Posts Tagged ‘Literaturgeschichte’

Hinweis auf die Ausstellung »Samizdat« im GULAG. Eine schwarze Literaturgeschichte

Oktober 15, 2015

literatur-haus-berlin

Ab 24. Oktober zeigt das Literaturhaus Berlin in Zusammenarbeit mit Memorial Moskau die Ausstellung »Samizdat« im GULAG über die einzigartige Bedeutung von Literatur für das Überleben und die heimliche Produktion literarischer Texte unter den Extrembedingungen des Lagers und der Verbannung. Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm aus Gesprächen, Lesungen, Buchpräsentationen und Filmvorführungen begleitet. Gefördert wird das Projekt durch den Hauptstadtkulturfonds, die Bundesstiftung Aufarbeitung, die Heinrich-Böll-Stiftung und die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde. Das Filmprogramm wird von ARTE unterstützt.

Ausstellungseröffnung: 23.10.2015, 20:00 Uhr
Ort: Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23, Großer Saal
Dauer der Ausstellung: 24.10. – 13.12.2015

Öffnungszeiten
Mi – Fr  14 – 19 Uhr
Sa, So  11 – 19 Uhr

Der Eintritt ist frei.

Hier die Ankündigung der Veranstalter_innen:

In den großen literarischen Werken, die Alexander Solschenizyn, Jewgenija Ginsburg und Warlam Schalamow nach ihrer Lagerzeit über den GULAG verfaßten, finden sich bemerkenswert viele Erinnerungen daran, wie in den Gefängnissen und dann in den extremen Verhältnissen der Lager die Rückbesinnung auf Gedichte, auf lange Poeme und ganze Romane für einige der unschuldig Verhafteten und Deportieren der letzte rettende Überlebenshalt wurde. Vor allem beim stummen oder weitergebenden Vortragen von Lyrik ergaben sich kurze Momente individueller Freiheit, die resistent machten gegenüber den grausamen Quälereien. Und manchen Häftlingen gelang es sogar, mit konspirativ besorgten Schreibutensilien Abschriften von memorierten Texten und von eigenen Gedichten anzufertigen. (more…)

Was Sie schon immer …

Februar 15, 2010

über die Russische Literatur wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten

Dieses Buch sollte bei der breiten Leserschaft große Begeisterung oder aber auch große Entrüstung auslösen. So jedenfalls die Ankündigung auf dem Klappentext der 2004 im Petersburger Universitätsverlages erschienenen Textsammlung Moja istorija russkoj literatury von Marusja Klimova. Die breite Leserschaft blieb aus. Begeisterung oder Entrüstung seitens russischer Kritiker folgte prompt. Denn Marusja Klimova nimmt hier nicht nur in recht freier essayistischer Manier eine dezidiert anti-akademische Neubewertung der russischen Literaturgeschichte vor, sondern räumt in einem großen Rundumschlag gründlich, und ohne jegliche political correctness mit den viel gehegten Heiligtümern der russischen Klassik auf.

In den einzelnen Kapiteln, denen jeweils die Karikatur eines ausgewählten Autors (von Zoja Čerkasskaja) vorangestellt ist — ohne dass diese mit ihren Namen bezeichnet oder tatsächlich immer Thema des folgenden Textes sind —, entfaltet Klimova ein Panoptikum der russischen Literatur, in dem kaum einer gut weg kommt: Ob nun Puškin, Turgenjev, Čechov, Fet, Gorkij, Majakovskij… — alle sind sie ihr „Missgeburten“, „Psychopathen“ oder einfach nur „Idioten“ und selbst Dostoevskij wird „Masochismus“ bescheinigt. Vordergründig scheint es der Autorin darum zu gehen, mit ihren provozierenden und zynischen Seitenblicken auf das Menschlich-Allzumenschliche der Literatur-Genies dem verehrten Lesepublikum endlich alles über die verehrten Herren und wenigen Damen des hohen Kanons mitzuteilen, was jenes bisher nicht zu fragen und nicht mal zu denken gewagt hätte.

Doch das allein vermag heute zu Recht niemanden mehr so richtig zu provozieren. Das eigentlich Interessante, durchaus Provozierende und auch Enervierende an diesen Texten ist die Tatsache, dass Marusja Klimova, hinter der sich übrigens die Petersburger Schriftstellerin, Journalistin und Céline-Übersetzerin Tat’jana Kondratovič verbirgt, im Grunde die ganze Zeit über sich selbst schreibt. Sie benutzt den äußeren formalen Rahmen einer „Literaturgeschichte“ dazu, sich ohne jede Hemmung und absolut subjektiv an der Autobiographie ihres Lesens und auch Schreibens abzuarbeiten. Dabei kreist sie jedoch mitnichten nur um sich selbst. Wir haben es hier mit einer intimen und durchaus auch selbstironischen Suche nach einem individuellen und zeitgemäßen Umgang mit Literatur überhaupt zu tun, wenn auch mit einer sehr eigentümlichen. Wer sich der wild mäandernden Assoziations- und Themenflut in diesen Texten hingibt, wird begeistert oder auch genervt sein, auf jeden Fall werden einige Irritationen zurückbleiben. Denn Widersprüchlichkeiten, ständige Positionswechsel und Selbstwiderlegungen gehören zum Programm einer Autorin, die die Literatur erklärtermaßen hasst, aber auch nicht von ihr loskommt.

Im Herbst 2009 erschien nun mit Moja teorija russkoj literatury ein zweiter Band, der in Form und Inhalt seinem Vorgänger zu ähneln scheint. Darin holt Marusja Klimova nun zu einem weiteren Schlag gegen die in der russischen Literaturwissenschaft vorherrschenden Auffassungen von Kunst, Literatur und auch Leben insgesamt aus. In der Ankündigung des Verlages heißt es dazu etwa: „Das Buch richtet sich an jene, welche zur radikalen Dekonstruktion gängiger Mythen bereit sind, die Fähigkeit besitzen, das Lächerliche im Erhabenen zu sehen und welche wissen, dass das Alltägliche und das Große nur einen Schritt weit auseinander sind.“ Auch hier lässt Klimovas großes Vorbild Louis-Ferdinand Céline grüßen!

Моя история русской литературы
Издательство:
Гуманитарная Академия, 2004 г.
Твердый переплет, 352 стр.
ISBN 5-93762-037-2Тираж: 1200 экз.

Моя теория литературы
Издательство:
Гуманитарная Академия, 2009 г.
Твердый переплет, 256 стр.
ISBN  978-5-93762-062-0
Тираж: 1000 экз.