Archive for Dezember 2015

Gegen die Dekomposition. Ein Abend mit vier ukrainischen Dichterinnen

Dezember 10, 2015

Ein Eindruck von Dorothee Riese

Das Berliner Publikum durfte am 4.12. im Literarischen Colloquium vier ukrainische Dichter und Dichterinnen kennen lernen. Sie stammen von überallher – von der Krim: Aleksandr Kabanov (*1968); aus der Region Luhansk: Serhiy Zhadan (*1974) und Liubov Jakymchuk (*1985); und aus Galizien: Marianna Kijanowska (*1973). Sie sind in drei unterschiedlichen Jahrzehnten geboren und schreiben russisch (Kabanov) und ukrainisch (die anderen). Nach dem Abend bleibt der Klang der vielen Verse in ukrainischer Sprache im Ohr.

lesungDie Vielfalt der Ukraine vereint auf einem Podium? Ja, auch darum geht es den vier Dichterinnen und Dichtern. Die jüngste, Liubov Jakymchuk, die vor kurzem ihren Gedichtband „Die Aprikosen des Donbass“ veröffentlicht hat, beeindruckt mit ihrer melodischen Alt-Stimme. Sie liest voller Konzentration, ihre Dichtung ist rhythmisch, aber reim- und schnörkellos; die Verse klingen emphatisch nach, jede Pause zwischen den Zeilen wird zu einer ausgesprochen unausgesprochenen Forderung. „In diesen Zeiten“, also in Zeiten, wo Krieg und Zerstörung ihren Heimatort Pervomajsk heimgesucht haben, muss sie als Dichterin weiter dichten, weiter arbeiten, „nur besser, viel besser als vor dem Krieg“. „Wir“ – die UkrainerInnen, die Schriftstellerinnen – müssen in Dichtung und Tun „gegen die Dekonstruktion des Landes“ ankämpfen, verlangt Jakymchuk.

Eindrücklich ist ihr Gedicht „M, A, R, Š – Š, R, A, M“. In beiden Sprachen, im Ukrainischen und im Russischen, heißt das Wort „MARŠ“, Marsch, umgekehrt gelesen Narbe. In einer Aufnahme, die sie uns vorspielt, trägt Liubov Jakymchuk dieses Gedicht gemeinsam mit dem Kontrabassisten Mark Tokar vor. Das Gedicht verrät durch das Verweilen auf jedem einzelnen Buchstaben etwas von den Verletzungen, die der Krieg zufügt. Die Buchstaben bleiben, jeder für sich, im Raum stehen, die Wörter sind zersetzt. (more…)

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Veranstaltungshinweis: „Cinema: A Public Affair“ im Kino Krokodil, 07.12.2015

Dezember 3, 2015
Naum KleimanAus Anlaß der Premiere des Dokumentarfilms Cinema: A Public Affair (D 2015) sind der Filmwissenschaftler Naum Kleiman und die Regisseurin Tatiana Brandrup zu Gast im Kino Krokodil. Der Eisenstein-Experte und Kino-Visionär Naum Kleiman war seit 1989 Direktor des Filmmuseums in Moskau. Als er sich jedoch im März 2014 in dem offenen Brief „Мы с Вами!“ der KinoSojuz-Kollegen an die ukrainischen Filmschaffenden gegen die russische Militärintervention in der Ukraine ausspricht, fällt er bei der russischen Regierung in Ungnade. Allen – auch internationalen – Protesten zum Trotz wird er im Juli desselben Jahres kurzerhand durch Kulturminister Medinski abgesetzt.

am: 7. Dezember 2015 um 20:00 Uhr

im: Kino Krokodil – Filme aus Russland und Osteuropa
Greifenhagener Straße 32
10437 Berlin-Prenzlauer Berg
S+U Schönhauser Allee

Über den Film:
Was können Filme, was kann Kino im günstigsten Fall bewirken? Antworten auf diese komplexe Frage weiß kaum jemand so schön und klug zu formulieren wie Naum Kleiman. Der russische Filmhistoriker, Leiter des legendären Eisenstein-Archivs, war Direktor des 2005 geschlossenen Moskauer „Musey Kino“. Seither sind die Filme und Sammlungen der Cinemathek auf dem Gelände des Mosfilm-Studios eingelagert. Das „Musey Kino“ – Kleiman und der Freundeskreis des Museums – arbeitete jedoch weiter, im Exil, gegen alle Widerstände. Der Film rekonstruiert die Ereignisse bis zum Sommer 2014, als Kleiman auf skandalöse Weise abgesetzt wurde. „Das Kino hat die Fähigkeit, aus Menschen Bürger zu machen“. Es braucht nur wenige Filmausschnitte und man begreift, warum Kleiman ein bewunderter Filmvermittler ist – wie seine Verbündeten Erika und Ulrich Gregor vom Berliner Arsenal versteht Kleiman Film als Waffe im Kampf für bessere, offenere Gesellschaften. Konsequent also, wenn dieser Film zwar auch auf ein imposantes, mutiges Leben zurückblickt, vor allem aber dokumentiert, warum Naum Kleimans Verständnis von Kino im heutigen Russland an Brisanz und Aktualität kaum übertroffen werden kann (Pressemitteilung der Berlinale vom 22.01.2015).

Weitere Informationen finden Sie auf der Kino-Website. Der Eintritt kostet 6,50 EUR. Eine Vorbestellung der Karten wird empfohlen. Originalsprache Russisch mit deutschen Untertiteln. Einen Trailer gibt es hier.

E: kinokrokodil@email.de
T: 030 44049298 (ab 19 Uhr)

Veranstaltungshinweis: Leben & Werk von Debora Vogel — Gespräch mit Anna Maja Misiak

Dezember 1, 2015

Erste Veranstaltung in der Reihe
PeriGraphien: Europas Ränder – Europas Mitte

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am Freitag, den 4.12.2015 um 19.00 Uhr
im Buchbund (Sanderstraße 8, Berlin-Neukölln)

Hier die Ankündigung der Veranstalter_innen:

Anlass des ersten Gespräches im Rahmen der Reihe PeriGraphien ist die erstmalige Publikation von Texten Debora Vogels in deutscher Übersetzung: Die Geometrie des Verzichts. Gedichte, Montagen, Essays, Briefe, übersetzt und herausgegeben von Anna Maja Misiak (Erscheinungsdatum: Januar 2016, Arco Verlag). Debora Vogels Werk markiert eine einzigartige Schnittstelle der Sprachen und Kulturen: Sie promovierte in Krakau über Hegel, schrieb ihre Texte sowohl auf Jiddisch als auch auf Polnisch und nahm an den Diskussionen der New Yorker „Insichisten“ teil, der jiddischsprachigen Avantgarde der Zwischenkriegszeit. Bislang war Debora Vogel zumeist als „Muse“ von Bruno Schulz bekannt – mit der erstmaligen Publikation ihrer Texte in deutscher Übersetzung kann eine Autorin entdeckt werden, die in faszinierender Weise die Inspirationen mitteleuropäischer Geistesgeschichte literarisch umgesetzt hat.

Das Gespräch wird von Lothar Quinkenstein geführt – Schriftsteller, Übersetzer aus dem Polnischen und Literaturwissenschaftler mit dem besonderen Schwerpunkt auf polnisch-jüdischer Kultur.

Anna Maja Misiak (Bern): Literaturwissenschaftlerin , Kunsthistorikerin, Autorin des Buches Judit: Gestalt ohne Grenzen (Aisthesis Verlag, 2010). Übersetzerin aus dem Polnischen und dem Jiddischen, Herausgeberin der ersten Edition mit Texten Debora Vogels in deutscher Übersetzung: Die Geometrie des Verzichts (Arco Verlag, 2015).

Eintritt: 4 Euro
Sprache: Deutsch

Inhaltliche Konzeption: Lothar Quinkenstein
Organisation und Durchführung: Martin Brand, Lisa Palmes, Marcin Piekoszewski, Lothar Quinkenstein

Hier geht es zur Veranstaltungsankündigung auf der Website des Buchbunds.