Gegen die Dekomposition. Ein Abend mit vier ukrainischen Dichterinnen

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Ein Eindruck von Dorothee Riese

Das Berliner Publikum durfte am 4.12. im Literarischen Colloquium vier ukrainische Dichter und Dichterinnen kennen lernen. Sie stammen von überallher – von der Krim: Aleksandr Kabanov (*1968); aus der Region Luhansk: Serhiy Zhadan (*1974) und Liubov Jakymchuk (*1985); und aus Galizien: Marianna Kijanowska (*1973). Sie sind in drei unterschiedlichen Jahrzehnten geboren und schreiben russisch (Kabanov) und ukrainisch (die anderen). Nach dem Abend bleibt der Klang der vielen Verse in ukrainischer Sprache im Ohr.

lesungDie Vielfalt der Ukraine vereint auf einem Podium? Ja, auch darum geht es den vier Dichterinnen und Dichtern. Die jüngste, Liubov Jakymchuk, die vor kurzem ihren Gedichtband „Die Aprikosen des Donbass“ veröffentlicht hat, beeindruckt mit ihrer melodischen Alt-Stimme. Sie liest voller Konzentration, ihre Dichtung ist rhythmisch, aber reim- und schnörkellos; die Verse klingen emphatisch nach, jede Pause zwischen den Zeilen wird zu einer ausgesprochen unausgesprochenen Forderung. „In diesen Zeiten“, also in Zeiten, wo Krieg und Zerstörung ihren Heimatort Pervomajsk heimgesucht haben, muss sie als Dichterin weiter dichten, weiter arbeiten, „nur besser, viel besser als vor dem Krieg“. „Wir“ – die UkrainerInnen, die Schriftstellerinnen – müssen in Dichtung und Tun „gegen die Dekonstruktion des Landes“ ankämpfen, verlangt Jakymchuk.

Eindrücklich ist ihr Gedicht „M, A, R, Š – Š, R, A, M“. In beiden Sprachen, im Ukrainischen und im Russischen, heißt das Wort „MARŠ“, Marsch, umgekehrt gelesen Narbe. In einer Aufnahme, die sie uns vorspielt, trägt Liubov Jakymchuk dieses Gedicht gemeinsam mit dem Kontrabassisten Mark Tokar vor. Das Gedicht verrät durch das Verweilen auf jedem einzelnen Buchstaben etwas von den Verletzungen, die der Krieg zufügt. Die Buchstaben bleiben, jeder für sich, im Raum stehen, die Wörter sind zersetzt. Im Klang der Buchstaben, die auf uns niederprasseln, meine ich die Geräusche des Krieges zu hören, die Unausweichlichkeit von Gewalt und Zerstörung. Wir erfahren, dass Liubov Jakymchuk sehr engagiert ist, in L’viv organisierte sie ein Donbass-Kultur-Festival, um in der Hauptstadt Galiziens, des „Westens“, das Verständnis für den „Osten“ zu fördern. Auch im Gedicht „Dekomposition“ brechen durch den Krieg die Wörter auseinander. Sie gehen entzwei: von Luhansk bleibt nur noch Hansk, aus Pervomajsk wird Pervo und Majsk, das „R“ rollt für sich allein, von Liuba, dem Namen der Dichterin, bleibt nur noch Ba übrig. „Ba!“ Das klingt, als ob ein Kind ein anderes im Spiel erschreckt. Aber in dem Ernst, mit dem Liuba-Ba! Jakymchuk vorliest, wird deutlich, dass es die Selbstverständlichkeit des Kinderspiels für sie, deren Heimat durch den Krieg zerstört ist, nicht mehr gibt. Die Dekomposition der Wörter erinnert mich an Ernst Jandls – ich nenne es Antikriegsgedicht – „schtzngrmm schtzngrmm t-t-t-t grrrmmmm s———-c———h“, was durch die Lautmalerei lustig wird und dadurch so schrecklich.

Was passiert, wenn die Laute des Krieges zu Dichtung werden? Dass die Sprache der Erfahrung des Krieges nicht genügt, thematisiert im Gespräch Marianna Kijanowska, die, bei ihren Besuchen im Kriegsgebiet am liebsten über „die Liebe“ schreiben würde, und in ihren Gedichten, die mitten im Geschehen, zum Beispiel auf dem Majdan im Winter 2013/2014 entstanden sind, immer wieder die Frage stellt, „wo war ich, als Menschen erschossen wurden“. Bei einem internationalen Poesiefestival in Baku 2015, wo sie Gedichte verfasste, die sie uns vorträgt, wurde ihr bewusst, dass die Sowjetische Armee 1990 in Baku gegen die dortige Unabhängigkeitsbewegung eingriff. Sie zieht dichterisch Parallelen zu den Geschehnissen im Baltikum – 1991 fuhren Panzer nach Vilnius und sowjetische Spezialeinheiten gingen in Riga gegen Demonstranten vor. Auch den russischen Angriff auf Georgien im Jahr 2008 nennt Kijanowska in dieser Reihe. Die Erschießung von Demonstrant_innen durch Scharfschützen auf dem Majdan im Januar 2014 erscheint ihr als letztes Glied in dieser Kette. Ich suche nach Ereignissen, die Kijanowska vergessen hat – z. B. die Niederprügelung von Demonstranten auf dem Moskauer Bolotnaja-Platz vor der Amtseinführung Putins im Jahr 2012, aber: Hätten die Moskauer_innen nicht wie die Kiewer_innen aktiver und noch mutiger werden müssen für ihre und der anderen Freiheit? Wie war das genau mit dem „Schwarzen Januar“ 1991 in Aserbaidschan? Da schoss nicht nur die Armee auf unabhängigkeitsbewegte Demonstrant_innen, da brachten in blutigen Pogromen Aserbaidschaner Armenier um. Mir scheint, dass die Darstellung von politisch so komplizierten Sachverhalten in einer Reihe – „Baku-Vilnius-Riga-Tbilissi-Kiew“- in der kurzen dichterischen Form genauso prägnant und intensitätsbildend wie gefährlich ist. Darf Dichtung Zusammenhänge verdeutlichen, indem sie andere verschweigt?

Während sie viel von Zerstörung schreiben, von dem Zerfall des Landes, treten die vier Dichter_innen gemeinsam auf und stehen damit selbst für Einheit und Frieden in der Ukraine ein. Sie übersetzen sich gegenseitig für die von dem auf Russisch dichtenden Aleksandr Kabanov herausgegebene Zeitschrift „Šo“ ins Ukrainische und Russische. Für mich, als Zuhörerin, bleibt der Eindruck, dass die Schriftsteller_innen mit aller Kraft die Einheit, das friedliche Zusammeleben, die gemeinsame Heimat beschwören und dies auf sehr eindrückliche Weise. Konfliktlinien, die auch zwischen den mit solch großer Mühe Geeinten bestehen, nachzuzeichnen scheint da vielleicht fehl am Platz. Und ich frage mich doch: Zerstört nicht der Krieg auch die Selbstverständlichkeit des Miteinanders der Menschen in der Ukraine? Bleibt die Zweisprachigkeit, über die, wie bei allen Gesprächen über die Ukraine in Deutschland, viel gesprochen wurde, wirklich so selbstverständlich, wie es die DichterInnen beteuern?

Dieser Beitrag bezieht sich auf den Literaturabend „Fragmentierung und Übersetzung“ im Rahmen der Winter Academy des Forums für Transregionale Studien, „Beyond History and Identity: New Perspectives on Aesthetics, Politics, and Society in Eastern Europe“.

 

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Eine Antwort to “Gegen die Dekomposition. Ein Abend mit vier ukrainischen Dichterinnen”

  1. gkazakou Says:

    danke für den eindrucksvollen Bericht

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