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Pawlows schwarze Schwäne – Gaito Gasdanow choreographiert ein unausweichliches Ende

Dezember 27, 2013

DSuF_Cover_2013.6_400bApril is the cruellest month, so apodiktisch beginnt das Krisengedicht The Waste Land. Aber T.S. Eliot irrt, denn der November ist der übelste Monat: da legt sich eine dunkle Trostlosigkeit in die Straßen und in die Gemüter und der Regen spült die Fidelitas in die Gullys hinab, an deren Gittern sich noch einige langsam dahinweltende (Franz Hodjak) Blätter sammeln. Um die Zumutungen des Novembers weiß auch die Literaturzeitschrift Sinn und Form, die mit der letzten Ausgabe des Jahres ein beredtes Zeugnis von den Qualen ablegt, die in den Zeiten des abnehmenden Lichts aus den Tiefen der Seelen aufsteigen: Von Selbstmördern (Gaito Gasdanow) und ihren Städten (Dariusz Sośnicki) berichtet der Band und er versammelt Denker und Dichter, die über die Wüsten der Melancholie (Jean Starobinski) und gegen das Wüten des Todes (Elias Canetti) (an)schreiben.

Schwarze Schwäne heißt die Kurzgeschichte des russischen Exil-Schriftstellers Gaito Gasdanow, die gleich den letalen Auftakt dieser Ausgabe bildet. Gasdanow führte ein Leben, in das sich das 20. Jahrhundert mit deutlicher Handschrift hineingeschrieben hat: 1903 in St. Petersburg geboren, Weißgardist im russischen Bürgerkrieg, die Emigration nach Paris im Jahre 1923, ein Leben im Kreise anderer Emigranten, als Lastenträger, Lokomotivenwäscher, Mechaniker, Journalist und Schriftsteller. Im Zweiten Weltkrieg schloss er sich der Résistance an. Nach dem Krieg arbeitete er für Radio Liberty, erst in Paris, dann in München, wo er im Jahre 1971 starb. Mit der deutschen Erstausgabe seines Romans Das Phantom des Alexander Wolf, die der Hanser Verlag letztes Jahr vorlegte, entdeckte das Feuilleton jubilierend einen hierzulande noch weitgehend unbekannten Autor, der sogleich, urplötzlich aus dem Dunkel vergangener Jahrzehnte herausgetreten, in ebenbürtiger Nähe mit Nabokov gesehen wurde.

Man mag Gasdanow also einige Expertise zusprechen, was das Milieu der Emigranten in Paris angeht. Pawlow, der Protagonist der Kurzgeschichte Schwarze Schwäne, ist ein ebensolcher, nämlich ein russischer Emigrant in Paris, der tagsüber in der Fabrik arbeitet und in den Nächten studiert, weil er es kann. Überhaupt kann Pawlow so einiges, denn er ist kräftig und stark und so unverwüstlich wie undurchdringlich. Sein Lächeln ist kränkend und kalt. Die Menschen meiden ihn, der im Umgang mit ihnen keinerlei Wert darauf legt, zu gefallen oder zu schonen und folglich von eher eigenwilligem Charme ist. Dabei ist er nicht ohne Mitleid: von einem merkwürdigen logischen Mitleid freilich, das im Rahmen seiner ganz eigenen Maßstäbe funktioniert. (more…)

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