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„Es war nicht in böser Absicht“

Mai 13, 2010

Oder von der Notwendigkeit, Fragen in Frage zu stellen

Stimmen zum Podiumsgespräch mit Ivana Sajko und Dorota Masłowska am 6. Mai im LCB


Stimme 1 (erleuchtet):

Nun, was hier kürzlich über die Eröffnungsveranstaltung des Symposiums „Dramaqueen“ am LCB gebloggt wurde, ist wirklich bösartig und übertrieben. Geradezu ein Verriss um des Verrisses willen! Ich jedenfalls fand das von Sabine Adler moderierte Gespräch mit den Dramatikerinnen Ivana Sajko und Dorota Masłowska äußerst inspirierend! Zielstrebig und konsequent führte die Moderatorin das Interview. Gekonnt wusste sie mit dem emanzipatorischen Getue der Gäste umzugehen und forderte sie heraus, ihr wahres Gesicht hinter der aufgesetzten Maske zu zeigen. Denn was verbirgt sich hinter der schieren Obszönität, der geballten Gewalt, der plakativen Sexualität ihrer Werke? Folgen die Frauen damit nicht einfach einem äußerst lukrativen Trend, der ihnen schnellen Ruhm und Publicity verspricht? Wut und Vulgarität haben in der schönen Literatur nichts zu suchen! Gerade jetzt, da in Kroatien der Krieg vorbei ist, wäre es doch auch wirklich an der Zeit – wie Frau Adler richtigerweise und in der für sie so charakteristischen präzisen Wortwahl empfiehlt – mal „Schwamm drüber“ zu sagen. Dank ihrer langjährigen journalistischen Erfahrung zeigte die Moderatorin – in einer beeindruckend unerschrockenen, investigativen Herangehensweise – dennoch edelmütig Bereitschaft, sich mit den schwerwiegenden Problemen der osteuropäischen Gesellschaften auseinanderzusetzen, insbesondere mit Drogen und Gewalt. Großzügig lobend hob sie in diesem Kontext auch hervor, dass Sajko endlich einmal auf die tragische Rolle der Frau als handlungsunfähiges Opfer im Krieg aufmerksam gemacht habe, forderte aber gleichzeitig zurecht eine verstärkte Reflexion des in den Texten beider Autorinnen so intensiv postulierten Männerhasses.

Die in ihren Werken doch so großmaulige Masłowska wusste bald nicht mehr, was sie auf Frau Adlers pointierte Fragen antworten sollte und vertuschte es mit punkig-adoleszentem Schweigen, während sich Sajko in ihrer üblichen sprachlichen Laxheit über „the shit of the world“ ausließ. Frau Adler verfolgte jedoch trotz Ablenkungsmanövern und versuchter Gesprächsverweigerung weiterhin eine klare Linie bei der Interviewführung. Dadurch gelang es ihr, zentrale Aspekte des literarischen Schaffens Masłowskas und Sajkos kritisch zu hinterfragen und wichtige Impulse für eine gesellschaftliche wie auch künstlerische Weiterentwicklung zu geben – jenseits von Gewalt, sprachlicher Grobheit, aufgesetzten Draufgängerinnentums und unnötiger sexueller Anspielungen.

Stimme 2 (vergebend):

Rückständiges Osteuropa, böse Sexualität, zu viel Aggression?

Dass sich die platten Fragen der Moderatorin als „provokante Fragen“ verkleiden, kann ihre Plattheit zwar nicht verbergen, aber „Provokation“ ist trotzdem ein sympathischer Begriff. Dass die zentrale Provokation Sajkos und Masłowskas im Gebrauch von Geschlechtsorgane bezeichnenden Wörtern besteht, ist mir zwar neu, aber dass die Moderatorin selbiges offenbar tatsächlich als beschämend und Aufsehen erregend empfindet, ist ja im Grunde irgendwie niedlich. Dass sie Männerhass sieht, wo keiner ist – nun ja, das haben vor ihr ja auch schon andere getan, ganz im Sinne des Antifeminismus. Und dass sie, trotz Widerspruchs von Sajko und Masłowska, versucht, gesellschaftliche Probleme auf Polen und Kroatien abzuschieben – das sind doch diese Länder im fernen, fernen Osten mit ganz viel Gewalt und so, oder? – Schwamm drüber!

Außerdem ist es den beiden Befragten ja glücklicherweise trotz allem irgendwie gelungen, nicht nur brav Antworten auf jede noch so „provokante“ Frage zu geben, sondern sogar – den schlechten Vorlagen zum Trotz – einige tatsächlich bereichernde Dinge zu sagen, für die es sich also doch gelohnt hat, zum LCB zu fahren…

Stimme 3 (zynisch):

Der Unmut auf dem Podium, der angesichts der zahlreichen unangenehm-suggestiven Fragen insbesondere Masłowska zunehmend anzumerken ist, scheint irgendwann sogar von Frau Adler feinfühlig wahrgenommen zu werden. Nur leider, leider kann sie an dieser unerträglichen Situation ja nichts ändern: „Ich muss Sie weiterquälen. Sie sind ja selber schuld, weil Sie so erfolgreich sind!“ Interessantes Selbstverständnis als Moderatorin. Und wo wir’s schon vom Quälen haben: Vielleicht hätte eine bessere Vorbereitung auf den Abend auch zu der Erkenntnis beigetragen, dass Sajko keinesfalls von armen passiven Opfern schreibt? Egal, eigentlich interessiert Literatur und ihr subversives Potential hier ja scheinbar sowieso niemanden, nein, wir sind schließlich hier, um endlich einmal zu erfahren, wie denn nun die Situation in diesen weit entfernten Ländern im anrüchigen Osten ist!

Stimme 4 (zusammenfassend):

Ein passendes Schlusswort? Das hat zum Glück Frau Adler selbst geboten: „Es war nicht in böser Absicht.“ Welch’ erfreuliche Nachricht, und was könnte dieses Nicht-Gespräch besser zusammenfassen? Das in diesem Blogbeitrag gefällte vernichtende Urteil über die Moderation des Nicht-Gespräches ist hingegen sehr wohl ein Resultat böser Absicht: Der geneigten Leserin wird sicher nicht entgangen sein, dass sich Stimme 1 und 2 lediglich, ganz nach dem Vorbild der platten Fragen, verkleidet haben und in Wirklichkeit auch zynisch sind… Wir wollen der Person, die da mit scheinbar unterschiedlichen und in Wahrheit bloß zynischen Stimmen spricht, ihre bösen Absichten jedoch verzeihen: Sie ist schließlich noch jung und darf also noch wütend sein (das erlaubt sogar Frau Adler), sie darf also auch nach Lust und Laune über unangemessene Fragen herziehen, und sie darf abschließend, in Anlehnung an Sajkos Schlusswort (als einen der wenigen tatsächlich erleuchtenden Momente des Abends) auf eine wichtige Aufgabe von Literatur verweisen: das Aufwerfen komplexer, spannender, offener Fragen. Dass es solche überhaupt gibt, wäre an diesem Abend im LCB leider fast in Vergessenheit geraten.

Text: Anne Grunwald & Nastasia Louveau

Illustration: Nastasia Louveau

Dramaqueens am LCB Berlin

Mai 10, 2010

Zugegeben ist Dramaqueen schon ein selten blöder Titel für ein Symposium mit jungen Dramatikerinnen aus Osteuropa! „Dramaqueen“ passt nach wie vor eher auf die pink-farbenen T-shirts ungezogener kleiner Mädchen und ins lexikalische Repertoire ihrer nicht minder fehl-gebildeten Eltern als in Konferenztitel.

Nachsichtig haben wir uns dennoch zur Auftaktveranstaltung am LCB gemacht, um die schön ausgedachte Kombi Dorota Masłowska und Ivana Sajko in Lesung und Gespräch zu erleben. Die beiden wohl bekanntesten und erfolgreichsten Vertreterinnen dramatischer Texte in ihren jeweiligen Heimatländern Polen und Kroatien verbindet über den Erfolg hinaus der revolutionäre und widerständige Charakter ihrer Werke. „Generation der Revolte“ haben die Organisatorinnen sie entsprechend gelabelt. Nicht zu unrecht – wie wir finden.

Vorgetragen von Meike Schlüter & Aline Staskowiak hörten wir Auszüge aus Europa – Monolog für Mutter Europa und ihre Kinder von Sajko und Zwei polnisch sprechende Rumänen von Masłowska. Als polonistische und südslavistische Literaturwissenschaftler kannten wir die Texte zwar bereits, genossen aber den hervorragenden Vortrag in Vorfreude auf das Gespräch mit den Autorinnen. Allerdings hatten wir die Rechnung ohne die Moderatorin Sabine Adler vom Deutschland Radio Berlin gemacht, die uns nicht nur als „sehr spezielles Publikum“ beschimpfte, sondern auch in der Klischeemottenkiste so tief unten zu Werke war, dass die mit uns nach Wannsee gepilgerten Studierenden der Slawistik ungläubig große Augen machten. Und mit uns litten wie die Hunde!

Man muss nicht viel von Literatur verstehen, um Expertengespräche führen zu dürfen, daran sind wir gewöhnt. Auch gegen den allgegenwärtigen Osteuropa-Rassismus sind wir als Slawisten abgehärtet (wenn etwa Frau Adler Zagreb, das bekanntlich westlicher als Wien liegt, nicht zu Europa zählt oder Masłowska fragt, ob sie Selbstbewusstsein aus Polens EU-Zugehörigkeit zöge). All das kann uns längst nicht mehr schocken. Dass sich die Autorinnen jedoch die Frage gefallen lassen müssen, ob sie denn nicht mit Sex ihre Texte verkauften – das zeugt schon von generationaler wie auch marktstrategischer Unbedarftheit der Moderatorin. Diese geht offenbar davon aus, dass sich mit „ficken“-Sagen irgendjemand hinterm Ofen hervor und in die Buchhandlung locken lässt. Dann setzt sie nach und fragt Dorota Masłowska, der die Genervtheit – verständlich! – ins Gesicht geschrieben steht, was denn ihre kleine Tochter dazu sage, dass sie Schimpfworte benutze. Masłowskas Tochter – wir haben sie am LCB kurz gesehen – dürfte ca. 3 Jahre alt sein und wird allein deshalb kaum die Werke ihrer Mutter studieren. Vermutlich wollte Sabine Adler ihrer Einschätzung Ausdruck verleihen, dass Masłowska spricht wie sie schreibt. Und umgekehrt! Denn auch die recht peinliche Frage nach der „Umgangssprachlichkeit“ der dramatischen Texte beider Autorinnen fiel.

Dann das Thema: „Bedrohung“. Ob Dorota Masłowska die Gewalt in ihrem Land sehe, die uns von allen Seiten in den Städten bedrohe: Dealer, Drogenabhängige, der Rand der Gesellschaft? In ihren Texten komme soviel Gewalt vor… Ein Missverständnis jagt das andere. Die junge Autorin muss die Moderatorin über die „Realitätsferne“ (O-Ton Masłowska) ihrer Fragen erstmal aufklären. Sie könne nicht ein bodenloses Fass des Leids und der Wut sein, in das alles hineinkommt, dazu sei die Literatur nicht da. Wut über „the shit of the world“, wie Sajko es ausdrückte, diene zunächst dazu, dem Schreiben einen Schub zu geben, das sich aber selbst nicht darin erschöpfen kann. Masłowska muss in ihren Antworten immer wieder bei Adam und Eva ansetzen. Man sieht, wie wichtig es ihr ist, die Dinge klarzustellen. Weder sie noch Ivana Sajko lassen sich auf junge Unzufriedene reduzieren, die ihre Wut mit Sex, Gewalt und Vulgarität zur Ware machen.

Kurz gesagt, wir erlebten das langweiligste, einfallsloseste, ja platteste Autorengespräch, das man sich vorstellen kann. Das LCB scheint nachhaltig auf die Vertreibung des Publikums unter 45 zu setzen! Schade. Der ‚Generation der Revolte‘ war das Gespräch nachvollziehbarerweise nicht des Widerstandes wert – Sajko antwortete nach einem kurzen Durchatmen jeweils diszipliniert, Masłowska, der wir dafür nachträglichen Applaus schenken, gelangweilt. Beide brausten unmittelbar nach der Veranstaltung mit dem Taxi davon, vermutlich froh, den scharfsinnigen Blicken der Adler-Augen entronnen zu sein.

Miranda Jakiša und Michael Zgodzay

Fotos: Nastasia Louveau

filmPolska in Berlin

April 10, 2010

Am 15. April startet die 5. Edition des polnischen Filmfestivals in Berlin – filmPOLSKA.

Bis zum 21. April kann das berliner Publikum in acht verschiedenen Kinos neue Filme und Filmklassiker aus Polen sehen und dabei die spürbare Abwesenheit polnischer Streifen auf der letzten Berlinale vergessen. Das Festival bietet dabei fünf thematische Schwerpunkte an – Neues Polnisches Kino, Dokumentarfilme, Kurz- und Studentenfilme, Retrospektive Opus Filme, Filmreihe Solidarność im Film, Kamerakunst – und verspricht diesmal einen Hauch von Freiheit und Aufbruchstimmung, den nicht nur die Erinnerungen an Solidarność, sondern auch die neuen Low-Budget Produktionen – meist Kurzfilme – nach Berlin bringen sollen.

Begleitet wird das Festival von einem Workshop, der von dem krakauer Filmemacher Marcin Koszałka (*1970) künstlerisch betreut wird. Der Dokumentarfilmer und Kameramann stellt den Workshop unter ein Thema, das an seinen preisgekrönten Kurzfilm Do bólu (dt. Bis an die Schmerzgrenze) anknüpft. Schmerz im Film? Schmerz als Voraussetzung dokumentarischer Arbeit? Die Ankündigung verrät nur andeutungsweise, was damit gemeint sein könnte. Wer als Laie nicht am Workshop teilnehmen kann, wird zumindest den preisgekrönten Film Koszałkas Do bólu, oder seine anderen mutigen Filme sehen können, unter anderem Istnienie (dt. Existenz), ein dokumentarisches Projekt, das sich um die Person des 80-jährigen Schauspielers Jerzy Nowak (bekannt als Nebendarsteller in Schindlers Liste) dreht, der nach der Entdeckung seiner tödlichen Krankheit die “Hauptrolle seines Lebens spielen wollte” – zugegeben, eine Hauptrolle, die jeder von uns zu spielen hat. Den Auftakt des Festivals gibt Polenweiß und Russenrot – die Adaption von Masłowskas gleichnamigen Kultbuch – von Xawery Żuławski. Und endlich wird Tatarak von Andrzej Wajda gezeigt, der schon das letzte Jahr auf filmPOLSKA laufen sollte, aber kurz vor dem Festivalbeginn wieder aus dem Programm verschwand. Tatarak (dt. Der Kalmus) ist auch eine Literaturadaption – eine Erzählung Jarosław Iwaszkiewiczs war hier die Vorlage.

Film ab!

http://filmpolska.de/

Glückssuche in Warschau

Februar 28, 2010

Nicht nur Michael Zgodzay ist die Abwesenheit des polnischen Kinos auf der Berlinale negativ aufgefallen. Es gibt aber keinen Grund zur Sorge: Am 15. April startet die neue Edition des Festivals filmPolska, die exklusiv polnische Berlinale also, mit 80 Filmen an 8 Tagen in 7 Berliner Kinos. Und einen Trailer gibt es auch schon unter: http://filmpolska.de.

Gezeigt wird im April u.a. die – von Michael erwähnte – Verfilmung von Dorota Masłowskas Roman Wojna polsko-ruska, ein Film von Xawery Żuławski (also Żuławski Junior). Sein Film beweist ex negativo, dass Dorota Masłowska eine geniale Sprachkünstlerin ist. Deshalb sollte man ihre Texte nicht verfilmen. Da helfen die besten Schauspieler nicht (Borys Szyc, Roma Gąsiorowska), nicht mal der Auftritt der Autorin selbst. Żuławskis Versuch, Masłowskas groteskes Erzählen zu visualisieren, wirkt prätentiös, kitschig, hysterisch – einfach idiotisch. Endlich habe ich begriffen, wie diejenigen, die Masłowskas Prosa nicht mögen, ihre Texte lesen (müssen): Sobald die Sprache und das Erzählen in den Hintergrund treten, bleiben eine mickrige Story und ein paar Gags à la Żuławski übrig. Warum der Film gefällt (er hatte in Polen gute Presse), kann ich mir leider nicht mehr erklären …

Noch mehr Kunst aus Polen, und zwar unterschiedlichster Art, wird es in den nächsten Monaten in Berlin geben. Mit der Ausstellungseröffnung Early Years in KW (www.kw-berlin.de) hat gestern das Projekt The Promised City begonnen, das metropolitanes Glück in drei Städten – Berlin, Warschau und Mumbai – erkundet: mithilfe von Kunst, Literatur und Performance, des Films und Theaters und sogar einer Vortragsreihe. In der Ausstellung in KW geht es um das neue Museum für Moderne Kunst, das gerade in Warschau gebaut wird. Fünf Jahre nach der Gründung blickt das Museum, das auf sein Gebäude immer noch wartet, auf eine ganz schön turbulente Geschichte (early years) zurück. Grund genug, die Museumsgründung künstlerisch zu reflektieren und – endlich – einen Gründungsmythos zu schaffen: Dies tut die gerade geöffnete Ausstellung mit Werken von Yael Bartana, Sharon Hayes, Zbigniew Libera, Joanna Rajkowska, Artur żmijewski und anderen polnischen und nicht-polnischen Künstlern, die mit Warschau zu tun haben.

Diese Ausstellung ist eine ordentliche Rezension wert, für die es hier keinen Platz gibt, deshalb nur noch einige wenige Zeilen zu ihrem absoluten Hit: dem Film Mur i wieża (Mauer und Turm) von Yael Bartana. Es ist der zweite Film (2009, 15 Min.) in der ‚polnischen Trilogie‘ Bartanas und die Fortsetzung von Mary koszmary (Träume Albträume, 2007, 11 Min.), in dem Sławomir Sierakowski, der Chef des linken Think-Tanks Krytyka Polityczna in Warschau, die Hauptrolle spielte. Diejenigen, die den ersten Film gesehen haben (z.B. auf der Tagung Verfahren der Anamnesis in Berlin 2008) werden wohl den als Partei-Funktionär stilisierten Sierakowski mit der roten Krawatte nicht vergessen haben – wie er in seiner Rede auf dem damals zum Abriss vorgesehenen „Stadion des 10. Jahrestags“ in Warschau drei Millionen Juden zur Rückkehr nach Polen aufruft. Nun – im zweiten Film der Trilogie – kommen die ersten jüdischen Siedler nach Warschau und gründen ihren Kibbuz Muranów direkt gegenüber dem Denkmal für die Ghetto-Kämpfer von Nathan Rappaport. Auch diesen Film inszeniert Bartana in Anlehnung an die Propaganda-Filmästhetik; diesmal bildet ein zionistischer Propaganda-Film über den Bau eines Kibbuz in Palästina von 1939 die Folie. Die Kunstaktion – der Bau des Kibbuz auf dem ehemaligen Ghetto-Gelände in Warschau – hat im letzten Sommer stattgefunden. Ein Teil der Kunstaktion war die Gründung der neuen zionistischen Organisation „Bewegung der jüdischen Wiedergeburt in Polen“ – ihr großartiges Manifest bekommt man auf der Ausstellung als Plakat (solange der Vorrat reicht). Bartanas Kunst ist so vieldeutig, wie die Mittel und Ideen es sind, die in ihren Inszenierungen zum Einsatz kommen: nostalgische Diskurse, kompromittierte Utopien, totalitäre Ästhetiken, die polnisch-jüdische Geschichte, der israelisch-palästinensische Konflikt. Absurd – lustig und gespenstisch zugleich – wirkt der Kibbuz in Muranów, wenn die Siedler zu den Nationalhymnen Hatikva und Mazurka Dąbrowskis die Mauer und den Wachturm aufstellen. Die überfrachteten hybridisierten Symboliken (wie der polnische weiße Adler auf dem jüdischen Stern als Logo der neuen Bewegung – dazu noch als Armbinde getragen!) sind Markenzeichen Bartanas post-utopischer, halluzinatorischer ‚paralleller Geschichten‘, die von der wirklichen Geschichte aber nicht wirklich loskommen. Auf YouTube ist ein kurzer Kommentar von Yael Bartana zu ihren beiden Filmen zu finden: