Autor-Archiv

Ein Altar für Smolensk

November 24, 2011

The Abnormals Gallery (Berlin/Poznań) zeigt seit Oktober in der Berliner Dependance die Arbeit eines jungen Absolventen der Warschauer Akademie der Bildenden Künste (ASP), die dort für einige Aufregung gesorgt hat. Es handelt sich um ein Triptychon, das ein kanonisches Motiv der christlichen Malerei zitiert – den Kindermord in Bethlehem. Michał Rutz (*1988) hat als Vorlage das berühmte um 1305 entstandene Fresko von Giotto benutzt, um in die aktuelle politische und kulturelle Debatte in Polen nach der Katastrophe von Smoleńsk mit den Mitteln des Bildes einzugreifen. Das Werk spielt mit der Sakralisierung des Ereignisses, der öffentlichen Trauer und mit den phantasmatischen Bildern, die reaktiviert werden und neue Konstellationen erfahren. Der Künstler nutzt bewusst die seit dem Mittelalter bekannte Form des Flügelaltars, also eines Altaraufsatzes, der sich im perspektivischen Zentrum eines Kirchenschiffs befindet. Es besteht gewöhnlich aus dem Hauptbild, zwei Flügeln und einer Predella.

Das Triptychon, das den Namen „Smolensk-Altar“ trägt, stellt Fragmente des bekannten Kindermord-Motivs und gleichzeitig auch drei mögliche Blickrichtungen der Bildbetrachtung dar. Die einzelnen Bilder sind bewusst in ihrem unvollendeten Stadium belassen. In der „Predella“ sind getötete Kinderleiber zu sehen. Im linken Flügel ein rotgewandeter Mann in herrischer Pose. Sein ausgestreckter Arm zeigt durch die leere Mitte hindurch auf das rechte Altarflügel, zu den klagenden Frauen und der mater dolorosa, die ein durchbohrtes Kind auf dem Schoß hält. Das Kind trägt – und dies ist vielleicht die größte Provokation – die Gesichtszüge des verunglückten Präsidenten Lech Kaczyński …

Doch der wichtigste Teil, der Mittelteil des „Altars“, fehlt. In Giottos Werk bildet die Darstellung der Durchbohrung des unschuldigen Opfers (eines Kindes) das Zentrum. Das „Altarbild“ von Michał Rutz zeigt dem Betrachter eine Leerstelle für etwas Undarstellbares, einen (Bild)Raum, der gerade im Entstehen begriffen ist.

In Warschau hat das Werk von Michał Rutz einen Skandal hervorgerufen. Die Studentenschaft der Akademie hat, so der Künstler, gegen eine Ausstellung des „Altars“ protestiert und diese auch verhindert. Erneut steht in Mittelosteuropa Kunst vor Gericht. Doch die „Richter“ sind diesmal angehende Künstler selbst.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von: http://abnormalsgallery.com/

Auf der Flucht – auf der Suche nach dem Krieg

November 16, 2010

Nach dem Bühnenstück Warten auf den Türken und dem Roman Taksim (2009), in dem Andrzej Stasiuk Motive und Figuren seiner früheren Romane versammelt, ist am 20. Oktober sein neuer Essayband Dziennik pisany później (Tagebuch, danach geschrieben) erschienen. Es reicht, in dem druckfrischen Exemplar zu blättern, um sich zu überzeugen, dass Stasiuk nicht etwa zu einem von ihm schon ausgereizten Genre der Reise-Erzählung zurückkehren will (vgl. Unterwegs nach Babadag), sondern auf die gegenwärtige Stimmung in Polen antwortet. Er müsse in den Balkan reisen, um die Spuren eines Krieges zu sehen, dessen abstrakte Phantasmagorie seine Jugend ausgefüllt hat. Es geht nicht um den Balkankrieg, es geht um Spuren des Krieges überhaupt. Er müsse vor dem eigenen Land Reißaus nehmen, um es weiter östlich wiederzufinden, aber „in der Version hardcore“. Distanzreise also, eine Reise in die Wüste, zum Trauma des Krieges, den Stasiuks Generation als erzähltes Trauma, als Traumabilder kennt. Man müsse auf Polen aus dem Osten schauen, um es zu begreifen, heißt es im Text. Und so scheint Stasiuk folgerichtig im dritten Teil dieses kurzen Reise-Essays erzählend nach Polen zurückzukehren und erwähnt dabei die symbolisch-religiösen Exzesse seiner Landsleute in den letzten vergangenen zwei Jahrzehnten, vor allem in der Architektur, und ihre Bedeutung für das kollektive mythische Bewusstsein. Vielleicht verstecke sich gerade hinter ihnen eine Lust und ein Verlangen nach Mysterien in denen Blut fließen soll? Stasiuk ist mit dieser Vermutung sicher nicht allein. Von dem jüngsten Beispiel berichtet er, glaube ich, nicht – Wer die Gelegenheit hat, mit dem Berlin-Warschau-Express zu fahren, sollte beim Passieren des Städtchens Świebodzin aus dem Zugfenster schauen: Ein monumentaler Christus, größer noch als der in Rio, wird ihn mit ausgebreiteten Armen grüßen.

Es macht Spaß, mit Stasiuk wieder auf Reisen zu gehen. Hoffen wir, dass das schmale Bändchen mit Schwarzweiß-Fotografien von Dariusz Pawelec bald auf Deutsch erscheint.

Andrzej Stasiuk, Dziennik pisany później

Bilder: Dariusz Pawelec

Verlag Czarne, Wołowiec 2010

ISBN: 978-83-7536-231-2

Kaczyński lädt ein

Oktober 4, 2010

Jarosław Kaczyńskis Politik des Giftens und Vergiftens hat ein neues Ziel gefunden. In einem Interview auf „Radio Maryja“, dem katholischen Propagandasender Polens, hat der ehemalige Ministerpräsident und „Bruderwitwe“ der Bürgermeisterin von Warschau Gronkiewicz-Waltz vorgeworfen, sie habe das das tolle Lokal mit der noblen Adresse Nowy-Świat-Straße (Neue-Welt-Straße), ein ehemals berühmtes Café, an die linke Gruppierung der Krytyka polityczna (Politische Kritik) quasi verschenkt und favorisiere damit ein linkes snobistisches Kulturzentrum (Nowy WSPANIAŁY Świat – Brave New World), was sich wohl kaum mit ihrer katholischen Identität vereinbaren lasse.

Zwar hat sich der Träger des Kulturzentrums und damit der Mieter der Räumlichkeiten – der Stanisław-Brzozowski-Verein mit einer Stellungnahme gegen die Vorwürfe gewehrt, er hätte das Café zu undurchsichtigen Konditionen ‚zugeschachert‘ bekommen, gleichzeitig aber auch begriffen, dass Kaczyński unfreiwillig Werbung für das Kulturzentrum macht, und prompt ein Werbeaudio mit der Stimme des PiS-Partei-Chefs kompiliert.

Wer sich in die tollen Räumlichkeiten einladen lassen möchte… (an der Übersetzung des Werbesoundtracks wird zur Zeit gearbeitet…)

Objekt der Woche

September 23, 2010

Das Objekt der Woche steht zur Zeit vor dem Haus der Kulturen der Welt in Berlin und begrüßt die Besucher des 10. internationalen Literaturfestivals (15.9.-25.9.10). Der Fokus des Festivals liegt diesmal auf Osteuropa.

Installation Begegnung 2010 der ukrainischen Künstlerin Maryna Baranovska

Mehr zur Künstlerin und zur Installation unter:

http://www.marynabaranovska.de/

Novinki-Wettbewerb nicht vergessen!

September 21, 2010

Der novinki-Wettbewerb um das beste Autorenportrait über AutorInnen aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa läuft noch bis zum 30. Oktober 2010.

Es ist also noch nicht zu spät, die Schreibfeder zu schwingen!

Der 1. Platz ist mit 400 Euro dotiert (zusätzlich gibt es einen Sonderpreis von 250 Euro!).

Einsendungen bis zum 30. Oktober 2010 an redaktion@novinki.de.

Mehr Informationen unter http://www.novinki.de/html/termine/flyer_wettbewerb_rezension.pdf

Die novinki-Redaktion beantwortet weitere Fragen auch gerne per Email.


Die novinki-Redaktion freut sich über alle Einsendungen!

Von Pfeifen und Lücken

September 17, 2010

Lücken schließen

Immer wieder überraschen verlegerische Initiativen junger LiteraturwissenschaftlerInnen, die nicht davor zurückschrecken, weniger bekannte oder unbekannte Lyriker aus dem Ausland in deutscher Übersetzung herauszubringen. Der Wiesbadener Verlag luxbooks, eine relativ neue Gründung, hat es sich zum Ziel gemacht, Unbemerktes, Verkanntes, Unbeachtetes an Texten auf den deutschen Buchmarkt zu bringen und versteht sich daher als ein Lückenschließer-Verlag. Zu den wenig beachteten Texten gehört vor allem auch Lyrik.

Neben einer amerikanischen und lateinamerikanischen Lyrikreihe hat luxbooks unter dem Namen luxbooks.slavica eine Reihe für osteuropäische Lyrik begonnen. Sie wird mit dem zweisprachig edierten Band Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund von Tadeusz Dąbrowski eröffnet. Das Buch umfasst eine Auswahl von Gedichten aus den letzten zwei Lyrikbänden des Autors, der in Deutschland aber gar nicht so unbekannt ist. Im Jahr 2008 erhielt er den Hubert-Burda-Preis für osteuropäische Lyrik und seine Gedichte werden schon seit längerem im deutschsprachigen Raum in Zeitschriften publiziert. Die Übertragung der Auswahl hat André Rudolph, selbst ein Dichter und hervorragender Übersetzer, besorgt. Monika Rinck und Alexander Gumz haben an diesem Band als Übersetzer mitgearbeitet.

Tadeusz Dąbrowski: Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund. Gedichte. Aus dem Polnischen von André Rudolph, Monika Rinck und Alexander Gumz. Luxbooks, Wiesbaden 2010. 140 S., 19,80 €.

(Leseprobe)

„Ceci n’est pas une pipe.“

Dąbrowski gehört zur jüngeren Lyrikergeneration, die in den Neunzigern debütierte. Als einer der Ersten hat er die Gadgets des medialen Zeitalters in die polnische Lyrik eingeführt: e-Mails, SMS, WWW. Andererseits schreibt er die Tradition einer wertorientierten Lyrik fort, die bei aller Alltagsnähe auf den würdevollen Ton der Kontemplation oder auf ein Te Deum (so der Titel eines Lyrikbands von 2005) oder die Seele hinter dem menschlichen Auge nicht verzichten möchte.

Im Sommer haben Tadeusz Dąbrowski und sein Übersetzer das Buch Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund im Literarischen Colloquium Berlin vorgestellt. Im Umgang mit dem Publikum ist Dąbrowski sehr erfahren. Er weiß, welche rhetorische Geste nötig ist, um die Rollen des Sprechenden und der Zuhörenden so zu organisieren, dass alle sich dabei wohl und geschätzt fühlen. Das Publikum nahm mit dankbarer Zustimmung seine geistreichen Pointen auf und war zuweilen sogar entzückt darüber, dass er während der Lesung die gleiche ironische Distanz zu sich selbst behielt, die in seinen Gedichten als Distanz zu der uns allen vertrauten Welt anzutreffen ist. Eine Welt aus geistigen Strömungen, Schlagwörtern, Diskursen, Dekonstruktionen und ach so menschlichen Bedürfnissen, die sich gleich bleibend gegen alle Entwicklungen behaupten. Dąbrowskis Augenzwinkern gibt aber immer gleichzeitig zu verstehen: Hier ist das Gute, hier ist das Böse, hier steht eine Sexbar und daneben eine Kirche, sie koexistieren in meinem Gedicht friedlich nebeneinander, weil ich sie immer noch unterscheiden kann. Dafür ist auch das geschätze Publikum dankbar, denn es wird nicht überfordert.

Wir erkennen das bildungsbürgerliche Inventar, kennen ein Buch von Roland Barthes und ein Bild von Magritte, ja, ja die Bilder lügen… Das männliche Genital wird dank der deutschen Übersetzung zu einer ‚Pfeife‘ (siehe Leseprobe). Wir fühlen uns zu Hause und können darüber schmunzeln und alles ist gut. Es herrscht Ordnung, scheint es. Der Lyriker wünscht uns (schon zu Anfang der Lesung) ausdrücklich, dass wir durch seine Texte verändert nach Hause gehen. Er schmunzelt zwar über sich und ist trotzdem dabei irgendwie ‚erbaulich‘. Das haben wir auch begriffen. Alle gehen friedlich nach Hause, wir sind daheim, kennen uns aus, alles ist in Ordnung.

Reenactment

August 12, 2010

Gazeta Wyborcza veröffentlicht ein dramatisches Foto, auf dem eine ‚Kreuzverteidigerin‘ zu sehen ist – eine Frau in weißer Bluse und dunklem Rock und einer weiß-roten Armbinde, die gerade hinter die Absperrungen auf dem Platz vor dem Präsidentenpalast geführt wird. Das Foto wirkt wie ein Stück Dokumentation über ein Reenactment. Es verweist als Bild auf die Bilder des Krieges. Vielleicht erinnert diese Szene am meisten an Bilder des Warschauer Aufstands – obwohl ich gerade ein solches Motiv nicht kenne.
Eine damit zusammenhängende Problematik der Kriegs-Bilder beschäftigt Zbigniew Libera und Darek Foks in ihrem Ikonotext-Buch „Was macht die Meldegängerin“ von 2005. Nur geht es im Fall des heute veröffentlichten Fotos sicher nicht um Krieg und Eros.

Die Pressestimmen, die Reaktionen vor Ort zeigen, dass der Inszenierungscharakter des Geschehens sich nicht übersehen lässt, dass er allen sehr bewusst ist, außer vielleicht den Schauspielern selbst.

Zum Foto

Den Krieg wiederaufführen

August 11, 2010

25. Jahrestag der Einführung des Kriegsrechts in Polen, Rekonstruktion, 13.XII.2006 "Młodzi pamietają" - Warszawa, Rotunda, Bild: Hubert Śmietanka

Ich werde schon wieder ein Loblied auf Dorota Masłowska singen. Ich kann nicht anders. Denn sie hat 2002 mit dem Titel ihres ersten Buchs – „Wojna polsko-ruska pod flagą biało-czerwoną” (dt. Polenweiß und Russenrot) – oder vielmehr mit dem Wort ‚Krieg‘ im Titel treffsicher ein polnisches Trauma benannt. Der Übersetzer hat 2004 aus guten Gründen dieses Wort aus dem Titel genommen (wörtlich lautet er: Polnisch-Russischer Krieg unter weiß-rotem Banner), aber darum geht es: um den permanenten Kriegszustand, der in Polen offenbar hervorgerufen werden muss, damit etwas wie eine Realität entsteht. Also nicht nur Martyrium, Mythen vom heldenhaften Sterben, sondern auch Krieg muss irgendwie präsent sein, damit das weiß-rote Banner wehen kann. Der Originaltitel von Masłowskas Buch ist für mich kein bloßer Vorwand für eine Notiz. Das im Titel exponierte Wort ‚Krieg‘ ist deshalb an der absolut richtigen Stelle, weil Krieg, so meine Wahrnehmung, in der polnischen (öffentlichen) Sprache allgegenwärtig ist. Der Titel, den Masłowska sicher dem großen Rauschen in ihrem Land abgelauscht hat, wirkt mittlerweile auf den öffentlichen Diskurs zurück. Unlängst hat Andrzej Wajda in einem Interview sich auf Masłowskas Buch berufen, als er die Situation in Polen charakterisieren wollte. Es herrsche ein polnisch-polnischer Krieg, sagte er.

Bei einer Lecture in Boston hat die Publizistin und Autorin Bożena Umińska-Keff mehrmals den Ausdruck ‚Krieg‘ gebraucht, um die verfahrene und vertrackte Kommunikationssituation zwischen lieberalen und konservativen Kräften in Polen zu kennzeichnen. Verschiedene Sprachsysteme, ein riesiger geschichtlicher Graben zwischen diesen Gruppen, die vielleicht miteinander reden würden, wenn sie es überhaupt könnten. Offenbar reichen die Sprachtraditionen der Konservativen bisweilen hinter die Aufklärung zurück. Es ist eine geschichtlich-mentale Sprachbariere, die eine Verständigung mit denen, die in einem ganz anderen Paradigma leben, unmöglich macht.

Neuerdings gibt es wieder den „kalten Krieg mit der Kirche“ (G. Sroczyński in: Gazeta Wyborcza, 11.08.2010). Diesen Ausdruck, den offenbar seinerzeit Jarosław Kaczyński geprägt hat, greifen jetzt konservativ-klerikale Kreise anlässlich der Kreuz-Debatte wieder auf.

Frappant sind nicht so sehr die politischen Stimmungen, sondern dass das Wort ‚Krieg‘ so präsent ist, und damit der Krieg (aber welcher?) so wirklich ist. Gerade auf diese gemeinsame Wirklichkeit können sich alle politischen Lager einigen.

Recht hatte Gustaw Herling-Grudziński, eine der Emigrationsgrößen, als er im Kommentar zu einer seiner Erzählungen sagte, der Kriegszustand 1981-1983 wird noch lange ein Trauma bleiben und verarbeitet werden müssen. In den mir bekannten Texten über den Kriegszustand ist immer von ‚Krieg‘ die Rede.

Das hieße auch aktuell, dass Polen wahrscheinlich gezwungen ist, notwendige politische Debatten im Modus der Traumaverarbeitung, im Kriegsmodus also, zu führen.

novinki-Preis

Juli 5, 2010

Ihr Lieblingsautor findet zu wenig Beachtung in der deutschsprachigen Literaturszene?
Sie möchten einen Autor mal aus einer anderen Perspektive darstellen?
Oder Sie kennen einen ’neuen‘ Autor, den auch andere kennen lernen sollten?

novinki schreibt auch in diesem Jahr wieder einen Wettbewerb aus: gekürt wird das beste Autorenportrait über AutorInnen aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa.

Der 1. Platz ist mit 400 Euro dotiert (zusätzlich gibt es einen Sonderpreis von 250 Euro). Einsendungen bis zum 30. Oktober 2010 an redaktion@novinki.de. Mehr Informationen im Flyer.

Homokunst im Nationalmuseum

Juni 27, 2010

Am 11. Juni wurde in Warschau die Ausstellung „Ars Homo Erotica“ im Nationalmuseum eröffnet. (Die deutschen Medien haben schon mehr oder minder ausführlich davon berichtet; die taz ist an der Ausstellung selbst beteiligt). Der Ort für eine Ausstellung, die sich homoerotischen Motiven in der Kunst widmet, scheint doch zumindest ungewöhnlich.  Aber hier geht es um die öffentliche Debatte über die Rechte von Lesben und Schwulen, die in Polen gewiss anders geführt wird, als in den Ländern Westeuropas. Immer noch ist dort ein institutioneller Rahmen notwendig, der den Beschimpfungen des konservativ-katholischen und rechten Lagers ’standhält‘. Dass in Polen Debatten über Minderheiten- und individuelle Rechte immer noch im nationalen Kontext geführt werden, ist der andere Aspekt. Der neue Direktor des Nationalmuseums, Piotr Piotrowski, will die ehrwürdige Institution ohnehin umkrempeln und scheint mit dieser Ausstellung ein starkes Signal setzen zu wollen. Zumal jetzt, in einer emotional und politisch unstabilen Zeit in Polen.

Der Titel „Ars Homo Erotica“, der an eine Ausstellung von 1994 – Ars Erotica – anknüpft, in der zensierte erotische Kunst aus der Volksrepublik gezeigt wurde, ist eher brav zu nennen, die Konzeption und Auswahl der Werke sicherlich auch. Wenn schon Nationalmuseum – dann steht keine Provokation auf dem Plan, obwohl die katholische Kirche von manchen Werken sehr wohl provoziert sein wird. Auf der Folie bekannter und weniger bekannter Werke der bildenden Kunst der Antike und des Klassizismus sind neue (nicht allzu aufregende) Arbeiten ausgestellt, die gleichgeschlechtliche Anziehung thematisieren und wohl die Rezeption der klassischen Kunstwerke ändern und in anderer Richtung die heutige Homoästhetik legitimieren sollen. Der kulturpolitisch-didaktische Akzent ist wichtig, macht die Ausstellung aber auch nicht gerade spannend. Die Bemühungen Piotrowskis, das Nationalmuseum in Warschau gründlich zu reformieren, können dagegen mit Spannung weiterverfolgt werden.

Zur Ausstellung