Posts Tagged ‘Dokumentarfilm’

Hinweis: CHAMISSOS SCHATTEN im Kino Arsenal ab 15.01.2017

Januar 11, 2017
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Karte der Beringsee von 1868

Alle, die Ulrike Ottingers künstlerisch-dokumentarische Filmexpedition auf den Spuren Adelbert von Chamissos „in Siebenmeilenstiefeln“ durch die Beringsee (unglaublich schöne und stille 709 Minuten!) nicht längst gesehen haben, können das jetzt im Kino Arsenal nachholen:

So 15.1., 18.30h
CHAMISSOS SCHATTEN – KAPITEL 1: ALASKA UND DIE ALEUTISCHEN INSELN   Ulrike Ottinger, Deutschland 2016   OmE 190‘

So 22.1., 18.30h
CHAMISSOS SCHATTEN – KAPITEL 2, TEIL 1: TSCHUKOTKA   Ulrike Ottinger   Deutschland 2016   OmE 192‘

Fr 27.1., 19.30h
CHAMISSOS SCHATTEN – KAPITEL 2, TEIL 2: TSCHUKOTKA UND DIE WRANGELINSEL   Ulrike Ottinger   Deutschland 2016   OmE 153‘

So 29.1., 18.30h, zu Gast: Ulrike Ottinger
CHAMISSOS SCHATTEN – KAPITEL 3: KAMTSCHATKA UND DIE BERINGINSEL   Ulrike Ottinger   Deutschland 2016   OmE 174‘

Das beeindruckende Zeugnis einer dreimonatigen Reise im Sommer 2014 nach Alaska, Kamtschatka, Tschukotka und zur Wrangelinsel im Nordpolarmeer entführt den Zuschauer in eine fast irreal anmutende Welt, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in eins zu fallen scheinen. Der Held von Ottingers „wundersamer Geschichte“ ist zweifellos die Natur – das schier unendliche Meer, die vielfältigen Landschaften, die Tiere und Pflanzen. Nur der Mensch bleibt in dieser entlegenen Region eine zwiespältige Erscheinung: (more…)

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Hinweis: „The Revolution that wasn’t“. Russische Dokumentarfilme 1991-2015 im Arsenal, Berlin.

März 22, 2016

In der Zeit vom 01. bis 30. April 2016 zeigt das Kino Arsenal (Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin) 21 russische Dokumentarfilme, die nach dem Zerfall der Sowjetunion entstanden sind. Begleitet wird die Filmreihe durch zahlreiche Einführungen von Barbara Wurm, Georg Witte, Bert Rebhandl, Ekaterina Tewes und Aleida Assmann. Das vollständige Programm finden Sie in dieser Ankündigung weiter unten oder auf der Website des Kinos.

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Hier die Ankündigung der Veranstalter_innen:

Seit dem Konflikt in der Ukraine und dem Krieg in Syrien steht Russland im Mittelpunkt vieler Diskussionen. Dass die Realität in Russland komplexer ist als Fernsehreportagen oder Meinungsumfragen dies abbilden, ist hierzulande nur zu ahnen, denn filmische Innenansichten gelangen kaum nach Deutschland. Ein von Tatiana Kirianova kuratiertes umfangreiches Programm mit zahlreichen Gästen nimmt das 25-jährige Bestehen der Russischen Föderation zum Anlass, diese Lücke mit einer Auswahl unabhängiger russischer Dokumentarfilme zu schließen.

Gezeigt werden zum einen frühe dokumentarische Arbeiten renommierter Filmemacher 
wie Alexander Sokurov, Sergei Dvortsevoy und Sergei Loznitsa, die heute als preisgekrönte Spielfilmregisseure international bekannt sind. Ergänzt werden diese durch Werke einer jüngeren Generation unabhängiger Filmemacher_innen wie Pavel Kostomarov, Olga Privolnova und Alina Rudnitskaya, die einen persönlichen und oft kritischen Blick auf die Entwicklungen im Land werfen. (more…)

Veranstaltungshinweis: „Cinema: A Public Affair“ im Kino Krokodil, 07.12.2015

Dezember 3, 2015
Naum KleimanAus Anlaß der Premiere des Dokumentarfilms Cinema: A Public Affair (D 2015) sind der Filmwissenschaftler Naum Kleiman und die Regisseurin Tatiana Brandrup zu Gast im Kino Krokodil. Der Eisenstein-Experte und Kino-Visionär Naum Kleiman war seit 1989 Direktor des Filmmuseums in Moskau. Als er sich jedoch im März 2014 in dem offenen Brief „Мы с Вами!“ der KinoSojuz-Kollegen an die ukrainischen Filmschaffenden gegen die russische Militärintervention in der Ukraine ausspricht, fällt er bei der russischen Regierung in Ungnade. Allen – auch internationalen – Protesten zum Trotz wird er im Juli desselben Jahres kurzerhand durch Kulturminister Medinski abgesetzt.

am: 7. Dezember 2015 um 20:00 Uhr

im: Kino Krokodil – Filme aus Russland und Osteuropa
Greifenhagener Straße 32
10437 Berlin-Prenzlauer Berg
S+U Schönhauser Allee

Über den Film:
Was können Filme, was kann Kino im günstigsten Fall bewirken? Antworten auf diese komplexe Frage weiß kaum jemand so schön und klug zu formulieren wie Naum Kleiman. Der russische Filmhistoriker, Leiter des legendären Eisenstein-Archivs, war Direktor des 2005 geschlossenen Moskauer „Musey Kino“. Seither sind die Filme und Sammlungen der Cinemathek auf dem Gelände des Mosfilm-Studios eingelagert. Das „Musey Kino“ – Kleiman und der Freundeskreis des Museums – arbeitete jedoch weiter, im Exil, gegen alle Widerstände. Der Film rekonstruiert die Ereignisse bis zum Sommer 2014, als Kleiman auf skandalöse Weise abgesetzt wurde. „Das Kino hat die Fähigkeit, aus Menschen Bürger zu machen“. Es braucht nur wenige Filmausschnitte und man begreift, warum Kleiman ein bewunderter Filmvermittler ist – wie seine Verbündeten Erika und Ulrich Gregor vom Berliner Arsenal versteht Kleiman Film als Waffe im Kampf für bessere, offenere Gesellschaften. Konsequent also, wenn dieser Film zwar auch auf ein imposantes, mutiges Leben zurückblickt, vor allem aber dokumentiert, warum Naum Kleimans Verständnis von Kino im heutigen Russland an Brisanz und Aktualität kaum übertroffen werden kann (Pressemitteilung der Berlinale vom 22.01.2015).

Weitere Informationen finden Sie auf der Kino-Website. Der Eintritt kostet 6,50 EUR. Eine Vorbestellung der Karten wird empfohlen. Originalsprache Russisch mit deutschen Untertiteln. Einen Trailer gibt es hier.

E: kinokrokodil@email.de
T: 030 44049298 (ab 19 Uhr)

Die visuellen Geister von Tonbandschnipseln

Oktober 22, 2014

Zuzanna Solakiewicz kehrt in ihrer filmischen Hommage an die Musik von Eugeniusz Rudnik das Verhältnis von Ton und Bild um. Entstanden ist ein experimentelles Stück über die Geheimnisse des materialisierten Geräuschs: 15 Stron Świata.

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Der Dokumentarfilm 15 Stron Świata (15 Corners of the World, 2014) von Zuzanna Solakiewicz ist ein heimlicher Experimentalfilm. Die Interviewsequenzen mit dem polnischen Pionier der elektroakustischen Musik, Eugeniusz Rudnik – einem experimentellen Komponisten, Toningenieur und Klangkünstler, der seit über 50 Jahren mithilfe von analogen Tonbändern produziert – tauchen lediglich als vereinzelte Episoden auf; der Löwenanteil des Films besteht aus der Interpretation des Tonmaterials. Die Dokumentarfilmerin Solakiewicz gewichtet so Information und Interpretation neu und beschreitet mit ihrem neuen, bisher längsten Werk einen experimentelleren Weg als mit den vorhergehenden Regiearbeiten Jorcajt (2012), Tak, to jest (2009) und Kabaret Polska (2008). (more…)

Oppositionelle Winterimpressionen

Dezember 10, 2012

Der Film Zima uchodi! dokumentiert die Proteste gegen Vladimir Putin anlässlich der Präsidentschaftswahlen in Russland im Februar 2012. Das kollaborative Werk von zehn RegieabsolventInnen zeigt vor allem eins: Eindrücke, Bilder, Sequenzen.

Die RegisseurInnen Elena Choreva, Denis Klebleev, Askol‘d Kurov, Dmitrij Kubasov, Nadežda Leont‘eva, Anna Moiseenko, Madina Mustafina, Sosja Rodkevič, Anton Seregin und Aleksej Žirjakov sind allesamt AbgängerInnen der Marina Razbežkina-Filmschule (Škola dokumental‘nogo kino i dokumental‘nogo teatra Mariny Razbežkinoj i Michaila Ugarova). Die Leiterin der Schule, Marina Razbežkina, erhielt eine Anfrage der Zeitung Novaja oppozicija, die Proteste mit ihren Studenten zu begleiten. Razbežkina entschied sich jedoch aufgrund der Spontaneität des Projekts, dieses nicht mit Studierenden durchzuführen, sondern Ehemalige zu mobilisieren. Über 1000 Stunden Filmmaterial entstanden auf diese Weise, und der daraus zusammengeschnittene Film ermöglicht einen einzigartigen Einblick in die Proteste auf den Straßen Moskaus und St. Peterburgs und öffnet die Türen von Büros, Wohnungen und Versammlungen.

Wer mit der Hoffnung an diesen Film gelangt, eine Übersicht über die Geschehnisse im letzten Winter in Russland zu erhalten, wird jedoch enttäuscht. Einzig mit eingeblendeten Namen, Daten und Orten greifen die Filmemacher erklärend in das Filmmaterial ein, und wer sich nicht bereits im Vorfeld mit diesen Fakten auseinandergesetzt hat, wird daraus wenig Hilfreiches ableiten können. Der Film liefert vielmehr ein sequenzenhaftes Eintauchen in emotionsgeladene Situationen, in die Unruhe und Anspannung vor einer geplanten Protestaktion, in unendliche Diskussionen, die zu keinem Ziel führen. Genau dies wird an etlichen Beispielen illustriert: Indem sich etwa zwei Menschen im Gespräch in jedem Punkt widersprechen, obwohl sie beide denselben Präsidentschaftskandidaten unterstützen. In einer anderen Szene wird die Ansicht, dass alle Oppositionsführer von den „Feinden“ gekauft sind, stur wiederholt und ebenso stur mit der Frage nach Beweisen konfrontiert. Die Möglichkeit eines konstruktiven Dialogs scheint ausgeschlossen. Gezeigt wird aber auch die Machtlosigkeit der Wahlbeobachter angesichts eines mitsamt der Wahldokumentation verschwundenen Beamten oder die fast schon zwanghafte Eskalation von Gewalt zwischen Protestierenden und der Staatsmacht beziehungsweise deren Anhängern. Man kann und will sich nicht verstehen, und jegliche verbale Auseinandersetzungen führen ins Nichts.

Den Filmemachern ist es gelungen, einige Szenen aufzunehmen, die an Zynismus kaum mehr zu überbieten sind. So wird in einer Sequenz ein Mann gezeigt, der auf der Straße einem Fernsehteam  seine Meinung darlegt. Er kritisiert die oppositionellen Proteste in ihrer Vorgehensweise und plädiert für den friedlichen Dialog mit regierungstreuen Kreisen. Kaum hat er seine Aussage beendet, verschwindet er aus dem Bild – die Polizei hat ihn von der Kamera weggerissen und verhaftet. Treffender könnte das herrschende Ungleichgewicht kaum mehr illustriert werden.

Auch der Film selbst tritt nur spärlich in den Dialog mit der ‚anderen‘ Seite. Geschuldet sei dies, so Regisseur Anton Seregin, vor allem der mangelnden Bereitschaft von Putins AnhängerInnen, sich den Filmemachern gegenüber zu äußern. Der Versuch eines ausgewogen Bericht erstattenden Dokumentarfilms scheint somit am Misstrauen gegenüber einem solchen Projekt zu scheitern – und doch merkt man dem Material auch an, wo die Sympathien der FilmemacherInnen liegen.

Eine interessante Einsicht liefert nichtsdestotrotz eine der wenigen PutinanhängerInnen, die im Film zu Wort kommen. Die junge Frau verdeutlicht, wovor sich viele Russen fürchten: Auch wenn Putin nicht unbedingt als der Heilsbringer angesehen wird, lässt sich mit ihm doch die Zukunft mehr oder weniger kalkulieren. Seine Politik ist bekannt, und wer sich bisher über Wasser halten konnte, hofft mit seiner Wiederwahl den status quo erhalten zu können. Ein Machtwechsel schreckt durch die drohende Unberechenbarkeit ab, denn wer garantiert, dass sich die Situation nicht noch verschlimmern würde? Das Wenige, das den Leuten bleibt, wollen sie nicht auch noch verlieren.

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Trotz seiner ernsten Thematik und den bedrückenden Bildern wohnt dem Film eine gewisse Leichtigkeit inne. Gerade die typisch liebenswerte Komik von Alltagssituationen zeigt auch den Menschen hinter dem Politaktivisten und führt russische Spezifika vor Augen. Andere Szenen zeugen von einem Gespür für die ästhetische Komposition und überraschen durch bestechende Schönheit.

Schließlich legt der Film auch Zeugnis über die mitunter grotesken Wahlkampfstrategien ab. Da ist zum Beispiel eine durch leichtbekleidete Popmusikerinnen optisch und akustisch bereicherte Wahlkampfveranstaltung. Oder der Wahlslogan „Wer schon genug Geld hat, wird die Leute nicht berauben“. Andere Szenen wiederum erscheinen allzu bekannt, wenn sich etwa ein Präsidentschaftskandidat im Kuhstall fotografieren lässt, um seine Bodenständigkeit zu demonstrieren. Und genau in diese Richtung ist der Film auch ausgelegt: Inszeniert werden Personen und Aktionen, doch von Inhalt spricht kaum einer. Es sei schließlich einerlei, wer Putin ersetzt, Hauptsache es geschieht – danach kann man immer noch den neu gewählten Präsidenten bekämpfen. Eine Inszenierung ist auch der Urnengang selbst: keiner der Opposition zweifelt an Wahlfälschungen, und doch sind sie dem offiziellen Skript ausgeliefert, das keine Variationen zulässt.

Zima uchodi!,  Elena Choreva, Denis Klebleev, Askol‘d Kurov, Dmitrij Kubasov, Nadežda Leont‘eva, Anna Moiseenko, Madina Mustafina, Sosja Rodkevič, Anton Seregin und Aleksej Žirjakov, RF 2012.

Manifestierte Freiheit

Mai 2, 2010

Vom zeitgenössischen ukrainischen Film hört man selten. Der ukrainische Kinoklub Berlin (www.ukkb.wordpress.com) schafft Abhilfe. Am Wochenende hat der Kinoklub in der Ukrainischen Botschaft – direkt neben dem Deutschen Theater – den Film „Real Master Class“ (2008) in Anwesenheit der Regisseurin vorgeführt.

Die Regisseurin Oksana Chepelyk, geb. 1961, hat ihre Dokumentation über drei ukrainische Intellektuelle selbst angekündigt: Es sei kein Dokumentarfilm, sondern ein Manifest! Es seien keine Porträts der Schriftstellerin Oksana Zabužko, des Filmregisseurs Roman Balajan und des Theaterregisseurs Andrij Žoldak. Waren es natürlich doch und ein filmisches Manifest war es nicht. Erstere tanzte zwischen ihren auf dem Boden liegenden und aufgeschlagenen Büchern zu „Let my people go“ (postfeministische und postkoloniale Leichtigkeit des Kyïver Seins), Zweiter drehte einen Film über den menschlichen Traum vom Fliegen und Dritter überwältigte mit exzessiv-multimedialen Inszenierungen von Carmen. Grundtenor: Geniale Künstlerpersönlichkeiten.

In der anschließenden Diskussion sagte die Regisseurin, sie wolle mit dem Film auf die fehlende Förderung von Filmproduktionen hinweisen und die Kulturpolitik kritisieren, die auf Galerien und Kunstobjekte fixiert ist. Sie sprach auch über Freiheit, von der es kapitalistischerweise zu viel in Bezug auf Geldmittel gäbe. Worauf ein Mitarbeiter der Botschaft einwarf, dass ein bestimmtes Maß an äußerer Restriktion dem künstlerischen Freiheitsdrang wohl tun kann…

Schmerzliche Beziehungen

April 24, 2010

Wie sich zeigt, ist die Gestalt einer ‚toxischen Mutter‘, d.h. einer Mutter, die ihr Kind nicht frei lassen kann und durch übertriebene Fürsorge und Schuldgefühle, die sie im Kind produziert, den Abnabelungsprozess verhindert, nicht nur in der jüngsten polnischen Literatur anzutreffen, wie z.B. in Bożena Keffs Utwór o matce i ojczyźnie, 2008 (dt.: Ein Stück über Mutter und Vaterland), sondern auch im polnischen Dokumentarfilm, der seit Kieślowski immer wieder Erstaunliches zu bieten hat. In Keffs Buch ist die Mutter als eine sehr komplexe Figur in einen schmerzhaften historischen Kontext eingeschrieben. Das Leserinteresse zielt aber häufig zuerst auf die Schilderung der ganz privaten Tragödie einer schiefen und zerstörerischen Mutter-Kind-Beziehung, wie viele Leserbriefe an die Autorin bewiesen haben. Überraschenderweise stellte sich nun der Special-Guest des diesjährigen FilmPolska-Festivals, der Kameramann und Dokumentarfilmer Marcin Koszałka, als ein Künstler heraus, der genau diesem Interesse entgegenkommt. Zwei von drei Dokumentarstreifen, die ich mir angeschaut habe, handeln von der übermächtigen Mutter-Tyrannin und einem Muster, das sich wiederholt (und auch in Keffs Buch zu finden ist): Für eine Befreiung von einer solchen Mutter reicht ein Menschenleben nicht aus. Es scheint höchstens eine zeitweilige Versöhnung möglich, doch eine Lösung der Bindung – sie käme einer Muttertötung gleich. Dieses Gespenst aber ist die stärkste Waffe der Tyrannin gegen das Kind.

In seinem Diplomfilm Takiego pięknego syna urodziłam, 1999 (dt.: Einen schönen Sohn habe ich zur Welt gebracht) entblößt der Filmemacher seine Eltern und sich selbst vor der Kamera. Man sieht ihn tatsächlich halbnackt und wie ein Opfertier auf der Fernsehcouch liegen, während die schlimmsten Hasstiraden seiner Mutter wie Messerstiche auf ihn niederprasseln. Der Vater stimmt mit ein, doch nur zaghaft, wie ein Echo der Mutter, denn auch er ist der nichtsnutzige Mann, den seine Frau (symbolisch) vernichtet. Natürlich sind die Szenen und die Wutausbrüche der Mutter provoziert, aber deshalb nicht weniger schmerzlich wahr. Ihre Beschimpfungen mit der Kamera festzuhalten, scheint für den Sohn die einzige Form des Widerstands zu sein, oder eine Art Therapieversuch. Am Ende sieht sich die Mutter das Filmmaterial an und ist betroffen, drückt Bedauern aus, aber nicht mehr. Es ist eine Koda, die die Ausweglosigkeit der Situation (zumindest dort, wo man sich ihr passiv aussetzt) ganz deutlich macht. Eine studentische Jury des Internationalen Wettbewerbs für Dokumentarfilm in Krakau hat diesen Abschlussfilm Koszałkas im Jahr 2000 für seinen „begründeten Exhibitionismus“ mit einer Auszeichnung bedacht.

Es ist verblüffend, dass Koszałka den Akt der Entblößung fünf Jahre später wiederholt, wie man im Web (www.culture.pl) nachlesen kann. In dem 2004 entstandenen Film Jakoś to będzie (dt.: Es wird schon werden) zeigt er Szenen aus seiner eigenen Ehe, endlich fern von der Mutter. Doch auch hier wirkt das toxische Verhältnis zur Mutter weiter, in das eigene Leben übertragen.

Der Film Do bólu, 2008 (dt.: Bis an die Schmerzgrenze) zeigt eine andere ‚toxische Mutter‘, die mit ihrem über fünfzigjährigen Sohn zusammenlebt. Der Vater ist vor kurzem verstorben, „er wollte nicht mehr mit uns leben“, sagt der Sohn in die Kamera. Es ist schier unglaublich – dieser erwachsene Mann ist ein praktizierender Psychoanalytiker! Und vollkommen unfähig, sich von seiner Mutter zu lösen. „Ich musste mich selbst kastrieren, um mit Dir zusammen zu sein“, sagt er zu seiner Mutter. Die Beziehung zu einer gleichaltrigen Frau soll die Mutter-Bindung beenden. Man ahnt es und sieht es: die Mutter ist außer sich und in Rage. Ein Höhepunkt des Films: die Mutter sitzt am Klavier und singt Tonleitern. Ihre Stimme signalisiert: ich bin da, nicht zu überhören, nicht zu übersehen, mich wirst du nicht los – besser kann man ihre übermächtige Präsenz nicht inszenieren. Auch hier steht am Ende des knapp halbstündigen Films eine erzwungene Versöhnung zwischen Mutter und Sohn. Und wieder ein angehängtes Schlussbild, das es in sich hat. Der Sohn schmiedet Pläne. Er wird mit seiner Freundin in ein neu gebautes Haus ziehen, und es soll groß genug sein, damit auch die Mutter dort einziehen kann …

Auf dem Festival war auch Koszałkas Istnienie (dt.: Existenz) von 2007 zu sehen. Wie www.culture.pl zu berichten weiß, ist der Film vom Wunsch des sterbenskranken Schauspielers Jerzy Nowak inspiriert, das eigene Sterben zu inszenieren. Den formalen Kern des Dokumentarfilms bildet die testamentarische Verfügung Nowaks, sein Körper solle nach seinem Tod zu medizinischen Forschungszwecken verwendet werden. Der Schauspieler glaubte, dass mit der Fertigstellung des Films sein Tod bereits eintreten werde, doch dem ist nicht so. Er lebt noch. Der Film ist – nicht nur deshalb – ein faszinierendes Zeugnis dafür, wie Kunst (wie jede Ausdrucksform) beim Thema Tod und Sterben gegen eine Wand stößt. Der Zuschauer sieht Rituale (vor allem Rituale!) des Umgangs mit dem Tod, ein offensives Sich-Nähern, ein Abschiednehmen von den Verwandten, von geliebten Personen, von Freunden, von Orten und vor allem vom eigenen Körper. Der Film ist sehr sparsam und wahrt behutsam die Privatsphäre des Schauspielers. So wird Vieles nur angedeutet.

Der 80jährige lässt sich den Vorgang der Präparation von einem ebenfalls betagten Professor der Medizinischen Akademie erklären, der wegen der Deformation seines eigenen Körpers zu einer wichtigen Figur in der Diegese wird. Er zeigt dem Schauspieler den Sektionssaal, in dem die Leichen in riesigen Wannen aufbewahrt werden. Sie sehen sich die Leichen an. Jerzy Nowak zeigt sich unbeeindruckt, oder er spielt nur einen alten Mann, der unbeeindruckt ist. „Menschliche Attrappen“, sagt er, „dieses Ding, das vom Menschen kommt“. Es sind verbale Akte, die vom eigenen Körper lösen sollen. Seinen Körper schon zu Lebzeiten zum Ding zu erklären, ist die Strategie Nowaks, sich von ihm zu trennen. Und hier macht der Film, ich weiß nicht, inwieweit intendiert, etwas sichtbar, was wirklich erstaunt. Alle diese Rituale, Abschiede, Verfügungen schienen mir irgendwo zu scheitern. Was nicht bedeutet, dass sie vollkommen sinnlos sind. Aber in dem Moment, in dem die Kamera die behauptete Gleichgültigkeit des Schauspielers gegenüber seinem (in der Zukunft toten) Körper festhält („ich hab keine Beziehung zu meinem toten Körper“) und gleichzeitig einen immer noch lebendigen Körper zeigt, vermittelt sie etwas von einer menschlich-männlichen Hybris. Vielleicht ist das die großartige (wenn auch nicht neue) Entdeckung in Istnienie. Der Film zeigt den Mann (Künstler?), der seinen Körper verleugnet, abspaltet, damit er leben und sterben kann.

filmPolska in Berlin

April 10, 2010

Am 15. April startet die 5. Edition des polnischen Filmfestivals in Berlin – filmPOLSKA.

Bis zum 21. April kann das berliner Publikum in acht verschiedenen Kinos neue Filme und Filmklassiker aus Polen sehen und dabei die spürbare Abwesenheit polnischer Streifen auf der letzten Berlinale vergessen. Das Festival bietet dabei fünf thematische Schwerpunkte an – Neues Polnisches Kino, Dokumentarfilme, Kurz- und Studentenfilme, Retrospektive Opus Filme, Filmreihe Solidarność im Film, Kamerakunst – und verspricht diesmal einen Hauch von Freiheit und Aufbruchstimmung, den nicht nur die Erinnerungen an Solidarność, sondern auch die neuen Low-Budget Produktionen – meist Kurzfilme – nach Berlin bringen sollen.

Begleitet wird das Festival von einem Workshop, der von dem krakauer Filmemacher Marcin Koszałka (*1970) künstlerisch betreut wird. Der Dokumentarfilmer und Kameramann stellt den Workshop unter ein Thema, das an seinen preisgekrönten Kurzfilm Do bólu (dt. Bis an die Schmerzgrenze) anknüpft. Schmerz im Film? Schmerz als Voraussetzung dokumentarischer Arbeit? Die Ankündigung verrät nur andeutungsweise, was damit gemeint sein könnte. Wer als Laie nicht am Workshop teilnehmen kann, wird zumindest den preisgekrönten Film Koszałkas Do bólu, oder seine anderen mutigen Filme sehen können, unter anderem Istnienie (dt. Existenz), ein dokumentarisches Projekt, das sich um die Person des 80-jährigen Schauspielers Jerzy Nowak (bekannt als Nebendarsteller in Schindlers Liste) dreht, der nach der Entdeckung seiner tödlichen Krankheit die “Hauptrolle seines Lebens spielen wollte” – zugegeben, eine Hauptrolle, die jeder von uns zu spielen hat. Den Auftakt des Festivals gibt Polenweiß und Russenrot – die Adaption von Masłowskas gleichnamigen Kultbuch – von Xawery Żuławski. Und endlich wird Tatarak von Andrzej Wajda gezeigt, der schon das letzte Jahr auf filmPOLSKA laufen sollte, aber kurz vor dem Festivalbeginn wieder aus dem Programm verschwand. Tatarak (dt. Der Kalmus) ist auch eine Literaturadaption – eine Erzählung Jarosław Iwaszkiewiczs war hier die Vorlage.

Film ab!

http://filmpolska.de/