Posts Tagged ‘Biuro Literackie’

Zu Treuen Händen

Mai 27, 2010

Vor wenigen Tagen ist ein neuer Band mit den gesammelten Gedichten von Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki erschienen, der nach dem Nike-Preis für das Buch des Jahres 2009 zu einem poeta laureatus wurde. Der Verlag Biuro Literackie in Wrocław hat die bisherige Gesamtausgabe (Poesie als ein Ort auf Erden) um das preisgekrönte Buch Piosenka o zależnościach i uzależnieniach (Ein Lied über Abhängigkeiten und Süchte) und sonstige verstreute Texte des Dichters ergänzt und eine Multimedia-CD mit Video- und Tonmaterial beigelegt. Das Ergebnis heißt: Oddam wiersze w dobre ręce (Gedichte zu treuen Händen abzugeben). Das Buchcover zeigt ein Schattenprofil des Dichters in einer Pose, die zu seinem Erkennungszeichen geworden ist: Der Kapuzenmann mit Mikro wie ein Greis über einem Buch gebeugt, über den Gedichten, die er in einem beschwörenden Singsang vorträgt. Nicht jedem liegt seine Performance, manche finden sie abgefahren, andere sind hypnotisiert. Für Unterhaltung sorgt der Kapuzenmann allemal, wie etwa bei der Premiere des Buches.

Um den Liedcharakter seiner Gedichte zu unterstreichen, fügt Dycki häufig ein wiederkehrendes und magisches „la-la, la-la“ ein. Diesmal gibt es eine genauso starke Inkantation, ein noch mehr manisch-schamanisches „heja-hej“. Der Kapuzenmann (auf dem Video leider ohne Kapuze) ist wirklich unglaublich. Bleibt zu hoffen, dass er sich weiter entwickelt. Wer weiß, welche Töne noch möglich sind.

Dichterporträt auf novinki.de

Etwas nüchterner gibt sich der Dichter in einer Aufnahme für lyrikline.org, die er anlässlich des Lyrikfestivals 2009 in Berlin gemacht hat.

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Lyrik, Musik und Multimedia

Mai 16, 2010

Der Verlag für Lyrik Biuro Literackie in Breslau feierte von 23.-24. April im Rahmen des traditionellen Lyrikfestivals sein 15-jähriges Bestehen. Es ist wirklich ein Grund zum Feiern. Denn seit der Gründung 1996 hat sich der Verlag dank unermüdlicher Arbeit von Artur Burszta zu einer richtigen, was man so nennt, Institution entwickelt. Die meisten zeitgenössischen Lyriker, sofern sie nicht schon Nobelpreisträger sind, kommen um diese Adresse kaum noch herum. Wirksame Medienpolitik und Produktmanagement, mehrere Buchreihen – etwa 40 Titel pro Jahr – sind eine Seite des Erfolgs. Wichtig ist jedoch auch die Festivaltätigkeit, nicht nur weil ein Lyrikfestival viele junge Leser anlockt  (hat man in einer deutschen Großstadt je schon in der U- oder Straßenbahn Studenten oder Gymnasiasten über Lyrik sprechen hören? In Warschau z.B. schon!), sondern auch, weil hier ständig neue Formen der Präsentation und Inszenierung von Lyrik ausprobiert werden können. Und was hat das Biuro Literackie nicht schon alles ausprobiert! Livemusik, Liveperformance, Tanz, Multimedia, Raumwechsel, die tollsten Bühnenausstattungen, Kulinaria, Workshops – eine riesige Lyrikvermittlungsmaschine, die häufig nicht nur als Ergänzungsprogramm dient, sondern direkt mit dem vorgetragenen Text, mit den Dichterinnen und Dichtern konfrontiert. Nicht nur auf dem Festival ist das überbordende Multimediaspektakel sehr präsent, auch sonst fällt auf, dass Texte immer häufiger – meistens in live erzeugtem Sound – ‚verpackt‘ werden. So als gäbe es nur die Alternative: sakral-salbungsvolle Lyrikabende zum Einschlafen oder cool konsumierte Poesie – zum Schnitzel, Bier und einer Punkband + der Zigarette danach, versteht sich.

Aber vielleicht geht es gar nicht um Entweder-Oder. Vielleicht ist es nur eine Ratlosigkeit gegenüber lyrischen Texten insgesamt, eine Unsicherheit und ein Traditionsbruch in der Rezeption. Jedenfalls fallen solche Experimente mit Musik, Geräusch und Text manchmal auch zum Nachteil des Textes aus, wie im folgenden Arrangement während einer Lesung in Mikołów mit dem Dichter Andrzej Sosnowski, der mir eher Leid tut. Aber der Dichter gibt in der Begrüßung selbst bekannt, dass er und seine Texte nur den Hintergrund bilden. D.h. dass der lyrische Text zu einer Geräuschkulisse, zu einem unter vielen Geräuschen wird. Das ist auch eine Art der Lyrikrezeption, wenn auch eine für mich überraschende.

Gerade in der Jubiläumsausgabe des Festivals Port Wrocław 2010 verzichteten die Organisatoren gänzlich auf Musik und Multimediafirlefanz. In der Begründung hieß es, das Wort sei wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Eine Ausnahme bildeten die Texte von Eugeniusz-Tkaczyszyn-Dycki. Zu einigen von ihnen hat die Band The Poise Rite Musik komponiert und sie in einem eigenen Konzert dem Festivalpublikum präsentiert.

Festivalfotos