Hinweis: „The Revolution that wasn’t“. Russische Dokumentarfilme 1991-2015 im Arsenal, Berlin.

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In der Zeit vom 01. bis 30. April 2016 zeigt das Kino Arsenal (Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin) 21 russische Dokumentarfilme, die nach dem Zerfall der Sowjetunion entstanden sind. Begleitet wird die Filmreihe durch zahlreiche Einführungen von Barbara Wurm, Georg Witte, Bert Rebhandl, Ekaterina Tewes und Aleida Assmann. Das vollständige Programm finden Sie in dieser Ankündigung weiter unten oder auf der Website des Kinos.

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MUZCHINA V DOME ILI GRAZHDANIE CAIN V STRANE BOLSHEVIKOV, 1995

Hier die Ankündigung der Veranstalter_innen:

Seit dem Konflikt in der Ukraine und dem Krieg in Syrien steht Russland im Mittelpunkt vieler Diskussionen. Dass die Realität in Russland komplexer ist als Fernsehreportagen oder Meinungsumfragen dies abbilden, ist hierzulande nur zu ahnen, denn filmische Innenansichten gelangen kaum nach Deutschland. Ein von Tatiana Kirianova kuratiertes umfangreiches Programm mit zahlreichen Gästen nimmt das 25-jährige Bestehen der Russischen Föderation zum Anlass, diese Lücke mit einer Auswahl unabhängiger russischer Dokumentarfilme zu schließen.

Gezeigt werden zum einen frühe dokumentarische Arbeiten renommierter Filmemacher 
wie Alexander Sokurov, Sergei Dvortsevoy und Sergei Loznitsa, die heute als preisgekrönte Spielfilmregisseure international bekannt sind. Ergänzt werden diese durch Werke einer jüngeren Generation unabhängiger Filmemacher_innen wie Pavel Kostomarov, Olga Privolnova und Alina Rudnitskaya, die einen persönlichen und oft kritischen Blick auf die Entwicklungen im Land werfen.

Das Ensemble dieser Filme fügt sich zu einer alternativen Chronik der jüngeren russischen Geschichte, in der Aspekte Berücksichtigung finden, die im öffentlichen europäischen Diskurs meist nicht vorkommen: die Schwierigkeit, unter dem sowjetischen Regime zu leben und der Wille zur politischen Veränderung; der mühsame Übergang zur Marktwirtschaft in den 90er Jahren; die psychische oder mentale Umstellung auf die neue Gesellschaftsordnung; das Versagen der staatlichen Institutionen; die Verarmung der Gesellschaft und der damit einhergehende Vertrauensverlust in die demokratische Zukunft des Landes. Die Filme reflektieren historische Ereignisse auf der Mikroebene, indem sie sich einzelnen Menschen widmen. So entsteht eine Reihe filmischer Porträts – teils in essayistischer Form, teils im Stil des Cinéma vérité –, z.B. eines russischen Bürgers in einem entlegenen Dorf (BREAD DAY, THE BELOVS, THE MOTHER), eines oppositionellen Politikers (THE TERM) oder der russischen Präsidenten Boris Jelzin (AN EXAMPLE OF INTONATION) und Wladimir Putin zu Beginn ihrer jeweiligen Amtszeit (PUTIN. THE LEAP YEAR). Die Filme halten aber auch die Orientierungslosigkeit von Machthabern und Bevölkerung fest, die sich der neuen Realität nicht gewachsen fühlen. Vor diesem Hintergrund erscheinen die politischen Entwicklungen im heutigen Russland als Konsequenz des inneren Zustands des Landes, das seit Beginn der Putin-Ära kulturell und politisch stagniert. Dabei motiviert das Fehlen neuer kultureller Modelle die Wiederkehr alter Denk- und Verhaltensweisen.

Das Programm besteht aus 21 kurzen, mittellangen und abendfüllenden Filmen, die in drei Themenblöcke unterteilt sind. Der erste und umfangreichste Teil präsentiert Geschichten aus der russischen Provinz. Der zweite Teil fokussiert das Scheitern politischer Veränderungen: vom Putsch 1991 (THE EVENT) bis zu den Protesten gegen das Putin-Regime 2008 (THE REVOLUTION THAT WASN’T) und 2012 (THE TERM). Der dritte Teil thematisiert die aktuelle Rückkehr der staatlichen Rhetorik zum „Sowjetischen“ und dessen filmisches (FIRST ON THE MOON, REVUE) und inhaltliches Erbe (LENINLAND).

SOBYTIE (The Event, Sergei Loznitsa, NL/B 2015, 1.4., Sergei Loznitsa zu Gast) In seinem jüngsten Film bedient sich Loznitsa eines bereits früher erprobten Ansatzes: Er nutzt Archivbilder, um drei Tage des gescheiterten Putschversuchs gegen Gorbatschow im August 1991 in Leningrad festzuhalten. Loznitsa montiert die Bilder in chronologischer Abfolge und konzentriert sich auf die Tonspur, die er sorgfältig von Kommentarstimme und Musik der ursprünglichen Fassung befreit. Dieses historische Ereignis gilt heute als Vorbote des Zerfalls der Sowjetunion und der Weigerung der Bevölkerung, weiter unter dem alten Regime zu leben. Doch die Menschen wirken eher verloren als revolutionsbereit und fragen nach den treibenden Kräften hinter den politischen Veränderungen.

PRIMER INTONATSII (An Example of Intonation, Alexander Sokurov, RUS 1991, 1. & 5.4., einführender Vortrag von Georg Witte) Im Frühjahr 1991 realisiert Sokurov sein zweites Porträt von Boris Jelzin, ein knappes Jahr vor dem offiziellen Ende der Sowjetunion. Sokurov verzichtet auf inszenierte Bilder, geschriebene Dialoge und gesetztes Licht. Der Film entsteht scheinbar beiläufig – während eines Spaziergangs im Wald und zu Hause in Jelzins Datscha nahe Moskau, wo er das Filmteam in alten Sporthosen und im Strickpullover empfängt. Ein gewöhnlicher Familienabend und eine Annäherung an einen russischen Politiker ohne Pathos, Stolz und Feierlichkeit, die angesichts der üblichen Konventionen der Machtrepräsentation heute kaum noch möglich wäre.

PORTRET (Portrait, Sergei Loznitsa, RUS 2002, 1.4., Sergei Loznitsa zu Gast & 5.4., einführender Vortrag von Georg Witte) In seinem fünften Dokumentarfilm aus dem Themenkomplex „Peripherie und Kleinstadt“ kombiniert Loznitsa eine auf die Fotografie reduzierte Form des Visuellen mit einer dichten und dadurch dominanten Klangkulisse. Naturgeräusche und nicht weiter zuzuordnende Repliken aus dem Off scheinen die einzigen Referenzen der ausbleibenden Bewegung zu sein. Es entsteht eine kinematografische Gemäldereihe: Russische Bauern blicken in die Kamera, immer in der Totalen, immer in der jeweiligen Umgebung verankert. Die zeitlos wirkenden Gestalten bleiben unbeweglich, nur ihre schlichte Kleidung flattert manchmal im Wind. Seltene Schwenks über die Felder deuten anfangs einen Aufbruch an – diese Bewegung verliert sich aber bald im Rauch und geht in Dunkelheit unter.

ARTEL (Sergei Loznitsa, RUS 2006, 2.4., Einführung: Barbara Wurm & 14.4.) Loznitsa führt die Beobachtungen der russischen Peripherie weiter und filmt in ARTEL das Leben der Küstenfischer im hohen Norden Russlands. Er konzentriert sich auf ihre Arbeitstechniken, die sich seit Jahrzehnten kaum verändert haben. Die minimalistische Landschaft, die lediglich aus dem Horizont und dem vereisten Meer besteht, lässt den Zuschauer nur die Gesten der Fischer und ihren Überlebenswillen wahrnehmen.

CHLEBNY DEN‘ (Bread Day, Sergei Dvortsevoy, RUS 1998, 2.4., Einführung: Barbara Wurm & 14.4.) Ein Tag in einem entlegenen und verlassenen Dorf Ende der 90er Jahre. An diesem Tag findet die Brotlieferung statt. Doch der Zug schafft es nicht bis zum Dorf und die wenigen betagten Bewohner müssen den Waggon selbst weiter schieben. Dvortsevoy filmt diesen Vorgang in einer Sequenz und lässt ihn den Zuschauer so direkt miterleben – ebenso wie den Alltag im Dorf, der von der tiefen Wirtschaftskrise der Jelzin-Zeit und der verfallenden sowjetischen Infrastruktur geprägt ist.

MUZCHINA V DOME ILI GRAZHDANIE CAIN V STRANE BOLSHEVIKOV (Man in the House or Mr. Cain in the Land of Bolsheviks, Vladislav Tarik, RUS 1995, 3. & 13.4.) Dieser weitgehend unbekannte Film des Klassikers des sowjetischen Dokumentarfilms, Vladislav Tarik, handelt von Kevin Cain, einem britischen Staatsbürger, der sich Anfang der 90er Jahre als überzeugter Sozialist in einem Dorf im Ural niederlässt, um dort als russischer Bauer und Revolutionär zu leben. Neben seinen politischen Aktivitäten komponiert Mr. Cain in seiner Freizeit mit dem Synthesizer politische Lieder, die den Sozialismus preisen.

CHISTYJ PONEDELNIK (Pure Monday, Aleksey Solonytsin, RUS 1992, 3. & 13.4.) Die Chronologie einer radikalen Entscheidung: Zur Zeit der sowjetischen Stagnation unter Breschnew entschließt sich ein Lehrer, Andrei Mcheidse, „dieser Welt“ den Rücken zu kehren und Priester zu werden. Die Verfolgung und Bestrafung durch das System folgen prompt: Wegnahme der Wohnung, Verhaftung, Zwangseinweisung der Ehefrau in die Psychiatrie. Die Maßlosigkeit der Repressionen wird erst recht offensichtlich, als man dem Priester Anfang der 90er Jahre in die Strafkolonien Ostsibiriens folgt und seinen Begegnungen mit lebenslänglichen Sträflingen beiwohnt. Ein Film über Unbeirrtheit, aber auch über Orientierungslosigkeit im sozialistischen System und dessen amorphen Transformationsversuchen sowie der Rückkehr zur Religion, die heute zunehmend durch den Staat instrumentalisiert wird.

BELOVY (The Belovs, Viktor Kossakovsky, RUS 1992, 15. & 17.4., Einführung: Bert Rebhandl) Eine anfangs meditative, mäandernde Beobachtung zweier älterer Geschwister Anfang der 90er Jahre in der russischen Provinz. Scheinbar ganz nebenbei entfaltet der Film sein Anfangsmotto: „Den Menschen hätte man in Ruhe lassen sollen. Er würde sich dann allein und ganz natürlich entwickeln.“ Es geht um das Geschwisterpaar und um dessen unmittelbare tierische Nachbarschaft, um das kleine Miteinander und das große Außen, welches sehr weit entfernt zu sein scheint. Doch das unsichtbare Außen beschäftigt die Geschwistergesellschaft zunehmend, sie gerät in Streit und die Ruhe ist zu Ende.

YA VAS LUBIL … DETSKIJ SAD (I Loved You. Kindergarden, Viktor Kossakovsky, RUS 2000, 15. & 17.4., Einführung: Bert Rebhandl) Der letzte Teil von Viktor Kossakovskys Trilogie, die sich mit Liebesgeschichten in unterschiedlichen Altersstufen beschäftigt, widmet sich der ersten Liebe im Kindergarten. Im Stil eines Home Videos nähert sich Kossakovsky den beiden Protagonisten des Films – Sascha und Katja – und zeigt eine Welt, die derjenigen der Erwachsenen an Beziehungsdramatik und Reife kaum unterlegen ist.

YA ZABUDU ETOT DEN‘ (I Will Forget This Day, Alina Rudnitskaya, RUS 2010, 15. & 18.4.) Der Kurzfilm konzentriert sich auf die Gefühle von Frauen vor einer Abtreibung. Die persönlichen und politischen Umstände der jeweiligen Entscheidungen werden kaum erwähnt, es gibt keine Interviews und kaum Dialoge. Die Kamera dokumentiert distanziert das Geschehen und hält die Frauengesichter fest, um sich der Situation ihrer Protagonistinnen anzunähern.

MAT‘ (Die Mutter, Antoine Cattin, Pavel Kostomarov, RUS/CH 2008, 15.4., Antoine Cattin zu Gast & 18.4.) Die Regisseure Kostomarov (Russland) und Cattin (Schweiz) wagen sich an das Thema „Mutterschaft“ und machen Ljuba, eine alleinerziehende Mutter aus einem Dorf im Nowgoroder Gebiet, zur Protagonistin ihres dritten gemeinsamen Films. Trotz finanzieller Schwierigkeiten und einer unglücklichen Ehe hat Ljuba sich ihren Kinderwunsch erfüllt, sie ist mit den neun Kindern vor ihrem alkoholabhängigen Mann geflohen. Ljubas Selbstaufopferung für die Kinder lässt an eine archetypische Mutterfigur denken, in der sich religiöse Vorstellungen mit dem sozialistischen Gender-Modell der „arbeitenden Mutter“ verbinden. Der Film zeigt das Scheitern dieses Rollenmusters: Die bitterarme Dorfgemeinschaft kann weder Ljuba noch ihren Kindern eine Zukunftsperspektive bieten.

GRAZHDANSKOE SOSTOYANIE (Civil State, Alina Rudnitskaya, RUS 2005, 22.4., Einführung: Ekaterina Tewes & 27.4.) Der schwungvolle Anfang trügt: Frisch gebackene junge Paare, Blumen, Sekt und zerschmetterte Gläser weichen dem bürokratischen Alltag einer Behörde. Es geht um Heirat, Scheidung und Tod. Es geht auch um Formulare, Bestätigungen und fehlende Stempel. Der Kamera gelingt es, unbemerkt zu bleiben und dabei Gesichter, Schicksale, Freude, Verzweiflung, List, Wut und intime Details der Protagonisten ganz unmittelbar festzuhalten. Die Regisseurin Alina Rudnitskaya schafft Nähe und behält gleichzeitig Distanz, sie gleitet nicht ins Pathos oder ins Melodramatische ab, ist weder sozialkritisch noch gleichgültig.

DEVOCHKI (Girls, Valeriya Gai Germanika, RUS 2005, 22.4., einführender Vortrag von Ekaterina Tewes & 27.4.) Ein paar Sommertage aus dem Leben von drei Moskauer Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Abschied von der Kindheit in Schulhöfen und Hausfluren in den Mietshäusern eines Vororts am Rande der russischen Hauptstadt – von heimlich gekauften Zigaretten und Gin Tonic bis zur ersten Liebe und der Aushändigung des Passes. Die Regisseurin Valeriya Gai Germanika, die später mit ihrem Spielfilm „Everybody Dies But Me“ (2008) großen Erfolg in Cannes hatte, war selbst erst 19, als sie ihr dokumentarisches Debüt realisierte. Ihre emotionale Nähe zu und Sympathie mit den drei Hauptfiguren machen ihren Film zu einem authentischen und ehrlichen Werk.

PUTIN. VISOKOSNYJ GOD (Putin. The Leap Year, Vitaly Mansky, RUS 2001, 16. & 30.4.) Das erste Dokumentarfilmporträt des russischen Staatsoberhaupts, das von einem unabhängigen russischen Regisseur gedreht wurde. Mansky beobachtet den Alltag des damals zukünftigen Präsidenten: von dem Zeitpunkt, als Putin noch als Jelzins Stellvertreter auftritt, bis zu seinem Sieg bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000. Der Film basiert auf Gesprächen des Filmemachers mit dem Politiker und gibt Einblicke in Putins Privatleben – etwa beim Treffen mit seiner ehemaligen Deutschlehrerin und beim Teetrinken in seiner Residenz nahe Moskau. Dabei gelingt es Mansky, auch Momente von Unsicherheit und Unbeherrschtheit des russischen Präsidenten einzufangen.

SROK (The Term, Pavel Kostomarov, Alexey Pivovarov, Alexander Rastorguev, RUS/EST 2014, 16.4., Antoine Cattin zu Gast & 30.4.) Urspüngliches Ziel des als Video-Blog gestarteten Projekts war es, die Protagonisten der Oppositionsbewegung in Russland nach Putins Wiederwahl zum Präsidenten zu porträtieren. Der Titel des Films ist einerseits eine Anspielung auf Putins dritte Amtszeit (russ.: srok). Gleichzeitig verweist er auf die riskante Lage der Opposition, die mit Untersuchungshaft und Freiheitsstrafen (russ. ebenso: srok) zu rechnen und zu leben 
hat. Die alltäglichen, privaten, komischen und manchmal romantischen Szenen mit den Protagonisten mischen sich mit Ausschnitten aus dem staatlichen Fernsehen und dem politischen Kampf. Für die drei Regisseure blieb das Projekt „Srok“ nicht ohne Folgen: Durch ein Verhör von Pavel Kostomarov Ende 2012 wurden die Autoren selbst Teil des politischen Geschehens und brachen die Arbeit ab.

REVOLUZIYA, KOTOROI NE BYLO (The Revolution That Wasn’t, Aliona Polunina, EST/FIN/RUS 2008, 19.4., Aliona Polunina zu Gast, Einführung: Tatiana Kirianova & 22.4.) Einer der besten Filme zur politischen Opposi-tion im Russland der 2000er Jahre, das preisgekrönte Debüt der Regisseurin Aliona Polunina, zeigt die Anhänger der linksradikalen National-Bolschewistischen Partei unter der Führung von Eduard Limonov. Im Mittelpunkt des Films steht Anatoly Tischin, der stellvertretende Parteichef und sein Sohn Grigory, der von seinem Vater bereits mit 14 Jahren in die Partei-Aktivitäten eingebunden wird. Ohne ihre Protagonisten zu bewerten, schafft es Polunina, einen tiefen Einblick in das radikalisierte Milieu zu geben. Ein beeindruckendes Porträt nicht nur der beiden Tischins, sondern der gesamten Bewegung, die mit der Auflösung der Partei 2010 ihr offizielles Ende fand.

LADNO, KHOROSHO (Ok, Good,  Anna Kornienko, Alexandra Kulak, RUS 2015, 21. & 29.4.) ist ein Kurzfilm der jungen Filmemacher Alexandra Kulak und Ruslan Fedotov aus Moskau, die sich bereits mit kommerziellen Musik- und Werbevideos für internationale Bands einen Namen gemacht haben. Ohne sich in das alltägliche Leben des Dorfes zu vertiefen, zeigt der Film russische Babuschkas, die ihre Lieder in ländlicher Umgebung präsentieren. Der Blick der beiden Filmemacher ist weniger kritisch, sondern von großer Sympathie zu ihren Protagonistinnen geprägt. Die einer Wüste gleichende Dorflandschaft und der Klang der Volkslieder fügen sich auf sonderbare Weise zu einer archaischen, fragilen Welt.

ZWIZZHI (Zwizzhi, Olga Privolnova, RUS 2014, 21. & 29.4.) Zwizzhi ist ein kleiner Ort in der Nähe von Kaluga, der vor allem durch das Architekturfestival „Archstoyanie“ bekannt wurde, das Unmengen von Moskauer Hipstern anzieht. Deren Besuch scheint die Bewohner von Zwizzhi, die größtenteils arbeitslos sind, jedoch kaum zu beeinflussen. Die Regisseurin Olga Privolnova, die an der renommierten Marina-Rasbezhkina-Filmschule studierte, folgt mit ihrer Kamera den unteren sozialen Schichten der russischen Gesellschaft in der Art des Direct Cinema.

LENINLEND (Leninland, Askold Kurov, RUS 2013, 23.4., Askold Kurov zu Gast & 28.4., einführender Vortrag von Aleida Assmann) Mitten in der Perestroika eröffnete 1987 nach jahrelangen Bauarbeiten das größte und bislang letzte Lenin-Museum im Dorf Gorki, einige Kilometer von Moskau entfernt. Wenige Jahre nach der Museumseröffnung existierte die Sowjetunion nicht mehr und das Museum geriet in Vergessenheit. Mit viel Humor und Ironie hält Kurov den heutigen Alltag dieses Ortes fest, der zu einem Refugium kurioser Gestalten geworden ist. Unter den wenigen Besuchern sind chinesische Touristen, Anhänger der allrussischen Kommunistischen Partei, ukrainische Pioniere und russische Polizisten. Laut Aussage von Kurov ist LENINLAND kein politischer Film, sondern sein Versuch, einen Bezug zu der historischen Figur Lenin zu finden.

PERVYE NA LUNE (First on the Moon, Alexei Fedorchenko, RUS 2005, 28.4.) hat eine besondere dokumentarische Form. Wir erfahren vom ersten bemannten Flug sowjetischer Kosmonauten zum Mond. Regisseur Alexei Fedorchenko, langjähriger Mitarbeiter der Swerdlowsker Filmstudios, kombiniert gekonnt Archivmaterial dieses Studios mit eigenen Aufnahmen. Dabei reproduziert er das Geschehen präzise mit damals gängigen Filmgenres wie der Wochenschau oder dem Aufklärungsfilm. Bereits in der frühen Sowjetzeit wurde die Wirklichkeit mit filmischen Mitteln erfunden und ästhetisiert. Jahrzehnte später imitiert Fedorchenko perfektionistisch das Imitat. Vor dem Hintergrund der metafilmischen Wucht des Films stellt sich die Frage nach dessen Wahrheitsgehalt überhaupt nicht. Die Atmosphäre der Epoche wird hier minutiös und überzeugend wiedergegeben.

PREDSTAVLENIE (Revue, Sergei Loznitsa, RUS/NL/D 2008, 27.& 29.4.) Der zweite mehrfach ausgezeichnete Film von Sergei Loznitsa arbeitet mit Wochenschauen aus den 50er und 60er Jahren der Sowjetunion. Loznitsa nimmt die Bilder des alltäglichen Lebens unverändert in seinen Film auf, blendet aber Kommentar und Musik aus, um den Bildern ihre „propagandistischen“ Botschaften zu nehmen. Chronologisch montiert zeigt er die Auswirkungen damaliger politischer Veränderungen auf die Politik der Bilder. Mit der Liberalisierung, die nach dem Tod Stalins Mitte der 50er Jahre einsetzt, wird auch die Intonation der Chroniken milder und „menschlicher“. Der russische Titel „Vorstellung“ bietet zwei Lesarten des Films an: Man kann ihn, im Sinne eines inneren Bildes, als einen Versuch der „Rehumanisierung“ des sowjetischen Subjekts oder als eine Vorführung, ein grandios inszeniertes Spektakel verstehen. (tk)

Das Programm wurde ermöglicht durch eine Förderung des Hauptstadtkulturfonds und wurde kuratiert von Tatiana Kirianova. Dank an Michael Baute, Andreas Fertig und Anastassia Lobanova (Cinedoc).

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