Musik ist kein Text…

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…dieser Befund lockte letzten Mittwoch eine Handvoll Musikenthusiast_innen in die Humboldt-Universität zu Berlin – dem Sommertag und blauen Himmel zum Trotz. Wer es wegen der Sonne nicht zum Gastvortrag des Komponisten Boris Filanovskij geschafft hat, findet hier die wichtigsten Punkte zum Nachlesen. Zusammengefasst hat sie Felicitas Claus.

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Boris Filanovskij bei seinem Gastvortrag am 21.05.2014 an der HU Berlin © Tomáš Glanc

Als Boris Filanovskij anfängt zu sprechen, versetze ich mich gedanklich zurück in mein letztes klassisches Konzert. Es bestand aus zwei Teilen: Zuerst die Uraufführung eines Auftragswerks für Sopran und Orchester, nach der Pause dann Brahms.

Ich sehe mich bei Brahms im zweiten Teil begeistert im Konzertsaal mitfiebern. Während ich im ersten Teil auf meinem Sitz hin und her rutsche und innerlich denke: Zeitgenössische Musik, hmmm. Wie Kulturradio, nachts um vier. Und ich versuche die Frage zu unterdrücken: Was soll mir das sagen?

In music there’s no minimal syntactic unit, but…

Nun also Boris Filanovskij. Der Gastvortrag des zeitgenössischen Komponisten an der HU stellte sich genau dieser Frage. Ohne Umschweife begann der Komponist zu erklären, dass dieser Gedankengang in eine falsche Richtung führt:

Musik, das ist kein Text, keine Sprache. Musik will nichts aussagen. Und anders als Sprache fehlt ihr eine kleinste bestimmbare semantisch-syntaktische Einheit.

Dennoch wünschen wir uns aber, dass Musik zu uns spricht. Und wir können und wollen  natürlich bestimmen, wie Musik wirkt. Viele Begrifflichkeiten aus der Musiktheorie zeugen davon: Konsonanz und Dissonanz, (Dis-)harmonie, Charakter und Tempi, Tonfärbung und dergleichen mehr.

Entscheidend dafür ist, nach Filanovskij, was wir als musikalische Einheit betrachten. Als Komponist z. B. die Veränderung eines musikalischen Ereignisses innerhalb einer bestimmten Zeit: der Anfang und das Ende eines Tones etwa, oder der Wechsel der Tonhöhe in einer Melodie.

Selten nehmen wir Zuhörer diese Übergänge wahr. Wenn im Konzert alles glatt läuft, erwarten wir schließlich keine einzeln dahergeholperten Töne, sondern eine geschlossene Melodie.

Establishing an order between man and time

Ein Komponist, so Filanovskij, ist also ein Mensch, der die Dinge –  frei nach Strawinsky –  in eine Ordnung bringt, zeitlich und intersubjektiv nachvollziehbar.

Für einen deutschen Durchschnittshörer hieße das, der Komponist sollte nach Möglichkeit aus dem europäischen Kulturkreis stammen. Er hätte dann dasselbe Verständnis von Harmonie und Disharmonie, dasselbe Gefühl für Rhythmus und dafür, was als feierlich, melancholisch oder fröhlich gilt. Er hätte auch denselben unausgesprochenen historischen Hintergrund, wäre mit dem Quintenzirkel aufgewachsen und derselben Musikgeschichte, denselben Hörgewohnheiten. Gregorianischer Gesang, Bach und Hindemith wären ihm vertraut.

Dieser Komponist sollte auch wissen, wie viele musikalische Einheiten, Wechsel  und Wiederholungen er seinem Zuhörer zumuten kann – denn dafür steht ihm nur ein Zeitfenster von 5 bis 12 Sekunden zur Verfügung. Mehr kann auch ein aufmerksamer Musikliebhaber nicht behalten.

  • „Do we perceive minimal music as a speech […]?“, fragt Filanovskij nach dieser Erklärung in die Runde.
  • Und setzt nach: „Do we perceive Hayden’s music as a speech?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, sagt er:

  • „First no, second yes“.

Minimal Music verändere sich einfach weniger als klassische Musik, die Aufmerksamkeit des Hörers  sei daran nicht gewöhnt. Ein Beispiel dafür sei der Minimalist Simeon Ten Holt. Dieser habe vor allem Erfolg mit seiner Musik gehabt, da er auch klassische Elemente integrierte.

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Tafel-Aufzeichnungen von Boris Filanovskij bei seinem Gastvortrag an der HU © Tomáš Glanc

Talking, talking, talking. But where is the sense of it?

Mit diesem Beispiel schließt Boris Filanovskij seinen Vortrag und öffnet die Diskussion:

  • Ich nehme es genau umgedreht wahr, sagt ein Teilnehmer. „Steve Reich is very concentrated, very clear.“ Klassische Musik jedoch sei etwas, was er nicht verstehe, so wie „talking, talking, talking. But where is the sense of it?
  • „I found it very surprising“, sagt ein anderer Gast, „that you, as a 20th-century-musician spoke about illusion. Didn’t you fight against it?“

Obwohl die 2 Stunden Vortragszeit längst abgelaufen sind, wird dieser Kern weiter diskutiert, denn: Ist dann Musik nicht Sprache? Indem sie intersubjektiv nachvollziehbar ist, kommuniziert sie ja doch! Zum Schluss einigt man sich darauf, dass es nicht um eine Illusion von Botschaft, sondern von Sprache geht. Dafür ist dann der Komponist verantwortlich:

  • „You don’t perceive it [a sound] as an [musical] event, until a composer wants you to hear it like that.“

Vielleicht ist dieser Satz auch der Schlüssel zu Filanovskijs Kompositionen. Eine Erklärung für meine Vorbehalte gegen zeitgenössische Musik ist es jedenfalls. Denn: Musik ist kein Text. Musik ist eine Sprache, die selbst nicht spricht. Der Komponist und der Hörer deuten sie. Nur: Wo bleibt dann der Unterschied zum Text?

Boris Filanovskij: Zeitgenössischer Komponist, 1968 in Leningrad geboren. War 2013 Gast im Berliner Künstlerprogramm des DAAD. Außerdem Mitglied der „Structural Resistance Goup“ und künstlerischer Leiter des eNsemble.

Den Rahmen des Gastvortrags bildete ein Seminar zur zeitgenössischen russischen Poesie, ihren Grenzen und dem Erbe Prigovs, das jeden Mittwoch unter der Leitung von Dr. Tomáš Glanc an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfindet.

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Eine Antwort to “Musik ist kein Text…”

  1. gkazakou Says:

    danke für den anregenden Beitrag. ich verändere den Satz in „You don’t perceive it [an item] as a [visual] event, until a visual artist wants you to see it like that.“ Nach dem Besuch einer Ausstellung verändert sich die Sichtweise auf die Umwelt entsprechend den Akzenten, die der Künstler setzte. Es ist wie ein Nachbild, das eine Weile fortwirkt. (Bei der Musik ist es ähnlich, das Geräusch der anfahrenden Straßenbahn und die Stimmen der Passagiere, das Rauschen in der Pappel und die fernen Sterne nehmen Ton und Rhythmus der gehörten und noch nachwirkenden Musik an.)

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