Autor-Archiv

Veranstaltungshinweis: Lesung mit Aleksandr Ilitschewski & Bookpreview: „Matisse“

November 21, 2014

Das Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und das Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, in Kooperation mit dem Verlag Matthes & Seitz, laden ein:

ilitschewski_matisse_matthes_und_seitz
Lesung & Gespräch mit
Aleksandr Ilitschewski
(Александр Иличевский)
– derzeit Gast im LCB Berlin.

Der Autor wird Auszüge aus seinem Roman Matisse lesen, der in Kürze im Verlag Matthes & Seitz erscheint.

Mit Matisse liegt das erste Buch Ilitschewskis in deutscher Übersetzung vor (aus dem Russischen von Valerie Engler und Friederike Meltendorf).


Moderation und Lesung:
Nina Weller, Henrike Schmidt
Übersetzung: Valerie Engler

Zeit: Donnerstag,  27. November 2014, 20.00 Uhr
Ort: Club der Polnischen Versager,  Ackerstr. 168, Nähe Rosenthaler Platz (U8), Berlin-Mitte.

Der Eintritt ist frei (Spenden an den Club der Polnischen Versager sind willkommen).

Hier geht es zur Ankündigung der Veranstaltung im pdf-Format.

Wir freuen uns auf Ihr/Euer Kommen!

Advertisements

Belarus: Terra incognita und die (Ohn)Macht der Worte

Februar 12, 2011

So viel wie in den letzten Wochen wurde in deutschen Medien selten über Belarus berichtet. Hintergrund waren vor allem die Präsidentschaftswahlen am 19. Dezember 2010 und das brutale Vorgehen des Regimes gegen Journalisten und Oppositionelle, darunter allein sieben Präsidentschaftskandidaten, die alle erhebliche Zweifel an den offiziellen Wahlergebnissen vorgebracht hatten. Dass Deutschland und die EU darauf lediglich mit einer Auffrischung des Einreiseverbots für Lukaschenko reagierten, wirkte eher wie eine hohle Pflichtübung und diente wohl mehr der demokratischen Selbstbestätigung. Zudem dürfte Lukaschenko diese „Strafe“ kaum stören, ist der „Mann aus dem Volke“ doch nicht gerade als reisefreudig bekannt.

Welche Erwartungen aber hat die belorussischen Bevölkerung und haben Regimegegner an das Ausland, an die Nachbarländer? Und welche Möglichkeiten zur Entfaltung hat die alternative Kulturszene als wichtiger Teil der Opposition? Welche Hoffnungen hat überhaupt der Hauch von Wandel und Aufbruch vor und nach den Ereignissen im Dezember unter Intellektuellen und Künstlern geweckt? Und warum wird der belorussischen Literatur und Kultur im Westen weiterhin so wenig Aufmerksamkeit geschenkt?


Diesen und anderen Fragen wollte man 08. Februar 2010 im Roten Salon der Volksbühne auf einer Veranstaltung unter dem verheißungsvollen Titel Belarus: Die Macht des Wortes nachgehen. Eingeladen waren die weißrussischen Autoren Svetlana Aleksijevič und Artur Klinau, der Poet und Liedermacher Ljavon Volski sowie Ingo Schulze (der zur großen Bereicherung des Abends für den anscheinend verhinderten Nikolaj Chalezin (Gründer des „Freien Theater Belarus“) eingesprungen war).

„Belarus ist eine ‚terra incognita‘, ein weißer Fleck auf den Landkarten in unseren Köpfen. Das ist unverzeihlich“ – hieß es in einem schriftlichen Grußwort des österreichischen Schriftstellers Martin Pollack gleich zu Beginn des Abends. Dem konnten die Gäste auf dem Podium nicht widersprechen. Einig war man sich aber auch darin, dass vonseiten des Westens weder durch eine offizielle Politik des Dialoges noch durch eine außenpolitische Isolation Veränderungen im Lande herbeigeführt werden könnten. Dafür sei das System Lukaschenko zu tief in der Bevölkerung verankert. Zudem sei die politische Opposition zu zersplittert, um ein ernstzunehmendes und handlungsfähiges Gegengewicht darzustellen.

Bei der genaueren Bewertung und Bestimmung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation in Belarus gingen die Meinungen jedoch auseinander. Die 1948 geborene  Svetlana Aleksijevič (international bekannt vor allem durch ihre Bücher „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“, und „Tschernobyl. Ein Chronik der Zukunft“, „Zinkjungen. Afghanistan und die Folgen.“ u.a.) zog eine recht düstere Bilanz. Sie fühle sich angesichts der gegenwärtigen Stimmung im Land an die 1930er Jahre erinnert. „Wir leben immer noch in einem Lager. Der homo soveticus lebt.“ So würden die Bauern auf dem Lande ebenso wie ein Großteil der Bevölkerung gar keine Freiheit wollen. Ihnen reiche es, zwischen unterschiedlichen Wurstsorten wählen zu können oder eine Waschmaschine zu besitzen. Der Rest interessiere sie nicht. Und auch diejenigen, die von einer Veränderung träumten, hätten letztendlich selbst Angst vor einer Revolution, so Aleksijevič. Der 19. Dezember 2010 habe die belorussische Gesellschaft auf eine bisher unbekannte Weise gespalten: Zum ersten Mal kämpfe man, wo man zuvor Jahrhunderte lang äußeren Bedrängungen ausgesetzt war, gegeneinander. Und die meisten suchten immer noch nach einem äußeren Feind. Auf den werde die eigene Verantwortung der eigenen Misere übertragen, anstatt der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Ein Kampf also, der nicht nur eine politische Problematik, sondern auch eine tiefgreifende kulturelle Dimension habe. Diese Spaltung bedinge nämlich auch den erschreckendes Effekt einer generationsübergreifenden Nostalgie, der Sehnsucht nach der kollektiven Gemeinschaft der alten sowjetischen Zeit (übrigens auch ein Thema ihres demnächst auf deutsch erscheinenden Buches „Das Ende des roten Menschen“). Aleksijevič lebt aus Angst vor konkreter Bedrohung seit Jahren im Ausland und sieht sich nicht unbedingt als Teil der jungen, unkonventionellen und provozierenden Kulturszene in Belorussland. Sie ist eher der Generation der dissidentischen Sowjet-Intelligenzija zuzurechnen, die sich einem aufklärerisch-moralischen Auftrag der Literatur verpflichtet fühlt. Ihre erschütternden Zeitdokumente, halbdokumentarische „Stimmenromane“, basierend auf hunderten von Gesprächen und Interviews, erreichen die belorussischen Leser lediglich über den Umweg des russischen Büchermarkts. Sie spricht, schrieb und schreibt zudem auf russisch.

Ihre beiden 1965 geborenen und damit jüngeren und vor allem weissrussisch sprechenden und schreibenden Kollegen Artur Klinau und Ljavon Volski wollten Aleksijevičs auf dem Podium geäußerten und doch recht pessimistischen Betrachtungen auf die mentale Verfasstheit der Belorussen nicht teilen. Sie sehen durchaus einen Mentalitäts- und Generationswechsel in der belorussischen Gesellschaft. Dieser sei schon allein dadurch offensichtlich, dass sich in den letzten Jahren eine vielseitige und sehr aktive kulturelle Gegenöffentlichkeit gebildet habe. Diese lasse sich nicht mehr einschüchtern und stelle den eigentlichen Motor der gesellschaftlichen Veränderungen dar.

Beide stehen mit ihrem Schaffen natürlich auch für diesen Teil der Opposition. Dabei gehört der Liedermacher Volkau mit seiner Band „NRM“ (Niezaleznaja Respublika Mroja/ dt.: Die unabhängige Republik der Träume“ ) zu denjenigen, die wohl die meisten Leute erreichen und für die gesellschaftspolitischen Vorgänge sensibilisieren können. Seine subtilen und frechen „Lieder der Wahrheit“ haben Kultstatus in der autonomen Kulturszene und sind deshalb der Regierung seit Jahren ein Dorn im Auge. Er ist zudem Autor der Lyrikbände „Kalidor“ (1993) und „Fotaalbom“ (2000) und schreibt für die einzige unabhängige Zeitung „Naša Niva“. Außerdem ist er regelmäßig auf „Radio Svoboda“  mit seinen fiktiven Figuren Gryška und Sauka zu hören. Volkau steht damit auch exemplarisch für die Freiheit der Kunst in jedem Regime.

Anders Artur Klinau (dem deutschen Publikum vor allem durch seinen Text „Minsk. Sonnenstadt der Träume“ bekannt), der das Publikum mit der eher verschwörungs-theoretischen Vermutung verblüffte, dass die Ereignisse, trotz der Tatsache, dass die Moskauer Regierung Lukaschenko offiziell die Unterstützung entzogen hat, zentral durch Moskau gelenkt worden seien. Auch glaubt er nicht, dass die Belorussen schon bereit für einen großen Umsturz seien. Dennoch spüre auch er die Dynamik einer neuen Generation, die sich zunehmend den Zumutungen der Nomenklatura verweigere. Zentral für sein Konzept einer unabhängigen modernen Kunst und Literatur und auch für ihn selbst als Künstler ist dabei die Idee des „Partisanentums“. Darin sieht er überhaupt eine der weissrussischen Mentalität eingeschriebene Überlebenstaktik. Als Autor, Herausgeber, Konzeptkünstler und Fotograf versucht Klinau bereits seit Jahren mit seiner aufwändig produzierten und sehr vielseitigen Zeitschrift, die eben auch nicht zufällig pARTisan heißt (mit Texten, Essays, Interviews zu Kunst, Literatur, Philosophie), die belorussische Gesellschaft aus ihrem Dämmerzustand zu wecken. Dabei geht es ihm um den Beweis, dass man mit Kunst viel mehr bewirken und vermitteln und sehr viel mehr Menschen erreichen kann als die Parteien und Medien.

Die Frage, ob die Nischen des weitgehend unzensierten Internets und der breit gestreuten Bloggersphäre diese Partisanenqualitäten tatsächlich auch erfüllen und  mobilisierende Dynamiken „aus dem Hinterhalt“ entfachen können, oder ob sie doch nur private Plattformen für das Ausleben kreativer Ideen bleiben, konnte an diesem Abend natürlich nicht vollends geklärt werden. Ebenso die Ausgangsfrage des Abends – die nach der Macht oder Ohnmacht des Wortes in Belorus, wo es offiziell keine Zensur gibt, die Staatsverlage weiterhin das Publikationsmonopol haben und die unabhängigen Verlage und Kultureinrichtungen keinerlei staatliche Förderung erhalten.

Letztlich lag es an Ingo Schulze, die Frage nach der Macht des Wortes auch in eine erweiterte historische Perspektive zu stellen. Seine Hoffnungen auf einen Demokratisierungsprozess in Belorus, der sich weder vom Osten noch vom Westen in die Zange nehmen lasse, hätten gemäß seiner eigenen Erfahrungen mit dem Ende der DDR auch immer mit dem Selbstbewusstsein der Worte zu tun:  Er sieht das Wort, die Literatur als Möglichkeit für jeden Einzelnen, sich aus der Konspiration mit der politischen Macht zu lösen und schrittweise die Spielräume zu erweitern. Das Wort kann und soll ja nicht nur versuchen, Realitäten abzubilden. Es könne auch Realitäten abschaffen und auch neue Realitäten erzeugen.

Veranstalter: Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) – Berliner Künstlerprogramm des DAAD – deutsch-belarussische gesellschaft (dbg), German Marshall Fund, P.E.N.-Zentrum Deutschland; Moderation: Dr. Manfred Sapper (DGO)

Alle Fotos: © Peter Groth

Interview mit Aleksijevič in NZZ

Interview mit Volski auf dradio

Interview mit Klinau in Eurozine

– Zmicer Višnëŭ zur Literaturlandschaft in Belorus (Novinki)

Objekte der Woche

Juni 14, 2010

Die russische Doppelspitze –

Dmitrij Medvedevs GAZ Pobeda (von 1948)

Vladimir Putins Lada Niva (Exportausführung)

Laut Angaben gegenüber der russischen Steuerbehörde leisteten sich Dmitrij Medvedev und Vladimir Putin letztes Jahr diese bescheidenen Luxusobjekte

Objekt der Woche

Juni 6, 2010

Anlässlich des heutigen Geburtstags Puschkins/Puškinskij den‘

Weißrussische Kunst im Tacheles

Mai 23, 2010

Der gegenwärtigen weißrussischen Kunst und Literatur wird im Ausland nicht gerade viel Aufmerksamkeit geschenkt. Anders derzeit im Tacheles: Seit Mitte Mai bis 15. Juni wird hier im Rahmen des „Festival DACH-10“ aktuelle zeitgenössische Kunst aus Weißrussland vorgestellt. Im Fokus stehen über 40 Künstler unterschiedlichster Couleur, die eine breite Vielfalt der aktuellen und sehr lebendigen alternativen Kunstszene Weißrusslands repräsentierten: Von Malerei und Fotografie, über Performance- und Videokunst bis hin zu Autorenlesungen und Konzerten ist alles dabei – die Konzerte bekannter Avantgarde-Musiker stellen einen Höhepunkt des Festivals dar (unter ihnen der Elektromusiker Vladislav Buben und der legendäre Gitarrist Andrei Ivanou (‚The Zartipo’).

Dass das Festival im Tacheles stattfindet, ist kein Zufall. Denn einige der beteiligten Künstler sind dem Kunsthaus seit langem im Rahmen eines Kulturaustauschprojektes zwischen Berlin und Minsk eng verbunden. So zum Beispiel der Maler und Mitkurator des Festivals, Alexandr Rodin, der hier erklärtermaßen seit Jahren eine inspirierende Wirkungsstätte und jenen künstlerischen Freiraum gefunden hat, der ihm in seiner Heimat versagt bleibt. Seine riesigen, neoromantischen Tafelgemälde sind neben den Werken weiterer acht Künstler derzeit in einer Sonderausstellung zu sehen.

Auch Zmicer Višnëŭ, einer der bekanntesten weißrussischen Gegenwartsautoren – außerdem Lyriker, bildender Künstler, Performancekünstler, Herausgeber, Verleger und Mitbegründer der radikalen Künstlergruppen Bum-Bam-Lit und Schmerzwerk, kurz einer der aktivsten Köpfe der aktuellen weißrussischen Literaturszene – hat eine spezielle Verbindung zum Tacheles: Er war selbst vor einigen Jahren Gast des Hauses und machte es kurzerhand zum Schauplatz seines kürzlich erschienenen Romans Замак пабудаваны з крапівы / Das Brennnesselhaus (2010), das in deutscher Übersetzung bisher leider nur als unveröffentlichtes Manuskript vorliegt.

Noch über drei Wochen Zeit, sich selbst ein Bild zu machen!

Auf novinki.de findet sich übrigens ein sehr aufschlussreicher Artikel von Zmicer Višnëŭ zur aktuellen weißrussischen Literaturszene: Literaturlandschaft Belarus: Eine Begehung

Bloggerwelten bei Re:publica

April 15, 2010

Vom 14.-16. April findet in Berlin das große Blogger-Treffen Re:publica statt. Zu den fast 200 Veranstaltungen treffen sich – selbstverständlich kabellos vernetzt, die schreibverkrümmten Finger und glasigen Augen immer startbereit am allerneuesten Apple-Modell fixiert – über 2000 Teilnehmer aus der internationalen Blogger-Szene und diskutieren über aktuelle Fragen der digitalen Gesellschaft. Von der Problematik der Netzzensur über Möglichkeiten des Sponsorings, der Netzstrategien für Nichtregierungsorganisationen oder der Internetrechte bis hin zu Modefotografie auf der Straße, dem Phänomen von Katzenbildern im Netz oder der Frage, wie man einen „shitstorm“ überlebt, kommt da eine bunte und irgendwie auch schräge Mischung an Programmthemen zusammen.

Dass sich die Blogger-Comunity aber nicht nur mit sich selbst beschäftigt, wie eingefleischte Printmedien oft mutmaßen, beweist nicht nur der Ansturm an interessierten Zuhörern bei der Tagung, sondern auch die  Tatsache, dass viele Blogs schon lange eine ernstzunehmende Alternative zum traditionellen Journalismus darstellen, man denke etwa an den deutschen politischen Blog netzpolitik.org, an die unabhängige Enthüllungsplattform Wikileaks oder auch an die, in  Russland schon seit Jahren von einer breiten, an unabhängiger Meinungsbildung interessierten Öffentlichkeit genutzte Plattform livejournal.ru, wo inzwischen auch fast jeder Autor oder Kulturschaffende, der etwas auf sich hält, seinen eigenen Blog hat. (Heißt es nun eigentlich der oder das Blog?)

Bei Re:publica sind auch Viktor Mališevskij aus Weissrussland und Aleksander Pljuščev aus Moskau dabei, zwei der aktivsten Blogger zu gesellschaftspolitischen Themen im russischsprachigen Internet, die in dem von n-ost ausgeführten Spezial-Panel „BLOGOSPHERES IN RUSSIA AND BELARUS II: PLURALISTIC PLAYGROUND OR LAUNCH PAD FOR DEMOCRATIC CHANGE?“  (siehe auch hier) über die Möglichkeiten und Chancen zensurfreier kritischer Berichterstattung und Informationsvermittlung im russischsprachigen Netzt diskutieren.

Die Gesprächsrunde mit ihnen fand schon gestern (14.04. 2010) statt – für Bloggerverhältnisse bin ich also denkbar spät dran, aber es lohnt sich ja auch und vor allem, direkt auf die Seiten von Viktor Mališevskij und Aleksander Pljuščev zu gehen und selbst regelmäßig nachzulesen, was sie täglich zu berichten haben.

P.S. Was unseren Novinki-Blog betrifft: Schreibt Leute (wer etwas Passendes auf Novinki-Blog schreiben will kann sich bei der Redaktion melden), kommentiert und kritisiert und vor allem: Vernetzt uns weiter! Dann werden wir im nächsten Jahr vielleicht auch mit schreibverkrümmten Fingern und glasigen Augen, den neuesten fluffig-leichten Mac unterm Arm, bei re:publica mitmischen.

P.P.S.  Und um mich doch noch als halbwegs aktuell und zeitnah zu erweisen: Vorhin wurde bei Re:publika der von der Deutschen-Welle ausgerichtete BOBs verliehen, der Preis für den besten Blog. Gewinner ist der Kenianische Blog Ushahidi.com, der über SMS, Mail oder Telefon Zeugenaussagen über aktuell stattfindende Unruhen oder Kämpfe sammelt und auf Grundlage dieser Informationen eine interaktive Karte der aktuellen Lage in Krisen- oder Kriegsregionen erstellt.

Gewinner des besten Videoblogs ist das russischsrpachige Blog „Mister Freeman“, welches sich aus den Monologen eines kleinen bösen Männleins speist, das die Welt und die Menschen hasst, insbesondere diejenigen, die seine Videos abrufen …

Die Auszeichnung für das ungewöhnlichste Blog bekam u.a. das russische Weblog  „Prosnis‘, mister Grin“ – tebe-interesno.livejournal.com, auf dem ein Moskauer Designer seine originellen Zeichnungen, Collagen und Animationen veröffentlicht.

Bestes russischsprachiges Blog wurde  das tagebuchartige Blog von Ilja Kabanow, metkere.com – „Mir udivitel’nych veščej“ ein Blog „über Menschen und die irrationalen Handlungen, die sie begehen.“ Außerdem gab es auch nach Ländern sortierte User-Gewinner, hier finden sich besten ausgewählten russischsprachigen Blogs.

Endstation Russland

März 25, 2010

Auf der Leipziger Buchmesse findet jedes Jahr in Zusammenarbeit mit dem „Literarischen Colloquium Berlin“ und dem Auswärtigen Amt das Autorenspecial „Café Europa“ statt, bei dem sich Autoren aus unterschiedlichen europäischen Ländern lesend und diskutierend präsentieren. Diese Jahr war auch die junge russische Autorin Natalja Ključareva mit von der Partie. Neben Georgi Gospodinov (Bulgarien), Andri Snær Magnason (Island), Friedrich Christian Delius (Deutschland), Eugenijus Ališanka (Litauen) und László Földényi (Ungarn) stellte sie einen Essay zum gemeinsamen Thema „Krise! Welche Krise?” und ihren gerade erst in deutscher Übersetzung erschienenen Roman Rossija: Obščij vagon / Endstation Russland zur Diskussion.

Der Debütroman der 1981 geborenen Autorin hatte in Russland bereits vor Erscheinen der Printversion mit der Online- bzw. Zeitschriftenveröffentlichung von Novyj mir für Furore gesorgt. Denn in dem Büchlein entwirft Ključareva ein ganz und gar nicht positives Bild des gegenwärtigen Russland und sie tut dies in einem realistischen und zugleich demonstrativ pathetischen Gestus, der die Dauerfragen der russischen Literatur über das ewig gebeutelte russische Volk ohne Scheu wieder aufgreift: Was tun? Wer ist schuld?. Sehen die einen in dem Buch eine intellektuelle und politische Provokation, so freuen sich die anderen über eine gelungene und scharfsinnige Farce auf die Alltagsrealität des gegenwärtigen Russland.

Um was geht es? Um das Schicksal Russlands, um eine gescheiterte Liebe, um das individuelle Glück, um Revolution. Nikita, ein zu Ohnmachtsanfällen neigender Petersburger Student, entflieht seinem Liebeskummer und reist, ganz in Nekrasovscher Manier, kreuz und quer mit dem Zug durch Russland und sucht nach glücklichen Menschen. Unterwegs im Großraumwagen (wörtlich müsste man „obščij vagon“ mit Großraumwagen, offener Abteilwagen oder Waggon 2. Klasse übersetzen) hört er sich unzählige Lebensgeschichten an, doch keine davon ist glücklich zu nennen, fast alle sind Verlierer und gescheiterte Existenzen mit tragischen Schicksalen: die Händlerin im Zug, die tschetschenische Putzfrau oder der umweltbewusste Erdkundelehrer, genau so wie die Punkerin, der Transvestit, der neomarxistische Žižekübersetzer oder die (pseudo)anarchistische Limonov-Epigonin… . „Erzähl mit doch endlich mal wenigstens eine gute Geschichte über Russland. Oder gibt es keine?“, heißt es da. Nein, gibt es nicht. Doch dann liegt Revolution in der Luft. Nikita, der Einfaltspinsels á la Ivan-Duračok (Iwan der Dumme) wird vom Sammler und idealen Zuhörer von Lebens-Geschichten selbst zum Hauptakteur der (historischen) Geschichte, als er sich einer Demonstration gegen die Rentenreform anschließt und zum Märtyrerhelden eines phantastischen Revolutionszenariums vor dem Weißen Haus in Moskau wird….

Ausführlicher kann man über das Buch nachlesen in einer Rezension, die Niovi Zampouka letztes Jahr für Novinki geschrieben hat. Für diejenigen, die das Buch in Russisch lesen wollen, ist zu empfehlen, sich an die russische Erstfassung zu halten, die 2007 in der Zf. Novyj mir erschienen ist (online einsehbar hier: Žurnal‘ nyj zal/Ključareva/Vagon). Denn diese unterscheidet sich in einigen Stellen erheblich von der Printfassung, die ein Jahr darauf bei Limbus Press herauskam. Pikanterweise wurden all jene Stellen gekürzt oder verändert, die gerade eine parodistische und stark gesellschaftskritische Lesart des Buches begünstigen: Beispielsweise wurden Textstellen herausgenommen, in denen die ukrainische „orangene Revolution“ als Vorbild für einen möglichen Umbruch in Russland genannt wird, ebenso fehlt die kritische Thematisierung des Tschetschenienproblems und an zentraler Szene des Revolutionsspektakels wurde der in äußerst schlechtem Licht dargestellte Präsident Putin durch eine anonyme Offiziersfigur ausgetauscht.

Der deutschen Ausgabe bei Suhrkamp (übersetzt von Ganna-Maria Braungardt) liegt laut Klappentext eine von der Autorin überarbeitete und erweiterte Fassung zu Grunde und es ist anzunehmen, dass diese zumindest in großen Teilen der ersten, „unzensierten“ Textversion entspricht.

Dies und vieles mehr wird man die Autorin selbst fragen können. Sie ist im Mai Stipendiatin des LCB und wird auf ihrer Lesereise auch einige Lesungen in Berlin geben. Zum Beispiel am 07. Mai um 20.00 im Roten Salon der Volksbühne und im Laufe des Mais auch im LCB.

Einen kurzen Eindruck kann man auch in diesem Interview mit Ključareva von der Leipziger Buchmesse 2010 bekommen, das leider unter den selten dämlichen Fragen des Moderators etwas leidet: ZDF: Ključareva-auf-dem-blauen-Sofa

Und hier noch ein Interview von der Buchmesse im MDR

Natalja Ključareva: Rossija: obščij vagon.  St. Peterburg: Limbus Press 2008

Natalja Kljutscharjowa: Endstation Russland. Berlin: Suhrkamp 2010

Andrej Gelasimov

März 5, 2010

– ein „neuer sibirischer Salinger“

In letzter Zeit hört man hier zu Landen immer wieder Klagen über die schlechte Lage der russischen Gegenwartsprosa, oder vielmehr darüber, dass weit und breit kein neuer Stern am Himmel der aktuellen russischen Literaturlandschaft zu finden sei, dem man eine – durch den literaturwissenschaftlichen Zugriff oder durch Übersetzungen ins Deutsche geadelte – literarische Qualität von Bestand zusprechen könnte. Und tatsächlich, es ist etwas stiller geworden um die Diskussion aktueller russischer Literatur in Deutschland. Keine neue Ulickaja, kein neuer Akunin, kein neuer Pelevin, ja nicht mal ein neuer Sorokin weit und breit, geschweige denn ein Autor vom Schlage Andruchovičs, der durch sein geo-poetisches Konzept Slawisten- und Lektorenherzen gleichermaßen und erstaunlich lang anhaltend höher schlagen lässt? Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass gerade die Repräsentanz einer neuen, nennen wir sie „post-postsowjetischen“ russischen Autorengeneration, in deutschen Übersetzungen zu wünschen übrig lässt. Das mag zum einen daran liegen, dass viele russische Verlage eine für unsere Maßstäbe ziemlich unverständliche Qualitätskontrolle praktizieren und nicht wenige Texte, gerade auch jüngerer Autoren, eine recht fragwürdige ideologische Ausrichtungen haben. Das mag zum anderen aber vor allem auch daran liegen, dass viele Texte zu russlandspezifische Themen transportieren, die den deutschen Leser schlicht und ergreifend nicht großartig interessieren werden.

Es verwundert allerdings, dass ausgerechnet die Prosatexte von Andrej Gelasimov, bis auf eine Erzählung, in der von Galina Dursthoff herausgegebenen Erzählsammlung Russland. 21 neue Erzähler (Deutscher Taschenbuchverlag, München 2003) bisher in alle möglichen Sprachen, aber noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden und überhaupt der Autor hier bisher kaum wahrgenommen wird. Denn gerade die für Gelasimovs Texte typische Mischung von vermeintlich anspruchsloser Unterhaltung und gesellschafts-politisch kritischer Sensibilität würde hier sicherlich auf eine größere Leserschaft und auf Gefallen des Feuilletons stoßen. Seine Prosatexte sind charakterisiert durch romantische aber gänzlich unpathetische, ironisch-fatalistische Geschichten und durch eine besondere Vorliebe für situationszentrierte, episodische, nahezu filmische Erzählstrukturen mit besonderer Aufmerksamkeit für die zwischenmenschlichen Realitäten des Alltags. Gelasimovs Helden sind durchschnittliche, meist vom gesellschaftlichen Treiben zurückgezogene Menschen im besten Jugendalter, deren Geschichten und Charaktere durch einfache Stilistik, hintergründigen Humor und durch kurze, dialogische Szenen umrissen sind, ohne dass es je in Banalitäten abdriften würde. Im Gegenteil: „Bei Gelasimov ist der Humor weniger eine zweite Natur als vielmehr eine Waffe, eine Form des Widerstands, um überleben zu können“ beschrieb die Zeitschrift Le Monde des livres (2005) sehr treffend Gelasimovs Schreibe.

Bei den eher wenigen öffentlichen Auftritten gibt sich der promovierte Anglist und studierte Regisseur Gelasimov – soweit ich das aufgrund von youtube-geschalteten Mittschnitten beurteilen kann – mürrisch und leicht blasiert, ganz im Gegensatz zu einem allzeit publikumsschmeichelnden, medial überpräsenten Autor wie Griškovec. Das macht ihn als Gesprächspartner vielleicht nicht gerade zugänglich, lenkt aber das Interesse mehr auf seine Texte als auf seine Person und das ist dann doch allemal symphatischer: Bereits nach Erscheinen seines dünnen Erzählbandes Foks Malder pochož na svin’ju (Fox Mulder sieht aus wie ein Schwein) bejubelte die russische Kritik den 1966 in Irkutsk geborenen Autor als „neuen sibirischen Salinger“. Und spätesten mit seinem 2002 erschienenen zweiten Buch Žažda (Durst) über einen jungen Mann, der entstellt aus dem Tschetschenienkrieg in den banalen Moskauer Alltag zurückkehrt, galt er als zwar umstrittener, aber aufsteigender Stern der „jüngeren“ russischen Literatur. Es folgte dann in kurzen Abständen weitere Publikationen und mit jedem Buch bewegte er sich zusehends von der Kurzform weg zu immer umfangreicheren Romanen: 2003 erschien der Roman God obmana (Jahr der Lüge) um eine Dreiecks-Liebesgeschichte aus der Perspektive eines Vertreters der neuen urbanen 1990er-Jahre-Mittelschicht, ebenfalls 2003 folgte der zwischen den 1960er und den 1990er Jahren spielende Roman Rachil’ (Rahel) über einen erfolglosen, halbjüdischen Literaturwissenschaftler und seine Erinnerungen an seine drei Ex-Frauen. Einige Jahre später, 2008 erschien der mit dem Nacional’nyj bestseller 2009 ausgezeichnete Roman Stepnyje bogi (Steppengötter), in dem es um die in das Jahr 1945 in die russische transbaikalische Steppe verlagerte Freundschaft zwischen einem Teenager und einem gefangenen japanischen Arzt kurz vor dem Einfall der sowjetischen Truppen in Japan und den Bombardierungen Hiroshimas und Nagasakis geht. Ende 2009, also fast noch als Neuerscheinung zu rechnen, erschien schließlich der wieder gegenwartszugewandte Roman Dom na Osernoj (Das Haus an der Osernastraße) über eine provinzielle Großfamilie, die sich in ungünstige Finanzgeschäfte verstrickt. Ungesicherten Quellen zufolge arbeitet Gelasimov derzeit bereits an einem weiteren, im äußersten Norden Russlands spielenden Roman mit dem treffenden Titel Cholod (Kälte).

Ilma Rakusa, die seit Jahren u.a. auch beratend für den Suhrkampverlag tätig ist, erwähnte kürzlich in einem Interview, welches Sylvia Sasse mit ihr für Novinki führte, dass sie in letzter Zeit wenig brauchbare neuere russische Literatur finden konnte, außer erfreulicherweise Gelasimovs Kurzroman Žažda (Durst). Es ist also zu hoffen, dass es bald eine Übersetzung des Buches bei Suhrkamp geben wird und dass noch weitere folgen werden.

Фокс Малдер похож на свинью
Москва: ОГИ, 2001

Год обмана
Роман. — Москва: ОГИ, 2003

Жажда
Москва: ОГИ, 2002

Рахиль
Москва: ОГИ, 2003

Степные боги
Москва: Эксмо, 2008

Дом на Озёрной
Москва: Эксмо, 2009

Was Sie schon immer …

Februar 15, 2010

über die Russische Literatur wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten

Dieses Buch sollte bei der breiten Leserschaft große Begeisterung oder aber auch große Entrüstung auslösen. So jedenfalls die Ankündigung auf dem Klappentext der 2004 im Petersburger Universitätsverlages erschienenen Textsammlung Moja istorija russkoj literatury von Marusja Klimova. Die breite Leserschaft blieb aus. Begeisterung oder Entrüstung seitens russischer Kritiker folgte prompt. Denn Marusja Klimova nimmt hier nicht nur in recht freier essayistischer Manier eine dezidiert anti-akademische Neubewertung der russischen Literaturgeschichte vor, sondern räumt in einem großen Rundumschlag gründlich, und ohne jegliche political correctness mit den viel gehegten Heiligtümern der russischen Klassik auf.

In den einzelnen Kapiteln, denen jeweils die Karikatur eines ausgewählten Autors (von Zoja Čerkasskaja) vorangestellt ist — ohne dass diese mit ihren Namen bezeichnet oder tatsächlich immer Thema des folgenden Textes sind —, entfaltet Klimova ein Panoptikum der russischen Literatur, in dem kaum einer gut weg kommt: Ob nun Puškin, Turgenjev, Čechov, Fet, Gorkij, Majakovskij… — alle sind sie ihr „Missgeburten“, „Psychopathen“ oder einfach nur „Idioten“ und selbst Dostoevskij wird „Masochismus“ bescheinigt. Vordergründig scheint es der Autorin darum zu gehen, mit ihren provozierenden und zynischen Seitenblicken auf das Menschlich-Allzumenschliche der Literatur-Genies dem verehrten Lesepublikum endlich alles über die verehrten Herren und wenigen Damen des hohen Kanons mitzuteilen, was jenes bisher nicht zu fragen und nicht mal zu denken gewagt hätte.

Doch das allein vermag heute zu Recht niemanden mehr so richtig zu provozieren. Das eigentlich Interessante, durchaus Provozierende und auch Enervierende an diesen Texten ist die Tatsache, dass Marusja Klimova, hinter der sich übrigens die Petersburger Schriftstellerin, Journalistin und Céline-Übersetzerin Tat’jana Kondratovič verbirgt, im Grunde die ganze Zeit über sich selbst schreibt. Sie benutzt den äußeren formalen Rahmen einer „Literaturgeschichte“ dazu, sich ohne jede Hemmung und absolut subjektiv an der Autobiographie ihres Lesens und auch Schreibens abzuarbeiten. Dabei kreist sie jedoch mitnichten nur um sich selbst. Wir haben es hier mit einer intimen und durchaus auch selbstironischen Suche nach einem individuellen und zeitgemäßen Umgang mit Literatur überhaupt zu tun, wenn auch mit einer sehr eigentümlichen. Wer sich der wild mäandernden Assoziations- und Themenflut in diesen Texten hingibt, wird begeistert oder auch genervt sein, auf jeden Fall werden einige Irritationen zurückbleiben. Denn Widersprüchlichkeiten, ständige Positionswechsel und Selbstwiderlegungen gehören zum Programm einer Autorin, die die Literatur erklärtermaßen hasst, aber auch nicht von ihr loskommt.

Im Herbst 2009 erschien nun mit Moja teorija russkoj literatury ein zweiter Band, der in Form und Inhalt seinem Vorgänger zu ähneln scheint. Darin holt Marusja Klimova nun zu einem weiteren Schlag gegen die in der russischen Literaturwissenschaft vorherrschenden Auffassungen von Kunst, Literatur und auch Leben insgesamt aus. In der Ankündigung des Verlages heißt es dazu etwa: „Das Buch richtet sich an jene, welche zur radikalen Dekonstruktion gängiger Mythen bereit sind, die Fähigkeit besitzen, das Lächerliche im Erhabenen zu sehen und welche wissen, dass das Alltägliche und das Große nur einen Schritt weit auseinander sind.“ Auch hier lässt Klimovas großes Vorbild Louis-Ferdinand Céline grüßen!

Моя история русской литературы
Издательство:
Гуманитарная Академия, 2004 г.
Твердый переплет, 352 стр.
ISBN 5-93762-037-2Тираж: 1200 экз.

Моя теория литературы
Издательство:
Гуманитарная Академия, 2009 г.
Твердый переплет, 256 стр.
ISBN  978-5-93762-062-0
Тираж: 1000 экз.