Alternatives Kulturleben am Rande des Krieges. Platforma Tju – eine Organisation für kulturpolitisches Engagement in Mariupol

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Beitrag von Karina Bakhteeva

Mariupol ist eine ukrainische Stadt, die zehn Kilometer entfernt vom Kriegsgebiet liegt. Um die Stadt herum befinden sich zehn Kontrollpunkte der Armee, die Tag und Nacht alle Einreisenden und Ausreisenden überprüfen. Wer hier überhaupt hineinkommt, wird von den unvorstellbaren Kontrasten der alltäglichen Realität überwältigt – mal niedergeschlagen, mal fasziniert und in einen Zustand größter Hoffnung versetzt.

Über die alltäglichen Gegensätze und ihre Hoffnungen sprachen am 21. November 2017 die GründerInnen der ukrainischen Organisation Platforma Tju (Mariupol) in den Räumlichkeiten des Instituts für Slawistik der Humboldt-Universität zu Berlin. Die von Studierenden selbst initiierte Veranstaltung wurde zum Treffpunkt für VertreterInnen der ukrainischen Botschaft, der ukrainischen Diaspora und für interessierte StudentInnen des Instituts. Im Mittelpunkt des Gesprächs: das alternative und einzigartige Kulturleben in Mariupol, das zu einem Mekka für KünstlerInnen aus der ganzen Ukraine und einem sicheren Ort der Menschenrechtsbewegung geworden ist.

Gespräch mit den GründerInnen der Platforma Tju an der HU Berlin am 21.11.2017. Foto: Manfried Hammer

Vor eineinhalb Jahren waren Diana Berg und Dmytro Stupnik – GründerInnen der Platforma Tju einfach nur DesignerInnen. Diana floh aus Donezk im letzten Moment, als es noch möglich war, versuchte sich zuerst in L’viv ein Leben aufzubauen, und kehrte dann später dennoch in die Ostukraine zurück. Nach Mariupol, wo es noch sicher war und wo sie alles ein wenig an ihr früheres Zuhause erinnerte. Dmytro Stupnik, geborener Mariupoler, organisierte friedliche Aktionen und Menschenketten der Einheit, als im Jahr 2014 die Majdan-Bewegung in der ganzen Ukraine begann und die Gefahren der „russischen Welt“ („Russkij mir“) und eingespielte Provokationsszenarien auch in Mariupol spürbar wurden. Als Diana und Dmytro sich – schon nach dem Euromaidan – kennenlernten, waren die Ideen einer aktiven zivillgesellschaftlichen Bewegung und eines unkonventionellen Begegnungsorts für alle nicht nur verzweifelte Fantasien, sondern ein unausweichliches Ziel, das unbedingt und schon sehr bald mitten in Mariupol umgesetzt werden sollte.

So gründeten sie Platforma Tju, fingen an, Kinoabende, Lesungen, Ausstellungen und Straßenaktionen durchzuführen und wurden zu self-made KulturmanagerInnen, die ab jetzt die Verantwortung für das Kritische, Nonkonforme und oft Provokative in ihrer Stadt trugen. Sie beschäftigten sich mit der sowjetischen Vergangenheit, stießen zum ersten Mal eine Auseinandersetzung mit Barrierefreiheit in der Stadt an, organisierten ein Festival der Gleichberechtigung, das dank der Zusammenarbeit mit Stadtverwaltung und Polizei zum ersten Mal in einer ukrainischen Region nicht von rechsradikalen Gruppen verhindert und zerschlagen werden konnte.

Es sei unglaublich interessant und in Wirklichkeit gar nicht so schwer, diese Arbeit zu machen, sagen Dmytro und Diana, während sie Fotos vom Gebäude der Platforma Tju zeigen, dessen Außenwände voll mit Hasssprüchen besprüht sind. „Mariupol steht für normale Familien“, „Gegen LGBT“, „Berg Scum“. Sie zeigen das Foto einer durchschossenen Fensterscheibe und im Publikum wachsen Zweifel bezüglich der Behauptung, dass es „gar nicht schwer“ sei. „Es ist wirklich komisch – egal warum wir auf die Straßen gehen, es wird immer als eine Pride Parade verstanden, obwohl wir oft mit total absurden, witzigen oder sogar sinnlosen Plakaten da rumstehen. Wir nehmen einfach unser Versammlungsrecht und unser Recht auf Freiheit der Gedanken und Worte wahr. Wir bestätigen uns in unserem Recht und es hat mit LGBT-Gruppen oft nichts zu tun, obwohl wir uns im Rahmen unserer Arbeit natürlich auch für die LGBT-Community einsetzen.“

Eine Straßenaktion der Platforma Tju am 13.08.2017. Auf den Plakaten steht zum Beispiel: „Sitz still“, „Sei wie alle“, „Trenn dich nicht von der Masse“, „Für die Mehrheit“. Foto: Platforma Tju

Straßenaktion für Barrierefreiheit am 15.08.2016 in Mariupol. Foto: Platforma Tju

Veranstaltung De.kom – Satirische Erinnerung an die Sowjetunion. Auf dem Plakat im Hintergrund steht „Sowjetische Europäische Union“. Foto: Platforma Tju

Das Interesse der TeilnehmerInnen und Dianas und Dmytros Bereitschaft, über das Engagement der Platforma Tju zu berichten, übersteigen eindeutig den vorgesehenen Rahmen der zweistündigen Veranstaltung. Am nächsten Tag werden Diana und Dmytro in die Ukraine zurück fliegen und sich wieder ihrer Arbeit widmen.

„Was wir versuchen zu machen – egal wie schwer bestimmte Themen für die Bürger von Mariupol und die ukrainische Gesellschaft sein mögen – wir gehen alles mit sehr viel Humor an. Mit Witz und Lachen können sogar die bittersten und schwierigsten Themen der Vergangenheit und Gegenwart einfacher verarbeitet werden. Darauf setzen wir.“

Auf Facebook gibt es weitere Informationen zur Platforma Tju sowie ihren GründerInnen Diana Berg und  Dmytro Stupnik.

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