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Andrej Gelasimov

März 5, 2010

– ein „neuer sibirischer Salinger“

In letzter Zeit hört man hier zu Landen immer wieder Klagen über die schlechte Lage der russischen Gegenwartsprosa, oder vielmehr darüber, dass weit und breit kein neuer Stern am Himmel der aktuellen russischen Literaturlandschaft zu finden sei, dem man eine – durch den literaturwissenschaftlichen Zugriff oder durch Übersetzungen ins Deutsche geadelte – literarische Qualität von Bestand zusprechen könnte. Und tatsächlich, es ist etwas stiller geworden um die Diskussion aktueller russischer Literatur in Deutschland. Keine neue Ulickaja, kein neuer Akunin, kein neuer Pelevin, ja nicht mal ein neuer Sorokin weit und breit, geschweige denn ein Autor vom Schlage Andruchovičs, der durch sein geo-poetisches Konzept Slawisten- und Lektorenherzen gleichermaßen und erstaunlich lang anhaltend höher schlagen lässt? Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass gerade die Repräsentanz einer neuen, nennen wir sie „post-postsowjetischen“ russischen Autorengeneration, in deutschen Übersetzungen zu wünschen übrig lässt. Das mag zum einen daran liegen, dass viele russische Verlage eine für unsere Maßstäbe ziemlich unverständliche Qualitätskontrolle praktizieren und nicht wenige Texte, gerade auch jüngerer Autoren, eine recht fragwürdige ideologische Ausrichtungen haben. Das mag zum anderen aber vor allem auch daran liegen, dass viele Texte zu russlandspezifische Themen transportieren, die den deutschen Leser schlicht und ergreifend nicht großartig interessieren werden.

Es verwundert allerdings, dass ausgerechnet die Prosatexte von Andrej Gelasimov, bis auf eine Erzählung, in der von Galina Dursthoff herausgegebenen Erzählsammlung Russland. 21 neue Erzähler (Deutscher Taschenbuchverlag, München 2003) bisher in alle möglichen Sprachen, aber noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden und überhaupt der Autor hier bisher kaum wahrgenommen wird. Denn gerade die für Gelasimovs Texte typische Mischung von vermeintlich anspruchsloser Unterhaltung und gesellschafts-politisch kritischer Sensibilität würde hier sicherlich auf eine größere Leserschaft und auf Gefallen des Feuilletons stoßen. Seine Prosatexte sind charakterisiert durch romantische aber gänzlich unpathetische, ironisch-fatalistische Geschichten und durch eine besondere Vorliebe für situationszentrierte, episodische, nahezu filmische Erzählstrukturen mit besonderer Aufmerksamkeit für die zwischenmenschlichen Realitäten des Alltags. Gelasimovs Helden sind durchschnittliche, meist vom gesellschaftlichen Treiben zurückgezogene Menschen im besten Jugendalter, deren Geschichten und Charaktere durch einfache Stilistik, hintergründigen Humor und durch kurze, dialogische Szenen umrissen sind, ohne dass es je in Banalitäten abdriften würde. Im Gegenteil: „Bei Gelasimov ist der Humor weniger eine zweite Natur als vielmehr eine Waffe, eine Form des Widerstands, um überleben zu können“ beschrieb die Zeitschrift Le Monde des livres (2005) sehr treffend Gelasimovs Schreibe.

Bei den eher wenigen öffentlichen Auftritten gibt sich der promovierte Anglist und studierte Regisseur Gelasimov – soweit ich das aufgrund von youtube-geschalteten Mittschnitten beurteilen kann – mürrisch und leicht blasiert, ganz im Gegensatz zu einem allzeit publikumsschmeichelnden, medial überpräsenten Autor wie Griškovec. Das macht ihn als Gesprächspartner vielleicht nicht gerade zugänglich, lenkt aber das Interesse mehr auf seine Texte als auf seine Person und das ist dann doch allemal symphatischer: Bereits nach Erscheinen seines dünnen Erzählbandes Foks Malder pochož na svin’ju (Fox Mulder sieht aus wie ein Schwein) bejubelte die russische Kritik den 1966 in Irkutsk geborenen Autor als „neuen sibirischen Salinger“. Und spätesten mit seinem 2002 erschienenen zweiten Buch Žažda (Durst) über einen jungen Mann, der entstellt aus dem Tschetschenienkrieg in den banalen Moskauer Alltag zurückkehrt, galt er als zwar umstrittener, aber aufsteigender Stern der „jüngeren“ russischen Literatur. Es folgte dann in kurzen Abständen weitere Publikationen und mit jedem Buch bewegte er sich zusehends von der Kurzform weg zu immer umfangreicheren Romanen: 2003 erschien der Roman God obmana (Jahr der Lüge) um eine Dreiecks-Liebesgeschichte aus der Perspektive eines Vertreters der neuen urbanen 1990er-Jahre-Mittelschicht, ebenfalls 2003 folgte der zwischen den 1960er und den 1990er Jahren spielende Roman Rachil’ (Rahel) über einen erfolglosen, halbjüdischen Literaturwissenschaftler und seine Erinnerungen an seine drei Ex-Frauen. Einige Jahre später, 2008 erschien der mit dem Nacional’nyj bestseller 2009 ausgezeichnete Roman Stepnyje bogi (Steppengötter), in dem es um die in das Jahr 1945 in die russische transbaikalische Steppe verlagerte Freundschaft zwischen einem Teenager und einem gefangenen japanischen Arzt kurz vor dem Einfall der sowjetischen Truppen in Japan und den Bombardierungen Hiroshimas und Nagasakis geht. Ende 2009, also fast noch als Neuerscheinung zu rechnen, erschien schließlich der wieder gegenwartszugewandte Roman Dom na Osernoj (Das Haus an der Osernastraße) über eine provinzielle Großfamilie, die sich in ungünstige Finanzgeschäfte verstrickt. Ungesicherten Quellen zufolge arbeitet Gelasimov derzeit bereits an einem weiteren, im äußersten Norden Russlands spielenden Roman mit dem treffenden Titel Cholod (Kälte).

Ilma Rakusa, die seit Jahren u.a. auch beratend für den Suhrkampverlag tätig ist, erwähnte kürzlich in einem Interview, welches Sylvia Sasse mit ihr für Novinki führte, dass sie in letzter Zeit wenig brauchbare neuere russische Literatur finden konnte, außer erfreulicherweise Gelasimovs Kurzroman Žažda (Durst). Es ist also zu hoffen, dass es bald eine Übersetzung des Buches bei Suhrkamp geben wird und dass noch weitere folgen werden.

Фокс Малдер похож на свинью
Москва: ОГИ, 2001

Год обмана
Роман. — Москва: ОГИ, 2003

Жажда
Москва: ОГИ, 2002

Рахиль
Москва: ОГИ, 2003

Степные боги
Москва: Эксмо, 2008

Дом на Озёрной
Москва: Эксмо, 2009

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Textiles Übersetzen

Februar 14, 2010

Zum Dokumentarfilm über Svetlana Geier Die Frau mit den 5 Elefanten

Eine alte Frau in einem alten Haus. Die zierliche, grauhaarige und etwas buckelige Dame holt aus der Abstellkammer ein Bügelbrett heraus. Sie schleppt es in das nächste Zimmer, stellt es auf und breitet eine weiße Schürze darauf aus. Sie feuchtet die Finger mit Spucke an, prüft, ob das Eisen heiß genug ist. Langsam lässt Svetlana Geier das Bügeleisen über den Stoff gleiten und erzählt, dass die Fäden der Textilie durch das Waschen aus der Reihe gebracht wurden und nun an ihre Ursprungsposition zu rücken sind. Und genau so verhalte es sich mit der Sprache. Wie die Fäden eines Gewebes werden Wörter aneinander gereiht und bilden im besten Falle Meisterwerke wie sie Frau Geier ihr Leben lang aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt hat, unter anderem von Tolstoj, Bulgakov und Solženicyn. In den letzten Jahren die fünf Elefanten – so nennt man die großen Romane Dostoevskijs in Russland. Letztes Jahr wurde sie mit dem Spieler fertig. Der Film von Vadim Jendreyko Die Frau mit den 5 Elefanten nimmt uns mit auf die Reise durch das von Schicksalsschlägen geprägte Leben der deutschen Stimme Dostoevskijs. Es ist eine Reise in die Kultur der Sprache und in eine Epoche des Übersetzens. Auf die sich selbst gestellte Frage – warum Menschen übersetzen – ist die Antwort der bedeutendsten Übersetzerin russischer Literatur kurz: „Das ist die Sehnsucht nach etwas, was sich immer wieder entzieht, nach dem unerreichbaren Original.“ Der Klang der Wörter sei zu unterschiedlich: „Milost’ – was für ein wunderschönes Wort, das weiche m geht leise in das lang klingende i über, einfach wunderbar, so etwas kann man nicht übersetzen. Das deutsche Wort Gnade hört sich eher an wie eine steife Matratze“. Und doch tastet sich Frau Geier seit Jahren so nah wie möglich an das jeweilige Original heran. „Nase hoch beim Übersetzen“ hat ihre Lehrerin sie einst gelehrt. Was soviel heißt wie das Ganze immer im Blick zu behalten und nicht bloß Wort für Wort zu übersetzen. Wie etwas Gewebtes eben, wofür, wie der Film verrät, Frau Geier eine besondere Vorliebe hat.

Der Film läuft im Berliner Kino Krokodil bis zum 17. Februar 2010 – http://www.kino-krokodil.de/

Weitere Information unter http://www.5elefanten.ch/

Der Trailer zum Film ist hier zu sehen: