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Zar und Gottes Mann (Teil IV)

Juni 12, 2010

eine etwas ausführliche Filmrezension zu Car‘ / Der Zar (Russland 2009, Regie: Pavel Lungin)

IV — Fazit und Schluss

Alle Figuren sind – mit rühmlicher Ausnahme von Mamonovs Ivan – platt und klischeebeladen: von den bösen und natürlich hässlichen Opričniki über die biederen, wohlfrisierten und wackeren Recken des Landadels, die in wahrhaft patriotischer Gesinnung das Land gegen die Polen verteidigen, oder Ivans Frau, eine not- und gewaltgeile Hexe, quasi die Furie der Opričina, bis hin zum Metropoliten Filip, der von einer solch makellosen Rechtschaffenheit ist, dass man es kaum aushält. Daran ändert auch die darstellerische Leistung des im Mai letzten Jahres verstorbenen Oleg Jankovskji wenig. Sein Filip ist warmherzig, klug, moralisch, bescheiden (und er hat selbstverständlich noch alle Zähne im Mund). Natürlich erfahren wir über ihn nichts, außer dass er gut ist. Weder wissen wir, warum er nach Moskau kommt, wo er dem Drehbuch gemäß Ivan begegnet, noch welche Rolle er überhaupt in Staat und Kirche spielt. Auch erfährt der Zuschauer nichts über seine Vorgänger im Metropolitenamt unter Ivan IV., von denen der eine nach einem Jahr resignierte und der andere sofort, nachdem er die Abschaffung der Opričnina gefordert hatte, verjagt wurde.

Bei der im Drehbuch stehenden ersten Begegnung zwischen den beiden, zufällig und auf einer Brücke (an dieser Szenenfolge können Filmschüler übrigens sehr anschaulich nachvollziehen, was man mit dem Wechsel von Groß- und Nahaufnahme, Countershot und Schnittrhythmus alles falsch machen kann) trägt Ivan Filip unvermittelt an, „sein“ Metropolit in Moskau zu werden. Die beiden scheinen vertraut, wie alte Freunde, aber man weiß nicht warum. Beide begegnen sich danach noch ein paar Male, es geht immer um die gleiche Frage, bis Filip schließlich doch Metropolit wird. Dazwischen wird Ivan ausführlich als der Böse gezeigt, was nicht wundert, ist es doch Ivans spätere, düstere Zeit. Dabei gewinnt die Figur auch an Tiefe: In den Momenten des Zweifels – Ivan stützt sich in seiner “Innenpolitik” nur noch auf Gewalt und Terror, seine Außenpolitik ist katastrophal (der verlorene Kampf um Livland mit Sigismund, dem Polen, wird angedeutet und spielt eine gewisse Rolle in der Handlung) – in diesen Momenten des Zweifels vollzieht sich an Ivan selbst die Logik des von ihm geschaffenen Monsters. Die Opričniki terrorisieren allerorten den Land- und Dienstadel und sind selbst eine Macht im Staate geworden. Eine Macht, die selbst ihrem Erschaffer und obersten Gebieter langsam zusetzt. Er wird geradezu gezwungen, weiterhin der „Schreckliche“ zu sein. Es ist natürlich das Verdienst Mamonovs, dass wir etwas von diesen Zweifeln mitbekommen. Während Lungin den Film in einzelnen Kapiteln präsentiert, die in ihren eingeblendeten Titel sich immer auf den Zaren beziehen (Des Zaren Grimm, Des Zaren Freude ect.) hangelt sich die Handlung dennoch an der Heiligen-Chronik Filips ab: von der ersten Begegnung mit Ivan über das Ausschlagen des Angebots Patriarch zu werden, die Annahme des Angebots, die Gewährung von Schutz vor Ivans Zugriff für jene bereits erwähnten patriotisch blonden Recken, die tapfer gegen die Polen gekämpft haben, aber die Niederlage nicht verhindern konnten, die Verweigerung, Ivan den Segen zu erteilen und die darauf folgende Verbannung in ein Kloster, wo Filip wie ein Gefangener gehalten wird bis schließlich zur wundersamen Sprengung seiner Ketten und der dennoch erfolgende Ermordung durch den obersten der Opričniki.

Filips Rolle ist hier so etwas wie eine positive Versuchung Ivans – der göttliche Lichtstrahl, der in sein sündiges Dasein hereinscheint. Sein Sein als Figur ist damit aber auch sehr eng umrissen: Er ist präsent und gut und sonst nichts. Es fehlt, der Regel einer Heiligen-Chronik folgend, auch nicht an den Wunder, die zu einer solchen Chronik gehören. An dieser Stelle kommt auch wieder das anfangs von mir schon erwähnte Mädchen ins Spiel.

Es ist auf eine etwas unmotivierte Art ständig in diesem Film präsent. Es hat damit in etwa die gleiche allegorische Funktion, die – man erinnere sich – das Mädchen mit dem himbeerrot eingefärbten Mantel in den Ghetto-Szenen in Spielbergs Schwarz-Weiß-Film Schindlers Liste hatte. Es ist absolut überflüssig. Aber das ist bei dieser ansonsten kaum motivierten Handlung auch nicht weiter schlimm. So flattert sie wie ein allegorischer Schmetterling zwischen den beiden Protagonisten hin und her, so wie die menschliche Seele zwischen dem Guten und dem Bösen. Zurück zum Wunder: Dieses Mädchen nun lässt in einem entscheidenden Moment eines Gefechts zwischen den bösen Polen und den patriotischen russischen Recken, das justament einer Brücke gilt, eine Ikone zu Wasser (welche allegorische Funktion nun diese Ikone hat, möge bitte jeder für sich entscheiden). Diese Ikone schwimmt gegen einen Brückenpfosten und bringt eben die Brücke zum Einsturz und damit den Kampf zur Entscheidung. Die Recken und Russland sind – vorerst – gerettet. Was das Mädchen zu diesem Zeitpunkt aber an diesem Fluss zu suchen hatte, weiß allein der Drehbuchautor. Das arme Mädchen wird übrigens später im Film bei einem zu Ivans Freude ausgerichteten Gottesgericht, dem die patriotischen Recken zum Opfer fallen sollen, in einer Arena von einem Bären erschlagen, als sie einem der bereits vom Bären niedergeschlagenen Helden zur Hilfe kommen will und dem Bären ihre Wunder-Ikone vor die Schnauze hält. Aber Bären haben nun mal keine religiösen Gefühle. Was uns mit diesem Tod gesagt werden soll, weiß allein auch nur der Drehbuchautor. Aber es kommen noch schönere Wunder, das schönste: die Sprengung der Ketten an Filips Hand, als er bereits in seinem Kerker schmachten muss. Die Handlung hat sich bereits zugespitzt: Ivan hat die Ermordung Filips, dessen bloße Existenz ihm immer noch aufs Gemüt und auf den Magen schlägt, gerade seinem obersten und getreuesten Opričnik befohlen, Filip liegt in seinem düsteren Kerkerloch und betet und betet und betet. Das Ganze natürlich in dem üblichen Schattenspiel, unterlegt mit einem mystisch aufwallendem Soundtrack. Dann – pling – fallen die schweren Eisen von seinen Handgelenken und wir Zuschauer fragen uns, ob wir etwas verpasst haben. (Ich habe tatsächlich gleich zurückgespult und mir die Szene mehrmals wieder angeschaut.) Aber da war nichts zu verpassen. Jede Ursache hat seine Wirkung, um so mehr, wenn es eine höhere Ursache ist. Nebenbei wird auch noch das blinde Auge des Opričniks, der Filips Kerker bewachen muss, sehend gemacht. Der sieht danach natürlich auch moralisch klarer und schließt sich den Mönchen an, die Filips Leichnam nach dessen Ermordung, der er sich jesusgleich ohne Widerstand hingab, in eine Kloster-Kirche verbringen, wo er begraben werden soll.

Sicher, die folgende Interpretation geht vielleicht zu weit – aber Lungin ist sich nicht zu schade, uns hier am Ende des Filmes auch noch einen russisch-orthodoxen Holocaust anzubieten, denn die hölzerne Kirche, auf dessen Boden Filip begraben werden soll, wird kurz darauf von Opričnikis angezündet, und es verbrennen alle sich in ihr befindlichen Getreuen Filips, einschließlich des übergelaufenen Opričniks (das Brandopfer ist übrigens eine reine Erfindung des Filmes).

Wäre Lungin nun konsequent bei der Heiligen-Chronik des Filip geblieben, hätte der Film nun mit diesem eindringlichen Bild enden können. Aber da ist ja noch der titelgebende Zar. Der bleibt, wie das Böse stets, allein. Die Idee, die hinter den übrigens wiederum handwerklich auffallend schlecht gemachten Endszenen des Filmes stand, war, so ist zu vermuten, Ivan nach diesen Schreckenstaten, nach der Ermordung seines wandelnden schlechten Gewissens in Gestalt Filips, als einen wortwörtlich von allen guten Geistern verlassenen zu zeigen: Er lässt sich nächtlich auf die Straßen Moskaus tragen und ruft nach seinem Volke, aber niemand kommt, er bleibt allein, einzig umgeben von seinen Getreuen, den Opričniks. Und nun komme ich am Ende doch noch ins Grübeln – ist dies nun der kleine Wink, der kritische Fingerzeig für die heute Mächtigen, den ich so schmerzlich vermisst und die ganzen zwei Stunden dieses Filmes über erwartet habe?

Vielleicht. Aber was soll er letztlich bedeuten? Passt auf, dass Euch das Volk nicht davon läuft?

Hier an dieser Stelle muss aber noch einmal deutlich darauf hingewiesen werden, wohin das Volk der klaren Botschaft dieses Filmes zufolge laufen soll: in die Kirche.

Während nämlich bei Ostrov der Verkehrtheit der Welt die scheinbare Verrücktheit intensiven Glaubenserlebens entgegengehalten wird, die sich in Wahrheit und in Demut eins weiß mit Gott und der Welt, so wird uns im und mit dem Zaren die teuflische Gefahr der Selbstüberhöhung, die Sünde der Hybris, des Abfalls vom wahren Glauben, von der Demut und von der Treue zum wirklichen Herrscher der Welt vorgeführt. Ivan interessiert nur als die Verkörperung der Versuchung. Dem wird der Heilige Filip gegenübergestellt, der sogar den Märtyrertod stirbt und — stets als Vertreter der Kirche — das an und für sich Gute im Menschen überhaupt verkörpert, was den einzigen Schluss zulässt, dass diese rechtgläubige nationale russische Kirche schon immer auf Seiten des an und für sich Guten stand — in gehörigem Abstand zur weltlichen Macht natürlich. Mit der kann man sich aber übrigens auch einigen, wie die heutige Zeit zeigt, wenn diese gottesfürchtig und rechtgläubig genug ist (mal abgesehen von der Rückgabe des kirchlichen Grundbesitzes und von den steuerlichen Begünstigungen für kirchliche Handelsfirmen und andere wirtschaftliche Betätigungen). Soweit meines Erachtens das inhaltliche Konzept von Car‘. Aber es geht so glatt nicht auf. Zu vielschichtig ist dieser Ivan, zu platt sein Gegenpart, zu unschlüssig der Plot bei der Konzentration auf das, was erzählt werden soll und „die Botschaft“ sein könnte. Interessant ist zudem, dass Ivan und der kohlenverschmierte Eremit aus Ostrov sich gar nicht so unähnlich sind. Das mag nun jeder interpretieren, wie er will. Das Anstößige an Lungins vorvorletzten und auch an diesem Film ist aber ihr unverhohlenes Plädojer für das, was man einen minimalistischen wenn nicht sogar fundamentalistischen russisch-orthodoxen Minimalkonsenz nennen könnte: Seid brav, vertraut in Gott und in seine in seinem Lichte wandelnden Vertreter auf Erden! Und macht Euch nicht allzu viele Gedanken, auch keine religiös-theologischen, geht lieber beten! Achtung Religion! – möchte man da allenthalben ausrufen und auf jedwede freigeistige Toleranz pfeifen. Denn Religion war in Russland lange Zeit das „Opium des Volkes“ und ist es heute wieder um so mehr, oder wie ein schlauer Russe mir einmal in den Neunzigern sagte: Wir bauen Kirchen um für Häuser zu beten.

(Hier finden sich Teil I, Teil II und Teil III)

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Zar und Gottes Mann (Teil II/IV)

Juni 9, 2010

– eine etwas ausführliche Filmrezension zu  Car‘Der Zar (Russland 2009, Regie: Pavel Lungin)

II Ostrov und Car‘

Natürlich habe ich mir sofort nach Car‘ auch Ostrov besorgt und angeschaut.

Ostrov gefällt mir, bei aller fragwürdigen Ideologie, die er transportiert – Volksfrömmigkeit und die Heiligkeit der russischen Orthodoxie sind im Grunde auch die Hauptmotive dieses Films – in handwerklicher Hinsicht weitaus besser als Car‘, auch ist der ideologisch-propagandistische Gehalt dort subtiler und damit auch weitaus wirksamer verpackt. Mit der Figur des gefallenen Sünders, der als Mönch in ewiger Buße und selbst gewählter Armut und Einfalt dem „Sinn des Lebens“ näher ist, als alle seine Zeitgenossen, die sich eher den schnöden Dingen der Diesseitigkeit hingeben, und zu denen sowohl seine Mitmönche als auch der Abt des Klosters zählen, und denen er allesamt seine Lektionen in Demut erteilt – mit diesem exemplarischen Vertreter einer ehrlich gesagt – bei aller Intensität – doch ziemlich einfältigen Volksfrömmigkeit konnten sich viele, auch recht intelligente, Russen sehr leicht und mit Freude identifizieren.

Ostrov ist letztendlich ein filmisch-religiöser Traktat über Schuld und Vergebung (respektive Gottes Gnade, der man sich natürlich bis zuletzt nicht sicher sein kann, das wäre ja Blasphemie!). Das verlogen utopische Element von Ostrov ist eine ganz spezielle Form von Sozialromantik, die auf so etwas wie einen „gesunden Menschenverstand“ des einfachen russischen Menschen abhebt, der auf Gott, sprich auf die russisch-orthodoxe Tradition und Religion, vertraut. Dieser Sozialromantik geben sich, so muss man fürchten, heutzutage in Russland leider auch viele Intellektuelle hin. Das tragende künstlerische Mittel des Filmes und damit auch seiner Botschaft ist ein klebriger Mystizismus, der sich wunderbar elegischer Naturbilder und der kreatürlichen Intensität des Hauptdarstellers – hier eben auch Pyotr Mamonov – bedient, und der den Zuschauer am Ende mit einem wohligen Hauch von Ahnung in seine jeweils gar nicht so elegische Welt zurückschickt.

Das Konzept von Ostrov geht –  das muss man anerkennen – auf; er kommt an, eben auch bei Zeitgenossen, die man für kritischer hielt.

Dagegen wirkt Car‘ in vielerlei Hinsicht erheblich unausgegorener. Mal abgesehen von einigen wirklich groben handwerklichen Schnitzern – vor allem im Bereich der Kameraführung und der Schnittfolge –, weiß der Film vor allem mit seinem im Titel angekündigten und mit Pyotr Mamonov kongenial besetzten Protagonisten überhaupt nichts anzufangen.

Anstatt sich auf die künstlerisch äußerst spannende Figur des Ivan Grosnyj zu konzentrieren, dessen Zar- und Menschsein, dessen Konflikte, Vielschichtigkeit und seine Rolle in der russischen Geschichte (des Landes wohlgemerkt, und nicht nur der Religionsgemeinschaft), und so vielleicht eben das in Russland immer noch aktuelle Thema der „Selbstherrschaft“ der Mächtigen nicht in fantastisch-verfremdeter Form wie Sorokin in seinem Tag des Opritschniks, sondern nun – etwas volksnaher – in Form des Historiendramas zu behandeln, erzählt Lungin ein ziemlich plattes Gut- und Bösespiel.

Für dieses Schwarz-Weiß-Spiel wird der Zar im Grunde nur als die Verkörperung des an und für sich Bösen gebraucht, als Antichrist im Kreml. Die ganze hervorragende darstellerische Leistung Mamonovs – Ivan ist hier ein von seinen Dämonen Getriebener, hin- und hergerissen zwischen Schuld und Buße und Selbstvergebung, einer, der sich hingebungsvoll in seiner boden- und haltlosen Selbstliebe und Selbstidolatrierung aufreibt – all das ist wirklich für die Katz, auch wenn es aufwendig und manchmal auch sehr gelungen ins Bild gesetzt wird. Denn die eigentliche Hauptfigur dieses Filmes, der eben in Wirklichkeit eine Heiligen-Chronik sein will, dem es aber aus verschiedenen, hauptsächlich handwerklichen Gründen aber auch nicht ganz gelingt, eine solche zu sein, ist Filip, jener Pope und Abt des Soloveckij-Kloster, dem das kleine Mädchen, das ich am Anfang erwähnte, justament in die Arme lief und der dann auch gleich seine schützende Hand über sie hält, als er auf seinem Weg nach Moskau den nach getanem üblen Handwerk zum Kreml zurückreitenden Opritschniki begegnet und diese die Herausgabe des Mädchens verlangen. Das Problem mit dieser Figur ist, dass sie als die Verkörperung des an und für sich Guten natürlich herzzerreißend langweilig und uninteressant ist. Aber das eigentliche Grundproblem des Filmes ist, dass er aus seinen Figuren, die ja historische sein sollen, überhaupt nichts herausholt.

(Es folgen Teil III und Teil IV, hier findet sich Teil I)