Autor-Archiv

Veranstaltungshinweis: Vortrag zu Queer Studies und queerem Aktivismus in der Ukraine und in Belarus

Juli 15, 2014

Hier die Ankündigung der Veranstalter_innen:

Wir – das trans*regionale kvir_migrant_kollektiv und die Fachschaft Slawistik & Ungarisch der HU Berlin – laden euch herzlich zu einem Vortrag mit anschließender Diskussion ein:

„Möglichkeiten und Praktiken von Queer Studies in postsowjetischen Räumen“

Zwei queer_feministische Aktivistinnen und Forschende aus der Ukraine und Belarus, Galina Yarmanova und Tatsjana Shurko, werden über einige queere aktivistische und wissenschaftliche Projekte der letzten Jahre in Belarus und der Ukraine referieren.

Wann? am 17. Juli um 19 Uhr
Wo? Dorotheenstraße 65 (Institut für Slawistik, Humboldt-Universität zu Berlin), 5. Etage, Raum 5.57 (barrierefreier Zugang!)

Der Vortrag findet auf Russisch mit Übersetzung ins Deutsche statt. Während der Diskussion übersetzen wir gerne eure Fragen und Antworten 🙂

Возможности и практики квир-исследований на постсоветском пространстве (more…)

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Veranstaltungshinweis: „From Kyiv with love“ — Queere Lebenswelten in der Ukraine

Oktober 4, 2013

Podiumsdiskussion und Broschürenpräsentation am 10.10.2013 in Berlin

from_kyiv_with_love Die ukrainische Gesellschaft ist in den letzten Jahren verstärkt in Bewegung geraten. Die Unzufriedenheit über die missglückte Transformation in eine bürgerliche Gesellschaft und das soziale Auseinanderdriften der Bevölkerung führten nicht zu nachhaltigen Protestbewegungen. Stattdessen ist insgesamt ein Rechtsruck in der Gesellschaft zu verzeichnen. Gleichzeitig hat aber auch die LGBT* (LesbianGayBiTrans*) Szene ihre Sichtbarkeit in den letzten Jahren enorm erhöht und versucht verstärkt ihre Themen in die Öffentlichkeit zu tragen. Neben dem Aufbau neuer Organisationsstrukturen und -formen, haben Aktivist*innen im Mai 2013 das erste Mal eine Gay Pride in Kyiv organisiert. Im Hinblick auf die massive Gegenwehr von homo- und trans*phoben Organisationen und der Politik ist dies ein großer Erfolg. (more…)

Eine sogenannte Himmelsrichtung

August 15, 2013

Text, Fotos und Audiobeitrag von:
Renée Somnitz und Anne-Christin Grunwald

Wo liegt eigentlich „Osteuropa“? Gehören die DDR und Österreich dazu? Welche Funktionen erfüllen Osteuropa-Stereotype für das westeuropäische Selbstbild? Auf welche Weise sind wir selbst in das Machtverhältnis zwischen „Ost“ und „West“ verstrickt?

Wie so häufig bei selbstorganisierten Bildungsprojekten, standen auch bei dem von April 2012 bis Februar 2013 an der Humboldt-Universität zu Berlin durchgeführten Projekttutorium „,Osten ist, was du draus machst!‘ – Osteuropakonstruktionen aus machtkritischer Perspektive“ eine Menge Fragen am Ausgangspunkt der Reise. Einer Reise, bei der wir nicht nur auf der Suche nach dem „Osten“ immer wieder im „Westen“ ankamen, bei dessen Selbstinszenierung und dessen Blick auf die „osteuropäischen Anderen“. Einer Reise, dessen Ziel auch deshalb niemand wirklich kannte, da es sich um ein Projekt der Self-Education handelte, ein prozessorientiertes, offenes Lernen, bei dem nicht nur die Grenzen zwischen „Ost“ und „West“, sondern auch jene zwischen Leitung und Teilnehmer_innen, zwischen Lehrenden und Lernenden überschritten werden sollten. Dabei ging es jedoch nicht darum, solche Grenzen einfach zu ignorieren, sondern um ihre Hinterfragung: Wozu werden Grenzen gezogen, wem nützen sie, wer darf „innen“, wer muss „außen“ sein und warum?

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Es blieb dann auch nicht nur bei Fragen. Zunehmend kamen selbst auferlegte Aufforderungen hinzu: Nach dem Motto „Keine Angst vorm Atlas – Mut zur Schere!“ wurde beispielsweise die vermeintliche Objektivität von Wissen, wie es sich in geografischen Karten manifestiert, in Frage gestellt. An anderer Stelle verlangte etwa die Analyse von Liederbüchern aus der eigenen Kindheit oder die Betrachtung aktueller Reiseführer und alltäglich konsumierter Presseberichte immer wieder, den eigenen Blick kritisch in den Blick zu nehmen. (more…)

Queer-feministische Stimmen aus dem „Osten“

Juli 9, 2013

Das selbstorganisierte Festival „Kvir_Feminist_Actziya 2013“

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ein Text von Xenia Urmenic

Das DIY(Do It Yourself )-Festival „Kvir_Feminist_Actziya“ fand in diesem Jahr zum ersten Mal statt, vom 6.-9. Juni in Wien.

Uns, als Organisator*innen, ging es in erster Linie darum, einen kritischen Blick auf das zu lenken, was ganz beiläufig und normiert als „der Westen“, „der Osten“ oder „der Südosten“ bezeichnet wird. Wir wollten Menschen aus dem sogenannten „Osten“ und „Südosten“ zusammen mit allen anderen (je nach selbstgewählter Definition) zum Diskutieren, Kritischsein und Kunstmachen einladen. Wichtig war für uns nicht nur, feministische Entwürfe aus dem deutschsprachigen Kontext kritisch zu betrachten, sondern auch, einen Raum für die (Re-)Präsentation anderer (queer-)feministischer Konzeptionen und Lebenserfahrungen zu schaffen. Darüber hinaus ging es uns um die Sichtbarmachung migrantischer Erfahrungen, da diese in „Westeuropa“ selbst in queer-feministischen Kontexten nur allzu häufig ,übersehen‘ werden.

Unser DIY-Festival bestand aus Diskussionen, Workshops, Ausstellungen, Performances von und mit Aktivist*innen, Künstler*innen, Musiker*innen, politischen Bildner*innen und anderen Vertreter*innen aus „Südost- und Osteuropa“. (more…)

„The Invisibly Growing Resistance“ — Vortrag zu Feminismus in Russland am 8.7. in Berlin

Juli 4, 2013

Ein Veranstaltungshinweis:

Am 8.7.2013 gibt es die Gelegenheit, in Berlin dem Vortrag „The Invisibly Growing Resistance: the Feminist Movement in Today’s Russia“ von Vera Akulova zu lauschen und anschließend darüber zu diskutieren. Die Referentin ist eine feministische Aktivistin aus Moskau und Soziologie-Doktorandin an der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Als erster Einblick:
Das Wort „Feminismus“ löst in Russland nach wie vor Beängstigung und Unverständnis aus. In den 90er Jahren formierte sich die Frauenbewegung unter den Bedingungen einer patriarchalen Renaissance und in einem Moment, in dem der politische Protest abnahm. Und obwohl die Mehrheit der Mitwirkenden im Rahmen ihrer NGO-Arbeit faktisch das Programm des liberalen Feminismus in die Tat umsetzten, identifizierten sich viele von ihnen nicht als Feministinnen. Eine neue Bewegungswelle setzte Mitte der 2000er Jahre ein, zeitgleich mit einem neuen politischen Kurs, der in Hinblick auf Genderfragen explizit konservativ war. Die feministischen Initiativen der neuen Generation sind selbstorganisiert und nehmen verschiedene Formen an: von Online-Communities hin zu Empowerment-Gruppen, von kollektiven Projekten mit dem Ziel, sich selbst weiterzubilden, hin zu Straßen-Aktionen. Von der Regierung und den Massenmedien kaum wahrgenommen, wächst die feministische Bewegung; sie wird immer vielfältiger und entwickelt alternative Perspektiven auf die Geschlechterordnung.

Der Vortrag findet am Montag, den 8.7. ab 18.00 der Dorotheenstraße 24, Raum 1.308 statt.
Er wird in englischer Sprache gehalten, Flüsterübersetzungen ins Deutsche und Russische sind möglich.
Kontakt für Fragen: xenia.urmenic [at] gmail.com

Alle sind zum gemeinsamen Reden und Nachdenken herzlich eingeladen!

Poesiealbum. Mit Abziehbildchen aus Sarajevo.

Juni 2, 2011

Die Sarajevski Dani Poezije (11.-18.5.2011) in Bruchstücken. Völlig sinnfreie Aufzählung einzelner Eindrücke, freches Einflechten von ungenauen Zitaten ohne Fußnoten, und das nur zwei Wochen zu spät.

Mittwoch. Zemaljski Muzej. Rein, durch, raus, rein in den botanischen Garten, Sonne mit gelegentlichen Schauern, Klappstühle.

Feierlich wird eröffnet, was es zu eröffnen gilt, Worte werden geschwungen, beschwingt höre ich zu. Ein Mikro mit Echo, das ist wie bei einer serbischen Hochzeit, zischt S rüber. Hört, hört: Die Barbarei ist heutzutage die grundlegende Farbe unserer Realität. Gut, dass wir als Mittel dagegen die Poesie haben. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in den nächsten Tagen zumindest die Illusionen genießen… Jemand liest sein Gedicht so vor, dass ich wegrennen möchte, eine andere liest mit großartiger Stimme, die raucht bestimmt täglich mindestens eine Schachtel, sagt M. Das alles in verschiedene Sprachen, nicht verkehrt. Mit erfüllter Seele gehen wir anschließend Kaffee trinken, auch das soll gut sein gegen die Barbarei, obwohl die grundlegende Farbe gemahlenen Kaffees braun ist.

Montag. Filozofski Fakultet. Treppe hoch, dann rechts, durch die Tür, rechts, durch die Tür, zu spät, in die Ecke, dezentes Aufklappen des Klappstuhls.

Poezija – tradicija, tranzicija. Uh. Es gibt viele Theorien, drum wollen wir festhalten: Der Kern der Poesie befindet sich in der Poesie selbst. Oha. Ein Kind spielt mit einer bunten Plastikknarre, die Düddelü macht. Einzig totalitäre Systeme geben der Poesie so viel Bedeutung, wie sie verdient. Auf jeden Fall eine inspirierendere These als jene über den Kern. Ihr Verfechter braucht dringend eine Zigarette, und da er nebenbei auch Moderator ist, wird die Veranstaltung beendet. Eine gute Gelegenheit für einen großen Dichter, sich der aufgeschlossenen Jugend, die u.a. ich zu repräsentieren das Vergnügen habe, im privaten Rahmen zu nähern, um sie vor falschen Freund_innen zu warnen: Die zeitgenössische Poesie ist nichts wert, aber auch gar nichts! Was iiich hingegen schon an großen Werken vollbracht habe… Das nenne ich kernig.

Dienstag. Elektrotehnička škola. Klopfen, warten, klopfen, rein, Treppe hoch, rein, die Schüler_innen müssen für die anderen Besucher_innen die Sitzplätze räumen, hinsetzen, ätsch, liebe Schüler_innen, ich bin fünf Jahre älter als ihr und gehöre schon zum ernst zu nehmenden Publikum.

Hier zu sein lohnt sich hauptsächlich wegen jemandem, der umwerfend vorliest, das macht Gänsehaut, sagt M. Skandal des Tages: Der von der Moderatorin vergessenen Dichterin gelingt es, sich über das Vergessenwerden in so unsympathischer Weise aufzuregen, dass ich keinerlei Mitleid mit ihr haben kann. Daher innerlicher Applaus für den Umwerfer ob eines schönen Beispiels direkter Intervention: Willste jetzt lesen oder nicht?, faucht er sie an. Pikiert klappt Madame also doch noch ihr Buch auf, ein Gedicht für uns Frauen, das hatte mir gerade noch gefehlt. Dann durch den Regen nach Hause, im Kopf ein Gedicht, nicht das für uns Frauen, nein. Samo Sana teče prema vama.

Mittwoch. Dom Mladih. Rein, ein Raum, den ich bei einer Technoparty kennen gelernt habe, es fällt mir immer noch schwer, mich von dieser Assoziation zu lösen, früh da, freie Platzwahl, Leinwand.

War an den anderen Tagen auch so eine gerontologische Atmosphäre, fragt B. Eine Poetin schläft auf der Bühne ein; als sie dran ist, sagt sie, hier zu sein, sei eine Ehre. Ein Poet gibt sich für einen anderen aus, weil sie die zweisprachige Ansage mit Kurzbiographie scheinbar beide nicht mitbekommen haben. Dann eine Schlussrede, in der über die kommunistische Eiszeit schwadroniert wird, eieiei; es sei Zeit, sich dem modernen Europa anzunähern fuj. Falls ich mal so werden sollte wie einer von denen, sagt B, der selber schreibt und daher erst recht Gefahr läuft, so zu werden wie einer von denen, sei so frei und greif‘ zur Knarre… Dann ist aus die Maus und wir gehen raus. Das waren sie also, die Sarajevski Dani Poezije, in ihrem 50. Jubiläumsjahr. Zu diesem Festival wurde wohl auch schon mal Radovan Karadžić eingeladen, was angenehmerweise auch jetzt nicht vertuscht wird… Später beim Bierchen reden wir über ein unangenehmes Thema, lasst uns über was anderes reden, schlage ich daher konstruktiv vor – ja, zum Beispiel über einen Dichter, das wäre doch schön, meint I, und das ohne Ironie, vielmehr leuchtenden Auges!

Die Tage danach. Überall und nirgends. Weiterlesen in der Virtualität.

Website des Festivals: www.sadapoezije.ba (Lust auf Ratespiel? Ordne die in diesem Beitrag erwähnten Personen den Namen im Programm zu!).  Schleichwerbung mit dem Zaunpfahl: http://gregorfehmi.blog.hr/ (Texte von B, der nicht so werden will wie einer von denen…).

Jetze. Hier. Poesie. Denn das letzte Wort gehört den Worten. Ungefragt beigetragen von Erich Fried.

Darf ein Gedicht / in einer Welt / die an ihrer Zerrissenheit / vielleicht untergeht / immer noch einfach sein? // Darf ein Gedicht / in einer Welt / die vielleicht untergeht / an ihrer Zerrissenheit / anders als einfach sein? // Darf eine Welt / die vielleicht an ihrer / Zerrissenheit untergeht / einem Gedicht / Vorschriften machen?

„Es war nicht in böser Absicht“

Mai 13, 2010

Oder von der Notwendigkeit, Fragen in Frage zu stellen

Stimmen zum Podiumsgespräch mit Ivana Sajko und Dorota Masłowska am 6. Mai im LCB


Stimme 1 (erleuchtet):

Nun, was hier kürzlich über die Eröffnungsveranstaltung des Symposiums „Dramaqueen“ am LCB gebloggt wurde, ist wirklich bösartig und übertrieben. Geradezu ein Verriss um des Verrisses willen! Ich jedenfalls fand das von Sabine Adler moderierte Gespräch mit den Dramatikerinnen Ivana Sajko und Dorota Masłowska äußerst inspirierend! Zielstrebig und konsequent führte die Moderatorin das Interview. Gekonnt wusste sie mit dem emanzipatorischen Getue der Gäste umzugehen und forderte sie heraus, ihr wahres Gesicht hinter der aufgesetzten Maske zu zeigen. Denn was verbirgt sich hinter der schieren Obszönität, der geballten Gewalt, der plakativen Sexualität ihrer Werke? Folgen die Frauen damit nicht einfach einem äußerst lukrativen Trend, der ihnen schnellen Ruhm und Publicity verspricht? Wut und Vulgarität haben in der schönen Literatur nichts zu suchen! Gerade jetzt, da in Kroatien der Krieg vorbei ist, wäre es doch auch wirklich an der Zeit – wie Frau Adler richtigerweise und in der für sie so charakteristischen präzisen Wortwahl empfiehlt – mal „Schwamm drüber“ zu sagen. Dank ihrer langjährigen journalistischen Erfahrung zeigte die Moderatorin – in einer beeindruckend unerschrockenen, investigativen Herangehensweise – dennoch edelmütig Bereitschaft, sich mit den schwerwiegenden Problemen der osteuropäischen Gesellschaften auseinanderzusetzen, insbesondere mit Drogen und Gewalt. Großzügig lobend hob sie in diesem Kontext auch hervor, dass Sajko endlich einmal auf die tragische Rolle der Frau als handlungsunfähiges Opfer im Krieg aufmerksam gemacht habe, forderte aber gleichzeitig zurecht eine verstärkte Reflexion des in den Texten beider Autorinnen so intensiv postulierten Männerhasses.

Die in ihren Werken doch so großmaulige Masłowska wusste bald nicht mehr, was sie auf Frau Adlers pointierte Fragen antworten sollte und vertuschte es mit punkig-adoleszentem Schweigen, während sich Sajko in ihrer üblichen sprachlichen Laxheit über „the shit of the world“ ausließ. Frau Adler verfolgte jedoch trotz Ablenkungsmanövern und versuchter Gesprächsverweigerung weiterhin eine klare Linie bei der Interviewführung. Dadurch gelang es ihr, zentrale Aspekte des literarischen Schaffens Masłowskas und Sajkos kritisch zu hinterfragen und wichtige Impulse für eine gesellschaftliche wie auch künstlerische Weiterentwicklung zu geben – jenseits von Gewalt, sprachlicher Grobheit, aufgesetzten Draufgängerinnentums und unnötiger sexueller Anspielungen.

Stimme 2 (vergebend):

Rückständiges Osteuropa, böse Sexualität, zu viel Aggression?

Dass sich die platten Fragen der Moderatorin als „provokante Fragen“ verkleiden, kann ihre Plattheit zwar nicht verbergen, aber „Provokation“ ist trotzdem ein sympathischer Begriff. Dass die zentrale Provokation Sajkos und Masłowskas im Gebrauch von Geschlechtsorgane bezeichnenden Wörtern besteht, ist mir zwar neu, aber dass die Moderatorin selbiges offenbar tatsächlich als beschämend und Aufsehen erregend empfindet, ist ja im Grunde irgendwie niedlich. Dass sie Männerhass sieht, wo keiner ist – nun ja, das haben vor ihr ja auch schon andere getan, ganz im Sinne des Antifeminismus. Und dass sie, trotz Widerspruchs von Sajko und Masłowska, versucht, gesellschaftliche Probleme auf Polen und Kroatien abzuschieben – das sind doch diese Länder im fernen, fernen Osten mit ganz viel Gewalt und so, oder? – Schwamm drüber!

Außerdem ist es den beiden Befragten ja glücklicherweise trotz allem irgendwie gelungen, nicht nur brav Antworten auf jede noch so „provokante“ Frage zu geben, sondern sogar – den schlechten Vorlagen zum Trotz – einige tatsächlich bereichernde Dinge zu sagen, für die es sich also doch gelohnt hat, zum LCB zu fahren…

Stimme 3 (zynisch):

Der Unmut auf dem Podium, der angesichts der zahlreichen unangenehm-suggestiven Fragen insbesondere Masłowska zunehmend anzumerken ist, scheint irgendwann sogar von Frau Adler feinfühlig wahrgenommen zu werden. Nur leider, leider kann sie an dieser unerträglichen Situation ja nichts ändern: „Ich muss Sie weiterquälen. Sie sind ja selber schuld, weil Sie so erfolgreich sind!“ Interessantes Selbstverständnis als Moderatorin. Und wo wir’s schon vom Quälen haben: Vielleicht hätte eine bessere Vorbereitung auf den Abend auch zu der Erkenntnis beigetragen, dass Sajko keinesfalls von armen passiven Opfern schreibt? Egal, eigentlich interessiert Literatur und ihr subversives Potential hier ja scheinbar sowieso niemanden, nein, wir sind schließlich hier, um endlich einmal zu erfahren, wie denn nun die Situation in diesen weit entfernten Ländern im anrüchigen Osten ist!

Stimme 4 (zusammenfassend):

Ein passendes Schlusswort? Das hat zum Glück Frau Adler selbst geboten: „Es war nicht in böser Absicht.“ Welch’ erfreuliche Nachricht, und was könnte dieses Nicht-Gespräch besser zusammenfassen? Das in diesem Blogbeitrag gefällte vernichtende Urteil über die Moderation des Nicht-Gespräches ist hingegen sehr wohl ein Resultat böser Absicht: Der geneigten Leserin wird sicher nicht entgangen sein, dass sich Stimme 1 und 2 lediglich, ganz nach dem Vorbild der platten Fragen, verkleidet haben und in Wirklichkeit auch zynisch sind… Wir wollen der Person, die da mit scheinbar unterschiedlichen und in Wahrheit bloß zynischen Stimmen spricht, ihre bösen Absichten jedoch verzeihen: Sie ist schließlich noch jung und darf also noch wütend sein (das erlaubt sogar Frau Adler), sie darf also auch nach Lust und Laune über unangemessene Fragen herziehen, und sie darf abschließend, in Anlehnung an Sajkos Schlusswort (als einen der wenigen tatsächlich erleuchtenden Momente des Abends) auf eine wichtige Aufgabe von Literatur verweisen: das Aufwerfen komplexer, spannender, offener Fragen. Dass es solche überhaupt gibt, wäre an diesem Abend im LCB leider fast in Vergessenheit geraten.

Text: Anne Grunwald & Nastasia Louveau

Illustration: Nastasia Louveau