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Serbiens Jagd auf Schriftsteller: der Fall Sreten Ugričić

Januar 29, 2012

Der serbische Schriftsteller und Leiter der Nationalbibliothek Sreten Ugričić sprach sich für die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Interpretation aus. Das hat ihm in der serbischen regierungsnahen Presse den Vorwurf, ein Terrorist zu sein und die sofortige Entlassung eingebracht. Doch schon jetzt wird deutlich, dass seine Schriftstellerkollegen und die intellektuellen nach-jugoslawischen Eliten es dabei nicht bewenden lassen werden.

Sreten Ugričić

Wohl dem, der gegenwärtig nicht in serbischen Staatsdiensten steht. Hier ist man einem Souverän ausgeliefert, der – ganz superanus – über allen und eben auch über allem steht. Darüber täuschen Boris Tadićs europäische Anzüge und sein pro-westlicher, liberaler Ruf nicht hinweg. Wenn sich die Meinungsäußerung nicht verbieten lässt, so lässt sie sich doch wenigstens bestrafen. Diese Erfahrung musste vergangenes Wochenende Sreten Ugričić, Romanautor und Leiter der serbischen Nationalbibliothek in Belgrad, machen. Er hatte gemeinsam mit einer überschaubaren Anzahl Intellektueller eine Petition des serbischen forum pisaca unterzeichnet, die Hetzjagd auf den montenegrinischen Autor und politischen Kolumnisten Andrej Nikolaidis endlich einzustellen.  Das 1998 gegründete, damals bereits Milošević-kritische Schriftstellerforum bezog sich mit der Petition nicht nur auf den jüngsten, in der Tagespresse aufgebauschten Text Nikolaidis‘. Nikolaidis ist lange schon der öffentlichen Diffamierung ausgesetzt. Emir Kusturica, einst geschätzter Regisseur und heute Serbo-Kulturaktivist der besonderen Art, hatte Nikolaidis jahrelang von serbischen Gerichten wegen erlittener ‚seelischer Schäden‘ verfolgen lassen.

Nun hat Nikolaidis Anfang Januar unter den Titeln „Was von Groß-Serbien übrig ist“ und „Make-up eines politischen Monstrums“ die serbische Verstrickung mit der Republika Srpska (kurz RS), der serbischen Entität des Staatsprovisoriums Bosnien und Herzegowina, angeprangert und in drastischen Bildern und der seinen Texten eigenen Schärfe zwar heftige, aber nicht ganz von der Hand zu weisende Sprüche geklopft. Vor allem ein Satz, der auf einen Sprengstofffund in Banja Luka anspielte, erregte die Gemüter. Nikolaidis versteigt sich hier zur Aussage, es hätte einen zivilisatorischen Akt dargestellt, diese Ladung zur 20-Jahr-Feier der Teilrepublik hochgehen zu lassen. Nicht diese polemisch vorgetragene Meinung Nikolaidis‘, sondern die Freiheit des Lesens stand für die Unterzeichner der Petition des Schriftstellerforums im Vordergrund. Nikolaidis‘ komplexer Text wurde in der Anklage führenden serbischen Presse stets nur in Auszügen gedruckt, sogar Zitate aus seinem 2003 erschienen Roman Mimesis mussten zur moralischen Verurteilung des Autors herhalten. Als Terrorist bezeichnet wurde Nikolaidis von der serbischen Regierung für untragbar erklärt und einer beispiellosen hajka (Hetzjagd) ausgesetzt, die die antinationalistische online Zeitschrift e-novine gegenwärtig akribisch mitdokumentiert.

Dačić in Aktion

Sreten Ugričić, der als einziger Unterzeichner seine Haltung zum Fall Nikolaidis öffentlich kommentierte, lieferte sich damit selbst ans Messer. Der Innenminister Ivica Dačić reagierte umgehend in Press und Blic, den auflagenstärksten serbischen Boulevardzeitungen, Ugričić müsse als Sympathisant und Unterstützer terroristischen Gedankenguts sofort seines Postens enthoben werden. Dačić  äußerte wörtlich und ganz im Tenor der serbischen Haltung zur Meinungsfreiheit: „Er kann das gerne unterstützen, aber nicht von der Position des Bibliotheksleiters aus, sondern aus dem Gefängnis.“ Svetlana Slapšak hat als scharfsinnige Kommentatorin und aufmerksame Beobachterin der postjugoslawischen Kulturen postwendend auf die vernichtende Evidenz der Tatsache, dass „der erste Polizist im Land den Direktor der Nationalbibliothek entlässt“ hingewiesen. Und Enver Kazaz, bosnischer Literaturprofessor und berüchtigt widerständiger Geist, kommentierte frei nach Kundera, nur paranoide und totalitäre politische Systeme ließen ihren Schriftstellern die Aufmerksamkeit zu Teil werden, die sie tatsächlich auch verdienten. Olja Savičević-Ivančević, von der kroatischen Presse um ein Statement zur Affäre gebeten, verfasste stattdessen unter dem plakativen Titel „Tod der Kultur – Faschismus dem Volk!“ (eine Anspielung auf die jugoslawische Generalparole: „Tod dem Faschismus – Freiheit dem Volk!“) einen bissigen Essay über eben diese selektive Aufmerksamkeit, die Dichtern in Serbien, aber auch in Kroatien zu Teil wird. Man müsse ein ausgesprochener Trottel sein, so die kroatische Autorin weiter, um Nikolaidis Text zu verstehen, wie er ausgelegt wurde.

Zahlreiche Schriftstellerkollegen haben sich in den letzten Tagen ähnlich und mutig zu Wort gemeldet: Saša Ilić, Biljana Srbljanović, Filip David, Svetislav Basara… Sie alle scheinen nicht willens, den Fall des Kollegen Ugričić schweigend abzunicken. Nenad Prokić vom serbischen Schriftstellerforum klagt, ein Rauswurf wegen Unterstützung schriftstellerischer Freiheit, werfe Serbien um 20 Jahre (das heißt auf das Jahr 1992!) zurück. Der kroatische und bosnische PEN zeigen sich besorgt.

Die eigentliche Krux am Fall Ugričić wie auch am Fall Nikolaidis liegt in ihren ‚Doppelämtern‘, die Politik und Literatur für serbische Leser ununterscheidbar zu machen scheinen. Nikolaidis‘ Zeitungskommentare liest man in Serbien gern vor dem Hintergrund der Tatsache, dass er Berater Ranko Krivokapićs, des Präsidenten des montenegrinischen Parlaments ist. Für die montenegrinische Absetzungspolitik hat man in Serbien nicht viel übrig. Nikolaidis‘ satirisch-politische Essayistik disqualifiziert ihn in den Augen der serbischen Regierung für das Amt des montenegrinischen Regierungsberaters. Ugričić wiederum, der diese Vermischung von Meinung, Literatur und Funktionsposition gemeinsam mit den anderen Unterzeichnern nicht hinnehmen wollte, wird ausgerechnet an der Position – an seinem Amt als Bibliotheksleiter – gepackt und von der Lohnliste des serbischen Staates gestrichen. Dass er seine Aufgabe über Jahre mit Bravour erfüllt und erfolgreich internationale Standards in der Nationalbibliothek eingeführt hat, bleibt unbestritten und macht umso deutlicher, dass die serbische Regierung lediglich die Gunst der Stunde nutzt, um einen unliebsamen (literarischen!) Kritiker loszuwerden.

„Der Diktator diktiert. Das verblendete Volk Serbiens liegt im reversiblen Koma.“ schreibt Sreten Ugričić in seinem im letzten Jahr auch in deutscher Sprache erschienen Roman An den unbekannten Helden. „Am meisten haben die Kinder zu leiden. Babys weigern sich, geboren zu werden. Wer möchte denn auch in einem Land geboren sein und leben, wo es keinen einzigen Stern am Himmel gibt!“ Ugričićs Roman, in dem Der Diktator herrscht und Der Narr Chef der Geheimpolizei ist, hat sich als prophetisch für sein eigenes Schicksal erwiesen. Ein lächerlicher Polizeichef hat Ugričić mit Rückendeckung eines als Anwalt verkleideten Herrschers auf die Straße gesetzt: Wegen staatsfeindlicher Äußerungen, für die man in den USA angeblich ebenfalls den Hut nehmen müsse. „Serbien ist Desinformation.“ schreibt Ugričić in seinem Roman. Wir werden sehen, wer hier Recht behält!

serbische Fassung: http://pescanik.net/2012/01/lov-srbije-na-pisca/

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Eröffnung der Ausstellung VLADIMIR NABOKOV

Oktober 23, 2011

am Mo 31.10.2011 um 19.15 Uhr

Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Slawistik
August-Boeckh-Haus
Dorotheenstraße 65
Flure der 5. Etage

Die Ausstellung „Vladimir Nabokov“ (Konzeption: Sophie Friedrichs, Lucia Vachek und Studierende der Russischen und Englischen Literatur) beleuchtet ausgehend von den 15 in Berlin verlebten Jahren des Schriftstellers, Schmetterlingsforschers und Universitätsdozenten das Werk und Leben des Autors. Angereichert mit historischem Fotomaterial erläutert sie die Wohn- und Wirkstätten des Autors – insbesondere die Lebens-stationen im Berlin der 1920er Jahre, aber auch die amerikanischen – und illustriert diese mit englisch- und russischsprachigen Textstellen aus Nabokovs literarischem Werk.

Zur Ausstellungseröffnung wird eine Videoinstallation (mit Interviewausschnitten, Ausschnitten aus Verfilmungen) gezeigt.

Es findet eine kurze Lesung ausgewählter Textstellen in russischer und englischer Sprache statt.

Im Anschluss laden die Ausstellungsmacherinnen alle Interessierten zum Umtrunk und zum persönlichen Gespräch ein.

Die Ausstellung ist bis 20. Dezember am Institut für Slawistik zu sehen.

Gibt es eine osteuropäische Literatur?

September 3, 2011

Der Suhrkampverlag hat durch die Lektorin Katharina Raabe eine spannende Debatte auf den Weg gebracht: Gibt es eine osteuropäische Literatur? Autoren aus Osteuropa aber auch aus Deutschland werden sich in den nächsten Wochen dazu schriftlich äußern. Auf der eigens dazu eingerichteten Sonderseite des Verlags finden sich bisher Beiträge von Jurij Andruchovyč, György Dragomán, Oleg Jur’ev und Eugenijus Ališanka.

György Dragomán : »Nein, es gibt keine osteuropäische Literatur, es gibt nur Schriftsteller, einfach nur Schriftsteller und Geschichten. …Ich weiß auch nicht, ob es Osteuropa überhaupt gibt.«

Eugenijus Ališanka: »Jawohl, ich bin wahrscheinlich Osteuropäer: Die Unbestimmtheit dieser Region, ihre eigenartige Unselbständigkeit, ihre geopolitische und existenzielle Unwirklichkeit sind mir nahe, sie entsprechen meiner Befindlichkeit als Schriftsteller.«

Oleg Jur’ev: »Die Frage nach der Existenz einer westeuropäischen Literatur wird, soviel ich weiß, kaum je gestellt: Wahrscheinlich, weil sie beinahe absurd und auch unnütz anmutet. …
Ich bin ein russischer Autor, also, wie erwähnt, keinesfalls ein »Osteuropäer« – ich bin noch schlimmer!«

Es verspricht spannend zu werden…

Tatort Osteuropa

Mai 4, 2011

Friedrich Wilhelm Murnau lässt 1922 den deutschen Jonathan-Harker-Verschnitt Hutter in seinem legendären Stummfilm Nosferatu zu Graf Orlok ins „Land der Gespenster“ und Diebe reisen. Im Zentrum dieser Umschreibung liegt das bereits bei Stoker zum Osteuropa-Konzentrat gerinnende Transsylvanien, das der blutsaugende Orlok in kolonisatorischer Absicht dann auch per Schiff vom bulgarischen Varna auf der anderen Seite der Karpaten aus in Richtung Deutschland verlässt. Stokers Witwe gelang es wegen Verletzung des Copyrights, den bösen Osteuropäer aus den europäischen Kinos der 1920er wieder zu verbannen. Alle Kopien von Nosferatu wurden, zum Leidwesen seiner späteren Restauratoren, aus dem Verkehr gezogen.

Leider wird eine juristisch so saubere Elimination des letzten Münsteraner Tatorts auf Basis politischer Korrektheiten kaum zu bewerkstelligen sein. Verdient hätte er es! Die Rekordzuschauerquote (die höchste der letzten 15 Jahre!) wurde diesen Fernseh-Sonntag noch getoppt von ebenso rekordverdächtiger Osteuropaverachtung, die im Tatort „Herrenabend“  – gänzlich ironiefrei – zelebriert wurde.

Der Geld in fingierte Osteuropageschäfte verschiebende Kartoffelmagnat skandiert vor knapp 12 Millionen Fernseh-Zuschauern, dass uns doch allen – mal ehrlich –  Bulgarien scheißegal sei, während Vater Thiel – mit dem Auto in Trans-Schengen unterwegs  – per Webcam unfassbare Osteuropa-Kulissen auf den Monitor des Sohnes (Kommissar in Münster) sendet und um Überweisung von Bestechungsgeldern bittet. Die ersten bakšiš-Forderer sind (der Phantasie des Provinz-Drehbuchautors Vattrodt entsprungene) Zollbeamte des EU- und OECD-Mitgliedstaates Slowenien, bevor Thiel senior (wohl in Ermangelung eines Navigationsgerätes, denn seine Route zeugt von geographischer Osteuropa-Unkenntnis) über Moldawien (selbstverständlich nicht ohne Gängelung durch einen ebenfalls korrupten Zoll) zuletzt in Bulgarien ankommt. Hier findet er statt der Firma, in die deutsche Investitionen angeblich fließen, einen leeren Acker dekoriert mit obligatorisch-osteuropäischem „Alter-Mann-auf-Pferdewagen“.

Dieser, entweder mitsamt fahrbarem Untersatz vom ARD-Team nach Bulgarien eingeflogen oder gleich in Baden-Württenberg auf dem Feld rekrutiert, zeugt neben vielen anderen Details von den erzählerischen Defiziten und der exzessiven Stereotypausbeute des Karlsruher Drehbuchschreibers. So deklassieren etwa die an ausstatterische Debilität grenzende Klischeehaftigkeit des Teenagerzimmers, die gänzlich naive Überschätzung pathologischer Kompetenzen  (Schädelrekonstruktionen gehören nicht gerade zu spontan ausbaubaren Bastelbegabungen auch habilitierter Rechtsmediziner!) oder die schwachsinnige Konzeption und Rolle der Figur der Steuerprüferin den ARD Tatort  als Institution irreparabel (Wo war eigentlich der Regisseur???).

Im Kopfkino des Magnus Vattrodt, der geflissentlich vermeintliche Publikumserwartungen bedient, hat Murnaus Land der blutsaugenden und pestbringenden Gespenster (alias Geisterunternehmen in Osteuropa) als Negativfolie deutscher Rechtschaffenheit offenbar längst nicht ausgedient. Eine Entschuldigung an die slowenische Botschaft und die ARD-Zuschauer für diese „Symphonie des Grauens“ steht meines Wissens aus.

Alltäglicher Ausnahmezustand

Juni 6, 2010

– Oliver Frljićs Turbofolk in Wien

Der bosnische Regisseur Oliver Frljić, der in den letzten Jahren für manche Provokation in nach-jugoslavischen Theatern gesorgt hat, gastiert mit seiner Schauspiel-Revue Turbofolk vom 4. bis 6. Juni am Schauspielhaus Wien. Turbofolk, das am Kroatischen Nationaltheater in Rijeka 2008 Premiere feierte, wurde seither von denselben neun Schauspieler_innen runde fünfzig Mal gespielt. Überall, so bekräftigen Frljić und seine neun Schauspieler im Gespräch mit dem Wiener Publikum nach der Aufführung, sei das Stück gut aufgenommen worden. Ab und an verließen schon einmal Zuschauer den Saal, das jedoch sei ganz normal für eine Inszenierung dieser Art. In Split verabschiedeten sich sogar große Teile des Publikums bereits nach der Kuss-Szene unter Männern ziemlich zu Beginn der Aufführung. Zumeist aber, so Frljić, verstehen alle sofort, worum es geht und nehmen von Ljubljana bis Novi Sad das Angebot des Regisseurs an.

Turbofolk stellt den New-Age-Trash aus, der in Serbien seit den 1990er Jahren populär ist und der in konzentrischen Kreisen auf die Nachbarländer ausstrahlt. Frljić interpretiert Turbofolk, das in Kroatien zunächst zensierter Underground, in Bosnien recht schnell Mainstream war, als schrille Übertünchung des Unausgesprochenen der Region: Krieg, Homophobie, Machismo, Übererotisierung, Mafiageschäfte, Konsumglorifizierung, Schönheitswahn und Nationalismus. Unter den peitschenden Rhythmen dieses an die Volksmusik angelehnten Folklore-Punks schlagen, küssen, vergewaltigen, streicheln, erschießen, befriedigen und beschimpfen sich die Schauspieler gegenseitig. Dabei treten sie unter ihren eigenen Namen auf. Einer Videokamera stellen sie sich mit Geburtsort, Namen und Kurzbio vor, spielen fortan sich selbst und können sich hinter keiner Figur verstecken. Auch das Publikum, das mit auf der Bühne sitzt, ist in Frljićs Inszenierung Teil der Turbofolk-Kultur. Am Ende der Aufführung applaudieren die Schauspieler entsprechend den anwesenden Zuschauern. Statt Publikumsbeschimpfung gibt es Schelte für den Regisseur. Frljić wird (geskriptet versteht sich) von seiner Cast minutenlang gedisst, eine ‚bosnische Votze‘ genannt, für seine ‚Scheiß‘-Inszenierung kritisiert, in die er sie alle herein manövriert habe, wofür man ihm reihum „pička ti materina“ und schlimmere Ausdrücke zuteil werden lässt.

Alle, die Schauspieler, die im Rhythmus der Musik Wiener Würstchen mit Oralsex beglücken, die Zuschauer, die auf einen leeren Zuschauerraum gegenüber blicken und Frljić (der in diesem Fall tatsächlich im Publikum sitzt und die selbstchoreographierte Kritik entgegen nimmt) sind in Frljićs Inszenierung Turbofolk. Turbofolk ist Turbofolk. Eine autokatalytische Schleife…

Vielleicht sind nicht alle Details des Schauspiels gänzlich originell, aber sie sind außerordentlich gut gemacht – und Frljić erfüllt eine eminent wichtige Rolle für das Theater im nachjugoslavischen Raum! Mit seinem device theater, aber auch mit seinen Theater-Busfahrten durch Zagreb und seinen herausfordernden Inszenierungen internationaler Bühnentexte ist er einer der innovativsten Vertreter der aktuellen kroatischen Theaterszene. Diese ist ansonsten noch vom Geist einer untergegangenen kroatisch-habsburgerischen Tradition getränkt. Frljićs mischt nun Kroatiens Miniatur-Burgtheater auf. 1976 in Travnik in Bosnien geboren, kommt er als Kriegsmigrant mit 16 Jahren nach Split und studiert darauf in Zagreb Szenische Künste.

Inzwischen ist er ein etablierter, wenn auch kontroverser Player im Feld. Seine Inszenierung von Euripides‘ Bakchen wurde (wegen Gefährdung der Zuschauer durch fliegende Fleischstücke) gar VERBOTEN! (ein Umstand der mehr über das gegenwärtige Kroatien sagt, als Frljić mit dem Stück erhofft haben kann) und seine aktuelle Inszenierung von Wedekinds Frühlingserwachen in Zagreb, in dem pädophile Priester vorkommen, liefert erwartbare Reibungsfläche. Dennoch täte man Frljićs Theater unrecht, fasste man es als bloßes Provokations-, statt als Erziehungstheater auf. Denn Oliver Frljić hat die pubertierenden und einer führenden Supervision bedürftigen jugoslavischen Nachfolgestaaten mitsamt ihrer Bühnen an die Hand genommen. Es wird sich zeigen, wozu und ob er sie am Ende erziehen kann.

Dramaqueens am LCB Berlin

Mai 10, 2010

Zugegeben ist Dramaqueen schon ein selten blöder Titel für ein Symposium mit jungen Dramatikerinnen aus Osteuropa! „Dramaqueen“ passt nach wie vor eher auf die pink-farbenen T-shirts ungezogener kleiner Mädchen und ins lexikalische Repertoire ihrer nicht minder fehl-gebildeten Eltern als in Konferenztitel.

Nachsichtig haben wir uns dennoch zur Auftaktveranstaltung am LCB gemacht, um die schön ausgedachte Kombi Dorota Masłowska und Ivana Sajko in Lesung und Gespräch zu erleben. Die beiden wohl bekanntesten und erfolgreichsten Vertreterinnen dramatischer Texte in ihren jeweiligen Heimatländern Polen und Kroatien verbindet über den Erfolg hinaus der revolutionäre und widerständige Charakter ihrer Werke. „Generation der Revolte“ haben die Organisatorinnen sie entsprechend gelabelt. Nicht zu unrecht – wie wir finden.

Vorgetragen von Meike Schlüter & Aline Staskowiak hörten wir Auszüge aus Europa – Monolog für Mutter Europa und ihre Kinder von Sajko und Zwei polnisch sprechende Rumänen von Masłowska. Als polonistische und südslavistische Literaturwissenschaftler kannten wir die Texte zwar bereits, genossen aber den hervorragenden Vortrag in Vorfreude auf das Gespräch mit den Autorinnen. Allerdings hatten wir die Rechnung ohne die Moderatorin Sabine Adler vom Deutschland Radio Berlin gemacht, die uns nicht nur als „sehr spezielles Publikum“ beschimpfte, sondern auch in der Klischeemottenkiste so tief unten zu Werke war, dass die mit uns nach Wannsee gepilgerten Studierenden der Slawistik ungläubig große Augen machten. Und mit uns litten wie die Hunde!

Man muss nicht viel von Literatur verstehen, um Expertengespräche führen zu dürfen, daran sind wir gewöhnt. Auch gegen den allgegenwärtigen Osteuropa-Rassismus sind wir als Slawisten abgehärtet (wenn etwa Frau Adler Zagreb, das bekanntlich westlicher als Wien liegt, nicht zu Europa zählt oder Masłowska fragt, ob sie Selbstbewusstsein aus Polens EU-Zugehörigkeit zöge). All das kann uns längst nicht mehr schocken. Dass sich die Autorinnen jedoch die Frage gefallen lassen müssen, ob sie denn nicht mit Sex ihre Texte verkauften – das zeugt schon von generationaler wie auch marktstrategischer Unbedarftheit der Moderatorin. Diese geht offenbar davon aus, dass sich mit „ficken“-Sagen irgendjemand hinterm Ofen hervor und in die Buchhandlung locken lässt. Dann setzt sie nach und fragt Dorota Masłowska, der die Genervtheit – verständlich! – ins Gesicht geschrieben steht, was denn ihre kleine Tochter dazu sage, dass sie Schimpfworte benutze. Masłowskas Tochter – wir haben sie am LCB kurz gesehen – dürfte ca. 3 Jahre alt sein und wird allein deshalb kaum die Werke ihrer Mutter studieren. Vermutlich wollte Sabine Adler ihrer Einschätzung Ausdruck verleihen, dass Masłowska spricht wie sie schreibt. Und umgekehrt! Denn auch die recht peinliche Frage nach der „Umgangssprachlichkeit“ der dramatischen Texte beider Autorinnen fiel.

Dann das Thema: „Bedrohung“. Ob Dorota Masłowska die Gewalt in ihrem Land sehe, die uns von allen Seiten in den Städten bedrohe: Dealer, Drogenabhängige, der Rand der Gesellschaft? In ihren Texten komme soviel Gewalt vor… Ein Missverständnis jagt das andere. Die junge Autorin muss die Moderatorin über die „Realitätsferne“ (O-Ton Masłowska) ihrer Fragen erstmal aufklären. Sie könne nicht ein bodenloses Fass des Leids und der Wut sein, in das alles hineinkommt, dazu sei die Literatur nicht da. Wut über „the shit of the world“, wie Sajko es ausdrückte, diene zunächst dazu, dem Schreiben einen Schub zu geben, das sich aber selbst nicht darin erschöpfen kann. Masłowska muss in ihren Antworten immer wieder bei Adam und Eva ansetzen. Man sieht, wie wichtig es ihr ist, die Dinge klarzustellen. Weder sie noch Ivana Sajko lassen sich auf junge Unzufriedene reduzieren, die ihre Wut mit Sex, Gewalt und Vulgarität zur Ware machen.

Kurz gesagt, wir erlebten das langweiligste, einfallsloseste, ja platteste Autorengespräch, das man sich vorstellen kann. Das LCB scheint nachhaltig auf die Vertreibung des Publikums unter 45 zu setzen! Schade. Der ‚Generation der Revolte‘ war das Gespräch nachvollziehbarerweise nicht des Widerstandes wert – Sajko antwortete nach einem kurzen Durchatmen jeweils diszipliniert, Masłowska, der wir dafür nachträglichen Applaus schenken, gelangweilt. Beide brausten unmittelbar nach der Veranstaltung mit dem Taxi davon, vermutlich froh, den scharfsinnigen Blicken der Adler-Augen entronnen zu sein.

Miranda Jakiša und Michael Zgodzay

Fotos: Nastasia Louveau

Ivana Sajkos Rose is a rose is a rose am ZKM in Zagreb

April 4, 2010

Ivana Sajko hat im März in einem Vorstellungsmarathon am ZKM (Zagreber Jugend Theater)  ihre dramatische Partitur „Rose is a rose is a rose“ gut ein Dutzend Mal auf die Bühne gebracht, plus 4 zusätzliche Vorstellungen am Theater in Pula . Ende April folgen vier weitere Vorstellungen am ZKM , die nicht verpassen sollte, wer nach Zagreb kommt.

Gemeinsam mit den genialen Avant-Rock Musikern Nenad und Alen Sinkauz, Krešimir Pauk und Vedran Peternel hat Sajko eine ursprüngliche Auftragsarbeit für den Steirischen Herbst, das Stück Rose is a rose is a rose, das dort 2008 vom Belgischen Ensemble Wunderbaum umgesetzt wurde, nun in eigener Regiearbeit und ihre langjährigen, multimedialen Bühnenexperimente (www.autoreferentialreadings.com) verarbeitend in eine umwerfende Performance gegossen. In der Integration von Text (Stimme), Musik, Ton und Bild/Animation nimmt Sajko, die den kompletten Text selbst spricht, das Dramatische in der postdramatischen Genrebezeichnung in Anspruch. Herausgekommen bei der „dramatischen Partitur“ ist ein sensationelles, packendes und physisches Bühnenerlebnis, das wenig mit der Ruhe und Beschaulichkeit eines Rosengartens gemein hat. Auch, wenn Sajko das Bild des Rosenplanzens aufruft.

Rose ist eine Liebesgeschichte, die sich in einer Nacht ereignet, in der gleichzeitig auf den Straßen Unruhen ausbrechen. „Sie liebten sich, als würden sie sich prügeln. Danach prahlten sie noch lange mit ihren blauen Flecken und betasteten ihre Narben.“ erzählt Sajko in der Performance, in der es weder Schauspieler, noch Kostüme – bestenfalls etwas wie im entferntesten Sinne Requisiten gibt. Die Autorin performt, ja sie exerziert den wunderbar poetischen Text regelrecht und nimmt dabei die Position der Verfasserin im Augenblick des Schreibens, die der Schauspielerin, die Bühnentext spricht, und die Position einer Figur im eigenen Text zugleich ein.  Rose erzählt von der Liebesbegegnung zweier Menschen bei Discomusik (untermalt mit einer fantastischen Interpretation von Donna Sommers vielfach gecovertem und remixtem Hit I feel love), vom mehr als 200-tägigen Marathontanz Mike Ritofs und Edith Boudreauxs in Chicago 1930 (Swing unter Wechsel von E- auf Kontrabass), von Rembrandts Gemälde „Nachtwache“ (dessen Repro in der Bühnenmitte im Hintergrund steht) und von einem Aufruhr und öffentlichem Aufstand, der sich überall ereignen könnte und in dem die Stimmen des Textes sich plötzlich wiederfinden (Avantgardejazz, Noise und  Avantrock-Klänge a la Mike Patton formen die musikalische Version der Aufstand-Geschichte; am Ende der Performance folgt ein schlichter, etwas deplatziert wirkender Animationsfilm zur frka, dem Aufruhr).

Die Erläuterungen Sajkos zum Rembrandt-Gemälde und insbesondere zum Schatten der Hand von Kapitän Cocq, der nach dem Schwert des Befehlshabers van Ruytenburch auf dem Bild greift, deutet auf das hin, was im Text folgen wird: Autos brennen, Schaufensterscheiben springen, Polizei und Militär stürmen die Straßen, Molotov-Cocktails fliegen (akribisch wird beschrieben, wie ein solcher herzustellen sei), Nachrichtenmeldungen werden verlesen und mitten darin orientierungslose Menschen. Menschen in Seattle, Genua, Brüssel, Clichy-sans-Bois und Budapest (hier spielen live electronics und noises eine tragende Rolle). Die Musik, die eigens für Rose geschrieben wurde, ist dabei nicht schlicht illustrierende Begleitung, sondern sie erzählt die Emotionen der Geschichte selbst – auf ihre Weise. Musik, Geräusch und Text nehmen Leitmotive immer wieder variierend auf und treiben das Stück, sich wechselseitig verstärkend, voran.

Rose, so Ivana Sajko, ist eine autopoetische Schlussfolgerung: ein Text über Text, Sajkos Text über den Text – als solchen. Die Rose ist nicht nur ein Liebesmotiv, das von Sajko gewaltsam entsymbolisiert und entmetaphorisiert wird. Sajko, die über die Liebe schreiben will, weil diese „politisch wie künstlerisch  ein subversives Thema“ sei, entledigt sich mit Waffengewalt der romantischen Lexik und „tötet die Symbolik in sich“, um den Missverständnissen zwischen den Worten und Emotionen auf die Spur zu kommen. Sondern Sajkos Rose zehrt auch aus dem Potential der Wiederholung: “Rose is a rose is a rose”. Gertrude Steins hier zitierte und durch literaturwissenschaftliche Curricula berüchtigt gewordene Zeile aus Sacred Emily ist die Inkarnation der poetischen Wiederholung. Doch Sajko inspirierte an Stein mehr deren Konter auf die Frage: „Why don’t you write the way you speak?“ als deren literarisches Programm. Gertrude Stein soll mit der Gegenfrage: „Why don’t you read the way I write?“ geantwortet haben. Stein steht bei Sajko dafür ein, dass es unverschämte (und unverschämt gute) Gründe für die Dichtung gibt. Gute Gründe für Sajkos (post-)dramatische Dichtung gibt es allenfalls.

Wenn Ivana Sajko sich mit Rose is a rose is a rose in vielen Hinsichten exponiert und entblößt hat, so wurde damit endlich einmal ein Text-und-Bühnen-Porno geschaffen, den zu sehen sich lohnt. In den Vorbemerkungen zur beim Verlag der Autoren veröffentlichten deutschen Version der Textfassung schreibt sie: “Und das, was ich zum Ausdruck bringen möchte – das bin ich. Ich. Und meine Angst. Meine Panik. Aus der das Theater, das mich interessiert, entsteht. Und aus dessen Erfahrung heraus ich denke; viele Maschinen, viel Lärm und Pyrotechnik, ein Theater, das sich selbst bloßstellt, weil es die eigene Zerbrechlichkeit, das eigene Gefühl der Peinlichkeit und des Ausgeliefertseins zur Schau stellt. Die ganze Pornografie des Textes wie auch der Aufführung kann man auf ein grundsätzliches Bedürfnis reduzieren: sich selbst mit Hilfe der eigenen Sprache auszudrücken.“

Sajkos intensive Sprache jedenfalls ist wie ihr Aufführungsformen-Hybrid  aus Konzert, Performance, Vortrag, Publikumsgespräch (und endlos weiteren) in aller exponierten Nacktheit solchen Theaters und solchen Textes innerhalb der kroatischen Theaterlandschaft schwer zu übertreffen. Also hingehen! Und weiter hoffen, dass wir Rose bald in dieser Form auch in Berlin erleben können.