Posts Tagged ‘Belorus’

Office for Anti-Propaganda

Februar 12, 2014

Die belorussische Künstlerin Marina Naprushkina hat letzte Woche das von ihr gegründete „Büro für Anti-Propagana“ im Rahmen des Seminars “Film und Propaganda” an der Humboldt-Universität vorgestellt.

Wer nicht die Gelegenheit hatte dabei zu sein und wer sich selbst ein Bild von den Aktionen des Büros machen möchte, sollte sich unbedingt die Homepage des Büros für Anti-Propaganda ansehen: Neben dem Blog und Informationen zu aktuellen Themen und  Veranstaltungen mit Fokus Belarus, finden sich hier ein Videoarchiv sowie Text- und Bildmaterial über politische Propaganda, Informationen und Texte zu Belarus und zur Untersuchung des Einflussees staatlicher Autorität auf die Gesellschaft sowie  zu den vom Büro organisierten politischen Aktionen und  produzierten Zeitungen.

http://office-antipropaganda.com/wordpress/

office-for-Antipropaganda_kl

Weitere links:

http://artaktivist.org/artists/marina-naprushkina/

http://www.berlinbiennale.de/blog/projekte/self-governing-eine-zeitung-von-marina-naprushkina-20054

http://www.formerwest.org/Contributors/MarinaNaprushkina

Belarus: Terra incognita und die (Ohn)Macht der Worte

Februar 12, 2011

So viel wie in den letzten Wochen wurde in deutschen Medien selten über Belarus berichtet. Hintergrund waren vor allem die Präsidentschaftswahlen am 19. Dezember 2010 und das brutale Vorgehen des Regimes gegen Journalisten und Oppositionelle, darunter allein sieben Präsidentschaftskandidaten, die alle erhebliche Zweifel an den offiziellen Wahlergebnissen vorgebracht hatten. Dass Deutschland und die EU darauf lediglich mit einer Auffrischung des Einreiseverbots für Lukaschenko reagierten, wirkte eher wie eine hohle Pflichtübung und diente wohl mehr der demokratischen Selbstbestätigung. Zudem dürfte Lukaschenko diese „Strafe“ kaum stören, ist der „Mann aus dem Volke“ doch nicht gerade als reisefreudig bekannt.

Welche Erwartungen aber hat die belorussischen Bevölkerung und haben Regimegegner an das Ausland, an die Nachbarländer? Und welche Möglichkeiten zur Entfaltung hat die alternative Kulturszene als wichtiger Teil der Opposition? Welche Hoffnungen hat überhaupt der Hauch von Wandel und Aufbruch vor und nach den Ereignissen im Dezember unter Intellektuellen und Künstlern geweckt? Und warum wird der belorussischen Literatur und Kultur im Westen weiterhin so wenig Aufmerksamkeit geschenkt?


Diesen und anderen Fragen wollte man 08. Februar 2010 im Roten Salon der Volksbühne auf einer Veranstaltung unter dem verheißungsvollen Titel Belarus: Die Macht des Wortes nachgehen. Eingeladen waren die weißrussischen Autoren Svetlana Aleksijevič und Artur Klinau, der Poet und Liedermacher Ljavon Volski sowie Ingo Schulze (der zur großen Bereicherung des Abends für den anscheinend verhinderten Nikolaj Chalezin (Gründer des „Freien Theater Belarus“) eingesprungen war).

„Belarus ist eine ‚terra incognita‘, ein weißer Fleck auf den Landkarten in unseren Köpfen. Das ist unverzeihlich“ – hieß es in einem schriftlichen Grußwort des österreichischen Schriftstellers Martin Pollack gleich zu Beginn des Abends. Dem konnten die Gäste auf dem Podium nicht widersprechen. Einig war man sich aber auch darin, dass vonseiten des Westens weder durch eine offizielle Politik des Dialoges noch durch eine außenpolitische Isolation Veränderungen im Lande herbeigeführt werden könnten. Dafür sei das System Lukaschenko zu tief in der Bevölkerung verankert. Zudem sei die politische Opposition zu zersplittert, um ein ernstzunehmendes und handlungsfähiges Gegengewicht darzustellen.

Bei der genaueren Bewertung und Bestimmung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation in Belarus gingen die Meinungen jedoch auseinander. Die 1948 geborene  Svetlana Aleksijevič (international bekannt vor allem durch ihre Bücher „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“, und „Tschernobyl. Ein Chronik der Zukunft“, „Zinkjungen. Afghanistan und die Folgen.“ u.a.) zog eine recht düstere Bilanz. Sie fühle sich angesichts der gegenwärtigen Stimmung im Land an die 1930er Jahre erinnert. „Wir leben immer noch in einem Lager. Der homo soveticus lebt.“ So würden die Bauern auf dem Lande ebenso wie ein Großteil der Bevölkerung gar keine Freiheit wollen. Ihnen reiche es, zwischen unterschiedlichen Wurstsorten wählen zu können oder eine Waschmaschine zu besitzen. Der Rest interessiere sie nicht. Und auch diejenigen, die von einer Veränderung träumten, hätten letztendlich selbst Angst vor einer Revolution, so Aleksijevič. Der 19. Dezember 2010 habe die belorussische Gesellschaft auf eine bisher unbekannte Weise gespalten: Zum ersten Mal kämpfe man, wo man zuvor Jahrhunderte lang äußeren Bedrängungen ausgesetzt war, gegeneinander. Und die meisten suchten immer noch nach einem äußeren Feind. Auf den werde die eigene Verantwortung der eigenen Misere übertragen, anstatt der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Ein Kampf also, der nicht nur eine politische Problematik, sondern auch eine tiefgreifende kulturelle Dimension habe. Diese Spaltung bedinge nämlich auch den erschreckendes Effekt einer generationsübergreifenden Nostalgie, der Sehnsucht nach der kollektiven Gemeinschaft der alten sowjetischen Zeit (übrigens auch ein Thema ihres demnächst auf deutsch erscheinenden Buches „Das Ende des roten Menschen“). Aleksijevič lebt aus Angst vor konkreter Bedrohung seit Jahren im Ausland und sieht sich nicht unbedingt als Teil der jungen, unkonventionellen und provozierenden Kulturszene in Belorussland. Sie ist eher der Generation der dissidentischen Sowjet-Intelligenzija zuzurechnen, die sich einem aufklärerisch-moralischen Auftrag der Literatur verpflichtet fühlt. Ihre erschütternden Zeitdokumente, halbdokumentarische „Stimmenromane“, basierend auf hunderten von Gesprächen und Interviews, erreichen die belorussischen Leser lediglich über den Umweg des russischen Büchermarkts. Sie spricht, schrieb und schreibt zudem auf russisch.

Ihre beiden 1965 geborenen und damit jüngeren und vor allem weissrussisch sprechenden und schreibenden Kollegen Artur Klinau und Ljavon Volski wollten Aleksijevičs auf dem Podium geäußerten und doch recht pessimistischen Betrachtungen auf die mentale Verfasstheit der Belorussen nicht teilen. Sie sehen durchaus einen Mentalitäts- und Generationswechsel in der belorussischen Gesellschaft. Dieser sei schon allein dadurch offensichtlich, dass sich in den letzten Jahren eine vielseitige und sehr aktive kulturelle Gegenöffentlichkeit gebildet habe. Diese lasse sich nicht mehr einschüchtern und stelle den eigentlichen Motor der gesellschaftlichen Veränderungen dar.

Beide stehen mit ihrem Schaffen natürlich auch für diesen Teil der Opposition. Dabei gehört der Liedermacher Volkau mit seiner Band „NRM“ (Niezaleznaja Respublika Mroja/ dt.: Die unabhängige Republik der Träume“ ) zu denjenigen, die wohl die meisten Leute erreichen und für die gesellschaftspolitischen Vorgänge sensibilisieren können. Seine subtilen und frechen „Lieder der Wahrheit“ haben Kultstatus in der autonomen Kulturszene und sind deshalb der Regierung seit Jahren ein Dorn im Auge. Er ist zudem Autor der Lyrikbände „Kalidor“ (1993) und „Fotaalbom“ (2000) und schreibt für die einzige unabhängige Zeitung „Naša Niva“. Außerdem ist er regelmäßig auf „Radio Svoboda“  mit seinen fiktiven Figuren Gryška und Sauka zu hören. Volkau steht damit auch exemplarisch für die Freiheit der Kunst in jedem Regime.

Anders Artur Klinau (dem deutschen Publikum vor allem durch seinen Text „Minsk. Sonnenstadt der Träume“ bekannt), der das Publikum mit der eher verschwörungs-theoretischen Vermutung verblüffte, dass die Ereignisse, trotz der Tatsache, dass die Moskauer Regierung Lukaschenko offiziell die Unterstützung entzogen hat, zentral durch Moskau gelenkt worden seien. Auch glaubt er nicht, dass die Belorussen schon bereit für einen großen Umsturz seien. Dennoch spüre auch er die Dynamik einer neuen Generation, die sich zunehmend den Zumutungen der Nomenklatura verweigere. Zentral für sein Konzept einer unabhängigen modernen Kunst und Literatur und auch für ihn selbst als Künstler ist dabei die Idee des „Partisanentums“. Darin sieht er überhaupt eine der weissrussischen Mentalität eingeschriebene Überlebenstaktik. Als Autor, Herausgeber, Konzeptkünstler und Fotograf versucht Klinau bereits seit Jahren mit seiner aufwändig produzierten und sehr vielseitigen Zeitschrift, die eben auch nicht zufällig pARTisan heißt (mit Texten, Essays, Interviews zu Kunst, Literatur, Philosophie), die belorussische Gesellschaft aus ihrem Dämmerzustand zu wecken. Dabei geht es ihm um den Beweis, dass man mit Kunst viel mehr bewirken und vermitteln und sehr viel mehr Menschen erreichen kann als die Parteien und Medien.

Die Frage, ob die Nischen des weitgehend unzensierten Internets und der breit gestreuten Bloggersphäre diese Partisanenqualitäten tatsächlich auch erfüllen und  mobilisierende Dynamiken „aus dem Hinterhalt“ entfachen können, oder ob sie doch nur private Plattformen für das Ausleben kreativer Ideen bleiben, konnte an diesem Abend natürlich nicht vollends geklärt werden. Ebenso die Ausgangsfrage des Abends – die nach der Macht oder Ohnmacht des Wortes in Belorus, wo es offiziell keine Zensur gibt, die Staatsverlage weiterhin das Publikationsmonopol haben und die unabhängigen Verlage und Kultureinrichtungen keinerlei staatliche Förderung erhalten.

Letztlich lag es an Ingo Schulze, die Frage nach der Macht des Wortes auch in eine erweiterte historische Perspektive zu stellen. Seine Hoffnungen auf einen Demokratisierungsprozess in Belorus, der sich weder vom Osten noch vom Westen in die Zange nehmen lasse, hätten gemäß seiner eigenen Erfahrungen mit dem Ende der DDR auch immer mit dem Selbstbewusstsein der Worte zu tun:  Er sieht das Wort, die Literatur als Möglichkeit für jeden Einzelnen, sich aus der Konspiration mit der politischen Macht zu lösen und schrittweise die Spielräume zu erweitern. Das Wort kann und soll ja nicht nur versuchen, Realitäten abzubilden. Es könne auch Realitäten abschaffen und auch neue Realitäten erzeugen.

Veranstalter: Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) – Berliner Künstlerprogramm des DAAD – deutsch-belarussische gesellschaft (dbg), German Marshall Fund, P.E.N.-Zentrum Deutschland; Moderation: Dr. Manfred Sapper (DGO)

Alle Fotos: © Peter Groth

Interview mit Aleksijevič in NZZ

Interview mit Volski auf dradio

Interview mit Klinau in Eurozine

– Zmicer Višnëŭ zur Literaturlandschaft in Belorus (Novinki)