Posts Tagged ‘Gegenwartsliteratur’

Hinweis: 16. internationales literaturfestival berlin, 07.-17.09.2016

August 25, 2016

festival
Auch zum diesjährigen 16. internationalen literaturfestival berlin (ilb) haben sich wieder viele interessante Autoren angesagt. Hier eine kleine Auswahl aus dem umfangreichen Programm der Veranstalter_innen:

Julia Kissina [Ukraine/D] – Elephantinas Moskauer Jahre

wann: 10.09.2016, 19:00 Uhr
wo: Schwartzsche Villa
Moderation: György Dalos

Eine junge Frau folgt ihrem Idol in die Katakomben Moskaus. Von der Sehnsucht nach einem freien Künstlerdasein geleitet, folgt die junge Elephantina ihrem Idol, dem Dichter Pomidor, in die Katakomben Moskaus. Dichterabende in überfüllten Studentenclubs, verbotene Kunstaktionen, eine Begegnung mit Allen Ginsberg und eine Vorladung beim KGB bilden die Kulisse, vor der sich Elephantina nach Pomidor verzehrt. (more…)

Veranstaltungshinweis: BERLIN.BEREGA – Präsentation und Diskussion am 15.06.2016

Juni 9, 2016

Berlin_BeregaPräsentation & Diskussion & Lesung

Anläßlich der zweiten Ausgabe stellt sich Berlins neue russischsprachige Literaturzeitschrift BERLIN.BEREGA am Institut für Slawistik vor und der Diskussion:

Zeit: 15. Juni 2016, 16:00 Uhr
Ort: Dorotheenstraße 65, 5. Stock, Raum 5.57

Diskussionsthema: „Überschreiten der Grenzen der Muttersprache: Recht, Notwendigkeit oder Chance?“

An der Veranstaltung nehmen auch zwei Autoren teil: Ekaterina Vassilieva und Dmitry Vachedin. Beide stammen aus Leningrad und leben seit über 10 Jahren in Deutschland. Ekaterina Vassilieva und Dmitry Vachedin schreiben und sprechen sowohl Russisch als auch Deutsch.

Zusammen mit dem Herausgeber von BERLIN.BEREGA Grigorij Arosev freuen sich die Autoren auf ein Gespräch über ihre Erfahrungen, die sie beim Überschreiten der Grenzen gemacht haben, sowie generell über „Zweisprachigkeit in der Literatur“. Beide Autoren werden auch aus ihren Werken vorlesen. 

Die Diskussion und Teile der Lesung finden auf Deutsch statt.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!

Hinweis: Präsentation der Literaturzeitschrift „Berlin.Berega“ am 21.02.2016

Februar 16, 2016

Berlin hat eine neue russischsprachige Literaturzeitschrift:
BERLIN.BEREGA

Berlin-Berega

Die Präsentation der Zeitschrift findet

am 21. Februar 2016 um 20:00 Uhr
in der Vater Bar in Berlin-Neukölln, Reuterstraße 27

in Anwesenheit der Autoren und Redaktionsmitglieder statt.

Die Berliner Autoren Ekaterina Vassilieva, Ekaterina Sadur, Alexander Delfinov, Genia Markova und die in Leipzig lebende Elena Inosemzewa stellen sich vor und lesen aus ihren Werken; Chefredakteur Grigorij Arosev spricht über die Zeitschrift, ihr Konzept und ihre Themen.

Alle Interessierten sind herzlich dazu eingeladen. Die erste Ausgabe von Berlin.Berega kann an diesem Abend zum Sonderpreis von 5 Euro erworben werden.

Über die Zeitschrift: Berlin.Berega steht in der Tradition der russischen und sowjetischen Literaturzeitschriften. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Publikation russischsprachiger Autoren aus Deutschland. Daneben wird sie sich auch russischen Übersetzungen deutscher Autoren widmen.

Die Veranstaltung findet in russischer Sprache statt.

Der Eintritt ist frei.

Hinweis auf die internationale Konferenz „After Memory“, 06.-08.11.2015 in Berlin

Oktober 30, 2015

Im Rahmen des ZfL-Projektes „Ost-westliche Affektkulturen“ findet vom 6. bis 8. November 2015 im Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin eine internationale Konferenz statt, die der sich verändernden Rolle der osteuropäischen Literaturen bei der Gestaltung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg nachgeht:

After Memory. Conflicting Claims to World War Two in Contemporary Eastern European Literatures.

Organisiert wird die Konferenz von Matthias Schwartz (ZfL, Berlin), Nina Weller (GS-OSES, München) und Heike Winkel (Peter Szondi-Institut, Berlin).

Veranstaltungsort: ZfL, Schützenstraße 18, 10117 Berlin, 3. Etage

Hier die Ankündigung der Veranstalter_innen:

morfina.JPG-f5851a1bThe conference enquires into the fundamental shifts in the literary representations of World War II which have taken place in East-European literatures in the last decades. 70 years after the end of the war, the breakdown of state socialism in its specific instantiations and the vanishing of the generation of witnesses are causing massive changes in modes of remembrance. In Eastern Europe today, cultural memory is both post-socialist and post-memorial. This coincides with increased pluralisation and diversity in the region. Conflicting claims to an authoritative representation of World War II dispute the former hegemonic narratives of remembrance. At the same time literature has gradually lost its role as a key genre of collective and individual memory, as other, mostly visual media, have become more important—and not just in Eastern Europe.

The conference takes these observations as a starting point to explore literature’s changing role in shaping the memory of World War II in a comparative perspective. The conference panels discuss fictional representations of formerly marginalized or forgotten histories, constructions of traumatic, heroic or transnational histories as well as poetic devices, narrative strategies and affective models which form our understanding of the past.

Programm: (more…)

Die Literaturzeitschrift RADAR: drei Sprachen, drei Literaturen – und noch viel mehr

Mai 2, 2011

Deutsch, Polnisch und Ukrainisch sind die Sprachen, in denen das Literaturmagazin „Radar“ erscheint. Hier veröffentlichen Autorinnen und Autoren dieser drei Literaturen ihre Texte, und hier werden ihre Texte in die jeweiligen anderen beiden Sprachen übersetzt.

Auf dem Streifzug durch Radar gibt es viel zu entdecken. So erfährt man etwa, wie ein Gedicht der „eigenen“ Sprache in der „anderen“ Sprache klingt, oder man begegnet dem Gedicht eines Dichters der „anderen“ Literatur, das man in der „eigenen“ Sprache lesen kann, z.B. ein Fragment aus „Unsere kleine, allgegenwärtige, softe“ von Cezary K. Kęder:

6%
kein Vergleich denn es gibt nur sie
ausgeschnitten aus der Menge und aus der Sicht
hinter Sommer Straßenbahn nächste Station
Rädergeratter Kreischen Kurven Handgriffe
klebrig von Schweiß, aus ihrer grauen Hölle
in der sie kaum Luft kriegt kurz vor dem Gewitter

und ich bin hier schaue

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das ist real ein Album voll Bilder

[Übersetzung: Bernhard Hartmann]

Nasza mała, wszechobecna, miękka

6%
nie ma porównań bo jest tylko ona
wycięta z tłumu z jej planu dalszego
niż lato tramwaj kolejny przystanek
stukot kół szarpnięcia zakręty poręcze
lepkie od potu, z jej szarego piekła
w którym się dusi na chwilę przed burzą

a ja jestem tu patrzę

page down
to jest real album pełem fotek

Наша мала, мяка, всюдисуща

6%
немає порiвнянь є тiльки вона
вирiзана з натовпу з її дальших планiв
нiж лiто трамвай чергова зупинка
стукiт колic повороти шарпанина липкi
вiд поту поруччя, з її сiрого пекла
в якому задихається на мить перед бурею

 а я тут, дивлюся

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це real album повний фоток

[Übersetzung: Chrystyna Stel’mach]

Ermöglicht werden diese Entdeckungen durch die Übersetzerinnen und Übersetzer, und sie sind es denn auch, die hier besonders geschätzt werden, denn sie ermöglichen es, die Grenzen zwischen den Nationalliteraturen zu öffnen und zu zeigen, dass der Text in der Übersetzung nicht verliert, sondern vielmehr neue Aspekte dazu gewinnt und sich neue Perspektiven auf den Text eröffnen.

Geöffnet werden auch die Grenzen zwischen den Gattungen: Auf dem Internetportal von Radar gibt es alles, was im weit gefassten Sinn mit Literatur zu tun hat: Grafik- und Fotoserien, Kurzfilme, Ausschnitte aus Hörspielen – und natürlich Texte: Lyrik, Prosa, Drama, Rezensionen, Essays, Gespräche und Literaturkritik; in der Print-Ausgabe wird eine Auswahl dieser Texte vorgestellt.

Bisher sind zwei RADAR-Hefte erschienen: In der ersten Ausgabe werden die Gemeinsamkeiten der drei Literaturen betont; in der zweiten geht es gerade um das Gegenteil, nämlich um die Verschiedenartigkeit der zeitgenössischen deutschen, polnischen und ukrainischen Literatur.

Durch die drei Sprachen zu schlendern und zu sehen, dass das, was oft als „unmöglich“ betrachtet wird – das Übersetzen von einer Sprache in eine andere – nicht nur möglich ist, sondern die Texte dadurch vielschichtiger und vielseitiger werden, ist lustvoll – und schön!

Das nächste Heft erscheint im August und wird einen Schwerpunkt zur Deutschschweizer Literatur haben.

http://www.e-radar.pl

Serhij Zhadan an der Humboldt-Uni

Oktober 19, 2010

Der ukrainische Autor liest am 2.11. am Institut für Slawistik

„Ich zog meine Armeehosen an, holte unter dem Bett die schweren Armeestiefel hervor, verschlissen zwar, aber solide. Die waren heute genau richtig, dachte ich, falls es Zusammenstöße geben sollte. Ich zog mein Shirt über, griff nach meiner Uhr und ging nach draußen. In einem Schrotthaufen fand ich eine geeignete Eisenstange. Ich wog sie mit der Hand. Genau richtig für den Fall der Fälle, dachte ich und ging dem Ungewissen entgegen.“

Der ukrainische Dichter und Schriftsteller Serhij Zhadan verbringt derzeit im Rahmen eines DAAD-Stipendiums ein inspirierendes Jahr in Berlin. Bei dieser Gelegenheit schaut sich der ehemalige Dozent an der Charkiver Universität die hiesige Bildungslandschaft an. Gelangweilt von fehlenden Streiks und überrascht von fehlenden Eingangskontrollen und Passierscheinen muss der (noch?) freie Zugang zur höchsten Etage des philologischen August-Boeckh-Hauses gefeiert werden! Und zwar mit der Freiheit des schriftlichen und mündlichen Wortes: Serhij Zhadan liest aus seinem druckfrischen Roman „Vorošylovhrad“ («Ворошиловград») auf Ukrainisch und aus der russischen Übersetzung, ein Teil wird in deutscher Übersetzung vorgetragen. Um der basisdemokratischen Vielfalt willen sind BesucherInnen mit jeglichem, auch (nicht)universitären Hintergrund und Interesse, herzlich willkommen – nicht zuletzt, um sich auch für die anschließende Diskussion frei zu fühlen.

Wann: 2.11.2010, 18.30 Uhr
Wo: Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Slawistik, Dorotheenstraße 65, 5. Stock, R. 5.57
Eintritt frei

Sogar die Papageien überleben uns

Mai 20, 2010

Jeder Dichter, jede Dichterin tut es. Oder zumindest fast jede(r). Sie schreiben – früher oder später – Prosa. Oft kommen dabei Romane heraus und zwar durchaus beeindruckende. Und da ist die russische Lyrikerin Ol’ga Martynova keine Ausnahme. Martynova, Jahrgang 1962, die seit 1990 in Frankfurt am Main lebt, war dem deutschsprachigen Leser bislang als Dichterin, Übersetzerin und Literaturkritikerin bekannt. Zusammen mit der Übersetzerin Elke Erb machte sie die Romane ihres Mannes, Oleg Jurev, dem Leser hierzulande zugänglich und wirkte an der Übertragung ihrer eigenen Gedichte ins Deutsche mit, die sie – logischer- und vernünftigerweise – ausschließlich auf Russisch schreibt. Ihre zahlreichen Buchbesprechungen, die sie regelmäßig in der NZZ und der TAZ veröffentlicht, schrieb sie jedoch immer schon auf Deutsch (Die „Best of“-Texte sind nachzulesen im 2001 in dem beim Rimbaud Verlag erschienenen Band Wer schenkt was wem). Anfang dieses Jahres erschien nun im Droschl Verlag ihr erster, auf Deutsch geschriebener Roman Sogar die Papageien überleben uns, den sie am 09. April 2010 im vollen Saal des Berliner Literaturhauses vorstellte.

Die Fragen des Moderators bewegten sich erwartungsgemäß rund um das Thema Migration.  Die Haltung Martynovas: unpathetisch, uneitel und – unnachgiebig. Allseits bekannte Ausführungen zu den Problemen russischer Migranten, russischer Schriftsteller in Deutschland – Fehlanzeige. Kulturschock nach der Übersiedelung nach Deutschland? Nein, warum denn. Unterschiede zwischen Russland und Deutschland, der Mentalität (seufz), den Menschen? Nicht wirklich. Hätte sie ein besonderes Sprachtalent, wo sie so phantastisch Deutsch kann? Nein, Deutsch hätte sie so gut gelernt nicht etwa, weil sie so sprachbegabt wäre, so die fließend Deutsch sprechende Autorin, sondern weil sie neugierig war, sie wollte die deutsche Literatur, die nicht in russischen Übersetzungen verfügbar war, eben lesen. So lauteten ihre Antworten auf die hoffnungsvollen Fragen des Moderators, den sie konsequent ins Leere laufen ließ. Es lässt einen ja wirklich staunen (wenn es nicht gerade depressiv stimmt), dass sich deutsche Kulturjournalisten noch immer auf abgedroschenen Allgemeinplätzen bewegen (wie erst kürzlich auch die hier besprochene, geradezu peinlich moderierte Veranstaltung am LCB mit Dorota Masłowska und Ivana Sajko bewies). Man fragt sich – für welches Publikum sind solche Fragen interessant und relevant? Oder ist das Interesse des Publikums letztlich sowieso egal? Und wovon zeugt es denn, wenn sich jener Moderator, des Russischen nicht mächtig, es nicht für nötig hält, sich nach der korrekten Aussprache der zahlreichen im Roman vorkommenden Namen, geschweige denn deren Betonung, vor der Lesung zu erkundigen? So ist es vielleicht ganz bezaubernd, wenn aus Daniil Charms, ein der Slawistik bislang unbekannter englischer Autor namens Čarms wird, in der Sache ist es jedoch nur traurig. Die Gründe dafür seien dahingestellt, darüber sollte man besser nicht spekulieren, doch etwas mehr Respekt, nicht zuletzt vor der Autorin selbst, ihrem Text und den Gästen, wäre gewiss angemessen gewesen. Tröstlich nur, dass sich Martynova auf eine solche Diskussionsart nicht einlässt. Ihr überaus entspannter und humorvoller Umgang mit dem Thema Migration wirkt erfrischend neu und fast schon herausfordernd. Fast zufällig, wie nebenbei zu provozieren, das ist Martynovas Art, wie nicht zuletzt der neuerliche Wirbel um ihre These von der Rückkehr des sowjetischen Geschmacks in der russischen Gegenwartsliteratur bezeugt – zunächst in einem Artikel bei der NZZ  (Der späte Sieg des Sozialismus) und anschließend auf Russisch veröffentlicht und heftig diskutiert auf OpenSpace.ru.

Fazit – liebe Frau Martynova, bitte provozieren Sie weiter!

Porträt der Autorin auf novinki.de

Andrej Gelasimov

März 5, 2010

– ein „neuer sibirischer Salinger“

In letzter Zeit hört man hier zu Landen immer wieder Klagen über die schlechte Lage der russischen Gegenwartsprosa, oder vielmehr darüber, dass weit und breit kein neuer Stern am Himmel der aktuellen russischen Literaturlandschaft zu finden sei, dem man eine – durch den literaturwissenschaftlichen Zugriff oder durch Übersetzungen ins Deutsche geadelte – literarische Qualität von Bestand zusprechen könnte. Und tatsächlich, es ist etwas stiller geworden um die Diskussion aktueller russischer Literatur in Deutschland. Keine neue Ulickaja, kein neuer Akunin, kein neuer Pelevin, ja nicht mal ein neuer Sorokin weit und breit, geschweige denn ein Autor vom Schlage Andruchovičs, der durch sein geo-poetisches Konzept Slawisten- und Lektorenherzen gleichermaßen und erstaunlich lang anhaltend höher schlagen lässt? Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass gerade die Repräsentanz einer neuen, nennen wir sie „post-postsowjetischen“ russischen Autorengeneration, in deutschen Übersetzungen zu wünschen übrig lässt. Das mag zum einen daran liegen, dass viele russische Verlage eine für unsere Maßstäbe ziemlich unverständliche Qualitätskontrolle praktizieren und nicht wenige Texte, gerade auch jüngerer Autoren, eine recht fragwürdige ideologische Ausrichtungen haben. Das mag zum anderen aber vor allem auch daran liegen, dass viele Texte zu russlandspezifische Themen transportieren, die den deutschen Leser schlicht und ergreifend nicht großartig interessieren werden.

Es verwundert allerdings, dass ausgerechnet die Prosatexte von Andrej Gelasimov, bis auf eine Erzählung, in der von Galina Dursthoff herausgegebenen Erzählsammlung Russland. 21 neue Erzähler (Deutscher Taschenbuchverlag, München 2003) bisher in alle möglichen Sprachen, aber noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden und überhaupt der Autor hier bisher kaum wahrgenommen wird. Denn gerade die für Gelasimovs Texte typische Mischung von vermeintlich anspruchsloser Unterhaltung und gesellschafts-politisch kritischer Sensibilität würde hier sicherlich auf eine größere Leserschaft und auf Gefallen des Feuilletons stoßen. Seine Prosatexte sind charakterisiert durch romantische aber gänzlich unpathetische, ironisch-fatalistische Geschichten und durch eine besondere Vorliebe für situationszentrierte, episodische, nahezu filmische Erzählstrukturen mit besonderer Aufmerksamkeit für die zwischenmenschlichen Realitäten des Alltags. Gelasimovs Helden sind durchschnittliche, meist vom gesellschaftlichen Treiben zurückgezogene Menschen im besten Jugendalter, deren Geschichten und Charaktere durch einfache Stilistik, hintergründigen Humor und durch kurze, dialogische Szenen umrissen sind, ohne dass es je in Banalitäten abdriften würde. Im Gegenteil: „Bei Gelasimov ist der Humor weniger eine zweite Natur als vielmehr eine Waffe, eine Form des Widerstands, um überleben zu können“ beschrieb die Zeitschrift Le Monde des livres (2005) sehr treffend Gelasimovs Schreibe.

Bei den eher wenigen öffentlichen Auftritten gibt sich der promovierte Anglist und studierte Regisseur Gelasimov – soweit ich das aufgrund von youtube-geschalteten Mittschnitten beurteilen kann – mürrisch und leicht blasiert, ganz im Gegensatz zu einem allzeit publikumsschmeichelnden, medial überpräsenten Autor wie Griškovec. Das macht ihn als Gesprächspartner vielleicht nicht gerade zugänglich, lenkt aber das Interesse mehr auf seine Texte als auf seine Person und das ist dann doch allemal symphatischer: Bereits nach Erscheinen seines dünnen Erzählbandes Foks Malder pochož na svin’ju (Fox Mulder sieht aus wie ein Schwein) bejubelte die russische Kritik den 1966 in Irkutsk geborenen Autor als „neuen sibirischen Salinger“. Und spätesten mit seinem 2002 erschienenen zweiten Buch Žažda (Durst) über einen jungen Mann, der entstellt aus dem Tschetschenienkrieg in den banalen Moskauer Alltag zurückkehrt, galt er als zwar umstrittener, aber aufsteigender Stern der „jüngeren“ russischen Literatur. Es folgte dann in kurzen Abständen weitere Publikationen und mit jedem Buch bewegte er sich zusehends von der Kurzform weg zu immer umfangreicheren Romanen: 2003 erschien der Roman God obmana (Jahr der Lüge) um eine Dreiecks-Liebesgeschichte aus der Perspektive eines Vertreters der neuen urbanen 1990er-Jahre-Mittelschicht, ebenfalls 2003 folgte der zwischen den 1960er und den 1990er Jahren spielende Roman Rachil’ (Rahel) über einen erfolglosen, halbjüdischen Literaturwissenschaftler und seine Erinnerungen an seine drei Ex-Frauen. Einige Jahre später, 2008 erschien der mit dem Nacional’nyj bestseller 2009 ausgezeichnete Roman Stepnyje bogi (Steppengötter), in dem es um die in das Jahr 1945 in die russische transbaikalische Steppe verlagerte Freundschaft zwischen einem Teenager und einem gefangenen japanischen Arzt kurz vor dem Einfall der sowjetischen Truppen in Japan und den Bombardierungen Hiroshimas und Nagasakis geht. Ende 2009, also fast noch als Neuerscheinung zu rechnen, erschien schließlich der wieder gegenwartszugewandte Roman Dom na Osernoj (Das Haus an der Osernastraße) über eine provinzielle Großfamilie, die sich in ungünstige Finanzgeschäfte verstrickt. Ungesicherten Quellen zufolge arbeitet Gelasimov derzeit bereits an einem weiteren, im äußersten Norden Russlands spielenden Roman mit dem treffenden Titel Cholod (Kälte).

Ilma Rakusa, die seit Jahren u.a. auch beratend für den Suhrkampverlag tätig ist, erwähnte kürzlich in einem Interview, welches Sylvia Sasse mit ihr für Novinki führte, dass sie in letzter Zeit wenig brauchbare neuere russische Literatur finden konnte, außer erfreulicherweise Gelasimovs Kurzroman Žažda (Durst). Es ist also zu hoffen, dass es bald eine Übersetzung des Buches bei Suhrkamp geben wird und dass noch weitere folgen werden.

Фокс Малдер похож на свинью
Москва: ОГИ, 2001

Год обмана
Роман. — Москва: ОГИ, 2003

Жажда
Москва: ОГИ, 2002

Рахиль
Москва: ОГИ, 2003

Степные боги
Москва: Эксмо, 2008

Дом на Озёрной
Москва: Эксмо, 2009