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Das Greenhorn und der Seebär

Februar 24, 2010

Vergessen wir mal für einen Moment alle politischen und ästhetischen Entwicklungen der vergangenen Jahre in Russland, alle Experimente der Literatur, alle neuen Freiheiten! Und machen wir da weiter, wo wir vor etwa 25 Jahren aufgehört haben: Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche, auf das rein Menschliche! So in etwa, ließe sich mutmaßen, sieht das künstlerische Konzept aus, das hinter dem Film Kak ja provel ėtim letom (Wie ich diesen Somme beendete) von Alexej Popogrebskij steht.

Die Handlung dieses durchaus packenden Dramas ist so fernab von allem, wie der Ort, an dem sich das alles abspielt. Zwei Männer hocken in einer einsamen Hütte, irgendwo am nördlichen Rand von Čukotka, ein alter Seebär und ein Greenhorn. Was das Greenhorn da zu suchen hat, erfahren wir bis zum Ende des Filmes nicht. Der Alte jedenfalls lebt seit Jahren in der Hütte und liest mit sowjetischem Pflichtgefühl alle paar Stunden Thermometer und andere Messinstrumente ab. Die Hütte ist eine Messstation. Kontakt haben die beiden mit dem Rest der Welt nur über Funk. Ansonsten herrscht Zweisamkeit. Und die ist nicht gerade erbaulich. Die erste (gefühlte) halbe Stunde passiert nichts, der Alte traut dem Greenhorn nicht und das Greenhorn benimmt sich wie ein Greenhorn. Soweit der Realismus. Dann kommt der Kunstgriff und es wird spannend: Der Junge gelangt an ein Mehrwissen, an dem wir Zuschauer teilhaben. Der Alte, dem dieses Wissen zugedacht ist, eine Nachricht, die der Junge weitergeben soll, aber nicht weitergibt, weiß erstmal von nichts. Daraus ergibt sich ganz im Sinne der Feldtheorie eine Spannung. Und die reicht aus, den Zuschauer bis zum Ende zu fesseln. Dazu trägt auch die verdientermaßen auf der Berlinale gewürdigte darstellerische Leistung der beiden Hauptdarsteller Grigorij Dobrygin (Greenhorn) und Sergej Puskepalis (Seebär) bei.
Auch die schönen Bilder von Pavel Kostomarov, der dafür ebenfalls einen silbernen Bären erhielt, sind schön. In handwerklicher Hinsicht kann man einzig nur am nervig rockigen Soundtrack mäkeln.

Trotzdem, man weiß am Ende nicht, was das Ganze eigentlich soll. Ja, ein menschlicher Konflikt. Ja, und er hätte sich auch 1937, 1979 oder auch 1986 ganz genauso und auch ganz genau dort, auf dieser Insel abspielen können.
Aber die handelnden Figuren bleiben ohne jede Kontur, wir wissen nichts über sie, vor allem nichts über den Jungen, wo kommt er her, wo geht er hin. Und auch bei dem Alten haben wir nur das Gefühl, etwas über ihn zu wissen, weil wir uns an seinem Ort, in seiner Welt aufhalten. Auch die schönen Bilder haben nicht viel zu sagen, außer dass die Zeit vergeht. Und da möchte man auch nicht widersprechen, aber wo bitte ist die Geschichte? Ein Konflikt ist noch keine Geschichte. Bei all der künstlich erzeugten (Feld-)Spannung gleicht das Ganze eher einem strukturalistischen Experiment: eine überschaubare Versuchsanordnung und handelnde Figuren mit der individuellen Charakteristik von Laborratten.

Die Bären sind vergeben…

Februar 21, 2010

und Kak ja provel ėtim letom wurde zweimal ausgezeichnet

Goldener Bär für den Besten Film
Bal (Honey)
von Semih Kaplanoglu

Silberner Bär – Großer Preis der Jury
Eu cand vreau sa fluier, fluier (If I Want To Whistle, I Whistle)
von Florin Serban

Silberner Bär – Beste Regie
Roman Polanski
für The Ghost Writer (The Ghost Writer)

Silberner Bär – Beste Darstellerin
Shinobu Terajima
in Caterpillar (Caterpillar) von Koji Wakamatsu

Silberner Bär – Bester Darsteller
Grigorij Dobrygin und Sergej Puskepalis
in Kak ja provel ėtim letom (How I Ended This Summer)
von Aleksej Popogrebskij

Silberner Bär – Herausragende Künstlerische Leistung in der Kategorie Kamera
Pavel Kostomarov für die Kamera in
Kak ja provel ėtim letom (How I Ended This Summer)
von Aleksej Popogrebskij

Silberner Bär – Bestes Drehbuch
Wang Quan’an und Na Jin
für Tuan Yuan (Apart Together)
von Wang Quan’an

Alfred-Bauer-Preis
In Erinnerung an den Gründer des Festivals, für einen Spielfilm, der neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet.
Eu cand vreau sa fluier, fluier (If I Want To Whistle, I Whistle)

Preis Bester Erstlingsfilm
dotiert mit €50.000 Euro, gestiftet von GWFF
Sebbe
von Babak Najafi

Isolation Berlinale

Februar 18, 2010

Seit gut einer Woche laufen zahlreiche Filme auf der Berlinale. Im Unterschied zum letzten Jahr sind auch russische Filme vertreten: in der Retrospektive Voschoždenie (1976) von Larisa Šepit’ko und Solnce (2005) von Aleksandr Sokurov; im Forum Ja von Igor’ Vološin und im Wettbewerb Kak ja provel ėtim letom von Aleksej Popogrebskij. Beide letztgenannten Filme kommen in Russland erst im Frühling in die Kinos.
In Ja ist es der avantgardistische Schriftsteller und Dramaturg der sich Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in eine psychiatrische Anstalt einweisen lässt, um aus den Erlebnissen zu schöpfen und endlich wieder ein gutes Stück zu schreiben – nur dass er die freiwillig gewählte Isolation dann nicht mehr verlassen darf.

In Kak ja provel ėtim letom befinden sich zwei Männer auf einer einsamen Insel. Ein erfahrener Meteorologe und ein Praktikant im Sommerurlaub warten auf einer Polarstation nahe der Halbinsel Tschukotka im Arktischen Meer auf ein Schiff, das sie beide zurück auf das Festland bringen soll. Das Schiff kommt nicht, und das Warten auf der Station, auf der es kaum Nacht wird, gerät zum Psychothriller. Angeblich hat sich Regisseur Popogrebskij – dem ein oder anderen bekannt durch seine Co-Regie des Films Koktebel’ (2003) – von den Tagebüchern Nikolaj Vasil’evič Pinegins inspirieren lassen, die er als 14-Jähriger gelesen hat: „Seitdem hat mich die Fähigkeit, sich mit Auffassungen von Zeit und Raum abzufinden, die sich von unseren üblichen Einteilungen nach Stunden, Häuserblocks oder U-Bahn-Stationen drastisch unterscheiden, enorm fasziniert. Von zwei solchen persönlichen (und unvereinbaren) Raum-Zeit-Maßstäben erzählt mein Film.“
Hier ein Ausschnitt aus dem Film und von den Dreharbeiten:

Die nächsten Vorführ-Termine:
Kak ja provel ėtim letom
Do 18.02. 15:00 Friedrichstadtpalast (E)
Do 18.02. 22:30 Urania (D)
So 21.02. 18:15 Friedrichstadtpalast (D)