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Gedichte – nebenbei. Piotr Sommers „Im Dunkeln auch“

März 10, 2011

Das Beiläufige prägt die Lyrik des polnischen Dichters Piotr Sommer. Sein ungemein aufmerksamer Blick nimmt belanglose Details wahr wie den „Schatten eines Regentropfens“ („Cień kropli deszczu“) oder eine alltägliche Straßenszene:

Chłopiec

Jesiennym wieczorem

kiedy z boku nie biegnie

żaden groźny pies

tylko drzewa stoją

równo

a szare kałuże

przemykają pod parkanem

jak koty

 

Der Junge

An einem Herbstabend

wenn an der Seite

kein bissiger Hund läuft

nur die Bäume gerade

stehen

und die grauen Pfützen

am Zaun vorbeihuschen

wie Katzen

Beiläufig und eigenartig unbestimmt sind auch die „Dinge“, die das im Polnischen nachgestellte Adjektiv „manche“ von „Z rzeczy niektórych“ fast paradox in ein „Gewisses“ bannt. Gut gewählt ist so gesehen der Titel der zweisprachigen Auswahl von Piotr Sommers Gedichten Im Dunkeln auch, der dem „Adjektivischen Gedicht“ („Wiersz przymiotnikowy“) entnommen ist.

Neben den Gedichten seines neuesten Bands Tage und Nächte (Dni i noce, 2009) sind verschiedene Gedichte aus seinen früheren, seit 1977 erschienenen, Büchern in die Auswahl eingegangen. Übersetzt hat sie Renate Schmidgall – kunstvoll und einfallsreich in der Übertragung der verschiedenen Sprachebenen oder von Wiederholungsfiguren. Nur, dass das Deutsche sich in Melodik und Lautstruktur dem Polnischen nicht anzunähern vermag, so dass in den Übertragungen mit der klanglichen Veränderung der Text-Zusammenhalt manchmal etwas verblasst. Einen Versuch, zu einem Zusammenhang stiftenden Kern des Werks von Piotr Sommer vorzudringen, stellt das Nachwort von Jan Ekier dar, der Sommers Sprachauffassung und seine Suche nach Sprechweisen, nach dem Zuhören und dem Dialog in den Mittelpunkt stellt. Die Auswahl der Gedichte und deren Anordnung bleiben leider unkommentiert.

Die Verse sind wenig bildreich, auf den ersten Blick wirken sie nicht selten „ungeschliffen“ mit ihren umgangssprachlichen Wendungen, der wenig klaren Form, die in manchen Gedichten (beinahe) zum Prosatext gerät. Da gibt es Gedichte, die sich zu verlieren scheinen, vage in eine ungefähre Richtung weisen; hier wird eine Situation entworfen, dort eine Stimmung angedeutet; oft lapidar und alltäglich, wie beispielsweise der Moment des Abflugs in dem Flugzeug-Gedicht „Deszcz“ („Der Regen“). „Aber warum bin ich hängen geblieben / an diesem Lichtzweig?“ („Ale dlaczego przyczepiłem się / do tej gałązki światła?“) heißt es auch in einem Gedicht von 1980. Um das ‚Hängenbleiben‘ geht es, um das kurze Verweilen bei etwas, an dem viele vermutlich vorbeigingen. Und wozu? Deshalb. Als „Zwischensinn“ bezeichnet Jakub Ekier dieses Sich-Verlieren des Sprechers im Schauen, des Gedichts in seinem unerwartet frühen Ende.

Natürlich gibt es auch ganz andere Gedichte, „Przywitanie, powrót“ („Begrüßung, Rückkehr“ – eine Reminiszenz an Goethes „Abschied und Rückkehr“) beispielsweise, das zweite der „Zwei Gedichte für Suchy“ (1980). Dem Stand des Schreibtischs und der Tatenlosigkeit des Sprechens im ersten Gedicht stehen im zweiten dieses Minizyklus‘ Aufbruch und Zurückgelassen-Werden entgegen: Während einer Taxifahrt durch die nächtlichen Straßen der Stadt zu seinem Freund Andrzej am Abend vor dessen Abflug nach Chicago sinnt hier der Sprecher in einem Bewusstseinsstrom über Freundschaften nach. Gedanken über die Liebe sowie über Veränderungen (auch der eigenen Person) werden von Eindrücken der Außenwelt unterbrochen, ehe am Ende die Bitte an den Freund steht, nicht noch einmal eine Stelle anzunehmen, die so weit weg ist. Ein ähnliches Spiel der Wahrnehmungen und Sprechweisen zeigt sich in „Rano na ziemi“ (aus dem Band Hirtenlied, 1999), in dem die Stimme aus der Beschreibung einer winterlichen Morgenstimmung in den Ton und die Perspektive eines Jungen gleitet, in der sich alle Widersprüche aufheben. Die Verwandlungen und Wandelbarkeit der Stimmen mit ihren vielfältigen Überraschungen sind eine der Schönheiten dieser Gedichte.

Ein anderer Reiz dieser Gedichte liegt darin wie Piotr Sommer Heterogenes nebeneinander stellt und dichterisch miteinander vereinbart. Der Dichter lässt in den zwei Quartetten und einem eingeschobenen Terzett Tage, Kontinente, Vögel, Staubflocken in der Sonne, Blätter, den Atem und noch so mancherlei von einem „Luftstoß“ (so der gleichnamige Titel des Gedichts, „Pęd powietrza“) durchfahren. Und auch die Flut von Eindrücken und Erinnerungen bei einem Gang durch die Straßen („Idziemy sobie po ulicy“), die in nur sieben Versen Gedächtnis, Spulen, Knoten, Bänder und Dopplungen miteinander verknüpft, wird so lebendig, dass sich die Lesenden ganz selbstverständlich als Teil des lyrischen Wir empfinden. So gesehen laden die Gedichte auch zu einer Poetisierung des eigenen Alltäglichen ein, die bei Sommer als Selbstverständlichkeit aufscheint. Damit stellt der Band neben dem Erkunden der Sprache – und entsprechend inspirierend ist er – auch ein Spiel des Sehens und der Blickwinkel dar.

(…)

Nic nie będzie tak samo jak było,

i to też będzie jakoś nowe, bo przecież

przedtem bywało podobnie: poranek,

reszta dnia, wieczór i noc, a teraz już nie.

 

Nichts wird so sein, wie es war,

und auch das wird irgendwie neu sein, denn schließlich

war es vorher ähnlich: Morgen,

Rest des Tages, Abend, Nacht, und jetzt nicht mehr.

 

(aus dem Gedicht „Ciąg dalszy“, „Fortsetzung“ aus dem Band Hirtenlied, 1999)

 

Piotr Sommer: Im Dunkeln auch. Gedichte. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, Berlin: Matthes & Seitz Verlag, 2010 (978-3-88221-692-9), 24,80 Euro.

Eine Auswahl aus Anna Al‘čuks Œuvre

September 8, 2010

– Anagramm, Klammer und andere Sprach-Verzweigungen

schwebe zu stand. Im Schwebezustand, im zweisprachigen, sind fast alle Texte dieses Bandes, einem kleinen Werkpanorama der Künstlerin Anna Al‘čuk. Da schieben sich Buchstaben übereinander. Auch laden Klammern und Versenden zu doppelten und dreifachen Lesarten ein wie ein manchmal buntes Durcheinander von Majuskeln und Minuskeln.  Folgt die Leserin dem Imperativ und verfolgt die schwebenden Fäden, bis sie zum Stand kommen – vor allem in den neueren Texten (seit Mitte der 1980er Jahre) zu vielfältigen Bedeutungen – dann gerät das anfängliche Vers- und stellenweise Buchstabengewirr zu poetischen Bildern.

Die Zweisprachigkeit potenziert bei diesen Gedichten, bei denen die Übersetzung nur Koautorschaft sein kann (wie Anna Al’čuk in einem von Michail Ryklin im Nachwort zitierten Manuskript schrieb) das Schweben, legen die beiden Sprachen doch wechselseitig Spuren bloß, die in der einen gar nicht unbedingt auffallen. Sehr schön, dass es immer wieder zwei, einmal auch drei Varianten zu einem russischen Gedicht gibt:

ра(дости гнуть)

испеПЕПЕЛинию

феникс (ли

кующий)

ил ЛИ БО

пьяный

———-

GLU(cksen)T

aus der asche LUGt

phönix lü

stern

o der WE der BE

trunken

———-

freuden schmiedend

aus der lineASCHE

ist das phö

nix jubel

oder LI(e) be(r) BO

trunken

———-

freud(voll führen)

ausASCHEerstehen

jubi LI

erender phönix

trunkener PO

et

Der Einfallsreichtum des Übersetzertrios, Gabriele Leupold, Henrike Schmidt und Georg Witte, beeindruckt in diesem fortwährenden Balanceakt aus Textnähe und der Loslösung vom russischen Original, derer es bedarf, um die Wort- und Bedeutungsspiele im Deutschen  nachzuempfinden. Gabriele Leupold und Henrike Schmidt beschreiben diese Suche in ihrem „Werkstattbericht“, in dem sie anhand einzelner Gedichte „die beiden wichtigsten Verfahren – Anagramm und Verklammerung, Zerlegen und Verdichten“ und ihre Nachdichtungen im Deutschen illustrieren: „Um das Wesentliche dieser Lyrik zu treffen, muss die deutsche Übersetzung die Methode der Autorin aufgreifen und versuchen, mit einem in ihrem Sinn gewählten Wortmaterial eine ähnliche Gestalt und dieselbe Verdichtung zu erzeugen wie im Original.“

Nicht alle Texte sind so filigran wie das zitierte Gedicht. Die frühen aus den 1970er Jahren, auch diese immer wieder klangvoll, auch diese mit verschiedenen Auflösungsfiguren, folgen durchaus bekannteren Versformen (wenn Al‘čuk sie auch kreativ weiterschreibt). Von ihnen aus scheinen die „rhythmischen Pausen“ eine Brücke zu bilden zu den Texten der letzten Werkphase, der das obige Zitat entstammt. Mit den „Einzellern“ (1988), gewissermaßen dem dichterischen Pendant zu Malevičs „Schwarzem Quadrat“ – „Schwarze Buchstabenquadrate“ nennt sie das Übersetzertrio – stellt der Band die verschiedenen Schaffensphasen und -weisen der Künstlerin vor.

Die beiden Nachworte erzählen von ihr, von ihrem Leben, ihrer Zeit und dem Kunstschaffen, Wer hier weiterlesen möchte, erfährt viel über Anna Al’čuks Werk, aber auch das sowjetische und postsowjetische kulturelle Leben. Mit dem Nachwort ihres Ehemanns Michail Ryklin, einem Nachruf, erhält die Auswahl einen in anderer Hinsicht persönlichen Ton und zugleich einen politischen: Anna Al’čuk und Michail Ryklin verließen Moskau 2007. Den Entschluss, so berichtet Ryklin, hat Al’čuk 2004 gefasst, als sie in einem Strafprozess in der Folge der Ausstellung „Achtung Religion!“ vor Gericht stand; auch der Freispruch vom „Schürzen nationalen und religiösen Zwistes“ änderte nichts daran. In seinem Nachwort liest man auch von dichterischen Vorbildern und Einflüssen: Marina Cvetaeva, dem Lieblingsdichter Osip Mandelstam (Widmungsgedichte und Epigraphen in der Auswahl von Gedichten künden bereits davon), Sapgir, Cvel (mit dem sie 1987 den „Klub der Geschichte der zeitgenössischen Poesie“ gründete), die japanische Lyrik, deren Einfluss sich vor allem in der späteren Lyrik zeigt. Das Nachwort und der Werkstattbericht ergänzen sich: erzählt das eine vom Leben der Künstlerin, widmet sich der andere der Gemachtheit der Gedichte. Gabriele Leupold und Henrike Schmidt lassen in den Beschreibung ihrer Übersetzerinnenarbeit die Verfahren der Dichterin anschaulich werden, ihre Anagramme, Verschiebungen, ihre „Elementarlehre, die linguistische Separationskunst und poetische Naturphilosophie zusammenführt“.

schwebe zu stand ist eine Einladung, eine hierzulande bislang kaum bekannte, vielseitige Künstlerin kennenzulernen. Und der Band lädt mit weit geöffneten Türen zu einer Bekanntschaft ein, bietet er doch sowohl in der Textauswahl als auch in den Beigaben von Werkstattbericht und Nachwort unterschiedliche Zugänge zu einem Werk, das – wie in dem Gedicht auf dem Buchrücken angekündigt – Raum und Zeit außer Kraft setzt:

matt setz ich dich

Raum

schach dir –

Zeit

Im Rahmen des 1o.internationalen literaturfestivals berlin findet am Sonntag den 19.09.2010 um 16.30 eine Buchvorstellung mit Michail Ryklin im Haus der Kulturen der Welt statt, Moderation: Katharina Raabe, Sprecherin:  Gabriele Leupold

Anna Altschuk: schwebe zu stand, Übersetzung: Gabriele Leupold/Henrike Schmidt/Geort Witte, Nachwort: Michail Ryklin, Frankfurt/Main 2010, [978-3-518-12610-3, edition suhrkamp 2610], 12.- Euro.

Eine historische Erkundung der Ukraine – nicht nur orange

August 5, 2010

Kerstin S. Jobsts Geschichte der Ukraine ist äußerlich ein unscheinbares Reclam-Heft (Reihe Sachbuch). Der Titel – und das ist das Bewunderswerte und Großartige an diesem pinkfarben-orangenen Buch von gerade einmal 259 Seiten – ist keine Übertreibung: es ist die Geschichte der „ukrainischen Länder“, wie die Autorin die Ukraine angesichts ihrer historischen und geographischen Vielfalt bezeichnet, von „der  frühesten Zeit“ und der „Entstehung der Kiever Rus’“ bis in die Gegenwart. Dem chronologischen Gang durch die Zeiten vorangestellt ist ein Kapitel über die aktuelle Situation seit der orangenen Revolution. Dieser Aufbau des Buches erweist sich als Programm: Aktuelle Ereignisse, Fragestellungen und Probleme bilden den Rahmen, der so in seiner geschichtlichen Entstehung und seinen historischen Gründen erkundet wird. Ganz in die Gegenwart greift auch das letzte Kapitel über „ethnische Sondergruppen“, ein Kapitel, das mit einem Bericht über die Krimtataren, ihre Deportation 1944 nach Zentralasien unter Stalin und schließlich dem beginnenden Rückzug auf die Krim in den 1960er Jahren und dessen erstem Höhepunkt in den 1990er Jahren, aber auch mit der Diskussion um die „Russinen“ aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen diskutiert.

Eingebettet in diesen Rahmen ist eine chronologische Darstellung der Geschichte der ukrainischen Länder. Doch auch in diesen Kapiteln schlägt Kerstin Jobst immer wieder den Bogen in die Gegenwart, wirft einen kurzen Blick auf die neueste Literatur, namhafte Boxmeister oder Rockstars und ihre Stellung in der Gesellschaft bzw. ihre politischen Selbstpositionierungen. Deutlich wird so, wie beispielsweise die Kosaken, die Gemeinschaft „freier Krieger“, die ursprünglich gerade nicht national bestimmt war, zu einem der zentralen Mythen in der ukrainischen Gesellschaft werden konnten. Indem die Autorin immer wieder aus weit zurückliegenden Ereignissen und Entwicklungen auf die Gegenwart verweist, zeigt sie, wie sich das Vergangene in der Gegenwart niederschlägt, wie es verwandelt und v.a. auch anverwandelt wird. So entsteht neben einem Bild der Geschichte der Ukraine (das in der Kürze natürlich das eine oder andere nur streifen kann) ein Verständnis für das Land in seiner heutigen Ausprägung.

Kerstin Jobst erzählt nicht eine Geschichte. Vielmehr zeigt sie die Perspektiven, verschiedene Interpretationen desselben Ereignisses und seiner Kontextualisierung bzw. seines Stellenwertes in den unterschiedlichen regionalen kollektiven Geschichtsbildern auf. Bei all dem besteht dennoch ein chronologischer Faden, so dass es doch eine Geschichte ist, eben eine mit mehreren Lesarten. So entsteht ein vielseitiges Bild, in dem die divergenten Prägungen verschiedener Regionen der heutigen Ukraine unter polnischer sowie russischen Herrschaft und unter der Herrschaft des Habsburger Reiches hervortreten, in dem sich der Kosakenmythos und die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik in eine Abfolge reihen, die letztlich zu diesem heterogenen Staat „Ukraine“ in seiner heutigen Form führten, der im August 1991 seine Unabhängigkeit erklärte. Dabei lässt die Autorin immer wieder anschaulich werden, wie schwierig sich der Prozess des Nation building für einen Staat mit einer so heterogenen Vergangenheit darstellt.

Am Ende steht eine Sympathie für diesen ukrainischen Staat, den Kerstin S. Jobst als einen der Transformationsstaaten beschreibt, der deutlich demokratische Züge trägt. Abgerundet wird der Band übrigens durch eine kurze Liste weiterführender Literatur mit Überblicksdarstellungen zur ukrainischen Geschichte. Das Kapitel zur ukrainischen Literatur, das der Verlag leider nicht mit aufnehmen wollte, wird in Bälde online verfügbar sein.

Kerstin S. Jobst: Geschichte der Ukraine, Stuttgart 2010, (isbn: 978-3-15-018279-6; 7.- Euro).