Posts Tagged ‘Polen’

Die visuellen Geister von Tonbandschnipseln

Oktober 22, 2014

Zuzanna Solakiewicz kehrt in ihrer filmischen Hommage an die Musik von Eugeniusz Rudnik das Verhältnis von Ton und Bild um. Entstanden ist ein experimentelles Stück über die Geheimnisse des materialisierten Geräuschs: 15 Stron Świata.

15_corners_photos_promotion_6

Der Dokumentarfilm 15 Stron Świata (15 Corners of the World, 2014) von Zuzanna Solakiewicz ist ein heimlicher Experimentalfilm. Die Interviewsequenzen mit dem polnischen Pionier der elektroakustischen Musik, Eugeniusz Rudnik – einem experimentellen Komponisten, Toningenieur und Klangkünstler, der seit über 50 Jahren mithilfe von analogen Tonbändern produziert – tauchen lediglich als vereinzelte Episoden auf; der Löwenanteil des Films besteht aus der Interpretation des Tonmaterials. Die Dokumentarfilmerin Solakiewicz gewichtet so Information und Interpretation neu und beschreitet mit ihrem neuen, bisher längsten Werk einen experimentelleren Weg als mit den vorhergehenden Regiearbeiten Jorcajt (2012), Tak, to jest (2009) und Kabaret Polska (2008). (more…)

Gute Nachbarschaft?

Oktober 13, 2011

Grupa Twożywo, Polnische Schweine / Polish pig, 2006 (via)

Während derzeit im Martin Gropius Bau eine polnisch-deutsche Leistungsschau der Superlative zu sehen ist, die in ihrer Bekräftigung einer hoch- und höchstkulturellen Verflechtung der beiden Staaten ebenso Geschichte macht wie in ihrer Ignoranz für weniger glanzvolle Kapitel dieser Nachbarschaft, traut sich eine kleine Ausstellung in Berlin im Haus Bethanien am Mariannenplatz unter dem  Titel Gute Nachbarschaft? Deutsche Motive in polnischer Gegenwartskunst / Polnische Motive in deutscher Gegenwartskunst an Vorurteilen und Stereotypen zu rühren. Die von Kamil Kuskowski, Jarosław Lubiak und Magdalena Ziomek-Frąckowiak kuratierte Ausstellung ist zwar Teil des 1400 Veranstaltungen umfassenden Kulturprogramms, das Polen im Rahmen seiner 184-tägigen EU-Ratspräsidentschaft stemmt – sie überrascht aber in puncto Selbstreflexion und -kritik, die der Parallelausstellung „Tür an Tür“ im Walter Gropius Bau vollkommen abgeht.
Jüngste Generationen von Polen und Deutschen werden wohl kaum noch im Schatten des deutschen Kriegsterrors stehen – dass der Zweite Weltkrieg dennoch tief im (visuellen) Gedächtnis sitzt, das beweisen gleich eine Reihe von Werken in dieser Ausstellung. Die Videoinstallation von Rafal Jakubowicz (Arbeitsdisziplin, 2002) etwa, in der Filmaufnahmen des VW-Werkes im Poznaner Stadttei Antoninek gezeigt werden: Eine Fabrik, die von einem Schlotähnlichen Turm  überragt wird; im Vordergrund Stacheldraht, hinter dem Wachpolizisten patroullieren. Unweigerlich denkt der Betrachter natürlich an Krematorien. Als Jakubowicz diese Arbeit in der Poznaner Galerie Arsenal ausstellen wollte, kam es zu einem Konflikt mit der Stadtverwaltung. Zu groß war die Angst, den größten Arbeitgeber der Region zu verstimmen.
Weitere Arbeiten beschäftigen sich mit den Begegnungen an der Basis, im Alltags- und Arbeitsleben. Partnervermittlungsagenturen, die polnische Frauen im großen Stil an den deutschen Mann bringen wollen, thematisiert Clemens Wilhelms in seiner Arbeit Sie sucht ihn (2010). Im Kontext der Galerie, in der die Diaschau von den sich anbietenden Frauen zu sehen ist, unterlegt von ihren Erwartungen und Hoffnungen, die von einer Computerstimme vorgetragen werden, tritt der Aspekt der Selbstvermarktung in aller Schärfe in den Vordergrund. Als Umkehrung der stereotypen Wahrnehmung der Polin und des Polen als billigeR DienstleisterIn ist die Performance von Dietmar Schmale zu verstehen: „Der polnische Putzmann“ titelte die Gazeta Wyborcza über den Deutschen, der sich als Fenster- und Kloputzer in Polen verdingte (Restitution – kultureller Austausch, 2010).
Man wünscht sich öfter eine derartige Ausstellung – jenseits nationalstaatlicher Repräsentation, in der Kultur nicht mehr als eine Kolumne im EU-Ratingbericht ausfüllt. Und gerade im Bezug auf eine Annäherung an Polen ist die Kunst, schreibt Peter Funken in seinem Katalogbeitrag, „eine immense Chance und eine Art Spiegel, in der ich über mich und die Deutschen sehr viel erfahren konnte“. Gleichzeitig habe sich eine Rede über „die deutsch-polnische Nachbarschaft“ längst erübrigt, fügt er hinzu: „Vielmehr sollte man von Nachbarschaften und Gemeinschaften sprechen“ und, fährt Funken fort, „mit der Kunst etwa gibt es Modelle für gemeinsame Sprachen und Themen, die sich kaum mehr national oder isolierend verorten lassen. Gemeinsame Interessen können die Zugehörigkeit zu wirklichen Gemeinschaften herstellen, also eine internationale Verbundenheit und Solidarität zwischen Menschen mit ähnlichen Zielen und Anliegen erschaffen.“

„Gute Nachbarschaft? Deutsche Motive in polnischer  Gegenwartskunst / Polnische Motive in deutscher Gegenwartskunst“

Studio I, Bethanien am Mariannenplatz 2, 10997 Berlin
Noch bis Sonntag, den 23.10.2011
täglich von 12:00 bis 19:00 Uhr
Eintritt frei

Finnisage am 23.10.2011 um 17 Uhr mit Performance: Wirklichkeitskonstruktionen, Michael Kurzwelly

Mit:
Tomasz Bajer, Marcin Bedryszak, Anke Beims, Constantin Hartenstein, Tobias Hauser, Rafał Jakubowicz, Paweł Jarodzki, Leszek Knaflewski, Jerzy Kosałka, Monika Kowalska, Grzegorz Kowalski, Michael Kurzwelly, Kamil Kuskowski, Leszek Lewandowski, Zbigniew Libera, Łódź Kaliska, Robert Maciejuk, Laura Pawela, Aleksandra Polisiewicz, Jan Poppenhagen, Józef Robakowski, Zbigniew Sejwa, Dietmar Schmale, Tom Schön, Przemysław Truściński, Twożywo, Andrzej Wasilewski, Clemens Wilhelm, Wunderteam

Mehr Infos hier

Auf der Flucht – auf der Suche nach dem Krieg

November 16, 2010

Nach dem Bühnenstück Warten auf den Türken und dem Roman Taksim (2009), in dem Andrzej Stasiuk Motive und Figuren seiner früheren Romane versammelt, ist am 20. Oktober sein neuer Essayband Dziennik pisany później (Tagebuch, danach geschrieben) erschienen. Es reicht, in dem druckfrischen Exemplar zu blättern, um sich zu überzeugen, dass Stasiuk nicht etwa zu einem von ihm schon ausgereizten Genre der Reise-Erzählung zurückkehren will (vgl. Unterwegs nach Babadag), sondern auf die gegenwärtige Stimmung in Polen antwortet. Er müsse in den Balkan reisen, um die Spuren eines Krieges zu sehen, dessen abstrakte Phantasmagorie seine Jugend ausgefüllt hat. Es geht nicht um den Balkankrieg, es geht um Spuren des Krieges überhaupt. Er müsse vor dem eigenen Land Reißaus nehmen, um es weiter östlich wiederzufinden, aber „in der Version hardcore“. Distanzreise also, eine Reise in die Wüste, zum Trauma des Krieges, den Stasiuks Generation als erzähltes Trauma, als Traumabilder kennt. Man müsse auf Polen aus dem Osten schauen, um es zu begreifen, heißt es im Text. Und so scheint Stasiuk folgerichtig im dritten Teil dieses kurzen Reise-Essays erzählend nach Polen zurückzukehren und erwähnt dabei die symbolisch-religiösen Exzesse seiner Landsleute in den letzten vergangenen zwei Jahrzehnten, vor allem in der Architektur, und ihre Bedeutung für das kollektive mythische Bewusstsein. Vielleicht verstecke sich gerade hinter ihnen eine Lust und ein Verlangen nach Mysterien in denen Blut fließen soll? Stasiuk ist mit dieser Vermutung sicher nicht allein. Von dem jüngsten Beispiel berichtet er, glaube ich, nicht – Wer die Gelegenheit hat, mit dem Berlin-Warschau-Express zu fahren, sollte beim Passieren des Städtchens Świebodzin aus dem Zugfenster schauen: Ein monumentaler Christus, größer noch als der in Rio, wird ihn mit ausgebreiteten Armen grüßen.

Es macht Spaß, mit Stasiuk wieder auf Reisen zu gehen. Hoffen wir, dass das schmale Bändchen mit Schwarzweiß-Fotografien von Dariusz Pawelec bald auf Deutsch erscheint.

Andrzej Stasiuk, Dziennik pisany później

Bilder: Dariusz Pawelec

Verlag Czarne, Wołowiec 2010

ISBN: 978-83-7536-231-2

Schmerzliche Beziehungen

April 24, 2010

Wie sich zeigt, ist die Gestalt einer ‚toxischen Mutter‘, d.h. einer Mutter, die ihr Kind nicht frei lassen kann und durch übertriebene Fürsorge und Schuldgefühle, die sie im Kind produziert, den Abnabelungsprozess verhindert, nicht nur in der jüngsten polnischen Literatur anzutreffen, wie z.B. in Bożena Keffs Utwór o matce i ojczyźnie, 2008 (dt.: Ein Stück über Mutter und Vaterland), sondern auch im polnischen Dokumentarfilm, der seit Kieślowski immer wieder Erstaunliches zu bieten hat. In Keffs Buch ist die Mutter als eine sehr komplexe Figur in einen schmerzhaften historischen Kontext eingeschrieben. Das Leserinteresse zielt aber häufig zuerst auf die Schilderung der ganz privaten Tragödie einer schiefen und zerstörerischen Mutter-Kind-Beziehung, wie viele Leserbriefe an die Autorin bewiesen haben. Überraschenderweise stellte sich nun der Special-Guest des diesjährigen FilmPolska-Festivals, der Kameramann und Dokumentarfilmer Marcin Koszałka, als ein Künstler heraus, der genau diesem Interesse entgegenkommt. Zwei von drei Dokumentarstreifen, die ich mir angeschaut habe, handeln von der übermächtigen Mutter-Tyrannin und einem Muster, das sich wiederholt (und auch in Keffs Buch zu finden ist): Für eine Befreiung von einer solchen Mutter reicht ein Menschenleben nicht aus. Es scheint höchstens eine zeitweilige Versöhnung möglich, doch eine Lösung der Bindung – sie käme einer Muttertötung gleich. Dieses Gespenst aber ist die stärkste Waffe der Tyrannin gegen das Kind.

In seinem Diplomfilm Takiego pięknego syna urodziłam, 1999 (dt.: Einen schönen Sohn habe ich zur Welt gebracht) entblößt der Filmemacher seine Eltern und sich selbst vor der Kamera. Man sieht ihn tatsächlich halbnackt und wie ein Opfertier auf der Fernsehcouch liegen, während die schlimmsten Hasstiraden seiner Mutter wie Messerstiche auf ihn niederprasseln. Der Vater stimmt mit ein, doch nur zaghaft, wie ein Echo der Mutter, denn auch er ist der nichtsnutzige Mann, den seine Frau (symbolisch) vernichtet. Natürlich sind die Szenen und die Wutausbrüche der Mutter provoziert, aber deshalb nicht weniger schmerzlich wahr. Ihre Beschimpfungen mit der Kamera festzuhalten, scheint für den Sohn die einzige Form des Widerstands zu sein, oder eine Art Therapieversuch. Am Ende sieht sich die Mutter das Filmmaterial an und ist betroffen, drückt Bedauern aus, aber nicht mehr. Es ist eine Koda, die die Ausweglosigkeit der Situation (zumindest dort, wo man sich ihr passiv aussetzt) ganz deutlich macht. Eine studentische Jury des Internationalen Wettbewerbs für Dokumentarfilm in Krakau hat diesen Abschlussfilm Koszałkas im Jahr 2000 für seinen „begründeten Exhibitionismus“ mit einer Auszeichnung bedacht.

Es ist verblüffend, dass Koszałka den Akt der Entblößung fünf Jahre später wiederholt, wie man im Web (www.culture.pl) nachlesen kann. In dem 2004 entstandenen Film Jakoś to będzie (dt.: Es wird schon werden) zeigt er Szenen aus seiner eigenen Ehe, endlich fern von der Mutter. Doch auch hier wirkt das toxische Verhältnis zur Mutter weiter, in das eigene Leben übertragen.

Der Film Do bólu, 2008 (dt.: Bis an die Schmerzgrenze) zeigt eine andere ‚toxische Mutter‘, die mit ihrem über fünfzigjährigen Sohn zusammenlebt. Der Vater ist vor kurzem verstorben, „er wollte nicht mehr mit uns leben“, sagt der Sohn in die Kamera. Es ist schier unglaublich – dieser erwachsene Mann ist ein praktizierender Psychoanalytiker! Und vollkommen unfähig, sich von seiner Mutter zu lösen. „Ich musste mich selbst kastrieren, um mit Dir zusammen zu sein“, sagt er zu seiner Mutter. Die Beziehung zu einer gleichaltrigen Frau soll die Mutter-Bindung beenden. Man ahnt es und sieht es: die Mutter ist außer sich und in Rage. Ein Höhepunkt des Films: die Mutter sitzt am Klavier und singt Tonleitern. Ihre Stimme signalisiert: ich bin da, nicht zu überhören, nicht zu übersehen, mich wirst du nicht los – besser kann man ihre übermächtige Präsenz nicht inszenieren. Auch hier steht am Ende des knapp halbstündigen Films eine erzwungene Versöhnung zwischen Mutter und Sohn. Und wieder ein angehängtes Schlussbild, das es in sich hat. Der Sohn schmiedet Pläne. Er wird mit seiner Freundin in ein neu gebautes Haus ziehen, und es soll groß genug sein, damit auch die Mutter dort einziehen kann …

Auf dem Festival war auch Koszałkas Istnienie (dt.: Existenz) von 2007 zu sehen. Wie www.culture.pl zu berichten weiß, ist der Film vom Wunsch des sterbenskranken Schauspielers Jerzy Nowak inspiriert, das eigene Sterben zu inszenieren. Den formalen Kern des Dokumentarfilms bildet die testamentarische Verfügung Nowaks, sein Körper solle nach seinem Tod zu medizinischen Forschungszwecken verwendet werden. Der Schauspieler glaubte, dass mit der Fertigstellung des Films sein Tod bereits eintreten werde, doch dem ist nicht so. Er lebt noch. Der Film ist – nicht nur deshalb – ein faszinierendes Zeugnis dafür, wie Kunst (wie jede Ausdrucksform) beim Thema Tod und Sterben gegen eine Wand stößt. Der Zuschauer sieht Rituale (vor allem Rituale!) des Umgangs mit dem Tod, ein offensives Sich-Nähern, ein Abschiednehmen von den Verwandten, von geliebten Personen, von Freunden, von Orten und vor allem vom eigenen Körper. Der Film ist sehr sparsam und wahrt behutsam die Privatsphäre des Schauspielers. So wird Vieles nur angedeutet.

Der 80jährige lässt sich den Vorgang der Präparation von einem ebenfalls betagten Professor der Medizinischen Akademie erklären, der wegen der Deformation seines eigenen Körpers zu einer wichtigen Figur in der Diegese wird. Er zeigt dem Schauspieler den Sektionssaal, in dem die Leichen in riesigen Wannen aufbewahrt werden. Sie sehen sich die Leichen an. Jerzy Nowak zeigt sich unbeeindruckt, oder er spielt nur einen alten Mann, der unbeeindruckt ist. „Menschliche Attrappen“, sagt er, „dieses Ding, das vom Menschen kommt“. Es sind verbale Akte, die vom eigenen Körper lösen sollen. Seinen Körper schon zu Lebzeiten zum Ding zu erklären, ist die Strategie Nowaks, sich von ihm zu trennen. Und hier macht der Film, ich weiß nicht, inwieweit intendiert, etwas sichtbar, was wirklich erstaunt. Alle diese Rituale, Abschiede, Verfügungen schienen mir irgendwo zu scheitern. Was nicht bedeutet, dass sie vollkommen sinnlos sind. Aber in dem Moment, in dem die Kamera die behauptete Gleichgültigkeit des Schauspielers gegenüber seinem (in der Zukunft toten) Körper festhält („ich hab keine Beziehung zu meinem toten Körper“) und gleichzeitig einen immer noch lebendigen Körper zeigt, vermittelt sie etwas von einer menschlich-männlichen Hybris. Vielleicht ist das die großartige (wenn auch nicht neue) Entdeckung in Istnienie. Der Film zeigt den Mann (Künstler?), der seinen Körper verleugnet, abspaltet, damit er leben und sterben kann.

filmPolska in Berlin

April 10, 2010

Am 15. April startet die 5. Edition des polnischen Filmfestivals in Berlin – filmPOLSKA.

Bis zum 21. April kann das berliner Publikum in acht verschiedenen Kinos neue Filme und Filmklassiker aus Polen sehen und dabei die spürbare Abwesenheit polnischer Streifen auf der letzten Berlinale vergessen. Das Festival bietet dabei fünf thematische Schwerpunkte an – Neues Polnisches Kino, Dokumentarfilme, Kurz- und Studentenfilme, Retrospektive Opus Filme, Filmreihe Solidarność im Film, Kamerakunst – und verspricht diesmal einen Hauch von Freiheit und Aufbruchstimmung, den nicht nur die Erinnerungen an Solidarność, sondern auch die neuen Low-Budget Produktionen – meist Kurzfilme – nach Berlin bringen sollen.

Begleitet wird das Festival von einem Workshop, der von dem krakauer Filmemacher Marcin Koszałka (*1970) künstlerisch betreut wird. Der Dokumentarfilmer und Kameramann stellt den Workshop unter ein Thema, das an seinen preisgekrönten Kurzfilm Do bólu (dt. Bis an die Schmerzgrenze) anknüpft. Schmerz im Film? Schmerz als Voraussetzung dokumentarischer Arbeit? Die Ankündigung verrät nur andeutungsweise, was damit gemeint sein könnte. Wer als Laie nicht am Workshop teilnehmen kann, wird zumindest den preisgekrönten Film Koszałkas Do bólu, oder seine anderen mutigen Filme sehen können, unter anderem Istnienie (dt. Existenz), ein dokumentarisches Projekt, das sich um die Person des 80-jährigen Schauspielers Jerzy Nowak (bekannt als Nebendarsteller in Schindlers Liste) dreht, der nach der Entdeckung seiner tödlichen Krankheit die “Hauptrolle seines Lebens spielen wollte” – zugegeben, eine Hauptrolle, die jeder von uns zu spielen hat. Den Auftakt des Festivals gibt Polenweiß und Russenrot – die Adaption von Masłowskas gleichnamigen Kultbuch – von Xawery Żuławski. Und endlich wird Tatarak von Andrzej Wajda gezeigt, der schon das letzte Jahr auf filmPOLSKA laufen sollte, aber kurz vor dem Festivalbeginn wieder aus dem Programm verschwand. Tatarak (dt. Der Kalmus) ist auch eine Literaturadaption – eine Erzählung Jarosław Iwaszkiewiczs war hier die Vorlage.

Film ab!

http://filmpolska.de/

Brave New World

März 12, 2010

Unterwegs in Warschau. In Antiquariaten und Buchhandlungen gestöbert, in der Milchbar vor der Uni Warschau günstig gegessen, jetzt noch einen Kaffee. Die Straße des Krakowskie Przedmieście entlang, vorbei an einer Steinbank, aus der per Knopfdruck eine Mazurka von Chopin krächzt. (Der 200. Geburtstag von Chopin fordert den guten Geschmack heraus – Limits! schreit J.Waters in meinem Kopf auf einer imaginären Showbühne.) Die Straße Krakowskie Przedmieście wird jetzt zu Nowy Świat (Neue Welt). Vorbei an dem Haus, in dem 1918 in einem Kaffeehaus die Literatengruppe „Skamander“ entstanden ist, die bis 1939 die legendäre Zeitschrift mit gleichem Namen herausgab. Weiter vorbei an dem Palais Zamoyski, aus dem 1863 das Klavier von Chopin (schon wieder!) durchs Fenster flog, auf dem Trottoir zerschellte (die Soldaten des Zaren haben nachgeholfen) und kurz danach in einem Gedicht von C. K. Norwid verewigt wurde. Literarische Topographie total. Aber ich will dorthin, wo ganz aktuelle literarische Raumbesetzungen stattfinden. Ich überquere die Świętokrzyska-Straße und gelange zur Nummer 63 von Nowy Świat. Hier ist im November 2009 das Kulturzentrum von Krytyka Polityczna (Politische Kritik) eröffnet worden.

Unten ein imposantes, weiträumiges Café, oben ein Seminar- und Vortragsraum (ich konnte ihn leider nicht sehen). Es darf geraucht werden, ein kleines Mittagsmenü zu Studentenpreisen ist vorhanden. Smarte Kellner geben Gas, denn der Raum ist groß und Service scheint der „Schönen neuen Welt“ geschuldet zu sein. Das Kulturzentrum gibt sich den Namen von Huxleys Roman, wie um anzudeuten, dass das Projekt einer neuen linken Bewegung in Polen mit diskreditierten Utopien umzugehen weiß und nutzt gleichzeitig den Straßennamen (Neue Welt) für eine symbolische Besetzung des Raums. In der schicken Straße lässt sich kein linkes Hausprojekt mit Vokü und Kicker machen. Hier geht es um Bildungsarbeit. Eine neue linksorientierte Jugend soll heranwachsen und politisch an Gewicht gewinnen, auch in einer offenen Auseinandersetzung mit der politischen Rechten, wie Stefanie Peters in einem Artikel für die FAZ geschrieben hat (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2007, Nr. 188, S. 37). Dazu wird Basisarbeit betrieben: die Zeitschrift Krytyka Polityczna bildet den Kern (seit 2002), der Verlag (seit 2007) erweitert mit programmatischen Buchreihen das Bildungsangebot, z.B. mit der Reihe Leitfaden der Krytyka Polityczna. Hier wird auf konkrete Vorurteile, Ängste, Fragen eingegangen und ‚aufgeklärt‘. Natürlich ist die Krytyka Polityczna auch um die Bildung eines ‚linken Kanons‘ bemüht, was immer man davon halten mag. Das macht sie aber zusammen mit den Literaten und Künstlern. Viele von ihnen sind mit ihren Werken häufiger in Berlin, wie zuletzt in der Galerie KW in Mitte.

In der Eingangshalle, die mit einer schönen Kuppeldecke ausgestattet ist, kann man alle vorrätigen Publikationen des Verlags kaufen. Mittlerweile öffnen in einigen polnischen Städten Ableger des Clubs; ein Distributions- und Bildungsnetzwerk entsteht. Organisiert werden (vor allem im warschauer Kulturzentrum) Vorträge, Seminare, Künstler-Gespräche. Krytyka Polityczna hat natürlich ihre Stars, z.B. Slavoj Žižek, wie ein Video (noch vor dem Umzug in die neuen Räume) dokumentiert.

Ich bin noch im Café. Design ist hier wichtig. Es gibt allerdings keinen einzigen Rückgriff auf eine ‚linke Symbolik‘. Das Emblem des Cafés ist wieder literarisch inspiriert. Flammen, ein 1908 erschienenes Buch des polnischen Philosophen Stanisław Brzozowski, in dem ideologische Diskurse um die Jahrhundertwende zur Sprache kommen und der Prototyp des engagierten Intellektuellen gezeichnet wird, war für viele Schriftsteller und Kulturschaffende vor dem Zweiten Weltkrieg und danach wegweisend (u.a. für Miłosz, Kołakowski, Michnik, Janion). Sławomir Sierakowski (den Gründer von Krytyka Polityczna stellte Marie Tarnopolska bereits vor) hat das Buch 2008 neu herausgegeben – mit stilisierten Flammen auf dem Buchumschlag. Und weil Krytyka Polityczna Brzozowski zum Hausheiligen erklärt hat, schlagen aus der emblematischen Kaffeetasse eben auch Flammen.

Ich habe meinen Kaffee getrunken, meine Zigarette geraucht. Ein Beamer projiziert die flammende Kaffeetasse auf eine Wand. Ein dicklicher Typ stellt sich davor und fotografiert sich und die Tasse im Hintergrund. Da wusste ich, ich werde keine Aufnahmen machen.

Schwarzkäppchen in Moskau

März 6, 2010

Zum ersten Mal läuft in Russland eine Retrospektive des polnischen Zeichentrickfilms. Animationsfilme der letzten 50 Jahre stehen am 7. und 8. März auf dem Programm des Moskauer Kulturzentrums Aktovyj zal. Gezeigt werden Filme aus unterschiedlichen Jahrzehnten – angefangen von den Kinderklassikern Władysław Nehrebeckis Bolek i Lolek und Lechosław Marszałeks Abenteuer des Reksio über Zbigniew Rybczyńskis Tango, der 1982 den Oskar gewann, und Piotr Dumałas schwarze Parodie Czarny kapturek (Schwarzkäppchen) bis hin zu den zeitgenössischen Arbeiten Tomasz Bagińskis wie Sztuka spadania (Die Kunst des Fallens) und seiner 2002 ebenfalls für den Oskar nominierten Arbeit Katedra (Die Kathedrale). In der breiten Auswahl an Filmen könnte man ein Bekenntnis der russischen Animationskunst zu den polnischen Kollegen und deren wegweisenden Zeichentrickfilmtechniken sehen. Denn während die sowjetischen Multiplikatory (russ. Animationskünstler) der 1950er und 1960er Jahre sich eher in der Nachahmung und Überbietung der Walt Disney-Zeichentrickfilmdynastie übten, schufen ihre Kollegen in Polen durch experimentelle Techniken die Animationskunst neu. Für diejenigen, die über die in Russland bevorstehenden Feiertage nicht nach Moskau kommen, um den Frauen zu gratulieren und sich nebenbei Trickfilme reinzuziehen, ist hier eine kleine Auswahl zusammengestellt:

Władysław Nehrebecki: Przygody Bolka i Lolka (1963)

Lechosław Marszałek: Reksio i UFO (1968)

Piotr Dumała: Czarny kapturek (1983)

Piotr Dumała: Łagodna (1985)

Tomasz Bagiński: Katedra (2002)

Tomasz Bagiński: Sztuka spadania (2004)

Lechosław Marszałek: Reksio i UFO (1968)

Am Rande der Berlinale

Februar 19, 2010

Auf der diesjährigen Berlinale ist Polen auffällig abwesend. Dass Polański in seinem Schweizer Chalet auf eine mögliche Auslieferung wartet, ist eher ein böser Treppenwitz. Aber da sein neuer Film „The Ghost Writer“ in den Medien gefeiert wird, die laufend Parallelen zur Situation des Regisseurs herstellen, verschmilzt Polański als Abwesender bei der Berliner Premiere um so mehr mit seinem Werk und ist anwesender den je. Doch mit ihm ist Polen nicht vertreten. Es gibt diesjahr überhaupt keinen polnischen Beitrag auf dem Festival.

Und ich denke am Rande der Berlinale an zwei polnische Filmemacher: an Andrzej Żuławski und seinen Sohn Xawery Żuławski, der sich mit der Adaption von Dorota Masłowskas Roman Wojna polsko-ruska pod flagą biało-czerwoną (dt. Polenweiß und Russenrot, übertr. von Olaf Kühl) in Polen einen Namen gemacht hat. Xawery Żuławski sollte eigentlich in der Jury der Sektion Kurzfilm sitzen, hat aber kurzfristig abgesagt, wie es in der Pressemitteilung heißt. (http://www.berlinale.de/de/presse/pressemitteilungen/kurzfilm/kurzfilm-presse-detail_5857.html).

Andrzej Żuławski ist als Regisseur (nicht nur auf der Berlinale) schon länger abwesend. Er hat seit 1990 nur zwei Filme gemacht, gilt aber neben Wajda und Zanussi als Meister des polnischen Kinos. Seine beeindruckendsten Filme (Trzecia część nocy, Diabeł, Na srebrnym globie) lassen sich in ihrer apokalyptischen Expressivität schwer klassifizieren und sind teilweise der polnischen Zensur zum Opfer gefallen. Daher hat Żuławski in den 1980ern meist im Ausland gedreht (auch in Berlin).

Ein Fragment aus Trzecia część nocy (Der dritte Teil der Nacht):

Żuławski hat sich seit der Wende dem Schreiben zugewandt – mit mäßigem Erfolg. Im Augenblick hat der Verlag von Krytyka Polityczna den Regisseur für sich entdeckt. In einem Wälzer sind Endlos-Interviews mit ihm erschienen und vor Kurzem publizierte er im selben Verlag sein bitterböses Anti-Tagebuch, das er ganz in diesem Sinne Nocnik genannt hat. Der Titel ist ein Wortspiel, ein quasi-Antonym zu ‚dziennik‘ (Tagebuch), also ein Nacht-buch, das nicht nur die nächtliche (dunkle, unbarmherzige, ungeschönte) Färbung der Aufzeichnungen betont, sondern auch auf den Modus des Aufzeichnens als eine Art ‚Entleeren‘ deutet – denn ’nocnik‘ steht als Lexem schlicht für den ‚Nachttopf‘.

http://sklep.krytykapolityczna.pl/sklep/catalog/product_info.php?products_id=176