Veranstaltungshinweis: Eisensteins „Beshin lug“ am 20.05.2016 im Kino Krokodil

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Ein Muss für alle Eisenstein-Fans: Die Fotofilm-Rekonstruktion von Sergej Eisensteins nach Fertigstellung erst verbotenem und dann im Krieg verloren gegangenem Film Beshin lug (SU 1936, 30 min, 35 mm, stumm) mit Livemusikbegleitung durch Grit Blaßkiewitz und Cordula Heth (Geige) sowie Ulrich Miller (Schlagzeug/Akkordeon)

am 20. Mai 2016 um 20:30 Uhr
im Kino Krokodil – Filme aus Russland und Osteuropa
Greifenhagener Straße 32, 10437 Berlin

Eintritt an der Kinokasse erfragen: T 030.44 04 92 98 (ab 19:00 Uhr)

Aus dem Programm der Veranstalter_innen:

Der nach einem Motiv Turgenjews benannte Film erzählt die Geschichte des kleinen Stepoks, dessen Mutter vom betrunkenen Vater erschlagen wurde. Auf das Schwerste verletzt fühlt sich der Junge von allen familiären Verpflichtungen entbunden und gibt die konterrevolutionären Pläne des Alten preis. Dafür wird er vom Vater erschossen. Eisensteins Film weist deutliche Bezüge zum Sujet des biblischen Isaakopfers auf. Er wurde wegen „formalistischer“ Tendenzen von Stalin verboten und ging im Zweiten Weltkrieg verloren. Aus von Pera Moiseewna (Ataschewa) versteckten einzelnen Bildern, gelang es eine beeindruckende Fassung zu rekonstruieren.

Beshin lug – der Triumph der Geschichte über die Geschichte

von Thomas Tode
April 2016

Sergei Eisensteins Beshin lug (Die Beshin Wiese, SU 1935-37/1967, 30’) ist eine politische Parabel um einen Vater-Sohn-Konflikt in biblischen Ausmaßen. Der Vater, ein von der Russischen Revolution enteigneter ehemaliger Kulak (Großbauer), lebt im Konflikt mit der neuen Ordnung – und mit seinem zwölfjährigen Sohn Stepok. Letzterer ist ein Anhänger der Idee der Kolchose und verrät dem Kollektiv den von seinem Vater und anderen Kulaken geplanten Brandanschlag. Als er des Nachts Wache hält, wird er dafür vom Vater erschossen. Beshin lug ist ein Fotofilm wider Willen. Es sollte eigentlich Eisensteins triumphales Comeback werden, nachdem der Altmeister bereits mehrere Jahre keine Filme mehr gedreht, sich nur der Filmtheorie und dem Unterrichten gewidmet hatte. Doch das Filmprojekt wurde für Eisenstein zur persönlichen Katastrophe. Nachdem die stalinistische Filmadministration mit ihrem Filmminister Boris Schumjatzki die Arbeit an dem als formalistisch und subjektivistisch bezichtigten Film 1937 einstellen lies, und das Negativ offenbar im Krieg verbrannte, blieben von ihm nur etwa 700 Fotografien übrig, eines für jede Filmeinstellung der ersten Fassung des Films. Diese hatte Eisensteins treue Lebensgefährtin Pera Ataschewa aufbewahrt. Offenbar sind es kurze, aus wenigen Kadern bestehende Belichtungsproben, die bereits kurz nach der Filmaufnahme zu Kontrollzwecken vor Ort entwickelt wurden. Mit Hilfe einer Schnittliste rekonstruierten der Filmemacher Sergei Jutkewitsch und der Eisenstein- Experte Jay Leyda den für die Filmgeschichte eigentlich verlorenen Film. Der Film predigt, dass die Liebe zur Partei wichtiger ist als die zum Vater. Doch was hat Eisenstein dazu gebracht, dieses ambivalente Sujet zu übernehmen? Zuvor waren viele seiner Filmvorschläge kassiert worden, während er seinerseits die Vorschläge der Filmadministration ablehnte (u.a. Fröhliche Burschen, den dann Eisensteins langjähriger, sich etablierender Assistent Grigori Alexandrow realisiert). Auf dem 1. Moskauer Filmfest 1935 hatte Eisenstein nur eine drittklassige Auszeichnung erhalten und die Zeichen der Zeit verstanden. Nach einer Selbstkritik nimmt er den Stoff Beshin Wiese an, der ihm dramaturgische Herausforderungen stellt: den Urkonflikt zwischen Vater und Sohn. Der Stoff basierte auf dem aktuellen Fall des jungen Helden, Pawlik Morosow, der – nach offizieller Lesart – von seinen Verwandten umgebracht worden war, nachdem er zuvor seinen Vater wegen des Versteckens von Getreide angezeigt hatte. Die Märtyrer- Legende wurde in zahllosen Artikeln, Pionierheften und Denkmälern gefeiert, Schulen und Straßen nach dem neuen Leitstern umbenannt.

Im Juli 1935 beginnt Eisenstein zu drehen, doch nach Fertigstellung von 2/3 wird die weitere Ausführung von der Filmadministration verboten: das Werk zeige zu wenig politisches Bewußtsein, der Kampf der Kolchosbauern gegen Kulaken sei zu wenig herausgearbeitet und die zu individualistische, mythologisierende Darstellung des Vater-Sohn-Konfliktes entfalte sich in christlicher Ikonografie. Eisenstein gibt nach und schreibt gemeinsam mit dem Schriftsteller Isaak Babel das Drehbuch um. Doch inzwischen finden 1936-38 in Moskau die Schauprozeße und einige geheime Verfahren statt: Stalin entledigt sich der alten Kampfgenossen Lenins, verdächtiger Militärs und mißliebiger Künstler (z.B. Ossip Mandelstam und Eisensteins Lehrer Wsewolod Meyerhold). Viele Sowjetbürger stimmen der Notwendigkeit der Großen Säuberung und öffentlicher Repression von sog. Konterrevolutionären zu, zumal die Angeklagten häufig (erpresste) Geständnisse liefern. In diese Atmosphäre paßt das Sujet der Beshin Wiese hervorragend hinein.

Die zweite Fassung wird von August bis Oktober 1936 gedreht, der Schnitt im November durchgeführt, doch Stalin ist mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Am 17. März 1937 werden die Arbeiten endgültig eingestellt und zwei Tage später erscheint eine scharfe Verurteilung des Films in der Prawda, verfaßt vom Filmminister Schumjatzki persönlich. Ende März 1937 findet zusätzlich eine dreitägige Konferenz zur „Besprechung“ der Fehler des Films statt, der wegen „formalistischer Abweichungen“ und „Intellektualismus“ verboten wurde. Eisenstein muss erneut Selbstkritik üben. Er gesteht die Hypertrophierung der Form, die Überbetonung der Ausstattung, die verzerrende Verkürzung durch die Kameraperspektiven.

Unter der Hand verrät der dem Filmkritiker Viktor Schklowki: „Das Schrecklichste daran ist, daß ich es überleben werde“ (Viktor Sklovskij: Ejzensteijn, Reinbek 1977, S. 313). Doch ist das keineswegs so sicher wie er glaubt. Der sowjetische Geheimdienst NKWD hatte bereits eine Verschwörung konstruiert und Eisenstein sollte abgeholt werden, doch Stalin strich ihn von der Liste und verschonte damit seinen berühmtesten Regisseur (Arkadi Waksberg: Die Verfolgten Stalins – aus den Verliesen des KGB, Reinbek 1993). War es ihm eine Genugtuung, dass seine Peiniger, der Geheimdienstchef Genrich Jagoda und der Filmminister Boris Schumjatzki, 1938 selber als faschistische Saboteure angeklagt und erschossen wurden? Ebenso erging es seinem Coautor Isaak Babel und seinem Lehrer Wsewolod Meyerhold, die beide Anfang 1940 in einer nicht-öffentlichen Verhandlung verurteilt und hingerichtet werden. Von all dem erzählen die ramponierten Reste der Beshin Wiese nur zwischen den Zeilen.

Der 1967 entstandene Fotofilm bringt Eisensteins künstlerische Arbeit und die grafische Arbeit von seinem Kameramann Eduard Tisse vielleicht aber noch besser zur Geltung, als das ein Bewegtfilm jemals hätte tun können, obwohl philologisch durchaus Einwände erfolgen könnten, da man die Bilder der zweiten Fassung mit den Inhalten der ersten Fassung kombinierte. Als Fotofilm ist es letztlich auch ein Stück Filmanalyse der Kunst Eisensteins. Da das Bild stets für einige Sekunden unbeweglich stehen bleibt, sehen wir einige Dinge nun genauer als es uns der unaufhörlich weiterlaufende Bewegtfilm erlauben würde, etwa die Volumen, die Staffelung der Personen, die durch besondere Beleuchtung hervorgerufene Plastizität. Wir sehen den Kontrast auf allen Ebenen, vom Konflikt der graphischen Linien, Flächen in der Einstellungsabfolge, bis hin zu topologischen Gegenüberstellungen, die Vertikale-Horizontale, Volumen-Unterschiede oben-unten, Beleuchtung hell-dunkel, Kontraste aus Vordergrund-Hintergrund. Tisses Ästhetik ist gekennzeichnet durch ungeheure Plastizität in der Ausleuchtung, Einrahmungen, extreme Nahaufnahmen, verkantete Kamera, und Einstellungen aus extremer Auf- oder Untersicht. Nicht dagegen informiert der Fotofilm über den Kontrast der Bewegungen oder den plötzlichen Wechsel von Zeitdehnung und Zeitraffung, noch erahnen kann man die typisch Eisensteinsche Zerdehnung der Handlung, die in viele Einstellungen zerkleinert und regelrecht durchgekaut wird. Bekanntermaßen wollte er die Psyche des Zuschauers umpflügen „wie mit einem Traktor“. Die Fotofilmform dagegen ermöglicht uns ein Stück Distanz.


Mehr Infos zum Film Beshin lug in dem Aufsatz Крестьянский вопрос von Artem Sopin in der russischen Filmzeitschrift Seance, No. 41/42 (Mai 2010).

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