Posts Tagged ‘Literaturkritik’

Kritikerworkshop im Literaturhaus Zürich

Januar 28, 2013

louveau-literaturhaus-zh

Ein Veranstaltungshinweis: Am 3. und 4. Februar 2013 findet im Salon des Literaturhauses Zürich ein Kritikerworkshop statt. Es moderiert Ilma Rakusa. Die Buchvorstellungen und Diskussionen richten sich an Literaturkritiker und -vermittler osteuropäischer Literatur. Vier Fachleute aus Mittel- und Osteuropa werden gemeinsam mit KollegInnen aus der Schweiz Neuerscheinungen aus ihren Ländern besprechen.

Es handelt sich um zwei Romane, eine Fibel für Erwachsene und zwei Lyrikbände aus Russland, Kroatien, Ungarn und Polen: Andrei Bitows Der Symmetrielehrer, Zoran Ferićs Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr, Zsófia Báns Abendschule, Adam Zagajewskis Unsichtbare Hand und Eugeniusz Tkaczyszyn-Dyckis Geschichte polnischer Familien. Ausserdem werden auch Deutschschweizer Titel besprochen.

Am 4.2. findet um 17 Uhr eine Diskussion von Zsófia Báns Buch statt (Eintritt frei). Am selben Tag um 20 Uhr liest Serhij Zhadan aus seinem neuen Roman Die Erfindung des Jazz im Donbass (Suhrkamp 2012) und unterhält sich danach mit Jurko Prochasko (Eintritt CHF 18, ermässigt CHF 12).

Andrej Gelasimov

März 5, 2010

– ein „neuer sibirischer Salinger“

In letzter Zeit hört man hier zu Landen immer wieder Klagen über die schlechte Lage der russischen Gegenwartsprosa, oder vielmehr darüber, dass weit und breit kein neuer Stern am Himmel der aktuellen russischen Literaturlandschaft zu finden sei, dem man eine – durch den literaturwissenschaftlichen Zugriff oder durch Übersetzungen ins Deutsche geadelte – literarische Qualität von Bestand zusprechen könnte. Und tatsächlich, es ist etwas stiller geworden um die Diskussion aktueller russischer Literatur in Deutschland. Keine neue Ulickaja, kein neuer Akunin, kein neuer Pelevin, ja nicht mal ein neuer Sorokin weit und breit, geschweige denn ein Autor vom Schlage Andruchovičs, der durch sein geo-poetisches Konzept Slawisten- und Lektorenherzen gleichermaßen und erstaunlich lang anhaltend höher schlagen lässt? Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass gerade die Repräsentanz einer neuen, nennen wir sie „post-postsowjetischen“ russischen Autorengeneration, in deutschen Übersetzungen zu wünschen übrig lässt. Das mag zum einen daran liegen, dass viele russische Verlage eine für unsere Maßstäbe ziemlich unverständliche Qualitätskontrolle praktizieren und nicht wenige Texte, gerade auch jüngerer Autoren, eine recht fragwürdige ideologische Ausrichtungen haben. Das mag zum anderen aber vor allem auch daran liegen, dass viele Texte zu russlandspezifische Themen transportieren, die den deutschen Leser schlicht und ergreifend nicht großartig interessieren werden.

Es verwundert allerdings, dass ausgerechnet die Prosatexte von Andrej Gelasimov, bis auf eine Erzählung, in der von Galina Dursthoff herausgegebenen Erzählsammlung Russland. 21 neue Erzähler (Deutscher Taschenbuchverlag, München 2003) bisher in alle möglichen Sprachen, aber noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden und überhaupt der Autor hier bisher kaum wahrgenommen wird. Denn gerade die für Gelasimovs Texte typische Mischung von vermeintlich anspruchsloser Unterhaltung und gesellschafts-politisch kritischer Sensibilität würde hier sicherlich auf eine größere Leserschaft und auf Gefallen des Feuilletons stoßen. Seine Prosatexte sind charakterisiert durch romantische aber gänzlich unpathetische, ironisch-fatalistische Geschichten und durch eine besondere Vorliebe für situationszentrierte, episodische, nahezu filmische Erzählstrukturen mit besonderer Aufmerksamkeit für die zwischenmenschlichen Realitäten des Alltags. Gelasimovs Helden sind durchschnittliche, meist vom gesellschaftlichen Treiben zurückgezogene Menschen im besten Jugendalter, deren Geschichten und Charaktere durch einfache Stilistik, hintergründigen Humor und durch kurze, dialogische Szenen umrissen sind, ohne dass es je in Banalitäten abdriften würde. Im Gegenteil: „Bei Gelasimov ist der Humor weniger eine zweite Natur als vielmehr eine Waffe, eine Form des Widerstands, um überleben zu können“ beschrieb die Zeitschrift Le Monde des livres (2005) sehr treffend Gelasimovs Schreibe.

Bei den eher wenigen öffentlichen Auftritten gibt sich der promovierte Anglist und studierte Regisseur Gelasimov – soweit ich das aufgrund von youtube-geschalteten Mittschnitten beurteilen kann – mürrisch und leicht blasiert, ganz im Gegensatz zu einem allzeit publikumsschmeichelnden, medial überpräsenten Autor wie Griškovec. Das macht ihn als Gesprächspartner vielleicht nicht gerade zugänglich, lenkt aber das Interesse mehr auf seine Texte als auf seine Person und das ist dann doch allemal symphatischer: Bereits nach Erscheinen seines dünnen Erzählbandes Foks Malder pochož na svin’ju (Fox Mulder sieht aus wie ein Schwein) bejubelte die russische Kritik den 1966 in Irkutsk geborenen Autor als „neuen sibirischen Salinger“. Und spätesten mit seinem 2002 erschienenen zweiten Buch Žažda (Durst) über einen jungen Mann, der entstellt aus dem Tschetschenienkrieg in den banalen Moskauer Alltag zurückkehrt, galt er als zwar umstrittener, aber aufsteigender Stern der „jüngeren“ russischen Literatur. Es folgte dann in kurzen Abständen weitere Publikationen und mit jedem Buch bewegte er sich zusehends von der Kurzform weg zu immer umfangreicheren Romanen: 2003 erschien der Roman God obmana (Jahr der Lüge) um eine Dreiecks-Liebesgeschichte aus der Perspektive eines Vertreters der neuen urbanen 1990er-Jahre-Mittelschicht, ebenfalls 2003 folgte der zwischen den 1960er und den 1990er Jahren spielende Roman Rachil’ (Rahel) über einen erfolglosen, halbjüdischen Literaturwissenschaftler und seine Erinnerungen an seine drei Ex-Frauen. Einige Jahre später, 2008 erschien der mit dem Nacional’nyj bestseller 2009 ausgezeichnete Roman Stepnyje bogi (Steppengötter), in dem es um die in das Jahr 1945 in die russische transbaikalische Steppe verlagerte Freundschaft zwischen einem Teenager und einem gefangenen japanischen Arzt kurz vor dem Einfall der sowjetischen Truppen in Japan und den Bombardierungen Hiroshimas und Nagasakis geht. Ende 2009, also fast noch als Neuerscheinung zu rechnen, erschien schließlich der wieder gegenwartszugewandte Roman Dom na Osernoj (Das Haus an der Osernastraße) über eine provinzielle Großfamilie, die sich in ungünstige Finanzgeschäfte verstrickt. Ungesicherten Quellen zufolge arbeitet Gelasimov derzeit bereits an einem weiteren, im äußersten Norden Russlands spielenden Roman mit dem treffenden Titel Cholod (Kälte).

Ilma Rakusa, die seit Jahren u.a. auch beratend für den Suhrkampverlag tätig ist, erwähnte kürzlich in einem Interview, welches Sylvia Sasse mit ihr für Novinki führte, dass sie in letzter Zeit wenig brauchbare neuere russische Literatur finden konnte, außer erfreulicherweise Gelasimovs Kurzroman Žažda (Durst). Es ist also zu hoffen, dass es bald eine Übersetzung des Buches bei Suhrkamp geben wird und dass noch weitere folgen werden.

Фокс Малдер похож на свинью
Москва: ОГИ, 2001

Год обмана
Роман. — Москва: ОГИ, 2003

Жажда
Москва: ОГИ, 2002

Рахиль
Москва: ОГИ, 2003

Степные боги
Москва: Эксмо, 2008

Дом на Озёрной
Москва: Эксмо, 2009