Autor-Archiv

Freispruch (in) der Kunst: Milo Raus „Moskauer Prozesse“

März 23, 2014

In den letzten 10 Jahren gab es in Russland eine Reihe von spektakulären Prozessen gegen Künstler und Kuratoren. Der Fall um die Punk-Band Pussy Riot sorgte dabei für das größte mediale Interesse. Der Schweizer Regisseur und Autor Milo Rau hat 2013 im Moskauer Sacharov-Zentrum die Schauprozesse der religionskritischen Ausstellungen „Achtung, Religion!“ (2003) und „Verbotene Kunst“ (2007) reinszeniert. Die dritte Verhandlung im Rahmen von Raus Aktion „Die Moskauer Prozesse“ bezog sich auf Pussy Riot, deren Mitglied Katja Samuzevič selbst in der Rolle der Angeklagten teilnahm: Zwei weitere Aktivistinnen der Punkband waren zum Zeitpunkt des Prozess-Spektakels noch inhaftiert. In der Berliner Schaubühne stellte Rau nun gemeinsam mit Ol’ga Schakina (Anchorwoman des unabhängigen TV-Senders Dožd’, Richterin in „Die Moskauer Prozesse“) die filmische Dokumentation vor, welche in dieser Woche in den deutschen Kinos anläuft.

Im Prozess um die Akteure der Aussstellungen „Achtung Religion“ und „Verbotene Kunst“ wurden damals keineswegs die Randalierer schuldig gesprochen, sondern die beteiligten Künstler und Kuratoren aufgrund von angeblicher Verletzung der Gefühle orthodox Gläubiger. Milo Rau ist davon überzeugt, dass die offiziell unterlegene Seite die besseren Argumente hat, nur wurden diese zuvor nicht anerkannt. Wie kann es etwa sein, dass eine angeblich von Künstlern geschändete kirchliche Ikone dann selbst von einem Mitglied der „Kampfsportvereinigung orthodoxer Bürger“ als Protest gegen die Ausstellung zerstört wurde? Hat die Liebe zu Ikonen hier jemanden rasend gemacht? Um diese Ungereimtheiten erneut zu verhandeln, suchte Raus Team vor Ort sieben Geschworene, die die ganze Breite der Gesellschaft repräsentieren sollten, darunter etwa ein der orthodoxen Kirche anhängender Bienenzüchter. Während der dreitägigen Reinszenierung der Moskauer Prozesse versuchten Anklage und Verteidigung zusammen mit Experten von beiden Seiten die Geschworenen von ihrer Sicht zu überzeugen. 

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Pressebild 2 © IIPM / Maxim Lee
Der Ankläger

Auf der Moskauer Bühne stehen keine Schauspieler, sondern (more…)

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„Früher gab es Geld, heute gibt es Themen“

März 20, 2014

Mit dem einwöchigen Festival Leaving is not an option? präsentierte das Berliner HAU (Hebbel am Ufer) aktuelle künstlerische Positionen aus Ungarn. Ein Bericht über das Festival (9.–16. März) und gegenwärtige ungarische Kulturpolitik.

Ich habe mein räumliches Denken verloren. Das macht mich immer sehr wütend. Mein größter Wunsch ist es, den Postkasten zu leeren. Ich brauche Erfolgserlebnisse! Greife aber immer daneben. Dann der Scheiß mit den Schuhen. Nicht zu schnüren. Verfehle immer die Löcher. Dann werde ich aggressiv! Aggression ist Schmerz. Ich kann ihn nur so ausdrücken. Ich bin nicht motiviert, deshalb aggressiv. Film und Theater schaden mir nur. Ich möchte demente Filme sehen, mit dementem Inhalt und ganz einfacher Handlung. Der Dialog ganz leise. Demente Kultur, Politik! Ein dementer Ministerpräsident! Es lebe die Demenz!

Die frühere Operndiva Mercédes (Lili Monori) scheint sich in Kornél Mundruczós Dementia, Or The Day Of My Great Happiness völlig auflösen zu wollen in einem geschichtslosen Raum. Ihr Monolog über die Sehnsucht nach Demenz in der Kultur spricht die politische Gegenwart in Ungarn sehr grell und direkt an. Der Budapester Autor, Filmemacher und Regisseur Mundruczó greift in seinem Stück den konkreten Fall der Schließung einer bekannten psychiatrischen Klinik auf. Das Thema der sozialen Folgen von Privatisierung ist einerseits allgemeingültig, andererseits fokussiert Mundruczó ganz eindeutig die ungarische Gesellschaft. Nach dem Verkauf des Gebäudes in der Budapester Innenstadt zwang der Investor die Patienten und die Belegschaft zum Gehen. Dieser konkrete Moment aus der Nachwendezeit wird auf der Bühne künstlich hinausgezögert. Die im dementen Wahn bis zur Zermürbung anhaltende Unentschiedenheit zwischen Gehen oder Bleiben, eingefasst in hyperrealistisch bröckelnde Wände einer Psychiatrie, trifft den Kern der Frage des Festivals: Leaving is not an option?

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Dementia, Or The Day Of My Great Happiness von Kornél Mundruczó                              Foto © Produktion

Seitdem die national-konservative Fidesz Partei unter Ministerpräsident Orbán im Jahr 2010 (more…)

Ukraine aktuell: Eindrücke vom Vortrags- und Diskussionsabend mit dem ukrainischen Historiker Andrij Portnov: 
“From a historian’s perspective: Remarks on the current events in Ukraine”

Februar 2, 2014

„Das ist ja wirklich spannend.“ Andrij Portnov konnte nur den Kopf schütteln, als er vor wenigen Wochen diese Meinung über die aktuellen Vorgänge in der Ukraine von einem deutschen Kollegen in einer Email las. Der ukrainische Historiker, gegenwärtig Stipendiat des Berliner Wissenschaftskollegs, hält entschieden dagegen: Es sei nicht einfach nur spannend, was momentan auf dem Majdan in Kiev und landesweit in der Ukraine vor sich gehe, es sei traurig und sehr gefährlich. In diesen Tagen sind bereits mehrere Menschen im Zuge der Demonstrationen in der Hauptstadt gestorben, darunter auch Polizisten. Damit sei eine in diesem Land historisch nie dagewesene Eskalation der Gewalt erreicht, sagte Portnov bei einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung, die am 28. Januar 2014, organisiert vom Institut für Slawistik, an der Humboldt-Universität Berlin stattfand.

Als Wissenschaftler ist Portnov kein Unbekannter: Der 34-Jährige gehört zu den Autoren des Blogs Uroki Istorii (Geschichtsstunden) und hat insgesamt ca. 100 Publikationen verfasst.

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(Andrij Portnov, Bildquelle: http://urokiistorii.ru/blog/308)

Dass Portnov seinen Vortrag für ein breiteres Publikum öffnete, stieß auf großes Interesse. Ungefähr 70 Gäste drängten sich im Raum zusammen, dem einige Minuten später eintreffenden ukrainischen Botschafter Pavlo Klimkin wurde jedoch gern ein Platz in der Mitte angeboten. Auch der ehemalige deutsche Botschafter in der Ukraine, Dietmar Stüdemann, war der Einladung der Slawistin Prof. Susanne Frank gefolgt. Die Diskussion bekam eine besondere Brisanz vor dem Hintergrund der drastischen Schilderungen des Schriftstellers Jurij Andruchovyč. Dieser hatte wenige Tage zuvor in einem offenen Brief über Folterungen in der Ukraine und Todesopfer von Scharfschützen im Kiewer Regierungsviertel berichtet. (more…)