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Pioniere, Stumme und Elvis Presley – eine Filmrezension zu »Šapito-Show«

März 1, 2012

Fast wäre »Šapito-Show« für den Oscar nominiert worden. Nachdem der Film von Sergej Loban und Marina Potapova letzten Sommer auf mehreren Festivals Furore gemacht hatte und bereits Kultstatus erlangte, bevor er überhaupt im Kino zu sehen war, sollte er als russischer Beitrag zu den Oscarverleihungen geschickt werden. Aber, so erklärt Potapova, Nikita Michalkov, sozusagen die graue Eminenz des russischen Kinos, habe das nicht zugelassen, habe die Abstimmung gekauft und so seinen eigenen Film »Zitadelle« nach Hollywood bugsiert. Danach habe Nikita, so Potapova, den Regisseur Sergej Loban angerufen, sich bei ihm entschuldigt, sie hätten sich getroffen und nach gegenseitigen rührseligen Respektbezeugungen wären sie als enge Freunde auseinander gegangen.
Ob das nun stimmt oder nicht, auf jeden Fall ist »Šapito-Show« einer der besten Filme, der in den letzten Jahre auf der russischen Leinwand zu sehen war. Er kommt aus dem Umfeld der Künstlergruppe »SVOI 2000«, einer Vereinigung von selbsternannten „Kunst-Hooligans“, die nicht nur Kino machen, das trotz seines Art-House Charakters sehr nah an die russische Wirklichkeit heranreicht (der eine oder andere kann sich vielleicht an den Low-Budget-Film »Pyl’« erinnern), sondern auch politisch aktiv sind und z.B. gegen den berüchtigten russischen Armeedienst mobil machen. Außerdem wollen die SVOI über die Internetplattform »Naparapet.ru« die Finanzierung von künstlerischen Projekten durch öffentliche, d.h. nicht staatliche Spenden realisieren.

 

Der großartige Film »Šapito-Show« ist ein neueres Projekt von »SVOI 2000«. In vier eng miteinander verwobenen Episoden werden Geschichten von Liebe und Respekt, verlorener Freundschaft, einer schwierigen Vater-Sohn Beziehung und dem so genannten Showbusiness erzählt, die alle auf der mysteriösen Zirkusbühne des »Šapito« ein furioses Finale erleben.
Die Handlung entfaltet sich auf der Krim, die schon seit etwa zwei Jahrhunderten als Bühne für Theater, Ausschweifung und Exotik herhalten muss, und deren Rolle als russisches Touristenparadies (Karaoke, Schaschlik und Krimwein) im Film auch gehörig ironisiert wird.
Getragen wird die »Šapito-Show« vor allem von den ungewöhnlichen Charakteren: da hangelt sich der misanthropische Außenseiter und Internetfreak Aleksej (online als »Kiberstrannik« bekannt) mit Einhornleiberl und dicker Brille mehr schlecht als recht durchs »reale« Leben, der Schauspielerschüler Senja marschiert mit seiner Pioniertruppe unter dem Motto »Nikogda ne spiš, ničego ne eš’« (Schlaf nie, iss niemals) auf Ecstasy durch die Krim, und ein stummer homophober Bäcker, der gar nicht so schlecht singen kann, gibt für gerührte Mütter Schlager zum Besten. Fantastisch auch Petr Mamonov, der versucht, die Beziehung zu seinem Sohn zu kitten und, wie viele meinen, hauptsächlich sich selbst spielt. Als Schauspieler aus Filmen wie »Igla«, »Taxi-Blues« oder »Ostrov« bekannt, ist Mamonov, der sich schon vor Jahren aus der Stadt in eine abgelegene Waldhütte zurückgezogen hat vor allem auch Kultfigur des russischen, absurden Postpunk und Underground.

Und dann ist da noch Roma Legenda, der aussieht wie Viktor Zoj und im Film wie im Leben beschlossen hat, zum größten und besten Zoj-Imitator aller Zeiten zu werden. Denn, so Roma, wozu sich bemühen, etwas Neues zu schaffen, wenn das, was bereits da war, ohnehin nicht mehr zu übertreffen sei.
All diese Charaktere verbindet die »Šapito-Show«, eine große Revue, in der neben dem Ersatz-Zoj auch eine Ersatz-Marilyn, ein Ersatz-Elvis und jede Menge anderer skurriler Gestalten auftreten, und die so geheimnisvoll, absurd und surreal scheint, dass sie genauso gut einem David Lynch Film entsprungen sein könnte.

 

Apropos Lynch. Der Film ist in eine Reihe kultureller Zitate eingebettet, von denen manche relativ offensichtlich sind, andere weniger. Neben dem schon erwähnten David Lynch kommen auch Verweise auf Marshall McLuhan, Stanley Kubrick oder Kurt Cobain vor, Borges, Shakespeare und Goethe sind ebenso vertreten wie die Freimaurer und Samantha Smith, die als zehnjähriges Mädchen einen Brief an Generalsekretär Andropov schrieb, in dem sie ihre Besorgnis um einen möglichen Atomangriff der UdSSR ausdrückte und so zu weltweiter Berühmtheit gelangte.
In diesem Filmlabyrinth, in dem sich die verschiedenen Handlungsstränge geschickt kreuzen und einander gegenseitig zitieren, kommt auch die Musik nicht zu kurz: in dem von den Karamazow-Twins komponierten Soundtrack tragen die Hauptcharaktere jeweils ihre eigenen musikalischen Nummern vor, die mittlerweile auf den alternativen Radiostationen des Landes auf und ab gespielt werden.
Das Besondere an dem Film sind aber nicht nur die geschickt eingefädelte Handlung, seine Komik, Ästhetik und das gelungene Oszillieren zwischen Realität und Illusion. Dieses vierstündige Epos (das im Kino übrigens in zwei Teilen gezeigt wird) ist kein bemühter Versuch, amerikanische oder europäische Filmkunst zu imitieren, sondern einfach großes, russisches Kino mit allem was dazugehört: Momente des Surrealen und Absurden, des Leicht- und Tiefsinnigen, Liebe, Verrat, Musik und Magie. »Wir sind wie eine Bande«, erzählen Loban und Potapova in einem Interview dem Journal »Snob«, »und mit unseren Filmen senden wir Signale. Damit die da draußen von uns erfahren und Mut fassen.«

Trailer

Fotos: Press Release

Uneiniges Russland: Moskau, 10. Dezember 2011

Dezember 12, 2011

Angefangen hat alles im Herbst. „Wundert euch, wenn man euch demütigt, hört auf, euch zu fürchten, steht für eure Werte ein, fordert faire Wahlen, schickt sie beide in den Ruhestand“. So stand es in dicken Lettern am Cover des Journals „Bolshoj Gorod“ und die Schlagwörter des dazugehörigen Leitartikels sind Zivilgesellschaft, gewaltloser Widerstand und die Möglichkeit eines neuen Russlands. Irgendwie dachte man ja, dass das die letzte Ausgabe des Magazins sein müsste, das wöchentlich erscheint und in vielen Lokalen, Kinos und Theatern kostenlos ausliegt.

Aber es ging weiter, und weiter, und weiter. Nach Putins Erklärung, im März 2012 ein weiteres Mal bei den Präsidentschaftswahlen zu kandidieren, ging eine Welle der Empörung durch das Land. Bei einem Boxkampf wird er ausgebuht (der „Pervyj Kanal“ sendete Putins Auftritt daraufhin ohne Tonspur), in den sozialen Netzwerken machen hunderte Karikaturen, Photoshopmontagen und bissige Kommentare zum Medvedev-Putin-Tandem die Runde. Bereits Wochen vor den Duma-Wahlen kursieren Aufrufe, seine Stimme erst abends, kurz vor Schließung der Wahllokale, abzugeben: bereits die letzten Wahlen hatten gezeigt, dass so mancher Bürger dann vor die überraschende Tatsache gestellt wurde, laut Aufzeichnungen bereits gewählt zu haben.
Und nach den Wahlen, da ging es erst richtig los. Hunderte neutrale Beobachter stellen Videos, Fotos und detaillierte Berichte ins Netz, die das Ausmaß des Wahlbetrugs deutlich machen. Mehr als 10.000 Menschen gehen auf die Straße, bei einer zweiten, nicht angemeldeten Demonstration übersteigt die Zahl der Polizei und der kremlnahen „Naši“ fast die Zahl der Demonstranten. Insgesamt werden über 500 Aktivisten festgenommen, manche für wenige Stunden, einige für bis zu zwei Wochen.

 

Danach weiß irgendwie niemand so genau, wie das ging, aber auf einmal interessieren sich alle nur mehr für Politik. Während die Proteste im Staatsfernsehen ignoriert werden, melden sich online Zehntausende für die dritte geplante Demonstration an. Gerüchte machen die Runde: man fürchtet speziell für die Demo angeheuerte Provokateure (Stundenlohn 200 Rubel), angeblich sei auch eine tschetschenische Spezialeinheit bereits auf dem Weg nach Moskau. Ein Astrologe rät, am Wochenende „große Menschenaufläufe“ zu vermeiden, der Fernsehdoktor ebenso (die Grippegefahr sei nicht zu unterschätzen), auf manchen Unis wird Studenten geraten, am Samstag besser zu Hause zu bleiben, um den Studienplatz zu behalten und Schüler werden am Tag des Meetings zur Sicherheit kurzfristig zu einer Kontrollarbeit in die Bildungseinrichtungen beordert. Die Kultur-Plattform OpenSpace richtet Hotlines ein, wo man im Notfall Ärzte, Juristen und NGOs erreichen kann. „Bolšoj Gorod“ erklärt, was man zu einer Demo mitnehmen soll, wie man sich im Falle einer Verhaftung zu verhalten hat, was vermutlich auf der Polizeistation mit einem passiert, und was zu tun ist, wenn man geschlagen wird (laut schreien und Kopf schützen). Viele Journale, darunter Snob, richten einen eigenen Blog ein, auf dem das Meeting in Echtzeit kommentiert wird, zu Hause Gebliebene können das Ereignis auf mehreren Livestreams verfolgen.

Und dann die Demo selbst. Aus allen Richtungen strömen Leute herbei. Viele sind den Aufrufen der Organisatoren gefolgt, tragen weiße Bänder oder haben Blumen mitgebracht, als Zeichen dafür, dass das Treffen friedlicher Natur ist. Wie viele Demonstranten es insgesamt sind, ist schwer zu sagen, vielleicht sechzig, siebzig, achtzigtausend. Die Masse ist ständig in Bewegung, Leute kommen und gehen, auf den Brücken die zum Platz führen, kommt man kaum mehr voran. Nicht zu übersehen auch das riesige Polizeiaufgebot, die so genannten OMONs (über 50.000 sind es angeblich), die sich, und das ist wohl die größte Überraschung dieser Veranstaltung, auffällig korrekt verhalten und lediglich die Menschenströme in die richtige Richtung lenken.

Auch die russischen Kulturschaffenden sind vertreten, Boris Akunin hat, glaubt man den Berichten, extra für die Demonstration seinen neuen Fandorin links liegen gelassen und spricht zum Publikum, auch Dmitry Bykov ist hier und fordert als Bürger und Poet sein Recht auf freie Wahlen und ein demokratisches, europäisches Russland. Eigentlich hätte die Schriftstellerin Ljudmila Ulickaja die Veranstaltung eröffnen sollen, aus (mir) unbekannten Gründen hält sie dann aber doch keine Rede.
Ihre Zuhörer sind Menschen aller Altersklassen und Gesellschaftsschichten, die auf Plakaten Neuwahlen, Pressefreiheit oder die Auslieferung des faulen Zauberers Čurovs (Vorsitzender der Wahlkommission) nach Azkaban fordern. Neben mir steht eine Gruppe Kommunisten, vor mir filmen ein paar Hipster das Geschehen mit ihren I-Pads und Smartphones, eine Frau im Pelzmantel lehnt an einem Baum, Studenten, Senioren und vereinzelt ein paar maskierte Nationalisten stehen da, hören zu oder machen Fotos.

Nach etwas mehr als 5 Stunden friedlichen Demonstrierens endet das Meeting mit, natürlich, Viktor Cojs „Peremen“.

Und jetzt? Revolution war es keine, aber Revolution war auch keine geplant. Auf jeden Fall war es ein gewaltiges Lebenszeichen eines anderen, neuen Russlands, das endlich aus seiner Politikverdrossenheit erwacht und eine intelligente, aktive Opposition zu bilden beginnt. Der Dichter Lev Rubinštejn hat es nach der Demonstration so ausgedrückt: „Eigentlich fängt gerade erst alles an. Ich verstehe die Skeptiker, ich bin ja selbst einer. Aber das, was heute passiert ist, wäre vor einem Jahr, sogar vor einer Woche noch unvorstellbar gewesen. Wir, oder sehr viele von uns haben uns plötzlich daran erinnert, dass unsere persönliche Würde es Wert ist, dass man für sie kämpft und für sie eintritt. Jetzt müssen wir sehr viel nachdenken. Das ist übrigens generell nicht schlecht. Aber jetzt ganz besonders. Machen wir weiter?“

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Fotos von Natasha Kabaeva

Marina Abramović in Moskau – The Artist is (not) present

November 28, 2011

Marina Abramović ist Kult. Sie gehört zu den bekanntesten Künstlern der Welt, ihre Performances sind eindringlich, radikal, beeindruckend, gehen bis an die Grenzen des körperlich Möglichen und manchmal auch darüber hinaus.Genauso ist Marina Abramović Pop. Weil sich Stars wie Lady Gaga für sie begeistern (“She is so incredible. She is a limitless human being, she is boundless”), weil sie mit ihren Performances in Serien wie “Sex and the City” oder “House” auftaucht.

Unter dem Titel “The Artist is present – V prisutstvii chudožnika” wird in Moskau nun eine Retrospektive der Künstlerin gezeigt, die 40 Jahre ihres Schaffens dokumentiert. Das Interessante an der ursprünglich für das MOMA New York konzipierte Ausstellung ist, dass nicht nur Videos und Fotografien von Performances gezeigt werden, sondern auch einige der bekanntesten Arbeiten Abramovićs erneut “live” dargestellt werden.
Die jungen Leute, die diese Reinszenierungen ausführen (manche sind Tänzer oder Schauspieler, einige sind einfach über die Facebook-Ausschreibung gekommen) wurden mehrere Wochen lang von Abramović selbst trainiert, um sie auf die sowohl physisch als auch psychisch anstrengende Arbeit vorzubereiten.
Und einfach ist es sicher nicht für die Akteure, das wird dem Besucher bereits beim Betreten der Ausstellung klar: Zutritt zum ersten Saal bekommt nur, wer sich durch zwei nackte Körper zwängt, die einander so eng gegenüber stehen, dass nur ein seitliches Durchgehen möglich ist. “Imponderabilia” nennt sich dieses Werk aus den 1970er Jahren, das bei seiner Erstaufführung durch einen Polizeieinsatz vorzeitig beendet werden musste.
In Moskau greift die Polizei zwar nicht ein (was tatsächlich verwundert, wurden doch schon viel weniger provokative Ausstellungen boykottiert), vielen Besuchern ist aber anzusehen, dass sie es bevorzugt hätten, die Ausstellung anders zu betreten. Die meisten wenden sich dem nackten Mädchen zu und huschen gesenkten Blicks weiter.

Der gesamte erste Saal zeigt Reproduktionen von bekannten Performances, an der Wand hängt auf einer unglaublich unbequem aussehenden Konstruktion ein blondes Mädchen, dessen Muskeln zittern und das mit gequältem Blick ins Leere starrt (“Luminosity”/1997), in der Mitte des Raumes die Installation “Nude with Skeleton” (2002/2005), Frau mit Skelett. Die Atmung der Frau bringt das aus ihr liegende Skelett in Bewegung, es hebt und senkt sich und wird langsam Teil ihres Körpers. Angelehnt an ein tibetanisches Totenritual thematisiert die Arbeit die Angst, die Konfrontation mit dem eigenen Tod. Ebenfalls nachgestellt wird die Performance “Point of Contact” (1980), bei der sich zwei Menschen so nahe gegenüberstehen, dass sie sich fast berühren, aber in dem Spannungsfeld vor der eigentlichen Berührung stundenlang verharren.

Die Idee, eine eigentlich einmalig stattfindende Perfromance erneut zu inszenieren, scheint durchaus ihre Berechtigung zu haben. Abramović selbst hatte einst Performances von Beuys, Valie Export oder Bruce Nauman wieder aufgeführt, und auch ihre eigenen Projekte manchmal ein zweites Mal gezeigt. Die Reinszenierung, so Abramović, halte die Arbeiten am Leben, auch wenn eine Wiederholung weder in Form noch Wirkung jemals mit der ursprünglichen Performance identisch sein könne.

Obwohl die Reinszenierungen durch ihre Direktheit und ihren Mut beeindrucken, wird die in den Originaldarstellungen erreichte Intensität nicht erreicht. Kaum einer der Besucher verweilt länger als ein, zwei Minuten vor den Arbeiten, ein wenig entsteht der Eindruck, dass durch das Nebeneinanderstellen von mehreren Performances auf so engem Raum diese zu statischen Kunstwerken im Stile von Gemälden oder Fotografien werden, an denen man nach kurzem Betrachten vorübergeht, vielleicht auch, um den unangenehmen Gefühlen, die diese auslösen können, zu entfliehen. Ein wichtiges Element der Performance, nämlich jenes der Dauer und des Betrachtens, geht somit verloren.
Außerdem können die jungen Schauspieler nicht an die Präsenz und Energie heranreichen, die von Abramovićs Performances ausgeht (sogar ein Vergleich mit einer einfachen Videoaufzeichnung der Original-Aufführungen macht das deutlich).
Anders gesagt ist es fast so, als würde man ein Foto von einem bekannten Gemälde sehen. Auch schön, natürlich, aber doch mit dem Original nicht zu vergleichen.

In chronologischer Abfolge werden in den weiteren Räumen Arbeiten Abramovićs gezeigt, die oft den Körper als Instrument und Material in den Mittelpunkt stellen: in “Rhythm 0” (1974) lieferte sich die junge Künstlerin völlig dem Publikum aus, welches aus einer Reihe von vorhandenen Gegenständen (darunter Farben, Seife, Blumen, ein Messer, eine Pistole, eine Kamera, Honig) auswählen konnte, um über den Körper Abramovićs zu verfügen. Das riskante Experiment eskalierte nach wenigen Stunden und wurde von geschockten Zuschauern abgebrochen.
Die Ausstellung dokumentiert im Weiteren u.a. die Arbeiten “The Lips of Thomas” (1975/2005), eine stark autobiographisch gefärbte Performance, in der Abramović Kommunismus und Orthodoxie, zwei zentrale Momente ihrer Jugend in Jugoslawien thematisiert (auch diese Performance wurde in New York durch die Intervention von Zuschauern beendet), sowie “Role exchange” (1974/2004), in der sie für wenige Stunden mit einer Amsterdamer Prostituierten die Rollen tauschte.
Ein weiterer Abschnitt der Retrospektive ist den gemeinsamen Arbeiten von Abramović und dem deutschen Künstler Ulay gewidmet, mit dem sie von 1976 bis 1989 zusammenarbeitete. Das Paar untersucht in seinen Performances die Grenzen des Körperlichen und strebt nach totaler künstlerischer Einheit des männlichen und weiblichen Körpers. Sie atmen bis zur Bewusstlosigkeit durch den Mund des jeweils anderen aus und ein, schreien einander an bis die Stimmen versagen, rennen mit nackten Körpern frontal aufeinander zu, um durch den Zusammenprall männliche und weibliche Energie zu vereinen.
“The Great Wall Walk” (1988) ist die letzte gemeinsame Performance der beiden. Etwa drei Monate lang gehen sie entlang der Chinesischen Mauer einander entgegen. Nachdem jeder etwa zweieinhalbtausend Kilometer zurückgelegt hatte, treffen sie aufeinander, um von nun an in Kunst und Leben getrennte Wege zu gehen.
Von den Werken “Balkan Baroque” (1997) und “The House with the Ocean View” (2002) gibt es nur die Kulissen zu sehen. Für “Balkan Baroque” reinigte Abramović in Erinnerung an die Balkankriege auf der Biennale in Venedig etwa eineinhalb Tonnen Rinderknochen von Fleischresten. In Moskau läuft nur die aufgezeichnete Tonspur, die fahlen Knochen liegen auf einem großen Haufen in der Ecke. Der von ihnen verbreitete unangenehme Geruch zwingt die meisten Besucher, den Raum schnell wieder zu verlassen.

Für “The House with the Ocean View” lebte die Künstlerin zwölf Tage lang in einer New Yorker Gallerie und ließ sich von den Besuchern bei ihren asketischen, alltäglichen Ritualen beobachten. Während in früheren Performances vor allem der Körper, oft auch Schmerz oder Angst im Mittelpunkt standen, geht es in neueren Arbeiten Abramovićs vor allem um Spiritualität und Energie. Zelebriert wird die Langsamkeit des Kunstwerks sowie die Präsenz von Künstler und Betrachter.
Deutlich wird das vor allem in der letzten ausgestellten Performance, die Abramović für die MOMA-Retrospektive konzipierte: dort hatten Besucher die Möglichkeit, der Künstlerin mehr als 600 Stunden lang an einem Tisch mit zwei einfachen Holzstühlen so lange wie gewünscht gegenüber zu sitzen und mit ihr Blicke zu tauschen.

In Moskau sind leider nur die Requisiten der Performance zu sehen, über die Wände flimmern Videoaufnahmen von Abramović und ihren Gegenübern. Durch ein einfaches Schild werden die Zuseher aufgefordert, “so lange wie gewollt” auf einem der Stühle Platz zu nehmen. Der Blick ins Leere kann allerdings einem wahren Zusammentreffen mit der Künstlerin nicht das Wasser reichen.
Bei der Betrachtung der Kulissen der verschiedenen Performances wird dem Besucher einerseits eindringlich ihre Radikalität bewusst: diese Kunstwerke sind so intensiv, so fordernd, dass sie lediglich einmal aufgeführt werden können. Andererseits ist aber gerade die Nicht-Anwesenheit der Künstlerin und das oft ein wenig enttäuschende Betrachten der reinen Form wohl das größte Defizit der Ausstellung, da das Unmittelbare, Langwierige, Intensive verlorengeht.

Marina Abramović – The Artist is Present. Center for contemporary culture “Garaž”, 8. Oktober – 4. Dezember 2011;

Марина Абрамович – В присутствии художника. Центр современной культуры “Гараж”, 8 октября – 4 декабря 2011.

http://www.garageccc.ru/exhibitions/18505.phtml

Achtung, Comics!

September 21, 2011

Derzeit findet in St. Petersburg bereits zum fünften Mal das Comic-Festival „Boomfest“ statt, ein kleines aber feines Festival, das ganz im Zeichen des Zeichnens steht: die Besucher können Ausstellungen von internationalen sowie russischen Künstlern besuchen, Vorlesungen anhören, an Meisterklassen teilnehmen oder sich einfach auf dem Bücherbazar mit Neuerscheinungen und alten Klassikern des Genres eindecken.

Dmitrij Jakovlev, einer der Hauptorganisatoren des „Boomfests“ erinnert sich an die bescheidenen Anfänge der Veranstaltung: „Das erste Festival haben wir gemacht, als wir noch alle gemeinsam in einer Kommunalka gewohnt haben“, erzählt er. „Der kanadische Künstler Philip Girard hat das sogar in seinem Comic ‚Les Ravins’ beschrieben. Seither ist das Festival um einiges gewachsen. 2007 gab es fünf Ausstellungen, heute machen wir jährlich etwa fünfzehn. Das Publikum ist größer geworden, die Leute kennen das Festival schon und kommen gern zu den Ausstellungen.“

Überhaupt ist in den letzten Jahren zu bemerken, wie Comics und die mit ihnen eng verwandten „Graphic Novels“ immer beliebter werden. Neben Art Spiegelmans Klassiker „Maus“ (1986 bzw. 1991), in dem eindrucksvoll die Geschichte des polnischen Holocaust-Überlebenden Vladek erzählt wird, feierte in den letzten Jahren vor allem Marjane Satrapis „autofiktionale“ Geschichte „Persepolis“ (2000) weltweit Erfolge. Viele bekannte Graphic Novels wurden verfilmt, wie z.B. Frank Simmons “Sin City” (1991, Verfilmung 2005, R. Rodriguez) oder Daniel Clowes “Ghost World” (1993, Verfilmung 2001, T. Zwigoff), und die frankokanadische, legendäre Zeichnerin Julie Doucet hat ihre unzensierten Alltagsgeschichten aus dem “My New York Diary” (1999) vor kurzem mit dem nicht weniger legendären Michel Gondry noch einmal filmisch verarbeitet.

In Russland entstanden die ersten Comics Anfang des 20. Jahrhunderts und wurden in satirischen Journalen wie “Begemot” und “Krokodil” oder in Zeitschriften für Kinder wie “Ež” oder “Čiž” gedruckt. Während der Sowjetunion verschwand das Comic praktisch von der Bildfläche, lediglich in Kinderzeitschriften tauchte es noch in Form der „Veselye kartinki“ auf.

Nach einem kurzen Comic-Boom nach dem Zerfall der Sowjetunion kamen um 2000 vor allem Übersetzungen von Marvel oder Disney-Comics auf den Markt. Russische Publikationen gab es nur vereinzelt. „Seither hat sich die Situation aber stark verändert“, meint Dmitrij. „Das hängt vor allem damit zusammen, dass die japanischen Animationsfilme so beliebt geworden sind. Eine unglaubliche Menge asiatischer Comics aus Japan, Korea und China hat den Markt überflutet. Außerdem gibt es jetzt auch die amerikanischen Superhelden-Comics im Buchformat. Das heißt, meistens werden Comics hier von Kindern und Jugendlichen gelesen. Viele der russischen Zeichner sind stark von den asiatischen Comics beeinflusst, die zeichnen dann sowas wie russische Mangas. Denselben Einfluss haben auch amerikanische und französische Comics.“

Die meisten der russischen Comicautoren sind Illustratoren, Graphikdesigner oder Schriftsteller, die ihre Werke entweder im Internet oder in kleiner Auflage in unabhängigen Verlagen publizieren. Einer dieser Verlage nennt sich „Boomkniga“ und wurde von den Organisatoren des „Boomfests“ ins Leben gerufen. Der Verlag hat es sich zum Ziel gesetzt, dem russischen Leser die Welt der Comics etwas näher zu bringen, und veröffentlicht in kleiner Auflage und schöner Aufmachung russisch- und französischsprachige Geschichten.

Ein besonders interessantes Projekt des Verlags ist das Buch »Zapretnoe iskusstvo – 2006«, das noch dieses Jahr erscheinen soll: die Künstler Viktorija Lomasko und Anton Nikolaev verarbeiten darin den Gerichtsprozess, der 2007 von einer orthodoxen Organisation gegen die Veranstalter der gleichnamigen, im Sacharov-Zentrum stattfindenden Ausstellung losgetreten wurde. Die Angeklagten Andrej Erofeev und Jurij Samodurov wurden im Juli 2010 wegen „Verletzung des Nationalstolzes und religiöser Gefühle“ zu hohen Geldstrafen verurteilt.

Die Autoren, die schon den Prozess selbst direkt aus dem Gerichtssaal bildnerisch dokumentierten, veröffentlichen nun ihre Eindrücke in einem Band, der ein gesellschaftspolitisch brisantes Thema der Gegenwart in Form einer einer »graphischen Reportage« behandelt.

Auch eine Reihe anderer russischen Künstler haben abseits des Manga-Mainstreams ihre eigene Sprache gefunden und zeichnen witzige, philosophische, schöne oder auch mal traurige Comics:

Varvara Pomidors Geschichten zum Beispiel erscheinen oft fragmentarisch und rätselhaft und verbinden wunderschön gezeichnete Bilder mit poetischen Texten. In Pravda“ erzählt sie in einer Mischung aus Collage, Graphik und Text von ihrer Kindheit in der Sowjetunion und dem Unterschied zwischen offizieller und persönlicher Wahrheit.

Der Petersburger Aleksej Nikitin beschreibt in seinen nach Motiven von Daniil Charms gezeichneten Geschichten Situationen aus dem Leben von Aleksandr Puškin, Lev Tolstoj und Fjedor Dostojevskij. In anderen Arbeiten zeigt er Kurt Cobain und Courtney Love beim Tennisspielen oder beschreibt absurde Episoden aus dem Leben von Sid und Nancy, Jesus Christus oder den Beatles.

Polina Petrouchina, 1985 in Moskau geboren, lebt und arbeitet als Illustratorin in Strassburg und zeichnet Geschichten, in denen Motive aus der russischen Folklore genauso vorkommen, wie sarkastische, träumerische oder burleske Elemente. Manche ihrer Comics werden nicht auf Papier gezeichnet, sondern auf Stoffen, Fliesen oder Kleidungsstücken realisiert.

Oleg Tiščenkovs Serie »Kot«, in der Mensch und Katze die wichtigen (und manchmal auch unwichtigen) Fragen des Lebens diskutieren, erreichte im Internet einen so hohen Bekanntheitsgrad, dass auf Grund der großen Nachfrage mittlerweile auch zwei gedruckte Bücher, sowie eine speziell für das I-Pad entwickelte, interaktive Sammlung der Comics (letzere heißt stilgerecht »I-Kot«) erschienen sind.

Wer sich für Comics interessiert, sollte also am besten das »Boomfest« besuchen (läuft noch bis 16. Oktober), oder einfach die unendlichen Weiten des Internets durchforsten. Fündig wird er sicherlich werden.