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Städte im Bau: Berlin – Warszawa

Oktober 11, 2011

„Cały naród buduje swoją stolicę – Das ganze Volk baut seine Hauptstadt“, Aleja Jezorolimskie, Warschau (Bild via)

Es gab eine Zeit, da baute  die Bevölkerung eine Stadt gemeinsam auf. Heute dagegen scheinen die Menschen, die in einer Stadt leben, ihren Lebensraum, das Recht auf die Nutzung öffentlicher Räume, bezahlbare Mieten etc. permanent verteidigen zu müssen. Gleichzeitig werden, nicht selten auch mitbestimmt durch die Bevölkeung selbst, die architektonischen Zeugen einer ungeliebten Vergangenheit niedergerissen – ganz so als ob damit auch die Erinnerung verschwände.

Berlin und Warschau, jene europäischen Metropolen, die im Zweiten Weltkrieg am meisten zerstört wurden, suchen seit der Systemtransformation 1989 nach einer neuen Identität und einer Überwindung des Jahrhunderts der Extreme – und der Kampf darum ereignet sich nicht selten auf dem Feld der Architekturpolitik. Beide Städte stehen vor ähnlichen Herausforderungen: Sollte im Sinne einer Geschichtsklitterung der Warschauer Kulturpalast ebenso abgerissen werden wie der Berliner Palast der Republik? Wird Praga das Warschauer Schwabylon? Wo rumpeln mehr Rollkoffer über das Kopfsteinpflaster – und was kann man dagegen tun? Diese und andere Fragen werden von polnischen und deutschen Stadtkundigen am Donnerstag, den 13.10.2011 um 19.00 Uhr im Martin Gropius Bau diskutiert und unnnachgiebig nach dem genius loci der beiden europäischen Hauptstädte gefragt sowie über die Rolle von Kunst, Kultur und der Zivilgesellschaft beim „Bau“ der beiden Metropolen gestritten.

Mit: Arnold Bartezky (Uni Leipzig): Er wird architekturgeschichtliche Thesen zum Wiederaufbau Warschaus und Ostberlins nach dem Krieg und zum Umgang mit der modernen Architektur nach 1989 vorstellen – Tomasz Fudala (Museum für Moderne Kunst Warschau): Er berichtet von der Initiative „Warsaw under construction“ und dem Versuch des Museums, sich in die aktuelle Warschauer Planungspolitik einzumischen – Joanna Erbel (Krytyka Polityczna) schildert jüngste Verdrängungsprozesse in einigen Warschauer Stadtvierteln und den sich dagegen artikulierenden Protest und Markus Bader (raumlaborberlin) vergleicht den Umgang mit öffentlichem Raum in Warschau und Berlin. Moderation: Stefanie Peter (Kulturwissenschaftlerin).

Städte im Bau: Berlin – Warszawa
Donnerstag 13.10.2011 um 19.00
Martin-Gropius-Bau, Kinosaal
Niederkirchnerstr. 7, Berlin-Mitte

Brave New World

März 12, 2010

Unterwegs in Warschau. In Antiquariaten und Buchhandlungen gestöbert, in der Milchbar vor der Uni Warschau günstig gegessen, jetzt noch einen Kaffee. Die Straße des Krakowskie Przedmieście entlang, vorbei an einer Steinbank, aus der per Knopfdruck eine Mazurka von Chopin krächzt. (Der 200. Geburtstag von Chopin fordert den guten Geschmack heraus – Limits! schreit J.Waters in meinem Kopf auf einer imaginären Showbühne.) Die Straße Krakowskie Przedmieście wird jetzt zu Nowy Świat (Neue Welt). Vorbei an dem Haus, in dem 1918 in einem Kaffeehaus die Literatengruppe „Skamander“ entstanden ist, die bis 1939 die legendäre Zeitschrift mit gleichem Namen herausgab. Weiter vorbei an dem Palais Zamoyski, aus dem 1863 das Klavier von Chopin (schon wieder!) durchs Fenster flog, auf dem Trottoir zerschellte (die Soldaten des Zaren haben nachgeholfen) und kurz danach in einem Gedicht von C. K. Norwid verewigt wurde. Literarische Topographie total. Aber ich will dorthin, wo ganz aktuelle literarische Raumbesetzungen stattfinden. Ich überquere die Świętokrzyska-Straße und gelange zur Nummer 63 von Nowy Świat. Hier ist im November 2009 das Kulturzentrum von Krytyka Polityczna (Politische Kritik) eröffnet worden.

Unten ein imposantes, weiträumiges Café, oben ein Seminar- und Vortragsraum (ich konnte ihn leider nicht sehen). Es darf geraucht werden, ein kleines Mittagsmenü zu Studentenpreisen ist vorhanden. Smarte Kellner geben Gas, denn der Raum ist groß und Service scheint der „Schönen neuen Welt“ geschuldet zu sein. Das Kulturzentrum gibt sich den Namen von Huxleys Roman, wie um anzudeuten, dass das Projekt einer neuen linken Bewegung in Polen mit diskreditierten Utopien umzugehen weiß und nutzt gleichzeitig den Straßennamen (Neue Welt) für eine symbolische Besetzung des Raums. In der schicken Straße lässt sich kein linkes Hausprojekt mit Vokü und Kicker machen. Hier geht es um Bildungsarbeit. Eine neue linksorientierte Jugend soll heranwachsen und politisch an Gewicht gewinnen, auch in einer offenen Auseinandersetzung mit der politischen Rechten, wie Stefanie Peters in einem Artikel für die FAZ geschrieben hat (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2007, Nr. 188, S. 37). Dazu wird Basisarbeit betrieben: die Zeitschrift Krytyka Polityczna bildet den Kern (seit 2002), der Verlag (seit 2007) erweitert mit programmatischen Buchreihen das Bildungsangebot, z.B. mit der Reihe Leitfaden der Krytyka Polityczna. Hier wird auf konkrete Vorurteile, Ängste, Fragen eingegangen und ‚aufgeklärt‘. Natürlich ist die Krytyka Polityczna auch um die Bildung eines ‚linken Kanons‘ bemüht, was immer man davon halten mag. Das macht sie aber zusammen mit den Literaten und Künstlern. Viele von ihnen sind mit ihren Werken häufiger in Berlin, wie zuletzt in der Galerie KW in Mitte.

In der Eingangshalle, die mit einer schönen Kuppeldecke ausgestattet ist, kann man alle vorrätigen Publikationen des Verlags kaufen. Mittlerweile öffnen in einigen polnischen Städten Ableger des Clubs; ein Distributions- und Bildungsnetzwerk entsteht. Organisiert werden (vor allem im warschauer Kulturzentrum) Vorträge, Seminare, Künstler-Gespräche. Krytyka Polityczna hat natürlich ihre Stars, z.B. Slavoj Žižek, wie ein Video (noch vor dem Umzug in die neuen Räume) dokumentiert.

Ich bin noch im Café. Design ist hier wichtig. Es gibt allerdings keinen einzigen Rückgriff auf eine ‚linke Symbolik‘. Das Emblem des Cafés ist wieder literarisch inspiriert. Flammen, ein 1908 erschienenes Buch des polnischen Philosophen Stanisław Brzozowski, in dem ideologische Diskurse um die Jahrhundertwende zur Sprache kommen und der Prototyp des engagierten Intellektuellen gezeichnet wird, war für viele Schriftsteller und Kulturschaffende vor dem Zweiten Weltkrieg und danach wegweisend (u.a. für Miłosz, Kołakowski, Michnik, Janion). Sławomir Sierakowski (den Gründer von Krytyka Polityczna stellte Marie Tarnopolska bereits vor) hat das Buch 2008 neu herausgegeben – mit stilisierten Flammen auf dem Buchumschlag. Und weil Krytyka Polityczna Brzozowski zum Hausheiligen erklärt hat, schlagen aus der emblematischen Kaffeetasse eben auch Flammen.

Ich habe meinen Kaffee getrunken, meine Zigarette geraucht. Ein Beamer projiziert die flammende Kaffeetasse auf eine Wand. Ein dicklicher Typ stellt sich davor und fotografiert sich und die Tasse im Hintergrund. Da wusste ich, ich werde keine Aufnahmen machen.