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Uneiniges Russland: Moskau, 10. Dezember 2011

Dezember 12, 2011

Angefangen hat alles im Herbst. „Wundert euch, wenn man euch demütigt, hört auf, euch zu fürchten, steht für eure Werte ein, fordert faire Wahlen, schickt sie beide in den Ruhestand“. So stand es in dicken Lettern am Cover des Journals „Bolshoj Gorod“ und die Schlagwörter des dazugehörigen Leitartikels sind Zivilgesellschaft, gewaltloser Widerstand und die Möglichkeit eines neuen Russlands. Irgendwie dachte man ja, dass das die letzte Ausgabe des Magazins sein müsste, das wöchentlich erscheint und in vielen Lokalen, Kinos und Theatern kostenlos ausliegt.

Aber es ging weiter, und weiter, und weiter. Nach Putins Erklärung, im März 2012 ein weiteres Mal bei den Präsidentschaftswahlen zu kandidieren, ging eine Welle der Empörung durch das Land. Bei einem Boxkampf wird er ausgebuht (der „Pervyj Kanal“ sendete Putins Auftritt daraufhin ohne Tonspur), in den sozialen Netzwerken machen hunderte Karikaturen, Photoshopmontagen und bissige Kommentare zum Medvedev-Putin-Tandem die Runde. Bereits Wochen vor den Duma-Wahlen kursieren Aufrufe, seine Stimme erst abends, kurz vor Schließung der Wahllokale, abzugeben: bereits die letzten Wahlen hatten gezeigt, dass so mancher Bürger dann vor die überraschende Tatsache gestellt wurde, laut Aufzeichnungen bereits gewählt zu haben.
Und nach den Wahlen, da ging es erst richtig los. Hunderte neutrale Beobachter stellen Videos, Fotos und detaillierte Berichte ins Netz, die das Ausmaß des Wahlbetrugs deutlich machen. Mehr als 10.000 Menschen gehen auf die Straße, bei einer zweiten, nicht angemeldeten Demonstration übersteigt die Zahl der Polizei und der kremlnahen „Naši“ fast die Zahl der Demonstranten. Insgesamt werden über 500 Aktivisten festgenommen, manche für wenige Stunden, einige für bis zu zwei Wochen.

 

Danach weiß irgendwie niemand so genau, wie das ging, aber auf einmal interessieren sich alle nur mehr für Politik. Während die Proteste im Staatsfernsehen ignoriert werden, melden sich online Zehntausende für die dritte geplante Demonstration an. Gerüchte machen die Runde: man fürchtet speziell für die Demo angeheuerte Provokateure (Stundenlohn 200 Rubel), angeblich sei auch eine tschetschenische Spezialeinheit bereits auf dem Weg nach Moskau. Ein Astrologe rät, am Wochenende „große Menschenaufläufe“ zu vermeiden, der Fernsehdoktor ebenso (die Grippegefahr sei nicht zu unterschätzen), auf manchen Unis wird Studenten geraten, am Samstag besser zu Hause zu bleiben, um den Studienplatz zu behalten und Schüler werden am Tag des Meetings zur Sicherheit kurzfristig zu einer Kontrollarbeit in die Bildungseinrichtungen beordert. Die Kultur-Plattform OpenSpace richtet Hotlines ein, wo man im Notfall Ärzte, Juristen und NGOs erreichen kann. „Bolšoj Gorod“ erklärt, was man zu einer Demo mitnehmen soll, wie man sich im Falle einer Verhaftung zu verhalten hat, was vermutlich auf der Polizeistation mit einem passiert, und was zu tun ist, wenn man geschlagen wird (laut schreien und Kopf schützen). Viele Journale, darunter Snob, richten einen eigenen Blog ein, auf dem das Meeting in Echtzeit kommentiert wird, zu Hause Gebliebene können das Ereignis auf mehreren Livestreams verfolgen.

Und dann die Demo selbst. Aus allen Richtungen strömen Leute herbei. Viele sind den Aufrufen der Organisatoren gefolgt, tragen weiße Bänder oder haben Blumen mitgebracht, als Zeichen dafür, dass das Treffen friedlicher Natur ist. Wie viele Demonstranten es insgesamt sind, ist schwer zu sagen, vielleicht sechzig, siebzig, achtzigtausend. Die Masse ist ständig in Bewegung, Leute kommen und gehen, auf den Brücken die zum Platz führen, kommt man kaum mehr voran. Nicht zu übersehen auch das riesige Polizeiaufgebot, die so genannten OMONs (über 50.000 sind es angeblich), die sich, und das ist wohl die größte Überraschung dieser Veranstaltung, auffällig korrekt verhalten und lediglich die Menschenströme in die richtige Richtung lenken.

Auch die russischen Kulturschaffenden sind vertreten, Boris Akunin hat, glaubt man den Berichten, extra für die Demonstration seinen neuen Fandorin links liegen gelassen und spricht zum Publikum, auch Dmitry Bykov ist hier und fordert als Bürger und Poet sein Recht auf freie Wahlen und ein demokratisches, europäisches Russland. Eigentlich hätte die Schriftstellerin Ljudmila Ulickaja die Veranstaltung eröffnen sollen, aus (mir) unbekannten Gründen hält sie dann aber doch keine Rede.
Ihre Zuhörer sind Menschen aller Altersklassen und Gesellschaftsschichten, die auf Plakaten Neuwahlen, Pressefreiheit oder die Auslieferung des faulen Zauberers Čurovs (Vorsitzender der Wahlkommission) nach Azkaban fordern. Neben mir steht eine Gruppe Kommunisten, vor mir filmen ein paar Hipster das Geschehen mit ihren I-Pads und Smartphones, eine Frau im Pelzmantel lehnt an einem Baum, Studenten, Senioren und vereinzelt ein paar maskierte Nationalisten stehen da, hören zu oder machen Fotos.

Nach etwas mehr als 5 Stunden friedlichen Demonstrierens endet das Meeting mit, natürlich, Viktor Cojs „Peremen“.

Und jetzt? Revolution war es keine, aber Revolution war auch keine geplant. Auf jeden Fall war es ein gewaltiges Lebenszeichen eines anderen, neuen Russlands, das endlich aus seiner Politikverdrossenheit erwacht und eine intelligente, aktive Opposition zu bilden beginnt. Der Dichter Lev Rubinštejn hat es nach der Demonstration so ausgedrückt: „Eigentlich fängt gerade erst alles an. Ich verstehe die Skeptiker, ich bin ja selbst einer. Aber das, was heute passiert ist, wäre vor einem Jahr, sogar vor einer Woche noch unvorstellbar gewesen. Wir, oder sehr viele von uns haben uns plötzlich daran erinnert, dass unsere persönliche Würde es Wert ist, dass man für sie kämpft und für sie eintritt. Jetzt müssen wir sehr viel nachdenken. Das ist übrigens generell nicht schlecht. Aber jetzt ganz besonders. Machen wir weiter?“

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Fotos von Natasha Kabaeva

Marina Abramović in Moskau – The Artist is (not) present

November 28, 2011

Marina Abramović ist Kult. Sie gehört zu den bekanntesten Künstlern der Welt, ihre Performances sind eindringlich, radikal, beeindruckend, gehen bis an die Grenzen des körperlich Möglichen und manchmal auch darüber hinaus.Genauso ist Marina Abramović Pop. Weil sich Stars wie Lady Gaga für sie begeistern (“She is so incredible. She is a limitless human being, she is boundless”), weil sie mit ihren Performances in Serien wie “Sex and the City” oder “House” auftaucht.

Unter dem Titel “The Artist is present – V prisutstvii chudožnika” wird in Moskau nun eine Retrospektive der Künstlerin gezeigt, die 40 Jahre ihres Schaffens dokumentiert. Das Interessante an der ursprünglich für das MOMA New York konzipierte Ausstellung ist, dass nicht nur Videos und Fotografien von Performances gezeigt werden, sondern auch einige der bekanntesten Arbeiten Abramovićs erneut “live” dargestellt werden.
Die jungen Leute, die diese Reinszenierungen ausführen (manche sind Tänzer oder Schauspieler, einige sind einfach über die Facebook-Ausschreibung gekommen) wurden mehrere Wochen lang von Abramović selbst trainiert, um sie auf die sowohl physisch als auch psychisch anstrengende Arbeit vorzubereiten.
Und einfach ist es sicher nicht für die Akteure, das wird dem Besucher bereits beim Betreten der Ausstellung klar: Zutritt zum ersten Saal bekommt nur, wer sich durch zwei nackte Körper zwängt, die einander so eng gegenüber stehen, dass nur ein seitliches Durchgehen möglich ist. “Imponderabilia” nennt sich dieses Werk aus den 1970er Jahren, das bei seiner Erstaufführung durch einen Polizeieinsatz vorzeitig beendet werden musste.
In Moskau greift die Polizei zwar nicht ein (was tatsächlich verwundert, wurden doch schon viel weniger provokative Ausstellungen boykottiert), vielen Besuchern ist aber anzusehen, dass sie es bevorzugt hätten, die Ausstellung anders zu betreten. Die meisten wenden sich dem nackten Mädchen zu und huschen gesenkten Blicks weiter.

Der gesamte erste Saal zeigt Reproduktionen von bekannten Performances, an der Wand hängt auf einer unglaublich unbequem aussehenden Konstruktion ein blondes Mädchen, dessen Muskeln zittern und das mit gequältem Blick ins Leere starrt (“Luminosity”/1997), in der Mitte des Raumes die Installation “Nude with Skeleton” (2002/2005), Frau mit Skelett. Die Atmung der Frau bringt das aus ihr liegende Skelett in Bewegung, es hebt und senkt sich und wird langsam Teil ihres Körpers. Angelehnt an ein tibetanisches Totenritual thematisiert die Arbeit die Angst, die Konfrontation mit dem eigenen Tod. Ebenfalls nachgestellt wird die Performance “Point of Contact” (1980), bei der sich zwei Menschen so nahe gegenüberstehen, dass sie sich fast berühren, aber in dem Spannungsfeld vor der eigentlichen Berührung stundenlang verharren.

Die Idee, eine eigentlich einmalig stattfindende Perfromance erneut zu inszenieren, scheint durchaus ihre Berechtigung zu haben. Abramović selbst hatte einst Performances von Beuys, Valie Export oder Bruce Nauman wieder aufgeführt, und auch ihre eigenen Projekte manchmal ein zweites Mal gezeigt. Die Reinszenierung, so Abramović, halte die Arbeiten am Leben, auch wenn eine Wiederholung weder in Form noch Wirkung jemals mit der ursprünglichen Performance identisch sein könne.

Obwohl die Reinszenierungen durch ihre Direktheit und ihren Mut beeindrucken, wird die in den Originaldarstellungen erreichte Intensität nicht erreicht. Kaum einer der Besucher verweilt länger als ein, zwei Minuten vor den Arbeiten, ein wenig entsteht der Eindruck, dass durch das Nebeneinanderstellen von mehreren Performances auf so engem Raum diese zu statischen Kunstwerken im Stile von Gemälden oder Fotografien werden, an denen man nach kurzem Betrachten vorübergeht, vielleicht auch, um den unangenehmen Gefühlen, die diese auslösen können, zu entfliehen. Ein wichtiges Element der Performance, nämlich jenes der Dauer und des Betrachtens, geht somit verloren.
Außerdem können die jungen Schauspieler nicht an die Präsenz und Energie heranreichen, die von Abramovićs Performances ausgeht (sogar ein Vergleich mit einer einfachen Videoaufzeichnung der Original-Aufführungen macht das deutlich).
Anders gesagt ist es fast so, als würde man ein Foto von einem bekannten Gemälde sehen. Auch schön, natürlich, aber doch mit dem Original nicht zu vergleichen.

In chronologischer Abfolge werden in den weiteren Räumen Arbeiten Abramovićs gezeigt, die oft den Körper als Instrument und Material in den Mittelpunkt stellen: in “Rhythm 0” (1974) lieferte sich die junge Künstlerin völlig dem Publikum aus, welches aus einer Reihe von vorhandenen Gegenständen (darunter Farben, Seife, Blumen, ein Messer, eine Pistole, eine Kamera, Honig) auswählen konnte, um über den Körper Abramovićs zu verfügen. Das riskante Experiment eskalierte nach wenigen Stunden und wurde von geschockten Zuschauern abgebrochen.
Die Ausstellung dokumentiert im Weiteren u.a. die Arbeiten “The Lips of Thomas” (1975/2005), eine stark autobiographisch gefärbte Performance, in der Abramović Kommunismus und Orthodoxie, zwei zentrale Momente ihrer Jugend in Jugoslawien thematisiert (auch diese Performance wurde in New York durch die Intervention von Zuschauern beendet), sowie “Role exchange” (1974/2004), in der sie für wenige Stunden mit einer Amsterdamer Prostituierten die Rollen tauschte.
Ein weiterer Abschnitt der Retrospektive ist den gemeinsamen Arbeiten von Abramović und dem deutschen Künstler Ulay gewidmet, mit dem sie von 1976 bis 1989 zusammenarbeitete. Das Paar untersucht in seinen Performances die Grenzen des Körperlichen und strebt nach totaler künstlerischer Einheit des männlichen und weiblichen Körpers. Sie atmen bis zur Bewusstlosigkeit durch den Mund des jeweils anderen aus und ein, schreien einander an bis die Stimmen versagen, rennen mit nackten Körpern frontal aufeinander zu, um durch den Zusammenprall männliche und weibliche Energie zu vereinen.
“The Great Wall Walk” (1988) ist die letzte gemeinsame Performance der beiden. Etwa drei Monate lang gehen sie entlang der Chinesischen Mauer einander entgegen. Nachdem jeder etwa zweieinhalbtausend Kilometer zurückgelegt hatte, treffen sie aufeinander, um von nun an in Kunst und Leben getrennte Wege zu gehen.
Von den Werken “Balkan Baroque” (1997) und “The House with the Ocean View” (2002) gibt es nur die Kulissen zu sehen. Für “Balkan Baroque” reinigte Abramović in Erinnerung an die Balkankriege auf der Biennale in Venedig etwa eineinhalb Tonnen Rinderknochen von Fleischresten. In Moskau läuft nur die aufgezeichnete Tonspur, die fahlen Knochen liegen auf einem großen Haufen in der Ecke. Der von ihnen verbreitete unangenehme Geruch zwingt die meisten Besucher, den Raum schnell wieder zu verlassen.

Für “The House with the Ocean View” lebte die Künstlerin zwölf Tage lang in einer New Yorker Gallerie und ließ sich von den Besuchern bei ihren asketischen, alltäglichen Ritualen beobachten. Während in früheren Performances vor allem der Körper, oft auch Schmerz oder Angst im Mittelpunkt standen, geht es in neueren Arbeiten Abramovićs vor allem um Spiritualität und Energie. Zelebriert wird die Langsamkeit des Kunstwerks sowie die Präsenz von Künstler und Betrachter.
Deutlich wird das vor allem in der letzten ausgestellten Performance, die Abramović für die MOMA-Retrospektive konzipierte: dort hatten Besucher die Möglichkeit, der Künstlerin mehr als 600 Stunden lang an einem Tisch mit zwei einfachen Holzstühlen so lange wie gewünscht gegenüber zu sitzen und mit ihr Blicke zu tauschen.

In Moskau sind leider nur die Requisiten der Performance zu sehen, über die Wände flimmern Videoaufnahmen von Abramović und ihren Gegenübern. Durch ein einfaches Schild werden die Zuseher aufgefordert, “so lange wie gewollt” auf einem der Stühle Platz zu nehmen. Der Blick ins Leere kann allerdings einem wahren Zusammentreffen mit der Künstlerin nicht das Wasser reichen.
Bei der Betrachtung der Kulissen der verschiedenen Performances wird dem Besucher einerseits eindringlich ihre Radikalität bewusst: diese Kunstwerke sind so intensiv, so fordernd, dass sie lediglich einmal aufgeführt werden können. Andererseits ist aber gerade die Nicht-Anwesenheit der Künstlerin und das oft ein wenig enttäuschende Betrachten der reinen Form wohl das größte Defizit der Ausstellung, da das Unmittelbare, Langwierige, Intensive verlorengeht.

Marina Abramović – The Artist is Present. Center for contemporary culture “Garaž”, 8. Oktober – 4. Dezember 2011;

Марина Абрамович – В присутствии художника. Центр современной культуры “Гараж”, 8 октября – 4 декабря 2011.

http://www.garageccc.ru/exhibitions/18505.phtml

Urban Cultures

August 31, 2010

Europäische Ethnologen, und zwar nicht nur jene am Hallenser Institut, beschäftigen sich doch mit Osteuropa, zumindest mit den russischen Großstädten. Cordula Gdaniec hat ein bemerkenswertes Buch herausgegeben: „Cultural Diversity in Russian Cities. The Urban Landscape in the Post-Soviet Era“, erschienen dieses Jahr bei Berghahn books.

Aus der Perspektive der qualitativen ethnographischen Forschung diskutieren die Beiträge verschiedene Facetten ‚urbaner Kulturen‘. Ethnizität, Lebensstil, Gender und ökonomische Praktiken sind die leitenden Kategorien. „These essays give some insight into the spatial practices of groups of people beyond the Russian cultural mainstream – where and how they become visible“ (3). Das betrifft zum Beispiel die nicht angestammten Moskauer, die stigmatisierten Parallelexistenzen der ‚zweiten Wahl‘ ohne offizielle Aufenthaltserlaubnis, oftmals aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Vorderasiens und jene, die unter dem virulent gewordenen russischen Wort „gastarbajtery“ zusammengefasst werden. Auch lesbische und afrikanische Gemeinschaften in Moskau sowie chinesische und weibliche Migrantinnen in Petersburg sind Gegenstände des Bandes. In zentralen Städten zu leben, kann auch heißen, noch weiter an die Peripherie der Macht zu rücken.

Die Themen und Fragen, der engagierte Tonfall vieler Artikel und die Kritik an den Machtmechanismen der Großstädte sind nicht nur politisch sehr korrekt, sondern lassen ein wenig aufhorchen: Was ist mit Groys‘ These, in Russland fände die Aneignung alternativer Ideen des Westens, ihre Radikalisierung und Entgegenstellung statt? Haben wir es gerade mit einem Aneignungsprozess zu tun oder bereits mit der Phase der Radikalisierung oder sind es nicht eher Globalisierungsprozesse, die ohne russischen Sonderweg reproduziert werden? Oder doch die Angst davor, dass Russland sich abschafft?

Von einem Kunst-Event nahe Moskau

Juli 28, 2010

von Matthias Meindl

Eröffnungsperformance

Ein Art-Event, das sehr charakteristisch scheint für die derzeitige Moskauer Kunstszene, war das Festival Archstojanie 2010. Es fand am 24/25. Juli im Dörfchen Nikola-Lenivec im Kalužskaja oblast’, etwa 200 km von Moskau entfernt, statt. Von der Kirche des Dörfchens öffnet sich ein wunderschöner Blick auf das Flusstal der Ugra, in dem sich 1480 der Moskauer Staat die Unabhängigkeit vom mongolisch-tatarischen Joch erkämpft haben soll.

Ugra-Tal mit Konstruktion von Polisskij

Ugra-Tal mit Konstruktion von Polisskij

In der Idylle dieses Orts hatte der Künstler Nikolaj Polisskij schon einige Jahre zusammen mit den alteingesessenen Bauern Konstruktionen aus Stroh und Geäst gebaut, bevor 2006 das erste Festival für Landart unter Beteiligung vieler Architekten aus der Hauptstadt stattfand.

Dieses Jahr war Oleg Kulik eingeladen worden, die Archstojanie zu kuratieren. Kulik wurde im Westen vor allem durch seine spektakuläre Aktionskunst in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre bekannt, als er oft als rasender Köter Straßen und Ausstellungen unsicher machte. In Moskau kannte man ihn jedoch schon in den frühen 1990ern, als er sich in der Rolle eines Eventmanagers inszenierte, der in der Galerie Ridžina oder auch manchmal vor den Toren der Stadt ‚neue Russen’ mit ‚Kunstfesten’ bespaßte.

Ivan Kolesnikov, Sergej Denisov: Remont zemli (dt. Restaurierung der Erde)

Unter dem Titel „Die neun Schlüssel des Labyrinths: Wald-Liturgie“ („Devjat’ ključej labirinta: Lesnaja liturgija“) veränderte Kulik merklich den Charakter des Festivals. Die Landschaft am Ufer der Ugra blieb weitgehend unberührt, die Interaktion von Landschaft und Architektur/Skulptur stand nicht im Mittelpunkt des Festivals.

Der Zuschauer war eingeladen zum Spaziergang-Ritual („progulka-ritual“) in einem weitgehend neu erschlossenen Terrain nördlich des Flusstals. Viele der künstlerischen Eingriffe, erweitert um Performance-Handlungen nahmen Bezug auf mystische Praktiken.

In halbtransparenten Roben gewandete Frauen streiften tanzend über das Territorium und konnten auf diese Weise vielleicht, wie im konsum- und zivilisationskritisch gehaltenen Kuratorenmanifest versprochen, den Raum verinnerlichen und ‚mythisieren’, was dem Verfasser aufgrund seiner eher rationalistischen Geisteshaltung leider nicht gelang. Diesem stieß eher übel auf, dass er sich die Staubpiste zwischen den beiden Hauptterritorien (etwa 20 min. Fußweg) mit den notorischen Jeeps teilen musste, die zu Hunderten aus Moskau herangerollt waren, und deren Insassen wohl größtenteils gar nicht wegen ‚moderner Kunst’, sondern der Musik (Techno, Fusion), des Essens, des Badens, der ‚Magie’, kurz des integrierten Spektakels wegen gekommen waren.

Sergej de Rokambol‘, Anna Nikolaeva: Geomantika i Uranografija (dt. Geomantik und Uranographie)

Die künstlerischen Eingriffe in der Natur sollten dem Raum kein Gesicht im Sinne einer ‚Landschaft’ geben. Das Konzept des Labyrinths suggeriert eine spielerische und/oder mystische Erfahrung, und sollte die Werke der teilweise sehr bekannten Künstler (Dmitrij Gutov, Anatolij Osmolovskij, Sinye nosy) auf einen Nenner bringen. Aufgrund der Verschiedenartigkeit der Werke konnte dabei der Raum wenn nicht als Containerraum, so doch als weitgehend abstrakter Naturraum und die langen Wege als redundant empfunden werden. Zugegeben, die Ausstellung forderte heraus, sich Gedanken zu machen, über das Erbe der mythischen Raumwahrnehmung in der ästhetischen Raumwahrnehmung der Kunst. Dieses Erbschaftsverhältnis ist jedoch verworren, und ein Nachdenken darüber versetzt wohl kaum in die harmonische Stimmung einer New-Age-Meditationspraxis. Am Ende mag dies alles vielleicht nur über die Repräsentation mittels der Landkarte zusammengehalten werden (ganz anders als übrigens eine Landschaft), mit deren Hilfe sich der Zuschauer, und selbst dann auch nur unter Schwierigkeiten, orientieren konnte. Monastyrskijs, auf einem abgemähten Feld gelegener, typisch konzeptualistischer Beitrag „Odinnadcat’“ („Elf“), Nummer elf des Parcours – ein Halbkreis von 20 Metern Durchmesser aus grünem Tuch, mit einer weißen „11“ bemalt –, gab somit einiges zu Denken auf.

Andrej Monastyrskij: Odinnadcat‘ (dt. Elf)

Polnisch-Russischer Frühling

Mai 6, 2010

Nach der Katastrophe von Smolensk wird auch im offiziellen Kulturbetrieb viel von Versöhnung zwischen Polen und Russland gesprochen. Am 4. Mai fand im Moskauer Čechov-Kunsttheater (MchAT) eine „symphonische Performance“ statt, die an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 65 Jahren erinnern sollte.

http://www.mxat.ru/english/performance/requiem/

Vier Teile der traditionellen Totenmesse haben die Veranstalter ausgewählt, um Musik und Text zusammen zum Totengedenken erklingen zu lassen. Alles ziemlich erhaben. Es gab aber auch einen ‚Teil‘ des Requiems, der gar nicht im traditionellen musikalischen Requiem vorkommt: Confiteor – Ich bekenne. An diesem Teil waren sechs prominente Redner beteiligt, die sich wahrscheinlich zu etwas oder etwas bekennen sollten.  Eine interessante Gruppe kam da zusammen: u.a. Hanna Schygulla (Deutschland), Oleg Tabakov (Russland), Daniel Olbrychski (Polen). Wie die polnische Gazeta Wyborcza berichtet, wurde der polnische Teilnehmer, der Schauspieler Daniel Olbrychski, der mit Vladimir Vysockij befreundet war, mit sehr viel Sympathie empfangen. Der Liedermacher Vysockij war auch, um es etwas respektlos auszudrücken, Olbrychskis Aufhänger. Denn mit ihm, mit der Erinnerung an seine rauhe und melancholische Stimme, lässt sich alles Tabuisierte und Schmerzhafte schnell neutralisieren. Der Schauspieler zitierte in seiner Geschichts-Erinnerungsrede, die von der Gazeta Wyborcza abgedruckt wurde, ein Gedicht von Vysockij über das ‚Ausbluten‘ Warschaus 1944, als die sowjetischen Panzer vor der Stadt gestoppt wurden. Danach konnte dann auch unter der Vysockij-Betäubung auch noch Katyn und NKDW in einem Zug genannt werden. Vielleicht geht es nicht anders. Es war keine lange Rede, das hätte, zusammen mit den anderen Rednern, den Rahmen des Confiteor sicher gesprengt. Daher kam der wirklich kleinste gemeinsame Nenner zwischen Polen und Russland zur Sprache: „Ihr Russen und wir Polen liebten beide Vysockijs Lieder. Denn in ihnen war Wut gegen unsere gemeinsame Realität nach dem Zweiten Weltkrieg“. Ich fürchte, da kann auch Hanna Schygulla mit einstimmen. Wie in dem Lied „Koni“ von 1979, dessen polnische Übersetzung in den 1980ern sehr beliebt war.

XipXopera!

Februar 15, 2010

Der naheliegende, aber vielleicht nicht immer glücklich zu nennende Versuch einer Fusion von Elementen aus Oper und Hip Hop ist in den letzten Jahren zweifelsohne international salonfähig geworden. Nachdem MTV bereits im Jahre 2001 eine Carmen-Adaption mit unter anderem Wyclef Jean und Mos Def verfilmt hatte, folgten in den letzten Jahren ähnliche, nun ja, Cross-Culture-Projekte in verschiedenen europäischen Ländern, darunter in Deutschland wie etwa die Hip H’Opera – Così fan tutti an der Komischen Oper in Berlin im Jahre 2006 oder gerade aktuell die als „Kulturschocker“ apostrophierte Version von Mozarts Zauberflöte in Mannheim, auf der kräftig vom unvermeidlichen Sido mitgeblasen wurde.

Da ist es nur recht und billig, wenn es auch die Moskauer Hip-Hop-Szene zur großen Form der Oper drängt. Unter dem Titel Копы в огне (zu deutsch etwa Cops unter Feuer) feierte Ende Januar im Teatr na Strastnom eine Aufführung eine reichlich umjubelte Premiere, die auf der experimentellen Zusammenarbeit von jungen Theaterakteuren und Rappern beruht. Unter der Regie des MChT-Absolventen Jurij Kvjatkovskij spielt, singt, tanzt und rappt ein gut 30-köpfiges Ensemble eine absurde Komödie herunter, bei der die vier Polizisten Kozul’skij, Jablonski, Pipi und Černyj Kop versuchen, einen bösartigen Verbrecher und dessen kriminellen „Klub 8 ubijc“ dingfest zu machen, bevor dieser die Stadt N. mit einer Horrordroge vom schlagenden Namen „Der’morin“ überziehen kann.

Was als Plot zunächst an Einfachheit kaum zu überbieten ist, gewinnt seinen Reiz jedoch aus einer überdrehten Charmschen Komik, einer kaum zu leugnenden Trashigkeit insbesondere der Protagonisten und dem parodistischen Spiel mit dem Mythos vom toughen Police Officer.

Die Musik, die vom Rapper und Gründer des Hip-Hop-Labels How2make Aleksandr Holenko, auch bekannt als DZA, geschrieben wurde, liefert hierzu einfache Old School Beats und schmutzig-böse bis lakonische Texte.

Das Stück debütierte bereits im Dezember 2009 in St. Petersburg und ist jetzt an die Moskauer Bühnen gekommen, wo es im Strastnoj zum Renner im Repertoire aufgestiegen ist und das stürmische Interesse eines jungen und trendigen Publikums erregt.

Die nächsten Aufführungen finden wieder im März statt. Karten über die Kasse des Teatr na Strastnom

Eine Art offizieller Video-Clip des Hits „V čem kopa dela?“, der aus dem Auftritt der Cops beim Piknik Afiša entstanden ist, lässt sich hier begutachten:

Und hier noch ein Eindruck von den Proben mit Interviews zum Thema: