Autor-Archiv

Lesung mit Ėjtan Finkelštejn

Januar 24, 2011

Warum der Roman „Labirint“ („Labyrinth“) heißt, erklärt sich schnell von selbst: Er handelt von verschlungenen und ausweglos scheinenden Lebenswegen jener Generation, die den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges als das Ende ihrer Kindheit erlebt hat. Die Schauplätze wechseln von Litauen über Petersburg nach Moskau. Idyllischen Sommern im Ferienlager und Poesie-Abenden folgen abenteuerliche und lebensgefährliche Fluchten, und es ist offensichtlich das Unterwegs-Sein und Weg-Gehen, das zum Merkmal des Dissidentendaseins wird – im Roman wie im Lebensweg des Autors.

So hat sich eigentlich auch die Publikumsfrage erübrigt, warum der Physiker, Menschenrechtler, Journalist und Schriftsteller keine Autobiografie verfasst: Er schreibe nur über das, was er am besten kenne. Aus der Position der Selbstidentifikation zu schreiben, kennzeichne die russisch-jüdische Literatur. Er lässt also seinen eigenen Lebensweg bewusst die Linien seiner Texte vorzeichnen. Nicht verwunderlich, hat ja dieser Weg ihn u.a. über Litauen und Israel nach Deutschland geführt und ist möglicherweise für unterschiedliche Fragen an die sowjetische Geschichte repräsentativ.

Die Meinung des Autors, das jüdische Leben existiere nicht mehr, ist sicherlich streitbar und die so genannte „russisch-jüdische Literatur“ schwierig zu bestimmen. Aber die Lesung war ein deutliches Zeichen dafür, dass sie von russischsprachigen jungen LeserInnen gelesen und geschätzt wird.

Ėjtan Finkelštejn: Labirint [Labyrinth], NLO, Moskva 2008,
239 S.

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„Ein Stück über Mutter und Vaterland“

Januar 21, 2011

 

 

 

 

 

 

 

 


Im November 2010 ist im Leipziger Literaturverlag Bożena Keffs Utwór o matce i ojczyźnie in der Übersetzung von Michael Zgodzay auf Deutsch erschienen. Die polnische Ausgabe wurde auf novinki.de bereits besprochen. Tanja Hofmann hat mit dem Übersetzer ein Kurzinterview geführt.

Woher kam die Motivation, dieses Buch zu übersetzen?

Ich habe Bożena Keff als Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin bei einer Lesung an der HU Berlin kennen gelernt und war sehr bald vor allem von ihren Gedichten so begeistert, dass ich Kontakt zu ihr aufgenommen habe. Aber vielleicht war es auch etwas anderes: ich fand, dass sie eine humanistische Tradition der Aufklärung repräsentiert, die ich immer noch für sehr wichtig halte. Und dann ergab es sich, dass das „Stück“ in Polen erschienen ist und Frau Keff einen Übersetzer ins Deutsche suchte, der ein Textsample für die Buchmesse besorgt. Ich sagte, ich würde es gerne machen, das wäre eine Herausforderung für mich. Dann war ich in die Pläne für eine deutsche Herausgabe des Textes so weit involviert, dass recht schnell klar wurde, dass ich den ganzen Text übersetze. Ich habe dann sehr lange daran gearbeitet und diesen Text irgendwie zu meinem eigenen gemacht, auch wenn er eigentlich schon für sich sehr eigen ist und sich nicht unbedingt so einfach hergibt zum Aneignen. Aber wenn es einmal so weit ist, fragt man nicht mehr nach der Motivation.

Ich finde die Lektüre erstaunlich leicht, aber den Zugang zum Text doch schwierig. Könntest Du bitte diesen Text charakterisieren?

Vielleicht liegt die Schwierigkeit darin, dass es eine sehr private Geschichte ist, eine schmerzliche Geschichte der Weitergabe des Traumas der Shoah und gleichzeitig ein gesellschaftliches Manifest, der Versuch einer Befreiung aus mythischen Verhältnissen, an dem uns allen gelegen sein sollte. Eine erwachsene Frau möchte sich von den Schuldgefühlen gegenüber ihrer Mutter befreien, die diese in ihr permanent wachruft. Die Mutter hat die Shoah auf der Flucht überlebt und ist in dieser Geschichte gefangen. Einerseits soll die Tochter immer wieder diese Geschichte hören, aber an ihr teilhaben darf sie nicht. Statt wie die Mutter nun in einem (eigenen) Klagemonolog zu verharren, versucht sie einen öffentlichen Text zu produzieren und entwirft eine therapeutische Utopie (wenn es so etwas gibt). Sie erzählt die Geschichte ihrer Mutter und ihre eigene Geschichte, die nur zu ihrer eigenen werden kann, wenn sie sich von der Mutter abnabelt. Am Ende dieser Erzählung kann sie sich mit der Mutter versöhnen, auch wenn es eine recht pragmatische, von der Bitterkeit nicht ganz freie Versöhnung ist. Aber die Idee, die der Erzählerin vorschwebt, ist eindeutig: Aus Abhängigkeiten sollen Beziehungen werden, die vom Gefühl der Verantwortung getragen sind. Dazu braucht es auch Klarheit über die Verhältnisse, in denen wir leben. Im Fall der Erzählerin sind es natürlich die Verhältnisse im postkommunistischen Polen. Die sind eben noch sehr patriarchal, auch die Rolle der Mutter ist dem patriarchalen Muster unterworfen. Das muss sich ändern. Bożena Keff erzählt auch von einer Mütterlichkeit, die keine Ausbeutung ist. Ja, und dann ist da noch der Antisemitismus, der unter dem Realsozialismus konserviert wurde, aber vor allem auch mit dem mythischen gesellschaftlichen Kitt zu tun hat. Das hat die Autorin sehr drastisch gezeigt, indem sie die Sprache des öffentlichen Raums und die dort wirksamen Riten zitiert – sei es im Wartesaal einer Arztpraxis oder in einem Fußballstadion.

Wie würdest Du die Erfahrung des Übersetzens insgesamt bezeichnen?

Wie eine Beziehung: große Begeisterung, Skepsis zwischendurch, Wut und Verzweiflung über das eigene Unvermögen (typische Anfänger-Erfahrung) – dann natürlich die Projektion dieses Unvermögens auf die Autorin, weiterhin viele Schmerzen und am Ende weiß man nicht mehr richtig, wo man angekommen ist, auch wenn die Übersetzung abgeschlossen zu sein scheint…
Ja, und was mache ich dann mit dieser Erfahrung? Aber dann kommt die Freude darüber, dass etwas entstanden ist, was sein eigenes Leben hat: ein eigener Text.

Was hat Spaß gemacht und was Probleme bereitet?

Probleme sind für mich immer akute Probleme, an die ich, wenn sie gelöst sind, nicht mehr denke. Es geht gar nicht so sehr um absolut unübersetzbare Ausdrücke oder Idiome oder Ungereimtheiten oder Inkonsequenzen des Textes, die der Übersetzer immer wieder versucht ist, dem Autor oder der Autorin anzulasten (dabei ist es nur mein Nahblick, der Manches zum Problem werden lässt), und sich darüber aufregt, dass er nun mit diesem/r PartnerIn irgendwie zurande kommen muss. Oft ist das größte Problem, den richtigen Ton zu treffen, damit der übersetzte Text tatsächlich auch klingt und seine Lebendigkeit nicht verliert. Im „Stück“ war es besonders die Vielstimmigkeit, die vielen Anleihen aus verschiedenen Idiolekten, aus verschiedenen Bereichen der Kultur und Popkultur. Ich weiß nicht, ob mir das immer gelungen ist. Aber natürlich ist es ein Glücksgefühl, wenn diese Probleme gelöst sind, oder wenn es mir gelingt, über sie hinwegzugehen und weiterzumachen.

Welche Hilfsmittel, Tricks und Strategien hast Du beim Arbeiten verwendet bzw. entwickelt?

Viele geduldige Menschen fragen, viel in Texten nachschlagen, sein eigenes Textwissen abfragen. Mit Wörterbüchern kommt man da nicht weit. Und abwarten, wenn der Kopf nicht will, dass der richtige Ausdruck, die richtige Phrase erscheint, dann muss man ihn in Ruhe lassen. Er verrät es dann meistens von selbst – in den unmöglichsten Situationen, versteht sich. Aber das ist schon aus dem Nähkästchen geplaudert…

Wie ist es, als Mann einen Text von einer Frau über das Frausein zu bearbeiten?

Ich glaube nicht, dass es hier einen privilegierten Zugang zum Text gibt, falls deine Frage das impliziert. Zunächst ist es ein Text über das KIND-Sein, über Familienverhältnisse, auf die die Autorin marxistische Terminologie anwendet, d.h. sie zeigt Mechanismen der Ausbeutung. Dass solche Mechanismen Frauen vor allem treffen, ist sicher unbezweifelbar. Gleichzeitig zeigt sie auch, wie ungerechte, mythische Verhältnisse ständig reproduziert werden, und hier hat die Geschlechterrolle m.E. keine große Bedeutung, weil die Konservierung gegenseitiger Abhängigkeiten jenseits der Geschlechterzuteilungen geschieht.

Die Autorin hat noch etwas Tolles gemacht. Sie hat durch ihre quasi-marxistische Interpretation der Familie den in Polen noch höchst wirksamen Mythos von Familie und organischen Verwandtschaften als „gesunder Keimzelle“ (was für ein schrecklicher Ausdruck in diesem Kontext) der Gesellschaft angetastet. Nun sind die Familien in den seltensten Fällen „gesund“. Warum? Weil das Verhältnis genau umgekehrt ist. In den Familien werden gesellschaftliche Strukturen mit aller Härte und Ernst reproduziert und naturalisiert. Dagegen wehrt sich das Buch von Bożena Keff.

Inwiefern hat sich Dein Verhältnis zur Autorin und ihrem Werk geändert?

Es hat sich nicht wesentlich verändert.

Was würdest Du als nächstes übersetzen, wenn Du die Zeit und freie Wahl hättest?

Vielleicht einen Text von Stanislaw Ignacy Witkiewicz (Witkacy) – das ist eine echte Herausforderung. Aber um die Klassiker kümmern sich schon andere Übersetzer.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Bożena Keff: Ein Stück über Mutter und Vaterland.
Leipziger Literaturverlag 2010, 80 S.
ISBN
978-3-86660-103-1

 

Serhij Zhadan an der Humboldt-Uni

Oktober 19, 2010

Der ukrainische Autor liest am 2.11. am Institut für Slawistik

„Ich zog meine Armeehosen an, holte unter dem Bett die schweren Armeestiefel hervor, verschlissen zwar, aber solide. Die waren heute genau richtig, dachte ich, falls es Zusammenstöße geben sollte. Ich zog mein Shirt über, griff nach meiner Uhr und ging nach draußen. In einem Schrotthaufen fand ich eine geeignete Eisenstange. Ich wog sie mit der Hand. Genau richtig für den Fall der Fälle, dachte ich und ging dem Ungewissen entgegen.“

Der ukrainische Dichter und Schriftsteller Serhij Zhadan verbringt derzeit im Rahmen eines DAAD-Stipendiums ein inspirierendes Jahr in Berlin. Bei dieser Gelegenheit schaut sich der ehemalige Dozent an der Charkiver Universität die hiesige Bildungslandschaft an. Gelangweilt von fehlenden Streiks und überrascht von fehlenden Eingangskontrollen und Passierscheinen muss der (noch?) freie Zugang zur höchsten Etage des philologischen August-Boeckh-Hauses gefeiert werden! Und zwar mit der Freiheit des schriftlichen und mündlichen Wortes: Serhij Zhadan liest aus seinem druckfrischen Roman „Vorošylovhrad“ («Ворошиловград») auf Ukrainisch und aus der russischen Übersetzung, ein Teil wird in deutscher Übersetzung vorgetragen. Um der basisdemokratischen Vielfalt willen sind BesucherInnen mit jeglichem, auch (nicht)universitären Hintergrund und Interesse, herzlich willkommen – nicht zuletzt, um sich auch für die anschließende Diskussion frei zu fühlen.

Wann: 2.11.2010, 18.30 Uhr
Wo: Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Slawistik, Dorotheenstraße 65, 5. Stock, R. 5.57
Eintritt frei

Urban Cultures

August 31, 2010

Europäische Ethnologen, und zwar nicht nur jene am Hallenser Institut, beschäftigen sich doch mit Osteuropa, zumindest mit den russischen Großstädten. Cordula Gdaniec hat ein bemerkenswertes Buch herausgegeben: „Cultural Diversity in Russian Cities. The Urban Landscape in the Post-Soviet Era“, erschienen dieses Jahr bei Berghahn books.

Aus der Perspektive der qualitativen ethnographischen Forschung diskutieren die Beiträge verschiedene Facetten ‚urbaner Kulturen‘. Ethnizität, Lebensstil, Gender und ökonomische Praktiken sind die leitenden Kategorien. „These essays give some insight into the spatial practices of groups of people beyond the Russian cultural mainstream – where and how they become visible“ (3). Das betrifft zum Beispiel die nicht angestammten Moskauer, die stigmatisierten Parallelexistenzen der ‚zweiten Wahl‘ ohne offizielle Aufenthaltserlaubnis, oftmals aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Vorderasiens und jene, die unter dem virulent gewordenen russischen Wort „gastarbajtery“ zusammengefasst werden. Auch lesbische und afrikanische Gemeinschaften in Moskau sowie chinesische und weibliche Migrantinnen in Petersburg sind Gegenstände des Bandes. In zentralen Städten zu leben, kann auch heißen, noch weiter an die Peripherie der Macht zu rücken.

Die Themen und Fragen, der engagierte Tonfall vieler Artikel und die Kritik an den Machtmechanismen der Großstädte sind nicht nur politisch sehr korrekt, sondern lassen ein wenig aufhorchen: Was ist mit Groys‘ These, in Russland fände die Aneignung alternativer Ideen des Westens, ihre Radikalisierung und Entgegenstellung statt? Haben wir es gerade mit einem Aneignungsprozess zu tun oder bereits mit der Phase der Radikalisierung oder sind es nicht eher Globalisierungsprozesse, die ohne russischen Sonderweg reproduziert werden? Oder doch die Angst davor, dass Russland sich abschafft?

Ukranenland Nr.2

August 19, 2010

Das Ukranenland im Nordosten Deutschlands ist nicht nur eine Imagination zu Ehren des 1. Aprils gewesen, sondern ein (auch mangels Alternativen) beliebter Ausflugsort im Sommer.

Die Mitarbeiter können nach eigener Auskunft leider kein „Slawisch“. Sie tragen angeblich historische Kleidung und verbringen die Tage in dieser kommunenartigen Einrichtung mit Bogen schießen, Messer schmieden, Filzarbeiten und dem Musizieren auf einem dudelsackähnlichen Instrument aus einem ehemaligen Schaf.

So geschichtsträchtig die Aufmachung, so indifferent scheinen die Teilnehmer der Erlebnisindustrie zu sein: Niemand kann mit Sicherheit sagen, was für eine Grenze mit dem Am-Rand-Volk und den Randow- und Uecker-Flüssen eigentlich gemeint sein könnte. Ist auch nicht so wichtig, denn statt Grenzen wiederzukäuen gibt’s FUSION. Das alljährliche Post-Woodstock-Festival auf dem ehemaligen, auch von der sowjetischen Armee genutzten, Militärflugplatz in Lärz verbindet die Region mit Berlin und (nicht nur) Technofreaks europaweit. Auch zu erkennen am stylischen Armband in kyrillischen Buchstaben.

Lucide „Lichtungen“

Juli 16, 2010

Wenn’s um das literarische Galizien geht, geht es auch um Habsburg. Hier aber geht’s um Literatur, die man in Österreich lesen kann, im heutigen (soweit es dies sein kann). Und zwar ein Österreich, dass das „Östliche“ in seinem Namen ernst zu nehmen scheint. Das tun „Lichtungen, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik“: http://www.lichtungen.at/.  Vielleicht haben wir es  mit der ersehnten Wanderung Mitteleuropas in die Ukraine zu tun. Womöglich gar eines Ostmitteleuropas, denn der vertraute Blickaustausch zwischen L’viv und Wien dehnt sich aus auf Graz-Charkiv im Heft 115/2008, das eine kleine Anthologie ukrainischer Lyrik und Auszüge aus Prosatexten beinhaltet.

Dort hat Nazar Fedorak ein „Pseudolyrisches Anti-Poem“ von Serhij Zhadan in 52 Fußnoten kommentiert, wohl mit E. Vlasov als Vorbild und vielleicht auch mit humoristischem Anspruch. Jedenfalls mit diesem Effekt. Die Fußnoten verfolgen so nüchtern die Wanderung des unlyrischen Ichs aus Charkiv in die huzulischen Kulissen, dass man diesem autobiographisch frivolen Verfolgerblick wünscht, es möge über ihn ein wenig Vodka und Marihuanadunst des „Anti-Poems“ fließen.

Außer der „Neuen Literatur aus der Ukraine“ gibt es Sonderhefte wie „Neue Literatur aus Tschechien“ (11/2008) und ein Schwerpunktheft zur Literatur aus Polen und Ungarn (119/2009). Darüber hinaus afrikanische und südamerikanische Literatur – rundum, aus der ganzen Welt. Mitteleuropa wandert ja bekanntlich. Ein Blick in die letzten Jahrgänge lohnt sich allemal – hoffentlich auch für die preußischen Bibliotheken, die die Zeitschrift noch nicht führen.

Zwischen oder auf zwei Stühlen

Juli 2, 2010

Von Tanja Hofmann und Michael Zgodzay

Die Diskussion „Schichtwechsel – Die Ukraine, die EU und Russland“, die am 1.7.2010 im Dokumentationszentrum der Berliner Mauer stattgefunden hat, war die dritte Veranstaltung, die von der Zeitschrift „Osteuropa“ und dem Polnischen Institut in den letzten Wochen in Berlin organisiert wurde. Sie alle fragen nach der Zukunft ukrainischer Energie-, Innen- und Außenpolitik. Gestern hat nun M. Sapper (Herausgeber der „Osteuropa“) das Gespräch mit den Worten eingeleitet: „Die orangene Hoffnung ist geplatzt“. Daraufhin lieferte Gerhard Simon eine agile Analyse der letzten sechs Monate. Seit den letzten frei erfolgten Wahlen ist der als pro-russisch geltende Janukovyč an der Spitze der Regierung.

Titelbild "Osteuropa": Schichtwechsel Politische Metamorphosen in der Ukraine. Manfred Sapper, Volker Weichsel, Rainer Lindner (Hg.) Osteuropa 2-4/2010

Es sei ein „politischer Erdrutsch“ im Gange, Janukovyč hätte eine Vertikale der Macht etabliert – Präsident, Regierung und Verfassungsgericht würden über Handlungsfähigkeit verfügen, an die unter der verstrittenen „Orangenen“ Regierung nicht zu denken gewesen ist. Der Präsident habe dabei mehr Macht, als ihm von der Verfassung her zustehe. Denn eine Verfassungsänderung lässt eine Paradoxie zu: Ein Abgeordneter kann in seiner (z. B. „orangenen“) Fraktion bleiben, aber gleichzeitig zur Regierungsmehrheit gehören. Auf diese Weise unterstützen 20 „orangene“ Politiker Janukovyč. „Noch ist die Ukraine eine Demokratie“, betonte Simon, als Sapper den Mangel an Pluralismus bemängelt hat.

Mykola Rjabčuks Diagnose, dass die innerukrainische Zerrissenheit einer Schizophrenie gleiche (vgl. seinen Essay „Die reale und die imaginierte Ukraine“, dt. 2006), scheint sich nun in der Verchovna Rada zu realisieren. Sicherlich kann man an der derzeitigen Regierung vieles kritisieren, vor allem das Einschalten des Sicherheitsapparats. Vielleicht könnte man die Zeichen als „gesund“ deuten: als eine Orientierung sowohl gen Westen als auch gen Osten. Doch ob solch pluralistische geopolitische Interessen realisierbar sind, bleibt fraglich, denn allein schon der Wirtschaftsraum schließt eine Zugehörigkeit sowohl zur EFTA als auch zur Zollunion mit der Russischen Föderation, Belarus und Kasachstan aus.

Die polnische Perspektive auf den Machtwechsel in der Ukraine hat Paweł Wołowski, Leiter der Abteilung Ukraine, Belarus und Baltische Staaten am Ostinstitut Warschau dargelegt. Die Einschätzung der Lage ist äußerst zurückhaltend. Dies ist dem – zumindest offiziell bekräftigten (muss man sich als Zuhörer sagen) – langfrisstigen Zielvorhaben der polnischen Außenpolitik geschuldet, Ukraine unter allen Umständen in die Strukturen der EU einzubinden, vor allem durch die Beteiligung an der Modernisierung des Landes. Die Monopolisierung der Macht durch eine politische Fraktion sei zwar erwartet worden, nicht aber die Manipulation an der Verfassung. Die Tendenz zur Entwicklung eines monozentristischen Staates sei zwar zu befürchten, doch müsse man den politischen Pragmatismus der jetztigen Regierung berücksichtigen, die sich nach Russland orientiert, ohne sich vom Westen jedoch abkapseln zu wollen. Diese Doppelstrategie betrachtet Gerhard Simon eher skeptisch. Die Ukraine könnte buchstäblich zwischen den Stühlen sitzen bleiben. Sicher keine vorteilhafte Lage.

KdW in der AdK

Juni 14, 2010

Das Poesiefestival, das vom 4. bis zum 12. Juni stattgefunden hat, ist mit einer überraschend kleinen Feier in der Akademie der Künste zu Ende gegangen. Mit einer überraschenden Zusammenstellung der Gesichter: Ilma Rakusa aus Zürich, Schauspieler, ehemalige KommilitonInnen von der Germanistik und Slawistik der HU, sowohl unter den Veranstaltenden als auch unter den Teilnehmenden.

Die Organisatoren (heuer wieder von der Literaturwerkstatt bewerkstelligt) haben sich bereits ein Gedicht an Veranstaltungstiteln und -arten einfallen lassen, um Lust auf deutschsprachige und internationale Lyrik zu machen. Ein Colloquium mit LiteraturwissenschaftlerInnen und AutorInnen hat neue Vermittlungs- und Absatzwege für Gedichtbände gesucht, eine Tanz-Poesie-Inszenierung hat sicherlich alle sommerlich gesinnten Sinne aktiviert. Workshops haben Lehrer den Umgang mit Dichtung in der Grundschule gelehrt und Poesiefilme als Unterrichtsmaterial ans Herz gelegt.

Vorschlag fürs nächste Jahr: eine Neuauflage der Veranstaltungsreihe Poets’ Corner, sozusagen einer poetischen Okkupation Berlins. Dichterinnen und Dichter haben an öffentlichen Orten in ihren Bezirken gelesen – und zwar in ihren Muttersprachen. Darunter im gut besuchten Neuköllner Körnerpark und in Treptow in dem Wagendorf Lohmühle. Im Wagendorf haben Dmitrij Dragilev und Sergej Sturz vorgetragen. Bei der eher ruhigen Feier in der Akademie der Künste haben sie ein wenig über sich erzählt.

Beide leben in Berlin und schreiben auf Russisch. D. Dragilev hat u.a. den Gedichtband Vse primety ljubvi (dt. „Alle Anzeichen von Liebe“) veröffentlicht, welcher von der Liebe zur baltischen Heimatstadt Riga und zu Jazz zeugt.  Vgl. auch: http://www.novinki.de/html/zurueckgefragt/Interview_Dragilew_deutsch.html

Die jungen Männer haben die Gruppe запад нaперёд („zapad naperёd“) gegründet. Den Titel so zu übersetzen, dass die zahlreichen Bedeutungen dieses Wortspiels mit „Westen“, „verkehrt herum“, „nach vorne“ und „rückwärts“ erhalten bleiben, gelingt mir erst einmal nicht. Vielleicht Kehrseite des Westens – natürlich abgekürzt als KdW…

Genau dieses Problem, das Scheitern eines glatten Übersetzens, bringt einen aber der Idee dahinter näher. Den beiden geht es um das (unerreichbare?) Ideal der Doppelexistenz in der Dichtung, auf den ersten Blick um eine Form der sprachlichen Assimilationsverweigerung und auf den zweiten eigentlich doch um eine formale Offenheit: Auf Russisch mit den Mitteln gesamteuropäischer Kunstautonomie dichten, fasse ich frei nach Sergej Sturz den gemeinsamen Nenner der Poetik beider zusammen.

Letzterer erklärt, dass sie sich West- und Mitteleuropa verpflichtet fühlen, und zwar in dem Sinne, wie die Petersburger Poesie auch eine offene Einstellung zu westeuropäischen Traditionen gehabt und sich dabei der russischen Sprache als ihres Ausdrucksmediums bedient hat. Brodskij und Parščikov sind einige der Namen im Hintergrund. In den Vordergrund setze ich einen Appell aus der spontanen poetischen Selbsterklärung von S. Sturz: „Den Klassizismus als Fundament hat ein Dichter die Sprache zu benutzen, in der er lebt!“

Das kann so aussehen bzw. klingen:

упокой его подошли одежды
с бахромой условились
ждать не более
одного гудка тепловоза хватит
чтоб свалили дачники
и пресловутое Комарово
как осунувшийся скворечник
перестало б задирать хромого
матёрого материкового праведника
и тогда синхронно в союз с предлогом
суфийским корнем проблесковой солью
задрожит рука закружится голос
заговорит страна пересев на другое
облако кучевое полное обстоятельств

(Sergej Sturz)

А что если попробовать в терцию
В кварту пробовали уже
Ведь это в конце концов
Более близкое двухголосие
И все-таки остающееся
На минимуме дистанции
В пределах необходимых
Для благозвучия
И согласия
Пусть даже не очень модно
В силу нового понимания
Гармонии
А что если запахи в снах
Предпочитают
Не чертополох
Но звук
Свернутый в трубочку
Есть много похожих слов
Гармония и Германия
Гарпия и Гермина
Но мы не о них
И вообще не о сходстве

(Dmitrij Dragilev: „Vse primety ljubvi“, Moskva 2008, S.41)

Übersetzung erfolgt bei Bedarf und darf auch kollektiv erfolgen :).

Objekt der Woche

Mai 24, 2010

Elif Batuman: The Possessed. Adventures with Russian Books and the People Who Read Them. New York 2010.

Die Kunst der Erinnerung

Mai 21, 2010

Ab dem 21. Mai ist im Freien Museum Berlin in der Potsdamerstr. 91 „Memo_Raising. Ein interaktives Ausstellungsprojekt der 3. Generation“ eröffnet. Bereits auf der Homepage kann man einen ersten Eindruck von dem Projekt gewinnen: http://www.memoraising.com/.

Bemerkenswert, dass die Agenda von einer bewussten Lage zwischen Rekonstruktion und Fiktion von Geschichte spricht. Wie sonst an das Projekt herangehen, das Kunst von Kindeskindern der Holocaustüberlebenden zum Thema und Anlass genommen hat, ost- und westeuropäische Künstler, biographische und ästhetische Konfrontationen von Geschichte(n) dem Berliner Publikum zu präsentieren. Bemerkenswert auch, dass das Publikum als Teil des Konzepts mitgedacht und aktiv einbezogen wird.

Acht junge Künstler aus Israel, Polen, Frankreich, Litauen, Ukraine und Deutschland setzen sich mittels Installationen, Videos, Fotographien und Malerei mit Zeit, Erinnerung, Gedächtnis, Holocaust, Identität, Lebenslinien und Textilien auseinander. Lässt sich nicht wirklich gut beschreiben. Aber sehen und erleben.

Memo-bild