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Vopli Vidopljasova im Astra-Kulturhaus 13.2.2010

Februar 23, 2010

Von Evgenia Grabovska und Tanja Hofmann

Was bringt Pärchen über 30 dazu, gemeinsam um das benutzte Schweißhandtuch eines Sängers zu kämpfen, über die Absperrung in der ersten Reihe zu klettern, und von Sicherheitsleuten abgeführt zu werden? Warum setzen die Frauen ihre Handtaschen ein, um weiter vorne zu stehen und reißen einem die ins Publikum geworfenen Bandfotos wie selbstverständlich aus der Hand? „Vopli Vidopljasova“ (VV) spielen in Berlin! Die erfolgreichste, auch in Russland populäre ukrainische Rock-, Folk-, Ethno- und Coverband hat das „Astra“-Kulturhaus auf ihrer Deutschlandtournee nicht völlig mit Fans gefüllt, jedoch mit ekstatischem Flair.

Selbst wenn man das Quartett um Oleg Skripka zum ersten Mal erlebt hat, liegen die Sympathien auf seiner Seite: Sie nehmen nichts ernst und machen dafür ernsthaft gute Musik. Schon der Name ist Programm. Ausgelassenes Geschrei („vopli“) gehört wie die Grimassen und choreographisch durchdachten Bühnenbewegungen von Skripka zur Show. Wenn der Frontmann mit den Armen umherfuchtelt, mit den Augen rollt und mysteriöses Gestöhne von sich gibt, könnte er eine Illustration zu Gogol’s „Vij“ abgeben.

Fragt man sich, wer eigentlich Vidopljasov ist, und was seine Äußerungen mit der Band zu tun haben, so hat man schon den Schlüssel zu ihrer verblüffend witzigen, an der ukrainischen Kultur interessierten und sie mehr als ironisch brechenden Einstellung. Vidopljasov ist ein dichtender Diener aus Dostoevskijs Komödie „Selo Stepančikovo i ego obitateli“, der seine Verse unter dem Titel „Vopli“ publizieren möchte. Die literarisch sensible Gruppe positioniert sich als ukrainische Rockband, durchmixt alle musikalischen Genres, integriert europäisches und sowjetisches Kulturerbe und etabliert sich dadurch nicht nur in der gesamten Ukraine, sondern auch europaweit.

Solange ukrainische PolitikerInnen und politisierte SchriftstellerInnen über die Konsolidierung der Ukraine und Integration in der mitteleuropäischen oder russischen Nachbarschaft diskutieren, lebt VV mit Humor und Intelligenz ihre eigene Sicht auf die ukrainische Gesellschaft und deren postsowjetisches Erbe aus. Dabei werden Klischees, die selbst ein unaufmerksamer Beobachter registriert, gezielt bedient.

Oleg Skripka trifft den Geschmack einer sehr breiten Zuhörerschicht. Auf den ersten Blick ist seine Performance kitschig, doch wenn man bedenkt, dass karnavalesker Kitsch einer der Grundsteine der ukrainischen Nationaldichtung ist (man denke an Kotljarevs’kyj’s „Eneїda“), erscheint Skripka wie eine Reinkarnation von Äneas mit starkem ukrainischen Akzent. Skripkas  Stilisierung geht bis zum Äußersten. In den Videoclips zu den Singles von „VV“ nehmen die Musiker die skurrilsten Rollen ein, spielen mal Gogol’sche Figuren, mal Hindi-Gurus und mal sieht man sie als nostalgische Präsentanten der braven sowjetischen Miliz.

Die Band bedient alles, was einer poetischen Musikkomödie dienlich sein kann: Texte aus ukrainischen und russischen Volksliedern, zum Beispiel das ukrainische Hochzeitslied „Horila sosna“ und „Romaški sprjatalis’“, eine sowjetische Standardromanze. Skripka scheut sich nicht davor, lyrics von Kultbands der Perestrojka-Zeit ins Ukrainische zu übersetzen, so zum Beispiel die Lieder von Viktor Zoj und „Nautilus Pompilius“. Er macht es mit Respekt und man könnte sogar sagen: Pietät. Denn all diese Melodien und Texte waren symbolträchtig für die jüngste Generation, die noch in der Sowjetunion aufgewachsen ist. Für VV Grund genug, ein musikalisches Denkmal für den Zeitgeist dieser Epoche zu setzen.

Die Texte aus eigener Produktion können zum Teil stutzig machen. Das Lied „Jura“ ist ein Hit, der schon seit Jahren die Menschenmassen antreibt, im Takt der Melodie zu springen und laut „Jura! Jura!“ zu jubeln. Man fragt sich, wer dieser Jura sein soll, der die westukrainische Jugend genauso wie die Arbeiter im Donbass und Elite-Kids in Moskau begeistert. Jurij Gagarin! Ein durch und durch sowjetisches Symbol für den Kosmos-Fortschritt, der anscheinend immer noch die Jugend zu vereinen vermag. So singt Oleg Skripka zunächst auf Russisch und geht langsam ins Ukrainische über:

Он был простой, но гордый парень.

Юра – фамілія Гагарін.

Він промайнув, видатна фігура

Юра, Юра, Юра.

Той стрибок до зірок з Байконуру.

Diese freundschaftliche Umarmung von VV-Fans auf dem ganzen postsowjetischen Gebiet kann nur noch „Vesna“ übertreffen, der Superhit der Band. Das Lied ist zur Hymne geworden, vielleicht als Symbol des Um- und Aufbruchs. In den russischen Charts der 1990er Jahre hielt sich dieser Frühling mehr als eine Saison auf. Das Publikum fordert den Hit wie selbstverständlich nach den ersten zehn Minuten ein. Als er zum Abschluss des Konzerts ertönt, löst es einen energetischen Knall im elektrisierten Saal aus.

Übrigens, im unten befindlichen Videoclip zu „Vesna“ zeichnet Oleg Skipka mit der weißen Kreide Ringe um sich, wie Homa Brut in „Vij“. Manchmal scheint es, als ob VV Gogol’s Werke nicht illustrieren, sondern deren unmittelbare Protagonisten seien…