Posts Tagged ‘Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde’

Hinweis: Utopie und Gewalt – Werk und Wirkung des Schriftstellers Andrej Platonow (1899-1951)

November 9, 2016

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Konzert
Filme
Autorengespräche
Publikation

Datum:
29.11.–17.01.2017

Ort:
Berlin

Sprache(n):
Deutsch, Englisch und Russisch

Veranstalterin:
Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde

Die Informationen zu den einzelnen Veranstaltungen entnehmen Sie bitte dem Programmheft der DGO.


Hier die Ankündigung der Veranstalterin:

Die Oktoberrevolution von 1917 bildete den Ausgangspunkt für einen utopischen Gesellschaftsentwurf, der in die Entfesselung politischer und gesellschaftlicher Gewalt mündete. Die Grundlagen für die staatliche Diktatur und die systemimmanente Gewalt wurden Ende der 1920er Jahre gelegt. Dazu gehören der erste Fünfjahresplan, die gewaltsame Industrialisierung des Landes, die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und die Vernichtung der vermeintlichen Kulaken.

Der sowjetische Schriftsteller Andrej Platonow (1899–1951) gilt als literarischer Chronist und unbestechlicher Beobachter dieser Entwicklungen. Sein Werk spiegelt die Atmosphäre einer Epoche wider, die von Utopien und Prophezeiungen einer künftigen neuen Welt geprägt war. Nachdem er den Zorn Stalins erregt hatte, konnten seine bedeutendsten Romane, Tschewengur (1927–28) und Die Baugrube (1930) zu seinen Lebzeiten nicht mehr erscheinen. Erst Ende der achtziger Jahre, mit dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion, setzte seine Wiederentdeckung ein. Joseph Brodsky stellte ihn auf eine Stufe mit Joyce, Musil und Kafka. (more…)

Hinweis auf die DGO-Fachtagung „Russland und/als Eurasien“, 07.-09.10.2016 in Berlin

August 24, 2016

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Die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde lädt alle Interessierten herzlich zur diesjährigen Tagung der Fachgruppe Slavistik vom 7. bis 9. Oktober 2016 in Berlin ein. Die Tagung wird geleitet von Prof. Dr. Birgit Menzel (Mainz-Germersheim) und Prof. Dr. Christine Engel (Innsbruck). Tagungsort ist die Europäische Akademie Berlin, Bismarckallee 46/48, 14193 Berlin.

Aus der Ankündigung der Veranstalter_innen:

Seit den 1990er Jahren hat eine intensive reale und symbolische Aneignung des eurasischen Raums eingesetzt. Sie erfolgt sowohl von Russland als auch vonseiten anderer Großmächte, und ist primär der Marktexpansion sowie geopolitischen und geostrategischen Interessen in einer neuen multipolaren Weltordnung geschuldet. Auch die Osteuropaforschung, die den postsowjetischen Raum jenseits des Ural bis dahin weitgehend ignoriert bzw. als Peripherie behandelt hat, reagiert auf diese Entwicklungen und bezieht nunmehr auch die Region Zentralasien ein. Die bisherigen Forschungsarbeiten zum Raum Eurasien haben sich allerdings in erster Linie auf politik- und sozialwissenschaftliche sowie auf historisch-geographische Fragestellungen konzentriert.

Die 18. Arbeitstagung der Fachgruppe Slavistik wendet sich nunmehr explizit der Frage nach den verschiedenen kulturellen Modellierungen sowohl in Russland als auch in den zentralasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu. Neben den ideologischen Positionen nehmen sie Fragen der Ästhetik und der Sprachtheorie, Beispiele aus Literatur und Musik sowie philosophische, mythische und religiös-spirituelle Ideen und Konzepte in den Blick.

Hier finden Sie Einzelheiten zu Tagungsverlauf und Anmeldung (bis 09. September bei der DGO per eMail office@dgo-onlin.de oder telefonisch 030. 21 47 84 14). Es wird eine Tagungsgebühr erhoben.

Die Konferenzsprachen sind Deutsch, Englisch und Russisch (mit Verdolmetschung der deutschen Beiträge ins Englische).

Veranstaltungshinweis: Constructing Eastern Europe – The Ukrainian Donbas am 16.03.2016

März 14, 2016

Hier die Ankündigung und Einladung der Veranstalter_innen:

The Ukrainian Donbas – The War and its Aftermath
am 16. März 2016 um 18:00 Uhr
im Forum Transregionale Studien, Wallotstraße 14, 14193 Berlin.

BBUI Lecture Series 2016Seit fast zwei Jahren befindet sich der Donbas im Osten der Ukraine im Kriegszustand. Die Journalistin Nataliya Gumenyuk berichtet über die Kriegshandlungen und gibt eine Einschätzung der Folgen dieses Krieges für die Region und seine Bevölkerung sowie für die Zukunft des ukrainischen Staates.

Nataliya Gumenyuk ist freie Journalistin mit einem besonderen Fokus auf außenpolitische Themen und die Berichterstattung aus Konfliktgebieten. Sie berichtete u.a. ausführlich über die Entwicklungen in der arabischen Welt nach dem Arabischen Frühling und über die Protestbewegung auf dem Majdan sowie die politischen und militärischen Entwicklungen auf der Krim und im Donbas. Im Jahr 2015 veröffentlichte sie das Buch „Maidan Tahrir. In Search of a Lost Revolution“, in dem sie beide Revolutionen vergleicht und soziale sowie globale Zusammenhänge untersucht. Nataliya Gumenyuk ist Gastwissenschaftlerin der Berlin-Brandenburg Ukraine Initiative des Forums Transregionale Studien.

Das Gespräch moderiert Volker Weichsel, Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde e. V. / Zeitschrift OSTEUROPA. Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt.

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Hinweis auf die Ausstellung »Samizdat« im GULAG. Eine schwarze Literaturgeschichte

Oktober 15, 2015

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Ab 24. Oktober zeigt das Literaturhaus Berlin in Zusammenarbeit mit Memorial Moskau die Ausstellung »Samizdat« im GULAG über die einzigartige Bedeutung von Literatur für das Überleben und die heimliche Produktion literarischer Texte unter den Extrembedingungen des Lagers und der Verbannung. Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm aus Gesprächen, Lesungen, Buchpräsentationen und Filmvorführungen begleitet. Gefördert wird das Projekt durch den Hauptstadtkulturfonds, die Bundesstiftung Aufarbeitung, die Heinrich-Böll-Stiftung und die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde. Das Filmprogramm wird von ARTE unterstützt.

Ausstellungseröffnung: 23.10.2015, 20:00 Uhr
Ort: Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23, Großer Saal
Dauer der Ausstellung: 24.10. – 13.12.2015

Öffnungszeiten
Mi – Fr  14 – 19 Uhr
Sa, So  11 – 19 Uhr

Der Eintritt ist frei.

Hier die Ankündigung der Veranstalter_innen:

In den großen literarischen Werken, die Alexander Solschenizyn, Jewgenija Ginsburg und Warlam Schalamow nach ihrer Lagerzeit über den GULAG verfaßten, finden sich bemerkenswert viele Erinnerungen daran, wie in den Gefängnissen und dann in den extremen Verhältnissen der Lager die Rückbesinnung auf Gedichte, auf lange Poeme und ganze Romane für einige der unschuldig Verhafteten und Deportieren der letzte rettende Überlebenshalt wurde. Vor allem beim stummen oder weitergebenden Vortragen von Lyrik ergaben sich kurze Momente individueller Freiheit, die resistent machten gegenüber den grausamen Quälereien. Und manchen Häftlingen gelang es sogar, mit konspirativ besorgten Schreibutensilien Abschriften von memorierten Texten und von eigenen Gedichten anzufertigen. (more…)

Von Mythen, Märchen und Realpolitik

Juni 3, 2014

Am 20. Mai ging die sechsteilige Veranstaltungsreihe Die Ukraine. Europäische Reflexionen der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) mit einem Podiumsgespräch im völlig überfüllten Großen Saal des Literaturhauses Berlin zu Ende. Unter dem Titel Ukraina – Kultur an der Grenze. Der Grenzraum als Kontaktzone diskutierten Jurko Prochasko (Germanist, Essayist und Übersetzer aus Lemberg), Andrej Kurkow (Schriftsteller aus Kiew) und Manfred Sapper (Chefredakteur der Zeitschrift OSTEUROPA aus Berlin).

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Auf dem Podium im Literaturhaus Berlin: Andrej Kurkow, Manfred Sapper und Jurko Prochasko (von links nach rechts) © Jurkiewicz/DGO

Im Fokus des Gesprächs hätte eigentlich – so war im Ankündigungstext zu lesen – „die Spezifik der Kultur und der ukrainischen literarischen Landschaft“ mit ihrem „reichen historischen Erbe, ihrer Mehrsprachigkeit, Multikulturalität“, die von Schriftstellern und Intellektuellen wie Prochasko und Kurkow so „virtuos“ genutzt wird, stehen sollen. Doch wie bereits bei der Veranstaltung in der Woche zuvor wurde auch das Vorhaben dieses Abends von den realen Ereignissen in der Ukraine ein- und überholt, so dass das Nachdenken über die Ukraine als kultureller Grenzraum im Ansatz stecken blieb. Wer weiß, vielleicht hätte der Abend einen anderen Verlauf genommen, wenn – wie ursprünglich geplant – Serhij Zhadan gekommen wäre. Hätte doch er – neben Prochasko als westukrainischem Autor, der auf Ukrainisch schreibt, und Kurkow als zentralukrainischem Schriftsteller, der in seiner Muttersprache Russisch schreibt – als ostukrainischer Schriftsteller, der auf Ukrainisch schreibt, das Bild der „babylonischen Sprachverwirrung по-українськи“, die Volodymyr Kulik kürzlich in seinem Vortrag Sprache und Nation erläutert hat, perfekt gemacht. (more…)

„In der Ukraine ist die Zeit explodiert“

Mai 20, 2014

Dienstagabend in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz: „Habt ein Auge auf die Ukraine!“ Die Lehren von 1989. Mit dem polnischen Dissidenten und Herausgeber der Gazeta Wyborcza Adam Michnik und dem ukrainischen Schriftsteller Juri Andruchowytsch sprach Osteuropa-Chefredakteur Manfred Sapper.

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Auf dem Podium: Juri Andruchowytsch, Manfred Sapper, Adam Michnik (von links nach rechts) © Jurkiewicz/DGO

Angesichts der anhaltenden aggressiven Subversion durch Russland steht in der Ukraine die von der Gesellschaft gerade erst erkämpfte Freiheit schon wieder auf dem Spiel und droht „in bürgerkriegsähnlichen Gewaltszenarien unterzugehen.“ Wie auch das an diesem Abend vorgestellte Buch Euromaidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht (Suhrkamp) stellte dieses Gespräch den Versuch dar, die „explodierte Zeit“ (Sapper), diese „Revolution neuen Typs“ mit ihren „großen tektonischen Veränderungen“ (Michnik) irgendwie fassbar zu machen, auf einen Begriff zu bringen. Dass dabei „die Lehren von 1989“ letztlich nicht ganz so wie angekündigt im Fokus standen, war sicher nicht allein den nur bedingt vergleichbaren politischen Voraussetzungen von damals und heute geschuldet, sondern auch der sich täglich verändernden – und angesichts der Desinformationspolitik überaus widersprüchlichen – politischen Landschaft in der Ukraine. (more…)

Die Ukraine auf dem Weg zu einem Failed State?

Mai 13, 2014

In der nunmehr vierten Veranstaltung der Vortrags- und Diskussionsreihe Die Ukraine. Europäische Reflexionen der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) – diesmal zu Gast in der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland – diskutierten am vergangenen Mittwoch Marzenna Guz-Vetter (Politische Abteilung der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland, Berlin), Mykola Ryabchuk (Journalist und Schriftsteller, Kiev/Wien), Susan Stewart (Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin), Andreas Umland (Politikwissenschaftler, Kiev/Jena) und Volker Weichsel (Redakteur der Zeitschrift OSTEUROPA, Berlin) unter dem Titel Aufbruch. Umbruch. Durchbruch? über die Ukraine vor den Wahlen.

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Auf dem Podium: Andreas Umland, Marzenna Guz-Vetter, Volker Weichsel, Susan Stewart, Mykola Ryabchuk (von links nach rechts) © Jurkiewicz/DGO

Dass es in Anbetracht der aktuellen Ereignisse in dieser Podiumsdiskussion nicht nur um die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen gehen könne, sei wohl selbstverständlich, so Volker Weichsel in seinen einleitenden Worten. Und so richtete er seine erste Frage nach den gegenwärtigen Handlungsträgern in der Ostukraine auch erwartungsgemäß an seinen ukrainischen Gast. (more…)

Terra incognita: Die Geschichte der Ukraine

Mai 6, 2014

„Im Westen ist das Wissen über die Geschichte der Ukraine begrenzt. Die Vermittlung der osteuropäischen Geschichte ist auf Russland zentriert“, war im Einführungstext zur dritten Veranstaltung Geschichte und Erinnerung in der Reihe Die Ukraine. Europäische Reflexionen der DGO zu lesen. Doch nicht nur für den Westen ist die ukrainische Geschichte weitgehend eine terra incognita, die – wenn überhaupt – im Wesentlichen gefiltert durch die russische Perspektive erschlossen wird. Auch in der Ukraine selber gibt es „weiße Flecken der Geschichte“ (Jilge), die der Aufarbeitung bedürfen, damit überhaupt eine ukrainische Geschichte ohne Tabus möglich wird. Doch das Nichtwissen und Nichtwissenwollen historischer Tatbestände hat einen nicht unwesentlichen Anteil an Geschichtsbildern, die sich beliebig instrumentalisieren lassen – sie sind „Ressourcen der Macht“. Das haben die Berichte und Kommentare zur gegenwärtigen Situation in der Ukraine mehr als einmal gezeigt. Durch die Kurzvorträge der beiden Ukraine-Historiker und Experten für Nationsbildung und Nationalismus, Anna Veronika Wendland (Herder-Institut, Marburg) und Wilfried Jilge (GWZO, Leipzig), sowie die anschließende Diskussion mit Volker Weichsel (DGO, Berlin) wurde der wichtige Schritt gemacht, die Ukraine nicht einfach nur als „Missverständnis der Nationalitätenpolitik Stalins“ zu betrachten. Mit ihren überaus engagierten Plädoyers sensibilisierten die beiden Historiker das Publikum sowohl für die wechselvolle Geschichte der Ukraine (Wendland) als auch für die mobilisierende und polarisierende Kraft von Geschichtsbildern (Jilge).

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Auf dem Podium: Wilfried Jilge (GWZO, Leipzig), Volker Weichsel (DGO), Anna Veronika Wendland (Herder-Institut, Marburg) © Jurkiewicz/DGO

Anhand von zehn Thesen gab Anna Veronika Wendland einen Schnellkurs vor allem durch die komplizierte ukrainisch-russische Geschichte, die Mitte des 17. Jahrhunderts damit beginnt, dass sich der Hetman Bohdan Chmel’nic’kyj und die Dnipro-Kosaken – nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen Polen auf der Suche nach einem Bündnispartner – unter den Schutz des russischen Zaren Alexej I. begibt. Dadurch kommen die Gebiete links vom Dnipro (Dnepr) einschließlich Kyjiv (Kiev) erstmals unter russischen Einfluss. Ein Ereignis, das sich später im nationalen Bewusstsein der Ukrainer als „Inbegriff der Unfreiheit“ (Kappeler) festsetzt. (more…)

Sprachverwirrung по-українськи

April 27, 2014

Dass die babylonische Sprachverwirrung kein ausschließlich biblisches Phänomen ist, sondern ukrainischer Alltag, ist an sich keine Neuigkeit. Wie schwierig sich jedoch allein das Bekenntnis zu, der Umgang mit und das Verhältnis von Ukrainisch und Russisch gestaltet – von der russisch-ukrainischen Mischsprache Suržyk sowie den zahlreichen anderen Regional- und Minderheitensprachen einmal ganz zu schweigen –, davon konnte sich das Publikum im Literaturhaus Berlin am vergangenen Dienstag einmal mehr überzeugen. Volodymyr Kulyk, habil. Politikwissenschaftler und Senior Researcher am Institut für politische und ethnische Studien der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine (Kiev) ist ausgewiesener Experte für die Sprachenpolitik in der Ukraine. Sein Vortrag Sprache und Nation machte die anscheinend unüberwindbare Dauerkrise in der Sprachenfrage mit ihren heiklen politischen Implikationen sehr deutlich, klaffen doch Sprachpraxis und Sprachidentität in der Ukraine weit auseinander oder anders gewendet: Der Sprachgebrauch hat prinzipiell nichts mit der ethnischen Zugehörigkeit zu tun; diese ist vielmehr das Produkt historischer und lokaler Prägungen. Für die Rechtsstellung einer Sprache ist jedoch die Sprachidentität wichtiger als ihr Gebrauch im Alltag.

Gabriele Freitag, Geschäftsführerin DGO

Gabriele Freitag, Geschäftsführerin DGO (links), Volodymyr Kulyk, Institut für politische und ethnische Studien der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine, Kiev (rechts) © Jurkiewicz/DGO

Zwei-/Mehrsprachigkeit: Problem oder Chance?

Das Problem der Mehrsprachigkeit – und dabei geht es vor allem um Ukrainisch und Russisch, denn die siebzehn anderen in der Ukraine gesprochenen Sprachen stellen in dieser Diskussion eher eine Marginalie dar – wird bereits am Status der Sprache (Muttersprache, Sprachgebrauch und Sprachpräferenz) recht deutlich, was hier anhand von nur einigen Zahlen gezeigt werden soll. Nach einer aktuellen Umfrage des KMIS (Kiever Internationales Institut für Soziologie), auf die sich Volodymyr Kulyk in seinem Vortrag bezog, bekennen sich 68% der Befragten zu Ukrainisch, 30% zu Russisch und 2% zu anderen Sprachen als Muttersprache. Aber Muttersprache und ethnische Identität fallen nicht unbedingt in eins, d.h. auch ethnische Ukrainer betrachten durchaus Russisch als ihre Muttersprache. Der private Sprachgebrauch ist – wie eingangs bereits erwähnt – davon unbenommen, denn 43% der Befragten geben an, Ukrainisch, 35% Russisch und 21% sogar beide Sprachen zu sprechen; die übrigen Sprachen kommen hier nur noch auf 1%. Und hinsichtlich der Sprachpräferenz hat Russisch mit 57% – gegenüber 43% für Ukrainisch – sogar die Nase vorn. Doch die Gründe für den jeweiligen Sprachgebrauch sind ebenso vielfältig, wie die potenziellen Kommunikationspartner und -situationen. (more…)

Der Euromaidan – Agora oder Kibbuz?

April 22, 2014

Am 15. April 2014 fand die erste Veranstaltung im Rahmen der Vortrags- und Diskussionsreihe Die Ukraine. Europäische Reflexionen der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) statt. Über den Maidan als Agora diskutierten Kateryna Mishchenko, Autorin und Herausgeberin der Literaturzeitschrift Prostory in Kiev, und Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift Osteuropa. Mustafa Nayyem, Journalist, Aktivist und Mitinitiator des Euromaidan hatte aufgrund der neuesten Entwicklung in der Ostukraine kurzfristig abgesagt.

Kateryna Mishchenko und Manfred Sapper auf dem Podium

Kateryna Mishchenko und Manfred Sapper © Jurkiewicz/DGO

In seinen Grußworten an das Publikum zitierte der Leiter des Literaturhauses, Ernest Wichner, aus einem zeitgleich in der FAZ erschienenen Artikel von Swetlana Alexijewitsch, Wer nicht jubelt, ist ein Volksfeind. Darin beklagt die Autorin nicht nur den Verlust vieler ihrer russischen Freunde durch die polarisierende Kraft Putins als neuem Heilsbringer, sondern auch die Rückkehr des längst tot geglaubten homo sovieticus: „Morgens schaltet man den Computer an und liest immer das Gleiche: Die Russen kommen, die Russen haben sich erhoben. […] Die roten Fahnen sind wieder da, der ‚rote‘ Mensch ist wieder da. Alles erweist sich als quicklebendig. […] Wohin treibt Russland? Statt Reformen wählen wir den Krieg. Der Durst, verlorenes Land zurückzugewinnen, kann Millionen Menschen um den Verstand bringen. Und zwar vernünftige Menschen, die noch gestern von einem europäischen Russland träumten. Heute geloben sie im Chor: ‚Wegen der Krim verzeihen wir Putin alles!‘“

Angesichts dieser deprimierenden Bilanz Alexijewitschs nach ihrer Maidan-Erfahrung gefragt, zeigte sich Kateryna Mishchenko überrascht und auch wieder nicht, denn, so ihre Feststellung, die Gespräche über die Ukraine fangen oft mit Russland oder Putin an, statt von den Menschen zu handeln, die auf dem Maidan gelebt und gekämpft haben. Leider werde weder der Maidan noch die Ukraine als Subjekt wahrgenommen, sondern als etwas, das zwischen der EU und Russland verhandelt wird. Dennoch: Das Maidan-Kollektiv sei etwas Besonderes, denn es sei nicht von großen Namen gemacht und geprägt, sondern von ganz normalen Bürgern, ihrem Alltag und der Forderung nach neuen Werten. Daher gefalle ihr auch der Titel der Veranstaltung so gut: Der Maidan als Agora. Es sei der Versuch, über die Ukraine einmal anders als immer nur in geopolitischen Dimensionen zu sprechen. (more…)