Archive for the ‘Bühne’ Category

Veranstaltungshinweis: Leningrader Blockade. Tragödie und Mythos. Ein multiperspektivisches Theaterprojekt.

August 28, 2017

67 Geschichten aus 871 Tagen der Blokada

Foto: Teatr Pokoleniy

Dokumentartheater von Elena Gremina
Regie: Eberhard Köhler

Eine Gemeinschaftsproduktion von Drama Panorama e. V. (Berlin) und Teatr Pokoleniy (Sankt Petersburg).

Premiere am 8.9.2017 um 20.00 Uhr im Theater unterm Dach (Danziger Straße 101, 10405 Berlin). Weitere Aufführungen am 9. und 10.9.2017 – jeweils um 20.00 Uhr.

Hier der Ankündigungstext der Veranstalter_innen:

Die Leningrader Blockade, während der die deutsche Wehrmacht vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 die ganze Stadt fast vollständig von allen Versorgungswegen abgeschnitten hat, ist in Russland ein Heldenmythos. Die fast 1,1 Millionen Toten dieser Blockade gehören in Deutschland jedoch zu den eher weniger beachteten Opfern des Nationalsozialismus. Hier wird deutlich, dass es unterschiedliche Narrative von Geschichte gibt; dass aus unterschiedlichen Beweggründen auf Erinnerungsräume zugegriffen wird.

Grundlage des Theaterprojektes sind historische Materialien aus der NS- und der Sowjetzeit. Diese gesammelten Dokumente werden von Elena Gremina – einer der führenden russischen Autorinnen und Begründerin des russischen Dokumentartheaters – zu einem Theaterstück verdichtet, das von russischen und deutschen Künstler*innen auf der Bühne umgesetzt wird. Aus sowohl originalen wie auch fiktiven Texten zum Mythos der Leningrader Blockade entsteht eine multimediale Performance, in der auch persönliche und familiäre Erfahrungen aller am Projekt Beteiligten einfließen. (more…)

Advertisements

Veranstaltungshinweis: 6. Belarus Salon „Perspektive Poesie“

März 28, 2017

Podiumsdiskussion:
„Warten auf Godot? Literarische Ausblicke in Belarus“
Mit: Pavel Antipov  (Minsk) | Alexey Strelnicov (Minsk) | Thomas Weiler (Leipzig)

Performance:
„Mova X“  – Experimentelles Theater Golova-Naga (Minsk)

Vernissage:
„Вершаява // Lyrische Begegnungen“ (Minsk/Berlin)

Wann: Samstag, 01. April 2017 | 18:00 Uhr
Wo: Neue Nachbarschaft // Moabit | Beusselstraße 26 | 10553 Berlin

Hier die Ankündigung der Veranstalter*innen:

Der 6. Belarus Salon „Perspektive Poesie“ lädt zu einem Panorama moderner belarussischer Poesie. Die Veranstaltung beleuchtet kontroverse Perspektiven auf die Zukunft der belarussischen Lyrik und macht Poesie durch experimentelles Theater und eine Ausstellung von Gedichtillustrationen erlebbar. (more…)

Veranstaltungshinweis: Open Continent – Closed Nations. Herausforderungen und Perspektiven für Theaterfestivals in Osteuropa

Februar 2, 2017

Podiumsdiskussion mit:

  • Selma Spahić (Künstlerische Direktorin, MESS Festival, Bosnien und Herzegowina)
  • Ivan Medenica (Künstlerischer Direktor, BITEF Festival, Serbien, tbc)
  • Katrin Hrusanova (Executive Director, ACT Festival, Bulgarien, tbc)
  • Tomáš Froyda (ehem. Künstlerischer Direktor, DIVADLO Festival, Tschechien)

opencontinentsclosednations_de-page-001

 

 

Freitag, 24. Februar, 20:00 Uhr

Kunstquartier Bethanien
Mariannenplatz 2, 10997 Berlin

Freier Eintritt

Anmeldung unter:
passage23@iti-germany.de

Die Diskussion findet in englischer Sprache statt.

 

 

 

Hier die Ankündigung der Veranstalter_innen:

Theaterfestivals können mit ihrem vielfältigen Programm als Barometer für aktuelle Entwicklungen in Politik, Kultur und Gesellschaft angesehen werden. Sie konfrontieren das Publikum mit einer intensiven Auswahl zeitgenössischen Theaters und müssen sich gleichzeitig mit den Gesetzen des Marktes auseinandersetzen.

An diesem Abend werden wir die Situation der Theaterfestivals mit europäischen Festivalmacher*innen diskutieren und blicken unter anderem auf folgende Fragen: Was erzählen Theaterfestivals über den Zustand der Europäischen Idee? Insbesondere in Osteuropa sind es Theaterfestivals, die zu einer lebendigen Theaterlandschaft beitragen – doch welche Perspektive bieten diese Festivals auf die Entwicklungen von Theater und dessen Rolle in der Gesellschaft? Und wie werden sie im Westen wahrgenommen?

Eine Veranstaltung im Rahmen des Projekts Passage 23°E Theatre and Theatricality from the Baltic to the Aegean des Internationales Theaterinstitut Deutschland.

Hier finden Sie die Veranstaltungsankündigung als pdf – auf Deutsch und auf Englisch.

 

Veranstaltungshinweis: Lange Nacht des osteuropäischen Theaters

Juli 7, 2016

Filme und Begegnungen am 8. Juli 2016 ab 19.00 Uhr

Lange_Nacht_PlaketProgramm-page-001
Kunstquartier Bethanien / Mariannenplatz 2, 10997 Berlin

Hier der Ankündigungstext der Veranstalter*innen:

Wenn Kultur zu den wichtigsten Grundlagen eines gemeinsamen Europa gehören soll, was wissen wir eigentlich von den Kulturen unserer Nachbarn? Insbesondere Ost-, Mittelost und Südosteuropa sind kaum im Blickfeld – auf den Theaterbühnen und in der Politik dominieren andere Blickrichtungen. Was aber sind die Themen der Künstler*innen in Riga, Ljubljana oder Vilnius? In welchen kulturellen und politischen Kontexten realisieren sie ihre Arbeiten? Was ist ihr Blick auf Europa?
Die Lange Nacht geht diesen Fragen nach. Mit Filmen zum Theater, im direkten Gespräch mit Künstler*innen und Expert*innen und den Dokumentationen herausragender Inszenierungen der Regisseure Oskaras Koršunovas (Litauen), Krzysztof Warlikowski (Polen) und anderen.

Die Lange Nacht ist eine Veranstaltung des Mime Centrum Berlin / Internationales Theaterinstitut in Kooperation mit Freie Universität Berlin / Institut für Theaterwissenschaft im Rahmen des Projekts PASSAGE 23°E.

Eintritt frei

Hier finden Sie das Programm der Langen Nacht als pdf.

Hinweis auf die Ausstellung „BALAGAN!!!“, 14.11.-23.12.2015 in Berlin

November 6, 2015

BALAGAN!!! Zeitgenössische Kunst aus der früheren Sowjetunion und anderen mythischen Orten

Neben zahlreichen Musik-, Theater- und Performance-Produktionen aus Island und Skandinavien zeigt das diesjährige 6. NORDWIND Festival erstmals auch einige der neuesten Theaterarbeiten aus Russland. In Figures of Silence präsentiert und erläutert der russische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski seine Arbeit und diskutiert mit Philipp Ruch/Fabian Scheidler über die Situation politisch engagierter Kunst in Russland und Deutschland. David Elliott hat eigens für dieses Festival die Ausstellung BALAGAN!!! konzipiert und kuratiert.

Dauer des Festivals und der Ausstellung:
14. November bis 23. Dezember 2015

Ausstellungsorte:
Stiftung Brandenburger Tor im Max Liebermann Haus
Kühlhaus am Gleisdreieck
MOMENTUM im Kunstquartier Bethanien

Hier die Information des Kurators:
15.09.14.Balagan.poem

„Balagan!!!“ sagt man auf Russisch, um eine Farce zu beschreiben, das gottloseste aller Durcheinander – und das voller Begeisterung. Der Ausdruck bezeichnet aber auch eine in mittelalterlichen Mysterienspielen und Puppentheater verwurzelte künstlerische Strategie, die die Unbeständigkeit der Gegenwart mit einem brennenden Begehren nach einem neuen, hoffentlich besseren Leben zusammenbringt.

Die Ausstellung mit über 150 Arbeiten von 74 Künstlern aus 14 Länden des ehemaligen Ostblocks wird an drei verschiedenen Orten in Berlin gezeigt: Kühlhaus, Brandenburger Tor Stiftung im Max Liebermann Haus und MOMENTUM im Kunstquartier Bethanien. (more…)

Freispruch (in) der Kunst: Milo Raus „Moskauer Prozesse“

März 23, 2014

In den letzten 10 Jahren gab es in Russland eine Reihe von spektakulären Prozessen gegen Künstler und Kuratoren. Der Fall um die Punk-Band Pussy Riot sorgte dabei für das größte mediale Interesse. Der Schweizer Regisseur und Autor Milo Rau hat 2013 im Moskauer Sacharov-Zentrum die Schauprozesse der religionskritischen Ausstellungen „Achtung, Religion!“ (2003) und „Verbotene Kunst“ (2007) reinszeniert. Die dritte Verhandlung im Rahmen von Raus Aktion „Die Moskauer Prozesse“ bezog sich auf Pussy Riot, deren Mitglied Katja Samuzevič selbst in der Rolle der Angeklagten teilnahm: Zwei weitere Aktivistinnen der Punkband waren zum Zeitpunkt des Prozess-Spektakels noch inhaftiert. In der Berliner Schaubühne stellte Rau nun gemeinsam mit Ol’ga Schakina (Anchorwoman des unabhängigen TV-Senders Dožd’, Richterin in „Die Moskauer Prozesse“) die filmische Dokumentation vor, welche in dieser Woche in den deutschen Kinos anläuft.

Im Prozess um die Akteure der Aussstellungen „Achtung Religion“ und „Verbotene Kunst“ wurden damals keineswegs die Randalierer schuldig gesprochen, sondern die beteiligten Künstler und Kuratoren aufgrund von angeblicher Verletzung der Gefühle orthodox Gläubiger. Milo Rau ist davon überzeugt, dass die offiziell unterlegene Seite die besseren Argumente hat, nur wurden diese zuvor nicht anerkannt. Wie kann es etwa sein, dass eine angeblich von Künstlern geschändete kirchliche Ikone dann selbst von einem Mitglied der „Kampfsportvereinigung orthodoxer Bürger“ als Protest gegen die Ausstellung zerstört wurde? Hat die Liebe zu Ikonen hier jemanden rasend gemacht? Um diese Ungereimtheiten erneut zu verhandeln, suchte Raus Team vor Ort sieben Geschworene, die die ganze Breite der Gesellschaft repräsentieren sollten, darunter etwa ein der orthodoxen Kirche anhängender Bienenzüchter. Während der dreitägigen Reinszenierung der Moskauer Prozesse versuchten Anklage und Verteidigung zusammen mit Experten von beiden Seiten die Geschworenen von ihrer Sicht zu überzeugen. 

die-moskauer-prozesse_stills_der-anklaeger-115

Pressebild 2 © IIPM / Maxim Lee
Der Ankläger

Auf der Moskauer Bühne stehen keine Schauspieler, sondern (more…)

„Früher gab es Geld, heute gibt es Themen“

März 20, 2014

Mit dem einwöchigen Festival Leaving is not an option? präsentierte das Berliner HAU (Hebbel am Ufer) aktuelle künstlerische Positionen aus Ungarn. Ein Bericht über das Festival (9.–16. März) und gegenwärtige ungarische Kulturpolitik.

Ich habe mein räumliches Denken verloren. Das macht mich immer sehr wütend. Mein größter Wunsch ist es, den Postkasten zu leeren. Ich brauche Erfolgserlebnisse! Greife aber immer daneben. Dann der Scheiß mit den Schuhen. Nicht zu schnüren. Verfehle immer die Löcher. Dann werde ich aggressiv! Aggression ist Schmerz. Ich kann ihn nur so ausdrücken. Ich bin nicht motiviert, deshalb aggressiv. Film und Theater schaden mir nur. Ich möchte demente Filme sehen, mit dementem Inhalt und ganz einfacher Handlung. Der Dialog ganz leise. Demente Kultur, Politik! Ein dementer Ministerpräsident! Es lebe die Demenz!

Die frühere Operndiva Mercédes (Lili Monori) scheint sich in Kornél Mundruczós Dementia, Or The Day Of My Great Happiness völlig auflösen zu wollen in einem geschichtslosen Raum. Ihr Monolog über die Sehnsucht nach Demenz in der Kultur spricht die politische Gegenwart in Ungarn sehr grell und direkt an. Der Budapester Autor, Filmemacher und Regisseur Mundruczó greift in seinem Stück den konkreten Fall der Schließung einer bekannten psychiatrischen Klinik auf. Das Thema der sozialen Folgen von Privatisierung ist einerseits allgemeingültig, andererseits fokussiert Mundruczó ganz eindeutig die ungarische Gesellschaft. Nach dem Verkauf des Gebäudes in der Budapester Innenstadt zwang der Investor die Patienten und die Belegschaft zum Gehen. Dieser konkrete Moment aus der Nachwendezeit wird auf der Bühne künstlich hinausgezögert. Die im dementen Wahn bis zur Zermürbung anhaltende Unentschiedenheit zwischen Gehen oder Bleiben, eingefasst in hyperrealistisch bröckelnde Wände einer Psychiatrie, trifft den Kern der Frage des Festivals: Leaving is not an option?

dementia_4_ma_rton_a_gh

Dementia, Or The Day Of My Great Happiness von Kornél Mundruczó                              Foto © Produktion

Seitdem die national-konservative Fidesz Partei unter Ministerpräsident Orbán im Jahr 2010 (more…)

In der Sache Hirst

September 10, 2010

Während im Gerichtsverfahren gegen den Kurator Andrej Erofeev und den ehemaligen Direktor des Sacharov-Zentrums Jurij Samodurov, die für ihre Ausstellung Verbotene Kunst 2006 wegen Verletzung religiöser und nationaler Gefühle angeklagt waren, noch Zeugen befragt und Schlussplädoyers gehalten wurden, fand im Moskauer Zentrum für kreative Industrie Proekt FABRIKA Ende April bereits ein weiterer Prozess gegen Kunst statt. Dieser wurde jedoch nicht von feinfühligen orthodoxen Gläubigen initiiert, sondern von zeitgenössischen Künstlern, allen voran der Moskauer Aktionskünstler Anatolij Osmolovskij, der 1990 selbst wegen einer Aktion mit der Gruppe E.T.I. (Enteignung des Territoriums der Kunst) auf dem Roten Platz als letzter Künstler in der Geschichte der Sowjetunion vor Gericht stand. Angeklagt wegen einer grob anstößigen und belästigenden Handlung mit schweren Folgen, wurde er wenige Wochen vor dem Ende der Sowjetunion freigesprochen.

Osmolovskij und die Gruppe Regierungsunabhängige Kontrollkommission hatten bereits im Februar 1999 im Institut für zeitgenössische Kunst eine performative Gerichtsverhandlung – oder eine gerichtliche Performance – in der „Sache Oleg (Kireev)“ initiiert/inszeniert. Im Stil der Schauprozesse der 1930er Jahre wurde Kireev angeklagt, durch sein Verhalten gegen die Interessen der Gruppe verstossen zu haben. Dieses Gerichtsspiel endete, als der Angeklagte den Ort des Geschehens verließ und sich so der Verhandlung und auch der Verurteilung entzog.

Im nun vor einigen Monaten abgehaltenen „Gericht über (Damien) Hirst“ stand jedoch nicht der Künstler selbst, sondern sein Werk For the Love of God vor Gericht – ein Gericht, bestehend aus dem Künstler Dmitrij Gutov als Ankläger, Osmolovskij als Verteidiger und Stas Šuripa als Richter. Geschworene sollten entscheiden, ob es sich bei dem mit Diamanten besetzten Platinschädel – der aktuell teuersten Arbeit zeitgenössischer Kunst – um hohe, mittelmässige, schlechte oder nicht um Kunst handelt. Das Ergebnis: 6 Stimmen – hohe Kunst, 1 Stimme – mittelmässige Kunst, 2 Stimmen – schlechte Kunst, 3 Stimmen – keine Kunst. Vier Kategorien der „Schuld“ sind in diesem Fall jedoch unglücklich gewählt und deutlich zu viel; schließlich ist ein Angeklagter vor Gericht auch nicht halb-schuldig. (Eine Videoaufzeichnung des „Gerichts über (Damien) Hirst“ ist hier zu sehen).

Die Idee zu dieser speziellen Form der Diskussion – einem weiteren Gerichtsspiel – entstand im Kontext eines Seminars zum Thema Was ist ein Kunstwerk heute?, organisiert vom Journal Baza (Basis), dessen Herausgeber Osmolovskij ist. Die Form einer Gerichtsverhandlung sollte der Diskussion über die Kunst zu grösserer Konzentration verhelfen und die „Gedanken disziplinieren“ – Ähnlichkeiten mit den sowjetischen Schauprozessen sind nicht zufällig. Welche Wirkung allerdings solche Prozesse der Künstler selbst gegen Kunst in Zeiten, in denen die (orthodoxe) Gesellschaft Kunst und ihre Protagonisten vermehrt vor Gericht zitiert, haben, ist mehr als fraglich. Dennoch: Eine Fortsetzung ist geplant.

Von einem Kunst-Event nahe Moskau

Juli 28, 2010

von Matthias Meindl

Eröffnungsperformance

Ein Art-Event, das sehr charakteristisch scheint für die derzeitige Moskauer Kunstszene, war das Festival Archstojanie 2010. Es fand am 24/25. Juli im Dörfchen Nikola-Lenivec im Kalužskaja oblast’, etwa 200 km von Moskau entfernt, statt. Von der Kirche des Dörfchens öffnet sich ein wunderschöner Blick auf das Flusstal der Ugra, in dem sich 1480 der Moskauer Staat die Unabhängigkeit vom mongolisch-tatarischen Joch erkämpft haben soll.

Ugra-Tal mit Konstruktion von Polisskij

Ugra-Tal mit Konstruktion von Polisskij

In der Idylle dieses Orts hatte der Künstler Nikolaj Polisskij schon einige Jahre zusammen mit den alteingesessenen Bauern Konstruktionen aus Stroh und Geäst gebaut, bevor 2006 das erste Festival für Landart unter Beteiligung vieler Architekten aus der Hauptstadt stattfand.

Dieses Jahr war Oleg Kulik eingeladen worden, die Archstojanie zu kuratieren. Kulik wurde im Westen vor allem durch seine spektakuläre Aktionskunst in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre bekannt, als er oft als rasender Köter Straßen und Ausstellungen unsicher machte. In Moskau kannte man ihn jedoch schon in den frühen 1990ern, als er sich in der Rolle eines Eventmanagers inszenierte, der in der Galerie Ridžina oder auch manchmal vor den Toren der Stadt ‚neue Russen’ mit ‚Kunstfesten’ bespaßte.

Ivan Kolesnikov, Sergej Denisov: Remont zemli (dt. Restaurierung der Erde)

Unter dem Titel „Die neun Schlüssel des Labyrinths: Wald-Liturgie“ („Devjat’ ključej labirinta: Lesnaja liturgija“) veränderte Kulik merklich den Charakter des Festivals. Die Landschaft am Ufer der Ugra blieb weitgehend unberührt, die Interaktion von Landschaft und Architektur/Skulptur stand nicht im Mittelpunkt des Festivals.

Der Zuschauer war eingeladen zum Spaziergang-Ritual („progulka-ritual“) in einem weitgehend neu erschlossenen Terrain nördlich des Flusstals. Viele der künstlerischen Eingriffe, erweitert um Performance-Handlungen nahmen Bezug auf mystische Praktiken.

In halbtransparenten Roben gewandete Frauen streiften tanzend über das Territorium und konnten auf diese Weise vielleicht, wie im konsum- und zivilisationskritisch gehaltenen Kuratorenmanifest versprochen, den Raum verinnerlichen und ‚mythisieren’, was dem Verfasser aufgrund seiner eher rationalistischen Geisteshaltung leider nicht gelang. Diesem stieß eher übel auf, dass er sich die Staubpiste zwischen den beiden Hauptterritorien (etwa 20 min. Fußweg) mit den notorischen Jeeps teilen musste, die zu Hunderten aus Moskau herangerollt waren, und deren Insassen wohl größtenteils gar nicht wegen ‚moderner Kunst’, sondern der Musik (Techno, Fusion), des Essens, des Badens, der ‚Magie’, kurz des integrierten Spektakels wegen gekommen waren.

Sergej de Rokambol‘, Anna Nikolaeva: Geomantika i Uranografija (dt. Geomantik und Uranographie)

Die künstlerischen Eingriffe in der Natur sollten dem Raum kein Gesicht im Sinne einer ‚Landschaft’ geben. Das Konzept des Labyrinths suggeriert eine spielerische und/oder mystische Erfahrung, und sollte die Werke der teilweise sehr bekannten Künstler (Dmitrij Gutov, Anatolij Osmolovskij, Sinye nosy) auf einen Nenner bringen. Aufgrund der Verschiedenartigkeit der Werke konnte dabei der Raum wenn nicht als Containerraum, so doch als weitgehend abstrakter Naturraum und die langen Wege als redundant empfunden werden. Zugegeben, die Ausstellung forderte heraus, sich Gedanken zu machen, über das Erbe der mythischen Raumwahrnehmung in der ästhetischen Raumwahrnehmung der Kunst. Dieses Erbschaftsverhältnis ist jedoch verworren, und ein Nachdenken darüber versetzt wohl kaum in die harmonische Stimmung einer New-Age-Meditationspraxis. Am Ende mag dies alles vielleicht nur über die Repräsentation mittels der Landkarte zusammengehalten werden (ganz anders als übrigens eine Landschaft), mit deren Hilfe sich der Zuschauer, und selbst dann auch nur unter Schwierigkeiten, orientieren konnte. Monastyrskijs, auf einem abgemähten Feld gelegener, typisch konzeptualistischer Beitrag „Odinnadcat’“ („Elf“), Nummer elf des Parcours – ein Halbkreis von 20 Metern Durchmesser aus grünem Tuch, mit einer weißen „11“ bemalt –, gab somit einiges zu Denken auf.

Andrej Monastyrskij: Odinnadcat‘ (dt. Elf)

Alltäglicher Ausnahmezustand

Juni 6, 2010

– Oliver Frljićs Turbofolk in Wien

Der bosnische Regisseur Oliver Frljić, der in den letzten Jahren für manche Provokation in nach-jugoslavischen Theatern gesorgt hat, gastiert mit seiner Schauspiel-Revue Turbofolk vom 4. bis 6. Juni am Schauspielhaus Wien. Turbofolk, das am Kroatischen Nationaltheater in Rijeka 2008 Premiere feierte, wurde seither von denselben neun Schauspieler_innen runde fünfzig Mal gespielt. Überall, so bekräftigen Frljić und seine neun Schauspieler im Gespräch mit dem Wiener Publikum nach der Aufführung, sei das Stück gut aufgenommen worden. Ab und an verließen schon einmal Zuschauer den Saal, das jedoch sei ganz normal für eine Inszenierung dieser Art. In Split verabschiedeten sich sogar große Teile des Publikums bereits nach der Kuss-Szene unter Männern ziemlich zu Beginn der Aufführung. Zumeist aber, so Frljić, verstehen alle sofort, worum es geht und nehmen von Ljubljana bis Novi Sad das Angebot des Regisseurs an.

Turbofolk stellt den New-Age-Trash aus, der in Serbien seit den 1990er Jahren populär ist und der in konzentrischen Kreisen auf die Nachbarländer ausstrahlt. Frljić interpretiert Turbofolk, das in Kroatien zunächst zensierter Underground, in Bosnien recht schnell Mainstream war, als schrille Übertünchung des Unausgesprochenen der Region: Krieg, Homophobie, Machismo, Übererotisierung, Mafiageschäfte, Konsumglorifizierung, Schönheitswahn und Nationalismus. Unter den peitschenden Rhythmen dieses an die Volksmusik angelehnten Folklore-Punks schlagen, küssen, vergewaltigen, streicheln, erschießen, befriedigen und beschimpfen sich die Schauspieler gegenseitig. Dabei treten sie unter ihren eigenen Namen auf. Einer Videokamera stellen sie sich mit Geburtsort, Namen und Kurzbio vor, spielen fortan sich selbst und können sich hinter keiner Figur verstecken. Auch das Publikum, das mit auf der Bühne sitzt, ist in Frljićs Inszenierung Teil der Turbofolk-Kultur. Am Ende der Aufführung applaudieren die Schauspieler entsprechend den anwesenden Zuschauern. Statt Publikumsbeschimpfung gibt es Schelte für den Regisseur. Frljić wird (geskriptet versteht sich) von seiner Cast minutenlang gedisst, eine ‚bosnische Votze‘ genannt, für seine ‚Scheiß‘-Inszenierung kritisiert, in die er sie alle herein manövriert habe, wofür man ihm reihum „pička ti materina“ und schlimmere Ausdrücke zuteil werden lässt.

Alle, die Schauspieler, die im Rhythmus der Musik Wiener Würstchen mit Oralsex beglücken, die Zuschauer, die auf einen leeren Zuschauerraum gegenüber blicken und Frljić (der in diesem Fall tatsächlich im Publikum sitzt und die selbstchoreographierte Kritik entgegen nimmt) sind in Frljićs Inszenierung Turbofolk. Turbofolk ist Turbofolk. Eine autokatalytische Schleife…

Vielleicht sind nicht alle Details des Schauspiels gänzlich originell, aber sie sind außerordentlich gut gemacht – und Frljić erfüllt eine eminent wichtige Rolle für das Theater im nachjugoslavischen Raum! Mit seinem device theater, aber auch mit seinen Theater-Busfahrten durch Zagreb und seinen herausfordernden Inszenierungen internationaler Bühnentexte ist er einer der innovativsten Vertreter der aktuellen kroatischen Theaterszene. Diese ist ansonsten noch vom Geist einer untergegangenen kroatisch-habsburgerischen Tradition getränkt. Frljićs mischt nun Kroatiens Miniatur-Burgtheater auf. 1976 in Travnik in Bosnien geboren, kommt er als Kriegsmigrant mit 16 Jahren nach Split und studiert darauf in Zagreb Szenische Künste.

Inzwischen ist er ein etablierter, wenn auch kontroverser Player im Feld. Seine Inszenierung von Euripides‘ Bakchen wurde (wegen Gefährdung der Zuschauer durch fliegende Fleischstücke) gar VERBOTEN! (ein Umstand der mehr über das gegenwärtige Kroatien sagt, als Frljić mit dem Stück erhofft haben kann) und seine aktuelle Inszenierung von Wedekinds Frühlingserwachen in Zagreb, in dem pädophile Priester vorkommen, liefert erwartbare Reibungsfläche. Dennoch täte man Frljićs Theater unrecht, fasste man es als bloßes Provokations-, statt als Erziehungstheater auf. Denn Oliver Frljić hat die pubertierenden und einer führenden Supervision bedürftigen jugoslavischen Nachfolgestaaten mitsamt ihrer Bühnen an die Hand genommen. Es wird sich zeigen, wozu und ob er sie am Ende erziehen kann.