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Sprach- und Kulturräume sondieren. RADAR

September 14, 2011

Über das dreisprachige Literaturmagazin RADAR, das seit März 2010 von der Villa Decius in Kraków herausgegeben wird, hat Novinki-Blog bereits berichtet. Die Zeitschrift versammelt Texte bekannter, meist jüngerer Autorinnen und Autoren aus Polen, der Ukraine und Deutschland. Aus Anlass des Erscheinens der dritten Nummer des Magazins sprechen Esther Hool und Michael Zgodzay mit der Chefredakteurin von RADAR, Renata Serednicka, über die Literaturen dreier Länder, den Gedankenaustausch in Mitteleuropa und die Rolle der ÜbersetzerInnen.

novinki: Erstmal Glückwunsch zu den gelungenen ersten drei Nummern von RADAR.

Der Titel der ersten Ausgabe eures Literaturmagazins – „home-sick“ (die zweite und dritte Ausgabe kommen ohne Titel aus) scheint Mehrdeutigkeit zu transportieren. Könnte man das Programm des Magazins als einen Versuch verstehen, die nationale und transnationale Sicht auf die mittel-ost-europäischen Literaturen zu verbinden, bzw. grenzüberschreitende Tendenzen in den jeweiligen Lokalitäten zu verdeutlichen?

Renata Serednicka: RADAR entstand durch persönliche Kontakte zwischen Autoren aus den Bereichen der mittel-ost-europäischen Sprachen. Der Idee des Magazins liegt vor allem die Leseentdeckung zugrunde, dass die Literatur verschiedener Nationen ein einstimmiges Bild von der Wirklichkeit schafft, indem sie die gleichen universellen Erfahrungen beschreibt. Die nationalen Literaturen verbinden sich auf diese Weise auf einer transnationalen Ebene, ohne dass sie ihre Eigenartigkeit verlieren.

Das Phänomen einer Literatur in mehreren (in diesem Fall drei) Sprachen wäre auch nicht möglich, wenn sich ihr die Literaturübersetzer nicht anschließen würden. Sie sind diese „Grenzgänger“, die die Leser in eine Welt führen, die scheinbar nicht zugänglich ist – in die Welt einer fremden Sprache. Dadurch erhalten wir die Möglichkeit, uns in das Fremde hinein zu versetzen und zu entdecken, dass es um die gleichen Dinge geht – nur anders beschrieben.

Hinzu kommt eine dritte Perspektive – die individuelle. Jeder Autor schreibt aus seinem persönlichen Lebensumfeld, aus der Kultur und Tradition seines Ursprungslandes heraus und gibt somit nicht nur ein beispielhaftes Zeugnis des Lebens in seinem Land, sondern stellt ein Portrait seiner eigenen Persönlichkeit darin dar. Der Leser wird durch die Lektüre eines Textes mit einem Menschen mit anderen Wurzeln vertraut und einer bestimmten Botschaft, wodurch es zu der direktesten Form der Grenzüberschreitung kommt. Die individuelle Ebene erleichtert das Finden von Gemeinsamkeiten trotz der kulturellen Unterschiede, da es den Leser am direktesten anspricht und Gemeinschaft schaffen kann.

Die Redaktion von RADAR ist sich bewusst, dass erst der Austausch von Ideen und Mentalitäten das Näherkommen von verschiedenen Menschen fördert und Toleranz auf transnationaler Ebene entwickelt.

n.: Und was verspricht sich die Redaktion von der Dreisprachigkeit des Magazins?

R.S.: Das Magazin soll zu einem Forum für den Gedankenaustausch innerhalb der jungen literarischen Kreise Mittelosteuropas werden. Dabei steht die Internationalisierung des literarischen Diskurses im Mittelpunkt. Dazu können sowohl die Vorstellung der neuesten Arbeiten ausländischer Autoren, die literaturkritischen Texte als auch Präsentation und Rezension neuer Bücher, die in Übersetzung erschienen sind, maßgeblich beitragen.

Des Weiteren kann das Magazin den nachbarschaftlichen Dialog um einen kulturell-literarischen Diskurs erweitern. Für Polen, Deutsche und Ukrainer, die im jeweils anderen Land leben, dient es dazu, ihre sprachlichen und kulturellen Wurzeln aufrecht zu erhalten. Außerdem können sich sowohl Verleger und Übersetzer, als auch Akademiker und Studenten der Polonistik, Slawistik und Germanistik über literarische Neuigkeiten informieren und dabei gleichzeitig dynamische Veränderungen der Sprache mitverfolgen. Nicht zuletzt sollen auch Menschen, die sich nicht aktiv am literarischen Geschehen beteiligen, auf die junge Literatur der Nachbarländer aufmerksam gemacht werden, was vor allen Dingen durch den Vertrieb über das Internet und an populären Orten der Kulturszene zu erreichen ist.

n.: Wie funktioniert überhaupt die Vernetzung zwischen den HerausgeberInnen, AutorInnen und ÜbersetzerInnen? Sind das persönliche Kontakte, oder eher institutionelle? Ist es vorstellbar, dass in Zukunft auch andere mitteleuropäische Sprachen dazukommen werden?

R.S.: Den Ursprung von RADAR bilden die Stipendienprogramme der Villa Decius. Durch die Anwesenheit von Schriftstellern aus unterschiedlichen Ländern, ihren literarischen und kulturellen Austausch, durch die Übersetzung der einzelnen Texte im Zusammenhang mit internationalen Lesungen entstand ein erstes, von persönlichen Kontakten geprägtes Netzwerk. Vor allem um diesen Gedankenaustausch für Leser und Leserinnen dauerhaft nachvollziehbar zu machen und auszuweiten, entstand die Idee eines dreisprachigen Literaturmagazins. Die Vernetzung wurde auch auf institutionelle Kontakte ausgeweitet, zum einen, da die staatliche Unterstützung der Villa Decius als Verein notwendig war, und zum anderen, um noch mehr Wirkungseinheiten einzubeziehen, was dem Projekt RADAR Erfolg garantieren sollte. So nahmen wir beispielsweise zur philologischen Fakultät der Jagiellonen-Universität Kontakt auf, um Studenten zur Mitarbeit und zum literarischen Engagement zu animieren, gleichzeitig aber auch die Zeitschrift zu bereichern.

Es wäre wünschenswert, RADAR auf noch andere mitteleuropäische Sprachräume auszudehnen und das Magazin für ein noch breiteres Publikum zugänglich zu machen. Wir könnten uns dank der zahlreichen Kontakte, die wir zu Autoren aus unseren Nachbarländern wie z.B. Weißrussland oder Tschechien pflegen, sehr gut eine Erweiterung des Spektrums unseres Literaturmagazins vorstellen. Die Aufnahme weiterer Sprachen und Literaturen würde jedoch einerseits den Rahmen sowohl unserer technischen, als auch redaktionellen Möglichkeiten sprengen. Andererseits sind wir der Meinung, mit drei Kulturräumen eine überschaubare und abgerundete Einheit erschlossen zu haben, um deren Ausgestaltung und Aufrechterhaltung wir uns bemühen möchten. Vielmehr hoffen wir durch RADAR auch andere europäische Kulturorganisationen zur Herausgabe einer ähnlichen, mehrere europäische Länder umfassenden, literarischen Zeitschrift zu inspirieren.

n.: Du hast es schon erwähnt: Die Literaturübersetzer und -übersetzerinnen spielen eine zentrale Rolle. Die RADAR-Redaktion betont sogar, dass die Literaturübersetzer vollberechtigte Autoren seien. Inwiefern sind sie nicht nur „normale“ Übersetzer, sondern auch Autoren?

R.S.: Mit dem Ausdruck „vollberechtigte Autoren“ wollten wir lediglich betonen, dass es sich bei einem Großteil unsererRedakteure um Schriftsteller handelt, die als solche anerkannt sind, eigene literarische Werke verfassen und sich neben ihrer eigentlichen Tätigkeit zusätzlich dem Übersetzen von Texten oder Gedichten widmen. Andererseits gibt es ausgebildete Übersetzer, die sich professionell ausschließlich mit der sprachlichen Übertragung beschäftigen. Bei dieser Unterscheidung soll keinesfalls hierarchisiert werden, da alle Übersetzer für uns sehr kostbar sind. Es ging im Grunde nur darum, hervorzuheben, dass literarisches Schaffen und Übersetzen eine sehr ähnliche Art von Kreativität und sprachlicher Gewandtheit erfordern.

n.: Wo seht ihr das Gemeinsame zwischen den drei verschiedenen Literaturen im Bezug auf die Welt, in der wir leben? Und worin unterscheiden sie sich?

R.S.: Gern möchte ich auch zu dieserFrage Stellung beziehen, ich denke jedoch, dass in diesem Fall eine Pauschalantwort kaum möglich ist.

Natürlich unterscheiden sich Perspektive, Anschauung und Schreibstil je nach Ursprung und kulturellem Hintergrund, wodurch unsere Texte in RADAR sich meistens kaum miteinander vergleichen lassen. Jedoch liegt allen Autoren der gemeinsame Drang nach Selbstverwirklichung im schriftstellerischen Schaffensprozess zugrunde, der sich in den einzelnen Literaturen manifestiert. Dieser Drang ist mit einer Suche verbunden; der Suche nach der eigenen Identität und der Identität des Landes aus dem man stammt. Auch mit der Frage nach dem Platz, den es innerhalb Europas einnimmt.

In den polnischen und ukrainischen Texten stößt man häufig auf einen Konflikt, der sich aus dem Wunsch nach Zugehörigkeit zum Westen und gleichzeitiger Beibehaltung von kultureller Individualität, ergibt. Deutsche Texte dagegen nehmen eher eine beobachtende Haltung den Entwicklungen im Osten gegenüber ein, oder gewähren – wie die anderen natürlich auch – einen kritischen Einblick in die Gesellschaft. Somit ergeben sich regional-einzigartige Darstellungen auf internationalem Hintergrund.

Schließlich bin ich der Meinung, dass jeder Schriftsteller seinen ganz individuellen Bezug auf die Welt, in der er lebt, entwickelt und dass man erst durch Lesen der jeweiligen Texte entdeckt, worin das Besondere in jeder einzelnen Betrachtungsweise liegt.

n.: RADAR erschien zum ersten Mal im März 2010. Soeben ist die dritte Nummer erschienen. Wie stellt ihr euch die zukünftigen Ausgaben vor? Wird es thematische Schwerpunktsetzungen geben, oder vielleicht auch andere?

R.S.: Tatsächlich erschien unsere erste RADAR-Ausgabe unter einem thematischen Motto: „homesick“. Dabei knüpften wir gewissermaßen an eine gängige Praxis bei Zeitschriften an, inhaltliche Elemente unter einen gemeinsamen Nenner zu bringen und das Magazin in sich stimmig erscheinen zu lassen, was uns mit einem so allgemeinen und breit gefächerten Begriff möglich war. Während der Arbeit an den darauffolgenden Ausgaben, beschlossen wir jedoch, von einer Überschrift abzusehen. Da die Texte, mit denen wir konfrontiert wurden, sowohl inhaltlich als auch stilistisch zu unterschiedlich waren, hielten wir eine Titelgebung für unnötig voreinnehmend und waren uns einig, die Texte für sich selbst sprechen zu lassen. Wir achten bei der Auswahl der Fragmente auf Originalität und Aspekte, die den spezifischen Charakter der einzelnen Literaturen am besten wiedergeben. Auf diese Weise kann sich eine verbindende Thematik herauskristallisieren, dies ist jedoch der Interpretation des Lesers völlig freigestellt.

n.: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das E-Mail-Interview führten Esther Hool und Michael Zgodzay.

Zur Homepage von RADAR mit zahlreichen Bildern und Texten zum Lesen und Hören: www.e-radar.pl

Zur Homepage der Villa Decius in Krakau: www.villa.org.pl

Die Literaturzeitschrift RADAR: drei Sprachen, drei Literaturen – und noch viel mehr

Mai 2, 2011

Deutsch, Polnisch und Ukrainisch sind die Sprachen, in denen das Literaturmagazin „Radar“ erscheint. Hier veröffentlichen Autorinnen und Autoren dieser drei Literaturen ihre Texte, und hier werden ihre Texte in die jeweiligen anderen beiden Sprachen übersetzt.

Auf dem Streifzug durch Radar gibt es viel zu entdecken. So erfährt man etwa, wie ein Gedicht der „eigenen“ Sprache in der „anderen“ Sprache klingt, oder man begegnet dem Gedicht eines Dichters der „anderen“ Literatur, das man in der „eigenen“ Sprache lesen kann, z.B. ein Fragment aus „Unsere kleine, allgegenwärtige, softe“ von Cezary K. Kęder:

6%
kein Vergleich denn es gibt nur sie
ausgeschnitten aus der Menge und aus der Sicht
hinter Sommer Straßenbahn nächste Station
Rädergeratter Kreischen Kurven Handgriffe
klebrig von Schweiß, aus ihrer grauen Hölle
in der sie kaum Luft kriegt kurz vor dem Gewitter

und ich bin hier schaue

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das ist real ein Album voll Bilder

[Übersetzung: Bernhard Hartmann]

Nasza mała, wszechobecna, miękka

6%
nie ma porównań bo jest tylko ona
wycięta z tłumu z jej planu dalszego
niż lato tramwaj kolejny przystanek
stukot kół szarpnięcia zakręty poręcze
lepkie od potu, z jej szarego piekła
w którym się dusi na chwilę przed burzą

a ja jestem tu patrzę

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to jest real album pełem fotek

Наша мала, мяка, всюдисуща

6%
немає порiвнянь є тiльки вона
вирiзана з натовпу з її дальших планiв
нiж лiто трамвай чергова зупинка
стукiт колic повороти шарпанина липкi
вiд поту поруччя, з її сiрого пекла
в якому задихається на мить перед бурею

 а я тут, дивлюся

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це real album повний фоток

[Übersetzung: Chrystyna Stel’mach]

Ermöglicht werden diese Entdeckungen durch die Übersetzerinnen und Übersetzer, und sie sind es denn auch, die hier besonders geschätzt werden, denn sie ermöglichen es, die Grenzen zwischen den Nationalliteraturen zu öffnen und zu zeigen, dass der Text in der Übersetzung nicht verliert, sondern vielmehr neue Aspekte dazu gewinnt und sich neue Perspektiven auf den Text eröffnen.

Geöffnet werden auch die Grenzen zwischen den Gattungen: Auf dem Internetportal von Radar gibt es alles, was im weit gefassten Sinn mit Literatur zu tun hat: Grafik- und Fotoserien, Kurzfilme, Ausschnitte aus Hörspielen – und natürlich Texte: Lyrik, Prosa, Drama, Rezensionen, Essays, Gespräche und Literaturkritik; in der Print-Ausgabe wird eine Auswahl dieser Texte vorgestellt.

Bisher sind zwei RADAR-Hefte erschienen: In der ersten Ausgabe werden die Gemeinsamkeiten der drei Literaturen betont; in der zweiten geht es gerade um das Gegenteil, nämlich um die Verschiedenartigkeit der zeitgenössischen deutschen, polnischen und ukrainischen Literatur.

Durch die drei Sprachen zu schlendern und zu sehen, dass das, was oft als „unmöglich“ betrachtet wird – das Übersetzen von einer Sprache in eine andere – nicht nur möglich ist, sondern die Texte dadurch vielschichtiger und vielseitiger werden, ist lustvoll – und schön!

Das nächste Heft erscheint im August und wird einen Schwerpunkt zur Deutschschweizer Literatur haben.

http://www.e-radar.pl

Abseits der gewohnten Pfade: Stadtführungen durch Warschaus Stadtteil Praga

Januar 26, 2011

 

 

 

 

 

 

 

An einem im Verhältnis nicht allzu kalten Dezembernachmittag – die Temperaturen sind nur ein paar Grade unter den Gefrierpunkt gefallen – spazieren wir durch die Strassen und Hinterhöfe Pragas. Praga, das auf Warschaus östlicher Seite der Weichsel liegt und im Zweiten Weltkrieg, anders als das Warschau auf der westlichen Weichselseite, kaum zerstört wurde, ist geprägt von Mietshäusern und Industriebetrieben aus dem 19. Jahrhundert. Hatte das ehemalige Arbeiterviertel wegen seiner vielen sozialen Probleme den Ruf, eine gefährliche Gegend zu sein, so ziehen seit einigen Jahren immer mehr Künstler nach Praga. Es entstehen alternative Kneipen und Kulturzentren.

Die Journalistin Katiusza kennt diese Orte: Da gibt es eine Kneipe voller Bilder der Jungfrau Maria, das W oparach absurdu [In den Dämpfen des Absurden]; gleich gegenüber befindet sich das Po drugiej stronie lustra [Auf der anderen Seite des Spiegels], wo im Sommer die Leute aus der Umgebung sozusagen neben einem der unzähligen Marienaltäre Pragas ihr Bier trinken; im Teatr Academia im „Bermudadreieck“ an der 11 Listopada-Strasse traten die ersten Künstler auf, die es Mitte der 90er Jahre nach Praga zog; ein wenig versteckt in einem Hinterhof ist schließlich das Studio 23, ein Café, in dem bei einem Stück hausgemachtem Kuchen die neusten Comics gelesen (und gekauft) werden können – um nur ein paar wenige Orte zu nennen.

Katiusza lebt schon seit über zehn Jahren in Praga, und während wir gehen, weiß sie viele Geschichten und Anekdoten über die Strassen und Häuser, Fabriken und Märkte zu erzählen. Etwa die Geschichte von Pan Guma, Herrn Gummi: Dieser Trunkenbold von Praga stand Tag für Tag vor dem gleichen kleinen Lebensmittelgeschäft. Heute steht sein Denkmal dort, und zwar ein Denkmal der besonderen Art: Die Statue ist aus Gummi und wippt vor- und rückwärts – so wie der „echte“ Pan Guma das wegen seiner Alkoholsucht zu tun pflegte. Die Idee für diese Statue kam von Jugendlichen aus der Nachbarschaft, die an einem Workshop mit dem Künstler Paweł Althamer teilgenommen hatten, und wurde von den Anwohnern kontrovers aufgenommen: Es gab Leute, die der Ansicht waren, durch das Denkmal eines Säufers werde das schlechte Image Pragas zementiert; andere Leute mögen Pan Guma und legen ihm im Winter einen warmen Schal um.

Neben Führungen zur Kulturszene bietet Katiusza auch Führungen zum jüdischen Praga, zu Pragas Frauen und den Marienaltären in Praga an; außerdem besteht die Möglichkeit, sich abends von ihr die alternativen Clubs zeigen zu lassen. Für die Zukunft sind Spaziergänge durch Praga geplant, bei denen man die Künstler nicht nur besucht, sondern sein Souvenir in den verschiedenen Ateliers auch gleich selber drucken, malen, fotografieren, meißeln oder schneidern kann.

Katarzyna „Katiusza“ Chudyńska: Stadtführungen in englischer und polnischer Sprache

Kontakt: katiusha@poczta.onet.pl/ Tel.: (+48) 507 054 381

Katiuszas Blog auf Polnisch, mit Bildern von damals und heute: http://warsoff.blox.pl/html und Englisch: http://warsofftrips.blox.pl/html

Orte, die im Artikel erwähnt werden:

Po drugiej stronie lustra: www.po2stronielustra.com
Studio 23: www.studio23.art.pl
Teatr Akademia: www.teatr-academia.art.pl
W oparach Absurdu: www.oparyabsurdu.pl

Praca Maszyn – Die Arbeit der Maschinen: Die Rekonstruktion eines vergessenen Tanzes

Januar 12, 2011

Mielec, eine Industriestadt im Südosten Polens: unzählige, streng geometrisch angeordnete Wohnblocks aus der Zeit des Kommunismus; Kinder auf einem Karussell im Shopping Center; das alte, überdimensionierte Stadion, eine Handvoll Fans – und die Industriezone. Heute produziert ein amerikanischer Konzern Flugzeuge in Mielec; früher hatte der größte Flugzeughersteller Polens seinen Sitz hier. Die Industrieanlage war der Mittelpunkt der Stadt: Die Restaurants, die Kantinen, die Hotels, die Wohnblocks – alles gehörte zur Fabrik. Ein ehemaliger Fabrikangestellter berichtet: „Jeden Tag kreisten alle möglichen Flugzeuge am Himmel, und wir, die alten Arbeiter, lachten.“ 1968 wurde zur Feier des 30. Geburtstags des Flugzeugwerks ein Tanz kreiert: Praca maszyn, Die Arbeit der Maschinen, eine Art futuristisches Ballett, eine Metapher für die Beziehung zwischen Mensch und Maschine.

Beinahe zufällig stoßen die drei jungen Regisseure Gilles Lepore, Maciej Mądracki und Michał Mądracki auf diesen vergessenen Tanz: In einem alten Buch über Mielec entdecken sie ein Foto mit seltsam gekleideten Tänzern. Daraufhin befragen sie die Leute in Mielec, um mehr über diesen Tanz zu erfahren, treffen einen älteren Mann, der damals dabei war und versucht, die Musik auf einem alten Synthesizer zu rekonstruieren: „Es ist eine Musik wie in einem Film Chaplins. Chaplin zeigt in einem seiner Filme, wie es ist, am Fließband zu arbeiten. Er macht alles auf ganz mechanische Weise. Die rechte Hand spielt die Melodie, etwa so, die linke folgt einer Art Schema.“ Ein paar Tänzerinnen und Tänzer von damals versuchen sich an die Tanzschritte zu erinnern: „Zuerst die Arme in die Höhe … das Bein bewegte sich nach vorn … eins, zwei, eins, zwei … dann eine Pirouette … und dann im Kreis, wie ein Flugzeug.“

Was schließlich entsteht, ist die Rekonstruktion eines Tanzes und einer Musik, deren Töne und Rhythmen an die Geräusche und Bewegungen von Maschinen und Flugzeugen erinnern, aufgeführt im gigantischen alten Stadion von Mielec – sehr ästhetisch und zugleich eigenartig und unwirklich: Was als Dokumentation über Mielec und seine Industrieanlage beginnt, endet als ein Stück gespenstischer Vergangenheit in der Gegenwart – ein wenig unheimlich und auf alle Fälle sehr faszinierend!

Gilles Lepore, Maciej Mądracki und Michał Mądracki: Praca Maszyn / The Work of Machines
2010. Polen / Schweiz. Polnisch mit englischen und französischen Untertiteln

Trailer auf der Website des internationalen Dokumentarfilmfestivals Amsterdam: http://www.idfa.nl/industry/tags/project.aspx?id=0650973A-13BE-46CA-8FA9-3FC121994251

Za żelazną bramą (Hinter dem eisernen Tor)

Dezember 15, 2010

Im Zentrum Warschaus, auf den Ruinen des ehemaligen Ghettos, entstanden zwischen 1965 und 1972 19 Blocks à 15 Stockwerke. In winzigen Dreizimmerwohnungen waren 11m2 pro Person vorgesehen, soviel wie es das Gesetz damals vorschrieb. Platz gibt es hier für insgesamt 25’000 Personen – eine Kleinstadt.
Heidrun Holzfeind portraitiert in ihrem Film Bewohner/innen, die von ihrem Alltag in der Wohnsiedlung Za żelazną bramą (Hinter dem eisernen Tor) erzählen. Da ist beispielsweise der jugendliche Rapper, der die Umgebung so beschreibt: „Dort drüben ist ein Fünfstern-Hotel, dieses Hotel hier hat vier Sterne, dieses dort drei.“ In der Tat wurden in den letzten Jahren Luxushotels sowie neue, noch höhere Hochhäuser und Bürotürme um und zwischen diese seelenlosen Blocks gebaut, die von vielen Warschauer/innen als ungeliebtes Erbe der kommunistischen Ära empfunden werden. Andere Jugendliche schildern die Wohngegend halb gelangweilt, halb ironisch so: „Dort ist der Schulhof, hier ein Spielplatz, dort noch ein Spielplatz, hier sind Blocks.“ Sie wollen nur weg von hier, an einen „wilderen Ort“, aber wissen genau, dass das nicht realistisch ist, denn in zehn, zwanzig Jahren wird es auch in den neuen, schicken Wohnhäusern nicht besser sein als in diesen Blocks.
Die „Alteingesessenen“ hingegen scheinen an dem Ort zu hängen, denn wenn man lange am gleichen Ort lebt, fängt man an, Wurzeln zu schlagen. Eine ältere Dame meint, sie werde garantiert nicht sterben, nur weil zur richtigen Zeit kein Arzt in der Nähe sei: „Alles ist nur ein Steinwurf von hier entfernt.“ Sie fühle sich sicher hier.
Nicht zuletzt wegen ihrer zentralen Lage galten die von viel Grün umgebenen Wohnungen in den 1970er Jahren als luxuriös. Vertreter/innen der polnischen Intelligenzija wohnten hier: Za żelazną bramą war ein Vorzeigeviertel der kommunistischen Bauplanung.
Aber auch heute gibt es Bewohner/innen, die sich hier ganz gut eingerichtet haben: So hat sich etwa ein Paar die ganze Wohnung umbauen und von einer Interior Designerin gestalten lassen. Dank den elegant-schlichten Möbeln in Pastellfarben und den größeren Räumen, die durch das Herausreissen der Wände entstanden sind, wirkt die Wohnung schon fast wie ein modernes Appartement. Oder die Wohnung eines ehemaligen Soldaten der Heimatarmee, der sich am Warschauer Aufstand beteiligt hat: An den Wänden hängen antike Waffen und Portraits polnischer Staatsmänner; sogar eine Rüstung steht in einer Ecke. Die Wohnung dieses Napoleon-Verehrers, dessen Familie schon seit Generationen für Polen gekämpft hat, gleicht einem Kriegsmuseum. Er habe sich hier, sagt er, ein Zuhause mit „polnischer Atmosphäre“ geschaffen.

Za żelazną bramą erzählt auf eindrückliche Weise von der Realisierung einer Utopie im sozrealistischen Stil, die, aus heutiger Sicht betrachtet, gewiss viel Ernüchterndes hat – aber dennoch fasziniert. Eine ganz besondere Dokumentation!

Heidrun Holzfeind: Za żelazną bramą/ Behind the Iron Gate

2009. Österreich/Polen/USA. Polnisch mit englischen Untertiteln

ISBN 978-3-03747-031-2

Trailer: http://www.moma.org/explore/multimedia/videos/90/526

Heidrun Holzfeind: http://www.heidrunholzfeind.com/ZZB.html