Yuri Albert | Fragen der Kunst: Moskauer Abstimmung

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Kunst ist nicht dazu da, um sie anzuschauen, sondern um über sie nachzudenken.

„Kunst ist nicht dazu da, um sie anzuschauen, sondern um über sie nachzudenken.“ Yuri Albert. Foto: Bettina Brach/WESERBURG

Dieses Postulat Yuri Alberts ist nicht nur für das Selbstverständnis der Konzeptkunst grundlegend, sondern liegt auch der aktuellen Ausstellung zugrunde, die Sabine Hänsgen für die WESERBURG kuratiert hat. Yuri Albert, der der zweiten Generation des Moskauer Konzeptualismus angehört, gilt als einer seiner konsequentesten Vertreter. Konsequent deshalb, weil sich die universalen Fragen nach dem Status des Künstlers, den Bedingungen der Produktion von Kunst, aber auch ihrer Rezeption durch den Museumsbesucher wie ein roter Faden durch sein gesamtes künstlerisches Schaffen ziehen. Boris Groys, Theoretiker und Namensgeber des Moskauer Konzeptualismus, beschrieb diese Art des Kunstschaffens, die ihre Wurzeln in der westlichen Conceptual Art hat, als den „Versuch, nicht mehr Kunstgegenstände als materielle Objekte herzustellen, die zur Betrachtung und ästhetischen Bewertung bestimmt sind, sondern die Bedingungen aufzuzeigen und zu artikulieren, die die Rezeption der Kunstwerke diktieren, sowie die Prozedur ihrer Herstellung durch den Künstler, ihre Beziehung zum Kontext, ihren zeitbedingten Status.“

„Kommen Sie mich besuchen! Es wird mir eine Freude sein, Ihnen meine Arbeiten zu zeigen.“ Yuri Albert, 1983 © Yuri Albert / Vadim Zarachov

Der Moskauer Konzeptualismus blieb bis in die Perestrojka hinein aus dem offiziellen sowjetischen Kulturbetrieb ausgeschlossen und war daher wie die nichtkonforme Literatur, die im Samizdat (Selbstverlag) publiziert und verbreitet wurde, auf alternative Formen der Öffentlichkeit angewiesen. Daraus entwickelte sich die sog. Apt-Art (Apartment-Art), bei der Ausstellungen, Lesungen, Performances und Diskussionen in Privatwohnungen organisiert wurden. Gleichwohl ist er keine Dissidentenkunst, die sich als Opposition zur totalitären Macht verstand und erst durch diese Polarität determiniert wurde. Vielmehr ging es den Moskauer Konzeptualisten v.a. um eine bewusste Aneignung von und Auseinandersetzung mit dem hyperästhetisierten Zeichensystem der sowjetischen Kultur. Während sich die erste Generation mit eben diesem „ideologischen Zeichenkosmos“ beschäftigt, geht Yuri Albert bereits einen Schritt weiter. Er radikalisiert diese Welt der Alltagsideologie, indem er – wie es die Kuratorin Sabine Hänsgen sehr pointiert formuliert – „ideologische Zeichen und Texte durch die Kunst als solche betreffende Aussagen ersetzt.“

Textarbeiten / Foto: Bettina Brach/WESERBURG

Diverse Textarbeiten von Yuri Albert, 1981. Foto: Bettina Brach/WESERBURG

In diesem Sinne kann auch die Moskauer Abstimmung, mit der Yuri Albert 2009 auf der Moskauer Biennale für Zeitgenössische Kunst vertreten war und für die er 2011 mit dem Kandinskij-Preis ausgezeichnet wurde, als Weiterentwicklung und Übertragung dieses Verfahrens in einen globalen Kontext hinein verstanden werden. Dieses Projekt, das die Idee von Hans Haackes MoMA-Poll übernimmt und erweitert, ist auch eine Fortsetzung der politische Reflexion mit ästhetischen Mittel. Anders als Albert hatte Haacke den Besuchern der Information-Ausstellung 1970 im New Yorker Museum of Modern Art nur eine einzige Frage gestellt, für die mit „Ja“ oder „Nein“ gestimmt werden konnte: „Would the fact that Governor Rockefeller has not denounced President Nixon’s Indochina policy be a reason for you not to vote for him in November?“ Die überwältigende Mehrheit der Besucher stimmte mit „Ja“. Die Brisanz dieser Frage besteht darin, dass Rockefeller damals nicht nur Gouverneur von New York war, sondern auch ein wichtiger Förderer des Museums und Mitglied des Stiftungsrates. Mit MoMA-Poll ist es Haacke als Künstler gelungen, aus dem Museumsraum heraus sowohl direkt in die politische Meinungsbildung der Öffentlichkeit einzugreifen als auch die Kritik an der institutionellen Verstrickung von Kunst und Politik in den Museumsraum hineinzutragen. Dieser museale Raum ist auch für Yuri Albert von zentraler Bedeutung, allerdings nicht im Sinne von Haackes Institutionskritik und „Grenzüberschreitung zum politischen Raum“, sondern als individueller Rückzugsort, an dem die „Distanz zum gesellschaftlichen Alltag einen Freiraum“ (Hänsgen) zum Nachdenken – auch über das Verhältnis von Kunst und Politik und die eigene Verortung in diesem Spannungsfeld – eröffnet. Die Freilegung eben dieses politisch-ästhetischen Spannungsfeldes ist den Ausstellungsmacher_innen der WESERBURG so brillant gelungen, trotz oder gerade wegen der Abwandlung des Ursprungskonzeptes. Da der Raum des Studienzentrums unter dem Dach nicht ausreichte, um alle acht Fragen nebst Wahlurnen und zahlreiche andere Arbeiten Alberts aufzunehmen, wurde die Not buchstäblich zur Tugend gemacht. Vom Foyer bis in die oberste Etage, wo sich die eigentliche Ausstellung befindet, ist die Moskauer Abstimmung in den gesamten Museumsraum integriert. Dadurch kommt es zu einer verblüffenden Interaktion mit den Arbeiten anderer Künstler. Das erhöhte Reflexionspotenzial verkompliziert allerdings auch die eindeutige Beantwortung der Fragen weiter.

1. Frage der Moskauer Abstimmung / Foto: Bettina Brach/WESERBURG

1. Frage der „Moskauer Abstimmung“. Foto: Bettina Brach/WESERBURG

Gleich im Foyer, noch bevor der Besucher eine Eintrittskarte erwirbt, erwartet ihn die erste Frage: „Ist die Tatsache, dass kein russischer Künstler gegen den Krieg mit Georgien protestiert hat, ein Grund für Sie, Ihre Einstellung zur zeitgenössischen russischen Kunst zu ändern?“ Damit beginnt bereits an der Schwelle zum eigentlichen Museumsraum das Prinzip der politisch-ästhetischen Reflexion zu wirken, die für dieses Projekt so wichtig ist. Mit dieser ersten Frage knüpft Albert direkt an Haacke an und weist doch gleichzeitig schon über ihn hinaus. Anlass der Kritik ist ein unter moralisch-ethischen Gesichtspunkten bedenkliches Verhalten einer Person des öffentlichen Lebens – bei Haacke gerät ein Politiker ins Feuer der Kritik, bei Albert hingegen der Künstler. Von diesem erwartet der Besucher – auch wenn es sich realiter häufig genau andersherum verhält – nicht dieselbe hohe moralische Integrität und das evoziert (anders als bei Haacke) das Dilemma einer eindeutigen Antwort. Überdies entfaltet die Frage durch die ihr inhärente Vergänglichkeit und Zeitlosigkeit eine enorme politische Sprengkraft: Georgien war gestern, Ukraine/Krim ist heute und morgen…?

2. und 3. Frage der Moskauer Abstimmung / Foto: Bettina Brach/WESERBURG

2. und 3. Frage der „Moskauer Abstimmung“. Foto: Bettina Brach/WESERBURG

Die zweite und die dritte Frage, die den Einfluss von (Selbst-)Zensur auf die Qualität zeitgenössischer russischer Kunst sowie die Bedeutung der politischen Überzeugungen eines Künstlers für die Haltung des Betrachters zu dessen Werk erkunden will, werden mit Arbeiten von Gerhard Rühm konfrontiert. Rühm und die Wiener Gruppe galten lange Zeit als die enfants terribles der modernen österreichischen Nachkriegskunst. Heute berühmt für seine visuelle Poesie und auditive Musik agierte Rühm damals nach eigenen Aussagen „in einer atmosphäre von ignoranz und wütender ablehnung“. Hervorgerufen wurde sie nicht nur durch die allgemein verbreitete Angst, wegen der Vorliebe für „gesunde kulturpolitik“ als Nazi zu gelten, sondern auch durch das Problem, als Anhänger einer vermeintlich neuen „entarteten Kunst“ und Subkultur diffamiert zu werden. Verfemt und verachtet emigrierte Rühm schließlich nach Deutschland. Hieran zeigt sich eine erstaunliche Nähe sowohl zum Gegenstand der Fragen als auch zu der Situation, in der sich die inoffizielle Kunst schon immer befunden hat und im heutigen Russland zunehmend wieder befindet. Mit diesen Fragen beginnt sich jetzt auch der Duktus der Fragen von der Politik hin zur Kunst zu verschieben. Mit der zweiten Frage endet der explizit russische Kontext, mit der dritten auch der politische. Fortan drehen sich die Fragen zunehmend um den Künstler selbst, sein Werk, dessen Qualität und Entstehungsbedingungen sowie die Rezeption.

6. und 7. Frage der Moskauer Abstimmung / Foto: Bettina Brach/WESERBURG

4. Frage der „Moskauer Abstimmung“. Foto: Bettina Brach/WESERBURG

Die vierte Frage ist leider einer anderen Ausstellung „zum Opfer gefallen“ und musste in den Ausstellungsraum des Zentrums für Künstlerpublikationen mit dem Radiokunstarchiv umziehen. Aber vielleicht hat diese „Zwangsumsiedlung“ auch etwas Gutes: der Raum ist wider Erwarten still, menschenleer, das Licht etwas schummrig. Kurzum: optimale Bedingungen, um sich ganz in die existenzielle Dimension der Frage zu vertiefen, statt die moralische Macht der Kunst grundsätzlich infrage zu stellen: „Meinen Sie, dass ein gutes Kunstwerk unser Leben zum Besseren verändern kann?“ Freilich rekurriert dieser Ort auch auf Arbeiten wie die Goldene Schallplatte (1982) und deren Verbreitung. Die fünfte Frage, ob man gute von schlechter Kunst unterscheiden könne, ist zwischen den Toiletten platziert. So sehr wie man sich im ersten Fall auf das eigene Geschmacksurteil verlässt, hört man im zweiten Fall auf das Körpergefühl. Dass uns beide durchaus täuschen können, wissen wir nur allzu gut, wollen es uns aber nicht recht eingestehen, nur um im Nachhinein dann meist doch eines Besseren belehrt zu werden. Was der so originell wie provokante Aufstellungsort hingegen verschweigt: diese Frage ist das connecting link zu den grauen Bildern, von denen später noch die Rede sein wird.

6. und 7. Frage der Moskauer Abstimmung / Foto: Bettina Brach/WESERBURG

6. und 7. Frage der „Moskauer Abstimmung“. Foto: Bettina Brach/WESERBURG

Die sechste und die siebte Frage nach der Abhängigkeit der Qualität eines Kunstwerkes von der Meinung des Betrachters und der Richtigkeit der Behauptung, ein Kunstwerk schaffe immer die Situation einer Wahl, nehmen wieder den Dialog mit den Kunstwerken im Raum auf. Hans Haackes Kondensationsboden liegt Yuri Alberts Fragen und Wahlurnen genau gegenüber. Ansonsten ist die Atmosphäre geprägt durch Arbeiten der Fluxus-Bewegung, deren geistige Verwandtschaft zur Konzeptkunst hinsichtlich der Projekthaftigkeit des Kunstwerkes nicht zu übersehen ist, und wodurch so etwas wie ein Kunstdialog über die Generationen hinweg entsteht.

Yuri Albert vor Textarbeiten ca. 1987 / Foto: Yuri Zheltov

Yuri Albert ca. 1987. Foto: Yuri Zheltov

In der eigentlichen Yuri-Albert-Ausstellung angekommen, scheint sich der Künstler dem Betrachter in seinen Kunstwerken in Griffweite und auf Augenhöhe zu nähern und ihn doch auf selbstironische Distanz zu halten, wenn er ihn zuletzt mit einem Augenzwinkern fragt: „Denken Sie etwa wirklich, dass das, was Sie gerade anschauen, Kunst ist?“ Was soll man darauf antworten angesichts der Tatsache, dass uns der Künstler seitlich von zwei Fotos herüber anblickt, dass uns andere Museumsbesucher – ebenso vor die Qual der Wahl gestellt – sich selbst in uns beobachten?

Gut, dass uns die zahlreichen anderen Arbeiten des Künstlers in diesem Raum gestatten, die Entscheidung vorerst zu vertagen und einladen, in seinen Ideenkosmos einzutauchen. Da sind Meine Lieblingsbücher (2001/2003): sieben unterschiedlich grau-schwarze, aber einheitlich große Bilder. Ihre Präsenz ist so unerhört, dass der Blick an ihnen hängen bleibt. In einem quasi-rituellen „Akt des Biblioklasmus“ (Hänsgen) oder vielleicht eher Biblioclash, der wie Bruno Latours Begriff Iconoclash das schöpferische Moment der Zerstörung betont, hat Yuri Albert nicht wie üblich die Bücher der Feinde verbrannt, sondern seine Lieblingsbücher von Dürer, Rilke, Gončarov, Swift, Turgenev, Tolstoj und Balzac den Flammen übergeben: ein persönliches Opfer, dessen Sinn erst die Neuschöpfung offenbart. Diese künstlerische perekovka (Umschmiedung) der Bücher in Bilder ist ein demiurgischer Akt. Mit ihr wollte Albert nicht nur nachträglich auch Russland zu einer monochromen abstrakten Malerei verhelfen, die sich in dessen Nachkriegskunst nicht etablieren konnte. – Apropos: Alberts großes Vorbild Alan Charlton, dessen ereignislose graue Bilder ihn stets so fasziniert und zu seinen Lieblingsbüchern inspiriert haben, ist in der WESERBURG mit vier grauen Bildern vertreten. – Die Bilder sind auch ein ungeheurer Akt der Autopoiesis. Dechiffriert ergeben ihre Abmessungen nämlich Alberts Köpergröße (168 cm) und Schulterbreite (47 cm), weshalb er sie selbst als eine Art Selbstporträt bezeichnet. Doch die radikale Ersetzung des Wortes durch die monochrome Ikone kann auch als fundamentaler Zweifel oder Metareflexion des eigenen Schaffens verstanden werden, das die „Literaturzentriertheit der russischen Kultur“ (Hänsgen) immer wieder aufgreift und dabei stets neue Texte produziert.

Yuri Alberts graue Bilder / Foto: Bettina Brach/WESERBURG

„Meine Lieblingsbücher“, 2001/2003. Foto: Bettina Brach/WESERBURG

Balzacs Buch Das unbekannte Meisterwerk ist gleich zweimal in der Ausstellung „zu sehen“. Im bereits erwähnten Fall ist es buchstäblich wie ein Phönix aus der Asche als „Selbstporträt“ des Künstlers wieder auferstanden. Im zweiten Fall hat ihm der Künstler durch den Prozess des Abschreibens eine neue Identität verliehen. Wie ein mittelalterlicher Kopist vor der Erfindung des Buchdrucks hat Albert das Meisterwerk Balzacs abgeschrieben und sich mühevoll Wort für Wort anverwandelt, zu seinem eigenen Meisterwerk gemacht. Ein Echtzeit-Video, das zu diesem Werkkomplex gehört, dokumentiert und authentifiziert den Schaffensprozess als solchen, der in der Druckausgabe von Videostills verifiziert wird.

Das unbekannte Meisterwerk / Foto: Bettina Brach/WESERBURG

„Das unbekannte Meisterwerk“, 1997/2014). Foto: Bettina Brach/WESERBURG

In zwei weiteren Arbeiten, die hier abschließend vorgestellt werden sollen, nimmt Yuri Albert durch sein Nachdenken über Blindheit (als Unvermögen des Subjekts) und Unsichtbarkeit (als Zustand des Objekts) den „Prioritätsstreit der Sinne, der sich durch die ganze Geschichte der Literatur und Philosophie verfolgen lässt“ (Elke Judith Wagner), wieder auf. Hatte Platon den Gesichtssinn als den „sonnenähnlichsten unter allen Werkzeugen der Wahrnehmung“ ausgezeichnet und sein Vermögen göttlichen Ursprungs genannt, war für Rousseau Sehen ohne Fühlen unmöglich: „Lange Zeit muss man den Gesichtssinn mit dem Tastsinn verknüpfen, um den ersten dieser beiden Sinne daran zu gewöhnen, uns eine Vorstellung von den Gestalten und Entfernungen zu vermitteln.“ Auch für Ernst Bloch „gibt das Auge vor allem Farbe hinzu“, statt alle „greifbaren Dinge“ nur „aufzuschließen“, führt es „auch leicht in den farbigen Dunst und Schein“. Sein Fazit: „Das Tastbare wirkt wirklicher. […] Wir glauben dem Tastsinn mehr als dem Auge.“

Selbstportrait mit geschlossenen Augen (1995) / Foto: Bettina Brach/WESERBURG

„Selbstportrait mit geschlossenen Augen“, 1995. Foto: Bettina Brach/WESERBURG

An das Diktum Ernst Blochs scheint Yuri Albert mit seinem Buch Selbstporträt mit geschlossenen Augen (1995) anknüpfen zu wollen. Geprägt in Brailleschrift enthält es van Goghs Briefe mit Beschreibungen seiner Bilder. Um die unsichtbaren Bilder Vincent van Goghs auch im musealen Raum erlebbar und ertastbar zu machen, hat Albert die in Blindenschrift übersetzten Bildbeschreibungen auf Holztafeln aufgebracht, wie normale Bilder aufgehängt und mit Objekttexten (ebenfalls in Braille) versehen. „Eine solche doppelte Verschriftung, d.h. die doppelte De-Visualisierung des Bildes, so Sabine Hänsgen, zielt bei ihm auf eine neue Imagination mit geschlossenen Augen.“ Dort, wo der Gesichtssinn an seine Grenzen stößt, wirkt das Tastbare wirklicher. Erst die Entschlüsselung des Textes durch den Tastsinn ermöglicht einen Zugang zu van Goghs Bildern. Hier entfaltet die Begrenzung des Blinden ihre Kraft; nur er kann den Braille Code entschlüsseln und so die anderen Besucher mit in die Welt der Bilder nehmen. Ohne diese Entzifferung erinnern uns die Bildtafeln daran, wie schwierig es ist, sehen zu lernen und wie sehr wir durch unsere Sozialisierung determiniert sind, nur das zu sehen, was wir gelernt haben: „Auf diese Weise ist auch der Sehende blind, da er verlernt hat, immer wieder neu zu sehen, die Bilder auf ihre Wahrhaftigkeit zu überprüfen“ (Wagner).

Auch die Führung mit verbundenen Augen stellt die Auszeichnung des Gesichtssinns gegenüber dem Tastsinn in Frage. Diesmal ist nicht der Blinde, sondern der Museumsführer der „Sehende“, der Vermittler. Er hat die Aufgabe, durch seine Bildbeschreibung, die Imagination der „blinden“ Teilnehmer zu beflügeln. Diese lauschen ihm, bewegen sich vorsichtig mit den Füßen den Boden ab- und ertastend und gegenseitig an den Händen haltend durch die Museumsräume. Rousseau scheint gleichsam Ideengeber dieser Performance zu sein: „Ohne den Tastsinn und ohne die Vorwärtsbewegung wäre es den schärfsten Augen der Welt unmöglich, uns eine Vorstellung vom Raum zu geben.“ Während „blinde“ Kameraleute das Ereignis filmen, sind die „blinden“ Teilnehmer aufgefordert, ihre Erfahrungen (Kommentar 1 und 2 als pdf) hinterher aufzuschreiben, wodurch eine Art Rückübersetzung des Unsichtbaren in sichtbare Bilder und Texte stattfindet. Beide Arbeiten können durchaus als Versuch interpretiert werden, das seit Platon das abendländische Denken beherrschende Paradigma des Primats der Vernunft als Analogon des göttlichen Gesichtssinns ästhetisch-performativ zu durchbrechen.

Führung mit verbundenen Augen (2014) / Foto: Bettina Brach/WESERBURG

„Führung mit verbundenen Augen“, 1998/2014. Foto: Bettina Brach/WESERBURG

Insgesamt muss man den Organisatoren dieser Ausstellung ein großes Kompliment machen. Es ist ihnen gelungen, auf kleinstem Raum einen nachhaltigen Eindruck von Yuri Alberts Schaffen und seinem Anliegen als Künstler zu vermitteln, wozu in ganz besonderer Weise die titelgebende Arbeit Moskauer Abstimmung beiträgt. Trotz ihrer primär ästhetischen Orientierung bleibt sie doch ein latent politisches Projekt, dessen Aktualität sowohl angesichts der Abstimmungspraxis in Russland seit den Dumawahlen 2011 als auch der unsicheren Zukunft des Museums WESERBURG höher denn je ist. Vielleicht hat Albert damit letztlich doch Haackes aktive „Grenzüberschreitung zum politischen Raum“ vollzogen.

Die Ausstellung, die noch bis zum 28. September 2014 läuft, ist ein Muss für alle Freunde des Moskauer Konzeptualismus. Aber die WESERBURG hat noch mehr zu bieten. Sie eröffnet allen, die ein offenes Auge und Ohr – ihr Dachraum ist Klangraum mit wunderbaren Soundinstallationen – für moderne Kunst haben, neue Einsichten und Ausblicke.

Die Yuri-Albert-Ausstellung Fragen der Kunst: Moskauer Abstimmung ist eine Kooperation mit der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen und dem Literaturfestival poetry on the road.

Zentrum für Künstlerpublikationen
Weserburg│Museum für moderne Kunst
Teerhof 20, 28199 Bremen
Telefon 0421 5983940
office.studienzentrum@weserburg.de
www.weserburg.de

Öffnungszeiten
Di – Mi, Fr – So 11 – 18 h
Do 11 – 20 h, Mo geschlossen

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2 Antworten to “Yuri Albert | Fragen der Kunst: Moskauer Abstimmung”

  1. Seraphien Schütz Says:

    Dear Alexander, Maybe you are interested….

    >

  2. Veranstaltungshinweis: Künstlergespräch mit Yuri Albert am 27.9.2014 in der Weserburg, Bremen | novinki-Blog Says:

    […] Beitrag über die Ausstellung „Yuri Albert. Fragen der Kunst: Moskauer Abstimmung“ auf dem Novin… […]

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