Archive for the ‘Bilder’ Category

Veranstaltungshinweis: Vernissage der Ausstellung „2“ am 04.03.2016

Februar 22, 2016
Aus der Fotoserie "Reise für alle: Berlin-Moskau" (2003), Marina Lioubaskina

Marina Lioubaskina: Aus der Fotoserie „Reise für alle: Berlin-Moskau“ (2003)

Marina Lioubaskina (geb. 1960 in der Nähe von Buchara, Usbekistan), Künstlerin und einzig(artig)e Vertreterin des von ihr begründeten Mürmürismus, ist bekannt für ihre eigenwilligen Bilder, Grafiken, Collagen, Fotoserien, Videos, Performances und Installationen, in denen sie sich mit ihrer zentralasiatischen Heimat und der sowjetischen Vergangenheit ebenso auseinandersetzt wie mit dem postsowjetischen Kapitalismus und ihrem Leben zwischen den Welten – Deutschland und Russland; weniger bekannt ist dagegen, daß sie auch als Autorin arbeitet. Ihr erstes Buch „Gemorroj ili Marinočka, ty takaja nežnaja!“ erschien 2009 im Verlag Zebra E in Moskau (dt. „Marinotschka, du bist so zärtlich“, 2015 bei konkursbuch). Julia Fertig hat das Buch für Novinki gegengelesen.

Lioubaskina lebt und arbeitet in Berlin, Moskau und Sankt Petersburg. Ihre Bilder sind immer wieder in Ausstellungsprojekten in Deutschland und Russland zu sehen und befinden sich in Museen, Galerien sowie privaten Sammlungen in der ganzen Welt.

Obomoro aus dem Zyklus "Novaja antropologija" (2014)

Vladimir Sorokin: „Obomoro“ aus dem Zyklus „Novaja antropologija“ (2014)

Vladimir Sorokin (geb. 1955 in Moskau) ist vornehmlich als Schriftsteller, Dramatiker, Autor zahlreicher Drehbücher und Librettist von Desjatnikovs Oper Deti Rozentalja (2005) bekannt und als solcher berühmt für seine beißenden Parodien auf den Sozrealismus und dystopischen Reflexionen über die gesellschaftspolitische Gegenwart in Europa und Russland. Weniger bekannt hingegen ist, daß er seine künstlerische Laufbahn einst als Maler und Grafiker begann, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Nach mehr als dreißig Jahren hat er nun zur Malerei zurückgefunden.

Sorokin lebt und arbeitet in Berlin. Im Wintersemester 2015/16 hat er am Institut für Slawistik der Humboldt Universität zu Berlin das Seminar „Der Autor als Leser“ gehalten.

In einer gemeinsamen Ausstellung zeigen die beiden Künstler-Autoren ihre aktuellen Arbeiten. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen zur Eröffnung der

AUSSTELLUNG „2“

am 4. März 2016 um 18:30 Uhr
in der Galerie Omnicultura in Berlin-Tiergarten, Potsdamer Straße 92.

Die Einladung der Veranstalter_innen finden Sie hier: Ausstellung 2

novinki-Party zum 7-jährigen Jubiläum!

Januar 25, 2013

Das Online-Magazin novinki.de wird 7 und das möchten wir mit Ihnen feiern!

+ + + novinki-Party + + +

Lesung: Jaroslav Rudiš (Prag/Berlin)
Musik: Henrik Zeabird (Hamburg/Amsterdam)
Kunst: Nastasia Louveau (Berlin)

Am 6. Februar 2013 ab 20 Uhr,
Bar Babette, Karl-Marx-Allee 36, 10178 Berlin
U5 Schillingstraße, Glaskubus gegenüber dem Kino International

Alle Interessent_innen sind herzlich eingeladen!

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Jaroslav Rudiš (*1972), Autor der Romane Der Himmel unter Berlin (2002), Grand Hotel (2006) und Die Stille in Prag (2007). Zusammen mit dem Zeichner Jaromír 99 hat er die erfolgreiche Comictrilogie Alois Nebel verfasst, die 2011 verfilmt wurde. Momentan lebt und arbeitet er in Berlin, wo er die Siegfried-Unseld-Gastprofessur am Institut für Slawistik der HU Berlin inne hat. Lesung um 20 Uhr.

Geboren in Amsterdam an der nordischen See, wandert die Band Henrik Zeabird auf leisen Klängen durch die Straßen. Akkordeon, Gitarre, Mandoline, Pauke, Stimme, Stimme, Stimme. Konzert ab 21 Uhr.

Die Bilder von Nastasia Louveau sind novinki-Leser_innen bereits vertraut, da sie seit 2010 regelmäßig Illustrationen für die Zeitschrift und ihren Blog gestaltet. Es werden sowohl novinki-Zeichnungen als auch weitere Portraits ausgestellt.

Auf nach ArMKADien

November 14, 2011

Public Art in der Trabantenstadt? Was passiert beim Zusammentreffen der Bewohner der Peripherie Moskaus mit zeitgenössischer Kunst?

Das Ausstellungsprojekt von Marina Zvjaginceva und Jurij Samodurov „Dom chudožnika Južnoe Butovo / Spalnyj Rajon“ („Haus des Künstlers Južnoe Butovo / Schlafstadt“) gehört zum Rahmenprogramm der 4. Moskauer Biennale für Zeitgenössische Kunst. Und doch dürfte es in vielen Fällen die einzige Berührung sein, die die Besucher dieser Ausstellung mit dem Großereignis der nationalen und internationalen Kunstszene haben. Vom Zentrum Moskaus ist der Stadtteil Južnoe Butovo eine knappe Metrostunde entfernt. Gefühlt ist es eine Zeitreise.

Es ist ein aufklärerisches Projekt, ein didaktisches. Der Kantsche Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Künstler oder Einwohner, wer klärt hier wen auf? Die Vektoren zeigen in beide Richtungen, und das ist auch gut so. Was passiert beim Zusammentreffen der Bewohner der Peripherie Moskaus mit zeitgenössischer Kunst? Und anders herum – Was hat dieser Stadtraum und seine noch junge Geschichte an Themen und Inspirationen für die Künstler zu bieten? Wie funktioniert überhaupt das Leben hier in der Trabantenstadt? Hier werden keine neuen Fronten aufgemacht, hier gibt es gemeinsame Interessen: der Kampf der Bewohner der Schlafstadt gegen die Tristesse der Peripherie und für das Recht auf kulturelle und ästhetische Entfaltung, und der Kampf der zeitgenössischen Künstler gegen den traurigen Akademismus, in den sich das Anliegen der Peredvižniki verwandelt hat.

Mithilfe von 16 im Park aufgestellten Baustellencontainern und weiteren Skulpturen wird ein provisorisches Zentrum für zeitgenössische Kunst „Južnoe Butovo“ inszeniert. Dabei verwandeln sich die Künstler in GastARTbeiter. Die Rolle und Lage der Gastarbeiter beim Bau der Wohnstadt wird im Projekt reflektiert und ironisch mit der Situation der Künstler hier „in der Fremde“ assoziiert, während aus dem Stadtbezirk in ein utopisches „Budtovo“ (von russ. „budto“ – „als ob“) wird. Die Projekte der beteiligten Künstler sprechen eine klare Sprache, die auch dem unbewaffneten Auge viele Anknüpfungsmöglichkeiten an die eigene Lebens- und Erfahrungswelt bietet. Das ist vor allem an der lebhaften und unvoreingenommenen Besitznahme des „Dom chudožnika“ („Haus des Künstlers“) durch die Kinder der Umgebung deutlich geworden.

Evgenij Ass, Nikita Tokarev und Kirill Ass "Igrodom"

Igrodom (Spielhaus): Die Studierenden der „Werkstatt für experimentelles studentisches Projektieren“ am Moskauer Architekturinstitut widmeten sich unter der Leitung der Lehrenden Evgenij Ass, Nikita Tokarev und Kirill Ass dem alten philosophischen Problem von Form und Funktion am Beispiel der Projektierung eines Hauses, welches als Spiel-, Kunst- und Experimentierhaus für Heranwachsende fungieren soll.

Evgenij Ass, Nikita Tokarev und Kirill Ass "Igrodom"

Einige in der Werkstatt entstandene Modelle sind hier ausgestellt. Welch dringendes Desideratum von den Architekten formuliert wurde, wird am Ausstellungsprojekt „Dom chudožnika“ (Haus des Künstlers) selbst auch deutlich, dessen Container und Skulpturen von den Jugendlichen der Umgebung wie selbstverständlich in Besitz genommen wurden.

Gruppe "sinie nosy" („Blaue Nasen“, Vjačeslav Mizin und Aleksandr Šaburov)

Gruppe "sinie nosy" („Blaue Nasen“, Vjačeslav Mizin und Aleksandr Šaburov) "Razve tol'ko kofe, a Winston?" („Was, etwa nur Kaffee? Und Winston?“): Die auch in Deutschland bekannte Gruppe „Blaue Nasen“ zeigt in einem als Pausenküche ausgestatteten Baustellencontainer eine Auswahl von Fotografien aus der Serie "Razve ja pochož na neudačnika?" („Sehe ich etwa aus wie ein Verlierer?“). Als Pin-ups hängen wahlweise muskelbepackte oder schmerbäuchige Männer an den Wänden, der parodistische und selbstironische Gestus der Bilder korrespondiert wunderbar mit dem respektlosen Baustellenjargon, den man hier förmlich zu hören meint.

Olga und Oleg Tatarinzevy "Abteilung Post"

Postproduction: Gleich zwei Werke befassen sich mit der utopischen Dimension der postalischen Kommunikation und gewährleisten gleichzeitig den inhaltlichen Anschluss an das Hauptprojekt der Biennale „Perepisyvaja miry/Rewriting the Worlds“: in der "počtovoe otdelenie Doma Chudožnika" ("Abteilung Post des Künstlerhauses") stapeln sich die Sendungen in die und aus den renommiertesten Museen der Welt (Olga und Oleg Tatarinzevy)…

Vladimir Potapov "počti Rossija"

… während der Künstler Vladimir Potapov mit seinem Briefkasten "počti Rossija" („fast Russland“) anstelle von "počta Rossii" („Post Russland“) die Utopie in einem minimalinvasiven Kunstgriff schon realisiert hat.

Michail Pogarskij, Igor' Ioganson, Gerasim Kuznecov „Die mobile Bauarbeiterbibliothek“

Michail Pogarskij, Igor' Ioganson, Gerasim Kuznecov "biblioteka stroitelja" („Die mobile Bauarbeiterbibliothek“): Dies ist eine Bibliothek mit revolutionärem Potenzial: natürlich geht mir sofort die Brechtsche Frage des lesenden Arbeiters durch den Kopf: „Wer erbaute das siebentorige Theben?“

Michail Pogarskij, Igor' Ioganson, Gerasim Kuznecov „Die mobile Bauarbeiterbibliothek“

Der Kumpel scheint noch dazu mit dem Schneidemesser anstelle der Feder in der Hand den Bitterfelder Weg entlang geschritten zu sein: "nadoelo" („mir reicht es“) oder "žit' nado snova" („man sollte das Leben von vorn beginnen“) sind Zeugnisse einer Poesie der Ehrlichkeit, bemalte und beschriebene Eimer und Schaufeln zeugen von den „wachsenden künstlerisch-ästhetischen Bedürfnissen der Werktätigen“.

Maria und Nataša Arendt, Margarita Novikova „Verbindungslinie“

Maria und Nataša Arendt, Margarita Novikova "linija svjazi" („Verbindungslinie“): Die Assonanz Leine/Linie funktioniert nur in der deutschen Sprache, und doch trifft sie den Kern der Sache: diese wunderbar interaktive Installation entsteht erst im Laufe der Ausstellung durch die Besucher: der Aufforderung, einen Wunsch auf einen Zettel zu schreiben, gefaltet in eine Socke zu stecken und diese auf die Leine zu hängen, sind viele nachgekommen.

Maria und Nataša Arendt, Margarita Novikova „Verbindungslinie“

Es muss an dem Versprechen liegen, dass sich die Wünsche erfüllen werden, oder ganz einfach am niedrigschwelligen Interaktionsangebot der Künstlerinnen. Und wieder wird das Erfolgsgeheimnis der von Zvjaginceva und Samodurov ausgewählten Kunstwerke ein bisschen klarer: eine bestechend treffende metaphorische Verschiebung, ästhetisiert mit Wiedererkennungseffekt – wem kommt das Bild der im Wind wehenden Socken zwischen Hochhäusern nicht in den Sinn, wenn er an neu errichtete Schlafstädte denkt?

Žanna Rybak, Maša Iv „Illusion der Abgeschiedenheit“

Žanna Rybak, Maša Iv "illjuzija uedinennosti" („Illusion der Abgeschiedenheit“): Am Ende eines begehbaren Labyrinths aus alten Fenstern steht in der Ecke ein Stuhl. Auch hier ist die zugrunde liegende Metaphorik nicht weiter schwierig (Wohnstadt als Labyrinth aus Häusern, Fehlen von Intimsphäre und individuell gestaltbarem Raum), als ästhetische Erfahrung beim Hindurchgehen durch das Labyrinth stellt sich jedoch ein verblüffend theatralischer und einnehmender Effekt ein.

Sergej und Tatjana Kostrikovy „Inkubator für LBM-Eier / Keimzellen der Gesellschaft“

Sergej und Tatjana Kostrikovy "inkubator s jajcami ŽBM / jačejka obščestva" („Inkubator für LBM-Eier / Keimzellen der Gesellschaft“): LBM steht für „lebende biologische Modelle“. Im Inkubator sind Eier von 90 Organisationen bzw. Einheiten der russischen Zivilgesellschaft vertreten.

Sergej und Tatjana Kostrikovy „Inkubator für LBM-Eier / Keimzellen der Gesellschaft“

Nach deren Schlüpfen sollen Beobachtungen an einem Gesellschaftsmodell möglich sein: Wer wird untergehen, wer wird koalieren, opponieren, regieren und im Verteilungskampf die Nase vorn haben? Die biologistische Denkweise im Versuchsaufbau wird von der Auswahl der gesellschaftlich relevanten Strömungen wohltuend konterkariert, und so versucht sich der Betrachter vorzustellen, was passiert, wenn „Ignoranten“ und „Konzeptualisten“ miteinander um Futter konkurrieren, während das Aufeinandertreffen von "sexuellen Minderheiten" und Anhängern der Bewegung „Naši“ ein sattsam bekanntes und medial immer wieder kolportiertes Stereotyp darstellt.

German Vinogradov „Musikinstrumente der Akademie BIKAPO“

German Vinogradov "Muzykal'nye instrumenty akademii BIKAPO" („Musikinstrumente der Akademie BIKAPO“): Eine für den Klangkünstler, Musiker und Performancekünstler Vinogradov ungewöhnlich zurückhaltende Klanginstallation aus Kupferrohren wird mit einer Ausstellung von Kinderzeichnungen kontrastiert (Künstlerin ist die vierjährige Tochter Vinogradovs Dada Vasilisa Vinogradova).

So klingt die Audioinstallation German Winogradows „Musikinstrumente der Akademie BIKAPO“ (1:30 min, ≈1 MB, Format mp3):
HIER klicken

Dada Vasilisa Vinogradova

Das harmonische Schweben und Klingen der Rohre und die ausufernde kindliche Bildproduktion sprechen von Freiheit und Raum zur Entfaltung, die Rollen von Künstler und Kind sind dabei ausdrücklich nicht festgelegt.

Lecha Garikovič „Kinderglocke“

Im Objekt "kolokol rebenka" („Kinderglocke“) von Lecha Garikovič wird ebenso optisch wie akustisch das Fehlen eines solchen Raumes thematisiert: das kleine Karussell ist von Mauern umgeben, die einen dumpfen Ton erzeugen, wenn das eiserne Gestell dagegen schlägt…

zolotaja osen'

Unter anderem von Konstantin Zvezdočetov in naiver Weise gemalte Häuser werden in der Immobilienagentur "zolotaja osen'" („Goldener Herbst“) angeboten, oder verschwommene Fotografien wie ferne Träume … Wenn die gewinnträchtige Umwandlung von Acker- in Bauland, die dem Siedlungsbau gewöhnlich vorangeht, die „Fünfte Fruchtfolge“ genannt wird, so findet mit der ästhetischen Aneignung dieses Nun-Stadt-Raumes wohl schon Wertschöpfung im Rahmen der „Sechsten Fruchtfolge“ statt.

Marina Zvjaginceva "Ausgang"

Neben den Containerensembles sind weitere Skulpturen und Objekte im Park aufgestellt. Sehr eigenständig und gelungen ist "vychod" („Ausgang“) von Marina Zvjaginceva: eine offene Tür lädt dazu ein, einzutreten und mit sich allein zu sein – auf einem Floß im Teich. „Ausgang“ als eine Einladung zum Abschalten, raus aus einer Welt des Produzierens hinein in eine Welt des Innehaltens – wobei diesem esoterischen Angebot in einer erst kürzlich angelegten Parklandschaft ohne jegliche Romantik und Abgeschiedenheit unter einer Beton-Fertigteilbrücke das Scheitern oder zumindest die Lächerlichkeit schon mit eingeschrieben ist … Foto: Julia Fertig

Viktor Lukin "Ruhm der Arbeit"

Etwas sperriger in der Wahrnehmung ist das Beet, in dem aus Betonblöcken Schaufeln und Arbeit wachsen - "slava trudu" („Ruhm der Arbeit“) nennt Viktor Lukin sein Objekt.

Sergej Černov „Recht auf Arbeit“

Die Installation „Ruhm der Arbeit“ korrespondiert sehr schön mit der Skulptur "pravo na trud" („Recht auf Arbeit“), dem Denkmal für die unbekannten Bauarbeiter, welches der Künstler Sergej Černov in Anlehnung an Vera Muchinas berühmten Koloss "rabotnik i kolchoznica" („Arbeiter und Bäuerin“) geschaffen und sich damit direkt in eine Motivgeschichte eingeschrieben hat.

Sergej Katran "archiv istoričeskoj pamjati"

Auch die Bewohner der Trabantenstadt sind virtuell in einem Objekt repräsentiert…

Sergej Katran "archiv istoričeskoj pamjati"

Sergej Katran baut einen CD-Turm aus den privaten Fotoarchiven der Menschen, die zusammen ein "archiv istoričeskoj pamjati" („Archiv des historischen Gedächtnisses“) bilden.

goethe_institut_russland

Dieser Text ist erstmalig im Online-Magazin „Deutschland und Russland“ des Goethe-Instituts Russland erschienen.

Zum Nachlesen empfiehlt sich auch Julia Fertigs Interview mit Marina Zvjaginceva

Gorkijpark als ein Ort der Künste

November 11, 2011

Gorkij Park

Der wiedergeborene Gorkijpark hat jetzt mehr Platz. Einladung zu einem Spaziergang in der Zone der Ununterscheidbarkeit.

2011 wird als das Jahr der Wiedergeburt des Gorkijparks in die Moskauer Stadtgeschichte eingehen. Der Vergnügungspark wurde abgetragen und geräumt, Parkflächen von Altlasten befreit und ökologisch aufgewertet. Er soll nun als ein Ort des Natur- und Kunstgenusses neu entstehen und dabei vor allem eines nicht tun: die Besucher überfordern und mit Reizen überfluten. Freier Raum zum Erholen und Flanieren ist eine vollkommen neue Erfahrung für den gestressten Hauptstadtbewohner.

Einen ersten Ansatz einer „ästhetischen Ökologie“ versucht das Projekt „Nužnoe Iskusstvo“ („Gebrauchskunst“), das zum Rahmenprogramm der 4. Moskauer Biennale für Zeitgenössische Kunst gehört und als eines von wenigen Biennaleprojekten im öffentlichen Raum angesiedelt ist. Dieser „Kunstpfad“ wurde von der Kuratorin Julija Aksenova in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Zeitgenössische Kunst „Garage“ projektiert und ist im Gorkijpark angesiedelt. Bis Dezember lädt er die Parkbesucher dazu ein, die Kunstobjekte und -installationen in ihrer jeweiligen Umgebung auf sich wirken zu lassen und über Sinn und Unsinn von Kunst im öffentlichen Raum nachzudenken. Dabei gibt es inzwischen mehrere Fahrradverleihstationen im Gorkijpark, ein besonderes Vergnügen ist es tatsächlich, sich die Kunst zu „erradeln“! Die Objekte der beteiligten Künstler nehmen ironisch Bezug auf den Parkraum und seine Geschichte, und laden zum Schmunzeln, Anfassen oder Hinaufklettern ein. Die Distanz der Galerie ist aufgehoben, das Pathos des Monumentalen einem Augenzwinkern gewichen. Interessant an dem Projekt ist auch, dass es in die Phase der Umgestaltung des Parks fällt. Die Installationen zeichnen sich durch ihre auffällige Unauffälligkeit und daher durch ihre Ununterscheidbarkeit von dem wenigen noch vorhandenen Parkinterieur aus und sind wie dieses von einer beruhigend endlichen Vorläufigkeit.

uraneum
Kirill Ass, Anna Ratafjeva „Uraneum“: Bitte reinschauen! Die sakralisierende Gestaltung des Innenraums erschließt sich nur dem voyeuristischen Blick durch die Oberlichter der Türen und ist nicht begehbar.
uraneum
Der Titel der Installation spielt wohl auf das Urinal als Observatorium, Museum, oder gar – als „Mausoleum“ an. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…
Ivan Braškin „Schlafender“ (Obdachloser)
Ivan Braškin „spjaščij (bezdomnyj)“ („Schlafender (Obdachloser)“): Nein, kein Erschrecken durch hyperrealistische Darstellungsweise. Zu glatt, zu glänzend die Oberflächen der Skulptur.
Ivan Braškin „Schlafender“ (Obdachloser):
Aber nachdenklich stimmt die Begegnung mit dem Schlafenden trotzdem, denn allzu vertraut erscheinen die Pose der Figur und ihre Platzierung unter einem Baum…
Roman Sakin „Stadtskulptur“: Bewegliche Plastikbälle.
Roman Sakin „gorodskaja skul’ptura“ („Stadtskulptur“): Bewegliche Plastikbälle.
Roman Sakin „Stadtskulptur“
Der streng serielle Charakter des vertikalen Gestänges wird durch das Angebot an den Betrachter, die riesigen Plastikkugeln hinauf- und hinunter zu kurbeln, aufgehoben.
Roman Sakin „Stadtskulptur“
Schade nur, dass der Vandalismus hier seine Spuren hinterlassen und den Mechanismus funktionsuntüchtig gemacht hat…
Gruppe MišMaš „Wiedergeburt der Venus“
Gruppe MišMaš „pereroždenie Venery“ („Wiedergeburt der Venus“): Diese in einer der öffentlichen Toiletten des Parks aufgestellte Nachbildung der Venus von Milo aus Seife ist wohl die am besten gelungene Synthese aus Funktionalität und Ästhetik in dieser kleinen Schau. Die Venus von Milo, Inbegriff der hellenistischen Schönheit, aus dem Schaum der künstlerischen Extase geboren und zur Statue erstarrt, erfährt ihre neue Bestimmung als Toilettenseife („mylo“ – russ. Seife).
Ol'ga Trejvas „Fliegen“
Ol’ga Trejvas „muchi“ („Fliegen“): Die naheliegende Assoziation „Klettergerüst“ wird von Kindern sofort als Einladung zum Beklettern verstanden…
Ol'ga Trejvas „Fliegen“
wobei sich die Stromkabel als etwas hinderlich erweisen.
Ol'ga Trejvas „Fliegen“
Der erwachsene Betrachter grübelt derweil über den Titel der wuchernden Stahlkonstruktion nach und wünscht sich die Dämmerung heran, damit die vielzähligen Lampen angehen mögen.
Irina Korina „Springbrunnen"
Irina Korina „fontan“ („Springbrunnen“): Eine Dekonstruktion der sonst in Parks anzutreffenden monumentalen Springbrunnenarchitektur, die Ästhetik irgendwo zwischen Datschazaun und Turm von Babel.
Irina Korina „Springbrunnen“
Sieht aus wie Recycling? – Ist es auch.
Aleksej Kostroma „Knoten“
Aleksej Kostroma „uzel“ („Knoten“): Auch dieses Objekt hat Anklänge zur sonst üblichen Ausstattung von Parks: die unvermeidliche Hüpfburg für den Nachwuchs…
Aleksej Kostroma „Knoten“
… hier mal als überdimensionaler Knoten realisiert.
Sergej Voroncov und Juliana Bardolim „Kreise“

Sergej Voroncov und Juliana Bardolim "krugi" („Kreise“): Zwei als Eheringe verbundene Rettungsringe aus Beton, deren Bestimmung sicher nicht ist, den Ertrinkenden zugeworfen zu werden.

Sergej Voroncov und Juliana Bardolim „Kreise“

Nachdenken über das Ding als Material und Materialität, und über die filigranen Grenzen zwischen Design und Nonsense.

goethe_institut_russland

Dieser Text ist erstmalig im Online-Magazin „Deutschland und Russland“ des Goethe-Instituts Russland erschienen.