Überleben in der Hölle: Literatur als imaginäre Flucht vor dem Gulag

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Eine Ausstellung im Berliner Literaturhaus zeigte von 24. Oktober bis 13. Dezember 2015 den „Samizdat“ im Gulag – Eine schwarze Literaturgeschichte, welche Lutz Dittrich vom Literaturhaus Berlin und Heike Winkel von der FU Berlin in Zusammenarbeit mit der Menschenrechtsorganisation Memorial in Moskau kuratiert haben.

Eva Riedelsheimer hat die Ausstellung im Rahmen eines Masters-Seminars des Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der FU unter der Leitung von Prof. Dr. Natascha Drubek besucht und berichtet von ihren Eindrücken:

Überleben in der Hölle: Literatur als imaginäre Flucht vor dem Gulag

Das Literaturhaus bot mit seiner Ausstellung zum Samizdat in den Gulags der Stalin’schen Sowjetunion einen Einblick in das literarische Schaffen von Insass*nnen der Arbeitslager der späten UdSSR.

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Besuch in der Ausstellung © Natascha Drubek

Von welch hoher tagespolitischer Brisanz Erinnerungsarbeit und Aufarbeitung von dunklen Phasen sowjetischer Geschichte sein können, wird deutlich, wenn ein Blick auf die derzeit schwierige Lage der Menschenrechtsorganisation Memorial in Moskau geworfen wird. Dass die Ausfuhr der Ausstellungsstücke durch Formalia erschwert wurde und die Aufarbeitung der Arbeitslager immer mehr aus den Händen von unabhängigen Vereinen genommen werden soll, kann als Beispiel dafür gelten. Umso schwerer wiegt die Bedeutsamkeit auf den teilweise nur Zentimeter kleinen Büchlein, die von Gulag-Insass*innen in größter Heimlichkeit verfasst wurden. Gedichte von Alexander Blok finden sich hier neben farbenprächtig illustrierten Kindergeschichten; sogar ein Lehrbuch für die einführende Philosophie, welches ein Häftling aus dem Gedächtnis zur Bildung seiner Tochter verfasste, kann die Besucher*in bestaunen. Dass Literatur mehr sein kann als pure Unterhaltung oder Grundlage für Literaturwissenschaftler*innen wird hier schnell deutlich: Literatur ist in den Arbeitslagern ein Mittel für Gemeinschaft und Geselligkeit, wenn beispielsweise bekannte und weniger bekannte Gedichte und ganze Werke aus dem Gedächtnis rezitiert werden. Literatur ist aber auch eine Quelle für Kraft und Durchhaltevermögen in den dunkelsten Stunden des Gulagalltags. Evgenija Ginzburg, wohl eine der bekanntesten Schriftsteller*innen der sowjetischen Arbeitslager – liefert uns in ihrem umfangreichen literarischen Nachlass Zeugnis darüber, wie ihr das Aufsagen von Gedichten die Zeit im Karzer erleichterte, wie es ihr als Instrument der Zeitmessung genauso diente, wie sie Literatur als Mittel der Körperreise an andere Orte – bessere Orte – nutzte und nur so die schwere Zeit der Folter überstand. Unter anderen sind es ihre Erzählungen und ihre Zeitzeug*innenberichte, welche von Lutz Dittrich vom Literaturhaus Berlin und Heike Winkel von der Freien Universität Berlin in der Ausstellung „Samizdat“ im Gulag – Eine schwarze Literaturgeschichte erarbeitet wurden. Memorial, einer der wenigen Organisationen in Russland, welche sich durch Sammlung von Zeugnissen verschiedenster Art mit der Aufarbeitung des Gulags beschäftigt, liefert neben inhaltlicher Unterstützung auch die Ausstellungsstücke aus den eigenen Archiven.

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Selbstgemachter Band mit Gedichten von Aleksander Blok. Auf dem Vorsatz ein Porträt Bloks. Fester Einband, Seiten aus Zigarettenpapier. 80mm breit х 106mm hoch x 30mm tief. © Sammlung Memorial Moskau

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Von einer jungen Estin angefertigt, die im Lager als Tischlerin gearbeitet hat: Selbstgemachtes Album mit Gedichten. Mordwinien, Dorf Jawas, 10. Lagerpunkt. 1953. Umschlag aus Birkenrinde mit Zeichnung und einer geflochtenen Schnur. 127mm breit x 65mm hoch x 20mm tief. © Sammlung Memorial Moskau

Für die Besucher*innen unter uns, welche den Aufwand nicht auf sich nehmen können, allein der seltenen und geschichtsträchtigen Originalexponate wegen eine Reise nach Moskau zu unternehmen, bietet die Ausstellung die Möglichkeit, sich schlaglichtartig über die literarische Landschaft der Sowjetunion unter Stalin zu informieren. Die Bibliotheken in den Lagern des Gulag, von welchen das Lager auf den Solowetzki-Inseln wohl die am besten ausgestattete Lagerbibliothek darstellt, wie ein Videoausschnitt einer ARTE-Dokumentation zeigt, und die Vereinnahmung bekannter russischer Schriftsteller wie Maksim Gorkij, der sich nur allzu leicht als Messias des sozialistischen Realismus instrumentalisieren ließ, oder Aleksandr Puškin, der sich posthum nun leider nicht gegen die exzessive Heldenverehrung wehren konnte, werden genauso beleuchtet wie die strafrechtliche Verfolgung Osip Mandelštams und zahlreicher Samizdat-Autor*innen.

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Gordon Gavrill: Oscar Wilde. Der glückliche Prinz. Übers. a.d. Engl. Sverdlovsk, Verbannung. 1933 . Handbeschriebener kartonierter Notizblock. 73mm breit х 103mm hoch x 8mm tief . © Sammlung Memorial Moskau

Leider, und dass bleibt wohl das einzige Missgeschick in dieser Ausstellung, wurde der Vergleich mit den Konzentrationslagern des Naziregimes, welcher laut Heike Winkel von den Insass*innen so getätigt worden war, unbedacht übernommen. Eine geschichtliche Unschärfe, die sich in die allzugängige Narration von Hitler-Stalin-Parallelen und Totalitarismus-Theorien einreiht, welche linke und rechte Politiken auf die gleiche Stufe stellen. Obwohl häufig, ist ein solcher Vergleich zu Gunsten gesellschaftstheoretischer und geschichtswissenschaftlicher Korrektheit zu überdenken. Er verdeckt zum Beispiel, dass sowjetische Arbeitslager sich in Funktionsweise und Absicht grundlegend von den Konzentrationslagern unterschieden, indem diese vor allem für das Ausschalten von politischer Opposition wichtig waren und nicht für die systematische Vernichtung Angehöriger einer bestimmten Glaubensrichtung, oder anderer sozialer Gruppen eingerichtet wurden. Ich schlage vor, diese Vergleiche auf Unbedachtheit zurückzuführen, da Stalin nicht offensichtlich mit Hitler gleichgesetzt werden und linker Totalitarismus nicht absichtlich in die Schublade von rechtem Terror gesteckt werden sollte, denn diese Ausstellung erweckte den Eindruck, dass hier mit höchster Präzision, begrifflicher Genauigkeit und einem bis ins Detail durchdachten Konzept gearbeitet wurde.

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Aus der Sammlung von Irina Ugrimova: Gedicht- und Textabschriften. Inta. 1950er Jahre . Papier; violette, schwarze Tinte. 70mm breit х 167mm hoch. © Sammlung Memorial Moskau

Durch letzteres wurde es nämlich möglich, dass die Ausstellungsstücke, welche als Herzstück der Ausstellung gelten können, perfekt in ihren Kontext eingebettet wurden. Diese zeigen in ihrer Auswahl vor allem, dass es trotz Materialknappheit und Illegalität geschafft wurde, wirkliche literarische Arbeit zu betreiben. Es wird für die Besucher*innen schnell deutlich, mit welcher Kreativität zum Beispiel das Problem der Materialknappheit gelöst wurde. Kleine Büchlein, welche entstehen konnten, indem Zigarettenpapier zur Schreibunterlage und Baumrinde zu einem Umschlag gemacht wurden stehen neben großformatigen Werken, welche trotz Heimlichkeit prächtig koloriert wurden. Inhaltlich decken diese ein breites Spektrum an Literatur ab, sodass sowohl politische und philosophische Schriften und religiöse und spirituelle Werke als auch Kinder- und Unterhaltungsliteratur von den Besucher*innen bestaunt werden konnten. Die Zusammenstellung, welche zum Großteil aus memorierten und dann niedergeschriebenen Gedichten und sogar ganzen Romanen besteht, spiegelt somit die vielseitigen Funktionen von Literatur im Gulag-Alltag wider. Leider, und das wurde durch den teilweise prekären Zustand der Werke deutlich, ist die Sammlung und Aufbewahrung der wertvollen Gegenstände sehr unterschiedlich verlaufen und allzu viele ähnliche Zeug*innenberichte werden durch Verschüttung und Zerstörung vermutlich nicht mehr auffindbar sein.

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Russ. Übersetzung von Stendhals »Henri Brulard«, mit Stempeln von Lagerbibliotheken und mit einem Elephanten-Bild: Das Buch stammt vom Lager auf den Solowezki-Insel, abgekürzt »SLON«, d.i. Russ. Elephant. Standort: Bibliothek Jerzewo, Oblast Archangelsk (ehem. KargopolLag) . © Olivier Rolin

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Sehr kleines Gebetbuch. Bestickter Stoffeinband, fadengebunden. 40mm breit x 52mm hoch x 6mm tief . © Sammlung Memorial Moskau

Umso glücklicher ist es für Interessierte, dass mit dieser Ausstellung ein Rahmen geschaffen wurde, in welchem eine Auswahl an Zeugnissen von dem breiten literarischen Schaffen im Gulag bereitgestellt wurde. Die großartige Aufarbeitung dieses Materials und die Einbettung in die Geschichte der Sowjetunion, welche sich nicht in einer Flut an Informationen oder einer westlich-zentrierten Verteufelung des russischen Sozialismus verzettelt, sondern sich präzise auf für das Verständnis notwenige Aspekte konzentriert, sollte den Kurator*innen größten Respekt einbringen. Allen, die sich für Literatur und Literaturbetrieb in den Stalin’schen Arbeitslagern interessieren, wurde mit dieser Ausstellung viel geboten: Ein gut durchdachtes, informatives Konzept – Gänsehaut und Staunen inklusive.

Die gleichnamige Broschüre zur Ausstellung, herausgegeben von Irina Scherbakowa, Heike Winkel und Lutz Dittrich kann im Literaturhaus für 5,- € erworben werden .

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