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In der Sache Hirst

September 10, 2010

Während im Gerichtsverfahren gegen den Kurator Andrej Erofeev und den ehemaligen Direktor des Sacharov-Zentrums Jurij Samodurov, die für ihre Ausstellung Verbotene Kunst 2006 wegen Verletzung religiöser und nationaler Gefühle angeklagt waren, noch Zeugen befragt und Schlussplädoyers gehalten wurden, fand im Moskauer Zentrum für kreative Industrie Proekt FABRIKA Ende April bereits ein weiterer Prozess gegen Kunst statt. Dieser wurde jedoch nicht von feinfühligen orthodoxen Gläubigen initiiert, sondern von zeitgenössischen Künstlern, allen voran der Moskauer Aktionskünstler Anatolij Osmolovskij, der 1990 selbst wegen einer Aktion mit der Gruppe E.T.I. (Enteignung des Territoriums der Kunst) auf dem Roten Platz als letzter Künstler in der Geschichte der Sowjetunion vor Gericht stand. Angeklagt wegen einer grob anstößigen und belästigenden Handlung mit schweren Folgen, wurde er wenige Wochen vor dem Ende der Sowjetunion freigesprochen.

Osmolovskij und die Gruppe Regierungsunabhängige Kontrollkommission hatten bereits im Februar 1999 im Institut für zeitgenössische Kunst eine performative Gerichtsverhandlung – oder eine gerichtliche Performance – in der „Sache Oleg (Kireev)“ initiiert/inszeniert. Im Stil der Schauprozesse der 1930er Jahre wurde Kireev angeklagt, durch sein Verhalten gegen die Interessen der Gruppe verstossen zu haben. Dieses Gerichtsspiel endete, als der Angeklagte den Ort des Geschehens verließ und sich so der Verhandlung und auch der Verurteilung entzog.

Im nun vor einigen Monaten abgehaltenen „Gericht über (Damien) Hirst“ stand jedoch nicht der Künstler selbst, sondern sein Werk For the Love of God vor Gericht – ein Gericht, bestehend aus dem Künstler Dmitrij Gutov als Ankläger, Osmolovskij als Verteidiger und Stas Šuripa als Richter. Geschworene sollten entscheiden, ob es sich bei dem mit Diamanten besetzten Platinschädel – der aktuell teuersten Arbeit zeitgenössischer Kunst – um hohe, mittelmässige, schlechte oder nicht um Kunst handelt. Das Ergebnis: 6 Stimmen – hohe Kunst, 1 Stimme – mittelmässige Kunst, 2 Stimmen – schlechte Kunst, 3 Stimmen – keine Kunst. Vier Kategorien der „Schuld“ sind in diesem Fall jedoch unglücklich gewählt und deutlich zu viel; schließlich ist ein Angeklagter vor Gericht auch nicht halb-schuldig. (Eine Videoaufzeichnung des „Gerichts über (Damien) Hirst“ ist hier zu sehen).

Die Idee zu dieser speziellen Form der Diskussion – einem weiteren Gerichtsspiel – entstand im Kontext eines Seminars zum Thema Was ist ein Kunstwerk heute?, organisiert vom Journal Baza (Basis), dessen Herausgeber Osmolovskij ist. Die Form einer Gerichtsverhandlung sollte der Diskussion über die Kunst zu grösserer Konzentration verhelfen und die „Gedanken disziplinieren“ – Ähnlichkeiten mit den sowjetischen Schauprozessen sind nicht zufällig. Welche Wirkung allerdings solche Prozesse der Künstler selbst gegen Kunst in Zeiten, in denen die (orthodoxe) Gesellschaft Kunst und ihre Protagonisten vermehrt vor Gericht zitiert, haben, ist mehr als fraglich. Dennoch: Eine Fortsetzung ist geplant.