichte. Gabriele Leupold und Henrike Schmidt lassen in den Beschreibung ihrer Übersetzerinnenarbeit die Verfahren der Dichterin anschaulich werden, ihre Anagramme, Verschiebungen, ihre „Elementarlehre, die linguistische Separationskunst und poetische Naturphilosophie zusammenführt“.

schwebe zu stand ist eine Einladung, eine hierzulande bislang kaum bekannte, vielseitige Künstlerin kennenzulernen. Und der Band lädt mit weit geöffneten Türen zu einer Bekanntschaft ein, bietet er doch sowohl in der Textauswahl als auch in den Beigaben von Werkstattbericht und Nachwort unterschiedliche Zugänge zu einem Werk, das – wie in dem Gedicht auf dem Buchrücken angekündigt – Raum und Zeit außer Kraft setzt:

matt setz ich dich

Raum

schach dir –

Zeit

Im Rahmen des 1o.internationalen literaturfestivals berlin findet am Sonntag den 19.09.2010 um 16.30 eine Buchvorstellung mit Michail Ryklin im Haus der Kulturen der Welt statt, Moderation: Katharina Raabe, Sprecherin:  Gabriele Leupold

Anna Altschuk: schwebe zu stand, Übersetzung: Gabriele Leupold/Henrike Schmidt/Geort Witte, Nachwort: Michail Ryklin, Frankfurt/Main 2010, [978-3-518-12610-3, edition suhrkamp 2610], 12.- Euro.

KdW in der AdK

Juni 14, 2010

Das Poesiefestival, das vom 4. bis zum 12. Juni stattgefunden hat, ist mit einer überraschend kleinen Feier in der Akademie der Künste zu Ende gegangen. Mit einer überraschenden Zusammenstellung der Gesichter: Ilma Rakusa aus Zürich, Schauspieler, ehemalige KommilitonInnen von der Germanistik und Slawistik der HU, sowohl unter den Veranstaltenden als auch unter den Teilnehmenden.

Die Organisatoren (heuer wieder von der Literaturwerkstatt bewerkstelligt) haben sich bereits ein Gedicht an Veranstaltungstiteln und -arten einfallen lassen, um Lust auf deutschsprachige und internationale Lyrik zu machen. Ein Colloquium mit LiteraturwissenschaftlerInnen und AutorInnen hat neue Vermittlungs- und Absatzwege für Gedichtbände gesucht, eine Tanz-Poesie-Inszenierung hat sicherlich alle sommerlich gesinnten Sinne aktiviert. Workshops haben Lehrer den Umgang mit Dichtung in der Grundschule gelehrt und Poesiefilme als Unterrichtsmaterial ans Herz gelegt.

Vorschlag fürs nächste Jahr: eine Neuauflage der Veranstaltungsreihe Poets’ Corner, sozusagen einer poetischen Okkupation Berlins. Dichterinnen und Dichter haben an öffentlichen Orten in ihren Bezirken gelesen – und zwar in ihren Muttersprachen. Darunter im gut besuchten Neuköllner Körnerpark und in Treptow in dem Wagendorf Lohmühle. Im Wagendorf haben Dmitrij Dragilev und Sergej Sturz vorgetragen. Bei der eher ruhigen Feier in der Akademie der Künste haben sie ein wenig über sich erzählt.

Beide leben in Berlin und schreiben auf Russisch. D. Dragilev hat u.a. den Gedichtband Vse primety ljubvi (dt. „Alle Anzeichen von Liebe“) veröffentlicht, welcher von der Liebe zur baltischen Heimatstadt Riga und zu Jazz zeugt.  Vgl. auch: http://www.novinki.de/html/zurueckgefragt/Interview_Dragilew_deutsch.html

Die jungen Männer haben die Gruppe запад нaперёд („zapad naperёd“) gegründet. Den Titel so zu übersetzen, dass die zahlreichen Bedeutungen dieses Wortspiels mit „Westen“, „verkehrt herum“, „nach vorne“ und „rückwärts“ erhalten bleiben, gelingt mir erst einmal nicht. Vielleicht Kehrseite des Westens – natürlich abgekürzt als KdW…

Genau dieses Problem, das Scheitern eines glatten Übersetzens, bringt einen aber der Idee dahinter näher. Den beiden geht es um das (unerreichbare?) Ideal der Doppelexistenz in der Dichtung, auf den ersten Blick um eine Form der sprachlichen Assimilationsverweigerung und auf den zweiten eigentlich doch um eine formale Offenheit: Auf Russisch mit den Mitteln gesamteuropäischer Kunstautonomie dichten, fasse ich frei nach Sergej Sturz den gemeinsamen Nenner der Poetik beider zusammen.

Letzterer erklärt, dass sie sich West- und Mitteleuropa verpflichtet fühlen, und zwar in dem Sinne, wie die Petersburger Poesie auch eine offene Einstellung zu westeuropäischen Traditionen gehabt und sich dabei der russischen Sprache als ihres Ausdrucksmediums bedient hat. Brodskij und Parščikov sind einige der Namen im Hintergrund. In den Vordergrund setze ich einen Appell aus der spontanen poetischen Selbsterklärung von S. Sturz: „Den Klassizismus als Fundament hat ein Dichter die Sprache zu benutzen, in der er lebt!“

Das kann so aussehen bzw. klingen:

упокой его подошли одежды
с бахромой условились
ждать не более
одного гудка тепловоза хватит
чтоб свалили дачники
и пресловутое Комарово
как осунувшийся скворечник
перестало б задирать хромого
матёрого материкового праведника
и тогда синхронно в союз с предлогом
суфийским корнем проблесковой солью
задрожит рука закружится голос
заговорит страна пересев на другое
облако кучевое полное обстоятельств

(Sergej Sturz)

А что если попробовать в терцию
В кварту пробовали уже
Ведь это в конце концов
Более близкое двухголосие
И все-таки остающееся
На минимуме дистанции
В пределах необходимых
Для благозвучия
И согласия
Пусть даже не очень модно
В силу нового понимания
Гармонии
А что если запахи в снах
Предпочитают
Не чертополох
Но звук
Свернутый в трубочку
Есть много похожих слов
Гармония и Германия
Гарпия и Гермина
Но мы не о них
И вообще не о сходстве

(Dmitrij Dragilev: „Vse primety ljubvi“, Moskva 2008, S.41)

Übersetzung erfolgt bei Bedarf und darf auch kollektiv erfolgen :).