Hinweis auf die Ausstellung „BALAGAN!!!“, 14.11.-23.12.2015 in Berlin

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BALAGAN!!! Zeitgenössische Kunst aus der früheren Sowjetunion und anderen mythischen Orten

Neben zahlreichen Musik-, Theater- und Performance-Produktionen aus Island und Skandinavien zeigt das diesjährige 6. NORDWIND Festival erstmals auch einige der neuesten Theaterarbeiten aus Russland. In Figures of Silence präsentiert und erläutert der russische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski seine Arbeit und diskutiert mit Philipp Ruch/Fabian Scheidler über die Situation politisch engagierter Kunst in Russland und Deutschland. David Elliott hat eigens für dieses Festival die Ausstellung BALAGAN!!! konzipiert und kuratiert.

Dauer des Festivals und der Ausstellung:
14. November bis 23. Dezember 2015

Ausstellungsorte:
Stiftung Brandenburger Tor im Max Liebermann Haus
Kühlhaus am Gleisdreieck
MOMENTUM im Kunstquartier Bethanien

Hier die Information des Kurators:
15.09.14.Balagan.poem

„Balagan!!!“ sagt man auf Russisch, um eine Farce zu beschreiben, das gottloseste aller Durcheinander – und das voller Begeisterung. Der Ausdruck bezeichnet aber auch eine in mittelalterlichen Mysterienspielen und Puppentheater verwurzelte künstlerische Strategie, die die Unbeständigkeit der Gegenwart mit einem brennenden Begehren nach einem neuen, hoffentlich besseren Leben zusammenbringt.

Die Ausstellung mit über 150 Arbeiten von 74 Künstlern aus 14 Länden des ehemaligen Ostblocks wird an drei verschiedenen Orten in Berlin gezeigt: Kühlhaus, Brandenburger Tor Stiftung im Max Liebermann Haus und MOMENTUM im Kunstquartier Bethanien.

Der monumentale Video-Fries Inverso Mundus (2015) der Moskauer Gruppe AES+F zeigt die Welt auf dem Kopf: Die Armen werden reich, die Klugen benehmen sich wie Dummköpfe, Heilige degenerieren zu Sündern, die Schwachen ergreifen die Macht. Kein Tabu von Macht oder Privilegien wird ausgelassen, während die Bilder den Kapitalismus in der ganzen Armseligkeit seiner Grundannahmen und Werte bloßstellen. Der Kiewer Künstler Arsen Savadov zeigt in der Foto-Serie Donbass-Chocolate (1997) Detailaufnahmen der halbnackten, kohleverschmierten Körper ehemaliger Bergarbeiter aus dem Kohlerevier von Donezk – einst Helden der Arbeit wirken sie nun, in gerüschte Tutus gekleidet, erbärmlich und verletzlich. In seiner jüngsten Fotoserie Commedia dell’Arte in Crimea (2012) bezieht er sich sowohl auf balagan wie auf Picassos „Blaue Periode“, indem er die traditionelle Geschichte von Pagliaccio, Arlecchino und Colombina in das Kriegsgebiet der Krim versetzt.

Der legendäre Petersburger Künstler Vladislav Mamyshev-Monroe (1969-2013) stellt die Welt auf andere Weise auf den Kopf: Er nimmt verschiedene Rollen an – männlich und weiblich, berüchtigt und berühmt, darunter auch jene des tragischen Hollywood-Stars, der ihm seinen Namen gab. Im Rahmen von BALAGAN!!! ist nun erstmals eine breite Auswahl seiner Malereien, Filme, Fotos, Collagen und Performances in Deutschland zu sehen.

Für die Fünf-Kanal-Videoinstallation Kurchatka 22 (2012) hat die kasachische Künstlerin Almagul Menlibayeva das ehemals wichtigste sowjetische Atomwaffentestgelände Semipalatinsk besucht. Aufnahmen des verwüsteten Geländes und Interviews mit Anwohnern verwebt sie mit Erscheinungen enigmatischer Geister, die mit verführerischer Stimme von einer Parallelwelt raunen, in der es weder Fortschritt noch Zerstörung gibt, sondern Menschen und Tiere wieder frei durch die grenzenlose Steppe streifen.

Sasha Pirogova ist eine der wenigen jungen Moskauer Künstlerinnen, die im Medium Performance arbeiten. In ihren Arbeiten passen Menschen sich automatisch an die Mechanik ihrer physischen Umgebung an und überlassen ihre Autonomie dem Rhythmus und der Struktur, von denen sie umgeben sind. Ihr Video BIBLIMLEN (2013) ist ein Blick hinter die Kulissen der Lenin-Staatsbibliothek, deren Innenarchitektur zum Co-Autor der Arbeit wird. Schrauben, Muttern, Regale und Aufzüge gebären Figuren, die in der Struktur des Gebäudes aufgehen, ganz als ob sie von ihm verzaubert wären.

Diese Künstler bilden nur eine kleine Auswahl der in der Ausstellung vertretenen Positionen. Vor dem Hintergrund ihrer verschiedenen Generationszugehörigkeiten, Herkunftsorte und biographischen Erfahrungen kommen sie zu unterschiedlichen Schlüssen darüber, worin das Leid der Gegenwart besteht. Sie fokussieren auf Gründe und Folgen des balagan, wie sie in Konzepten von Nation, Religion und Gender, aber auch in den Geißeln des Rassismus, der Diskriminierung und der Plünderung ökologischer Ressourcen auftauchen. Allerdings besteht ein großer Unterschied zwischen balagan als einem Modus der Kritik und einem chronischen Zustand der Realität. Unkontrolliert kann Chaos schnell zu einem Mittel der Unterdrückung werden. In der künstlerischen Bearbeitung offenbart balagan sein wandelbares, ausbeuterisches Naturell.

David Elliot,
Autor des Balagan-Konzepts und Kurator der Ausstellung

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