Terra incognita: Die Geschichte der Ukraine

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„Im Westen ist das Wissen über die Geschichte der Ukraine begrenzt. Die Vermittlung der osteuropäischen Geschichte ist auf Russland zentriert“, war im Einführungstext zur dritten Veranstaltung Geschichte und Erinnerung in der Reihe Die Ukraine. Europäische Reflexionen der DGO zu lesen. Doch nicht nur für den Westen ist die ukrainische Geschichte weitgehend eine terra incognita, die – wenn überhaupt – im Wesentlichen gefiltert durch die russische Perspektive erschlossen wird. Auch in der Ukraine selber gibt es „weiße Flecken der Geschichte“ (Jilge), die der Aufarbeitung bedürfen, damit überhaupt eine ukrainische Geschichte ohne Tabus möglich wird. Doch das Nichtwissen und Nichtwissenwollen historischer Tatbestände hat einen nicht unwesentlichen Anteil an Geschichtsbildern, die sich beliebig instrumentalisieren lassen – sie sind „Ressourcen der Macht“. Das haben die Berichte und Kommentare zur gegenwärtigen Situation in der Ukraine mehr als einmal gezeigt. Durch die Kurzvorträge der beiden Ukraine-Historiker und Experten für Nationsbildung und Nationalismus, Anna Veronika Wendland (Herder-Institut, Marburg) und Wilfried Jilge (GWZO, Leipzig), sowie die anschließende Diskussion mit Volker Weichsel (DGO, Berlin) wurde der wichtige Schritt gemacht, die Ukraine nicht einfach nur als „Missverständnis der Nationalitätenpolitik Stalins“ zu betrachten. Mit ihren überaus engagierten Plädoyers sensibilisierten die beiden Historiker das Publikum sowohl für die wechselvolle Geschichte der Ukraine (Wendland) als auch für die mobilisierende und polarisierende Kraft von Geschichtsbildern (Jilge).

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Auf dem Podium: Wilfried Jilge (GWZO, Leipzig), Volker Weichsel (DGO), Anna Veronika Wendland (Herder-Institut, Marburg) © Jurkiewicz/DGO

Anhand von zehn Thesen gab Anna Veronika Wendland einen Schnellkurs vor allem durch die komplizierte ukrainisch-russische Geschichte, die Mitte des 17. Jahrhunderts damit beginnt, dass sich der Hetman Bohdan Chmel’nic’kyj und die Dnipro-Kosaken – nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen Polen auf der Suche nach einem Bündnispartner – unter den Schutz des russischen Zaren Alexej I. begibt. Dadurch kommen die Gebiete links vom Dnipro (Dnepr) einschließlich Kyjiv (Kiev) erstmals unter russischen Einfluss. Ein Ereignis, das sich später im nationalen Bewusstsein der Ukrainer als „Inbegriff der Unfreiheit“ (Kappeler) festsetzt. Die späteren Versuche Peters I., das Hetmanat stärker an Russland zu binden, rufen den Unmut der Kosaken hervor. Unter ihrem Hetman Ivan Mazepa versuchen sie – allerdings vergeblich –, sich von dem Joch Russlands zu befreien. Das war der Auftakt zu einer Geschichte, die bis in die postsowjetische Gegenwart hinein von einem Wechsel zwischen Pragmatismus (Strategie der Elitenkooptation) und Konfrontation (Modernisierungs- und Integrationsprojekte) geprägt blieb. Immer dann, wenn Russland seine Politik des Pragmatismus gegenüber der Ukraine für einen Kurs der Konfrontation aufgegeben, d.h. wenn der „große Bruder“ den „kleinen Bruder“ wieder einmal bevormundet, gemaßregelt oder übergangen hat, entbrannten Konflikte. Ein solches Beispiel, so Wendland, stellt derzeit auch das russische Vorhaben zur Gründung der Eurasischen Union (EAS) dar, das von den Ukrainern als Nivellierungsprojekt aufgefasst wird. Überhaupt ist die ganze ukrainisch-russische Vergangenheit durchzogen von Konflikten, die die Geschichte heute zur Kampfzone der Tagespolitik machen: das Erbe der Kiever Rus’ und die Orthodoxie, die ukrainische Nationalbewegung, die Große Hungersnot (Holodomor) 1932/33, die Verortung des Zweiten Weltkriegs, die Nachkriegsgeschichte usw. Problematisch und nicht ganz unkritisch im gegenwärtigen Konflikt ist nach Ansicht Wendlands, dass Russland vornationale und nationale Kategorien miteinander vermischt. Waren frühere Konflikte frei von ethnischen, sprachlichen oder religiösen Zuschreibungen, werden gerade diese Aspekte in der aktuellen Debatte politisch aufgeladen und für propagandistische Angriffe genutzt. Doch die heutige Ukraine ist nicht mehr nach Sprachpräferenz geteilt, soziale Identität und politische Vorlieben werden nicht allein von der Muttersprache bestimmt. Vielmehr sind „multiple Identitäten und Zweisprachigkeit in der Ukraine Normalität“, wie Wendland kürzlich in einem Artikel in Der Freitag schrieb. Und wenn es nach den Ukrainern geht, dann soll diese Pluralität, die „ein Ergebnis der Urbanisierung und Modernisierung nach dem Zweiten Weltkrieg“ ist, auch erhalten bleiben – ebenso, wie ein gutes Verhältnis zu Russland. Natürlich ist dieser Prozess nicht reibungslos verlaufen, denn „Russisch war ja die sowjetische Hegemonialsprache, die politisch durchgesetzt wurde.“ Aber – und das ist die positive Seite des ukrainisch-sowjetischen Erbes – er „brachte eine reiche Geschichte von Aneignung, Migration, Wandlungsfähigkeit und kreativem Sprachwechsel inmitten binationaler Familien hervor.“ Deshalb stellt das, was derzeit in der Ukraine passiert, nach Meinung von Anna Veronika Wendland die größte Herausforderung für die Bevölkerung seit dem Zweiten Weltkrieg und der Nuklearkatastrophe von Čornobyl’(Černobyl’) dar.

Geschichte als Kampfmittel oder über den Nutzen der Geschichte für die Politik. So ließe sich das Thema von Wilfried Jilges Vortrag vielleicht am besten zusammenfassen. Die massive Diskrepanz zwischen den Diskursen des Volkes und den der Eliten in der Ukraine birgt ein gewaltiges Potenzial, um geschichtliche Ereignisse politisch zu instrumentalisieren. Während Juščenko den Versuch unternahm, UPA (Ukrainische Aufstandsarmee) und OUN (Organisation der Ukrainischen Nationalisten) als Befreiungsbewegung der 1920er bis 1950er Jahre – anstelle des sowjetukrainischen Geschichtsbildes „von der Wiedervereinigung der ukrainischen Länder im Bestand der Sowjetukraine“ – zur „Grundlage der Einheit von Staat und Nation“ zu machen, um so „das nationale Selbstbild der heroischen Märtyrernation“ zu vervollständigen (Jilge in: Ukraine-Analysen 45/08), nutzte Janukovič die emotional-affektive Reserve des Gedenkens an den Sieg der Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg und ließ sich von der russischen соотечественник-Kampagne einspannen. Hierbei handelt es sich um eine Art nationalen Reintegrationsprojekts aller ostslawischen Landsmänner, das durch die regierungsnahe Stiftung Russkij Mir betrieben wird und deren Ziel es ist, der Ukraine ihre eigene kulturelle Identität zu entziehen. Anlässlich des 65. Jahrestages des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg im Jahr 2010 marschierten auf der Militärparade in Kyjiv (Kiev) nicht nur ukrainische, belarussische und russische Verbände Seite an Seite über den Chreščatik (Kreščatik), auch das St.-Georgs-Band (eine von der russischen Studentenorganisation Studenčeskaja obščina zum 60. Jahrestag des Krieges als Zeichen des kollektiven Gedenkens ins Leben gerufene Aktion), das als prorussisches Zeichen gilt, erfuhr eine Aufwertung. Doch neben der Aufrechterhaltung des Mythos vom Großen Vaterländischen Krieg (siehe z.B. Pamjat’ serdca-Aktion von Russkij Mir) als panostslawisches Identitätsprojekt ist die Ukraine für Russland auch noch in anderer Hinsicht von zentraler Bedeutung: Zum einen wird sie als europäisches Mitglied für die Eurasische Union, die sonst ein eindeutig asiatisches Übergewicht hätte, dringend benötigt; zum anderen ist im Osten des Landes, d.h. vor allem Dnipropetrovs’k (Dnepropetrovsk), die für Russland strategisch bedeutsame Raketenproduktion angesiedelt. Demgegenüber stehen der Majdan und die zukünftige Regierung vor der schwierigen Aufgabe, die bisher verschlafene Integration der regionalen Eliten endlich in Angriff zu nehmen, wenn sich die Ereignisse auf der Krim, die das Ergebnis von Politikversagen und Kommunikationsdefiziten vonseiten der Regierung in Kyjiv (Kiev) sind, nicht andernorts wiederholen sollen. Da aber auch sonst landesweit keinen Minimalkonsens darüber herrscht, warum man in der Ukraine leben sollte, liegt hier der vordringlichste Handlungsbedarf. Das augenfälligste Beispiel hierfür ist wohl der Donbas (Donbass), an dem jegliche Ukrainisierungsversuche bisher abgeprallt sind. Russkij Mir ist es vielmehr gelungen, die russisch-sowjetische Sozialisierung der Menschen erfolgreich für seine Bildungsfeldzüge zu nutzen und die russische Sprache, Kultur und Geschichtsbilder weiter zu verwurzeln, was die dortige Bevölkerung den Ideen des Majdan, der Zentralregierung und der Ukraine noch weiter entfremdet hat.

Dennoch gibt es auch Signale der Hoffnung, gesellschaftspolitische Ziele, gemeinsame Wünsche, die der Idee von einer Zukunft in einem Land Auftrieb geben – der Wunsch nach Rechtsstaatlichkeit, der Bekämpfung der Korruption und danach, in Würde leben zu können. Aber wer garantiert diese? Angesichts der jahrelangen Erfahrung regiert – wen wundert’s – auch weiterhin die Skepsis: Auf einen Banditen folgt doch sowieso der nächste. Ein Elitenwechsel ist nach Aussage von Wilfried Jilge unabdingbar, auch wenn es zunächst kaum möglich sein wird, ausschließlich Kader mit reiner Weste zu rekrutieren. Unabdingbar für diese institutionelle Erneuerung ist auch die Einbindung der NGOs vom Majdan, die in der Bevölkerung großes Vertrauen genießen, wie Kateryna Mishchenko kürzlich im Gespräch mit Manfred Sapper äußerte (siehe Der Euromaidan – Agora oder Kibbuz?). Sollte es mit der neuen Regierung tatsächlich gelingen, in der Ukraine schrittweise Rechtstaatlichkeit zu etablieren, dann wäre auch der Weg für größere Reformen frei. Auf dieser Basis könnte die Abkehr vom Zentralismus hin zum innerstaatlichen Föderalismus vollzogen werden, denn, so Anna Veronika Wendland, die „Multiplizität der Ukraine“ ist eigentlich eine riesige Chance. Statt interregionale Missverständnisse zu kultivieren, sollte die kulturelle Vielfalt regionaler Sprachen, Literaturen, Traditionen, Mythen, Erinnerungen usw. für die zukünftige Ukraine produktiv gemacht werden.

Die Veranstaltungsreihe der DGO ist eine Kooperation mit der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, dem Literaturhaus Berlin, dem Suhrkamp Verlag, der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und dem Polnischen Institut. Sie wird am 7. Mai mit der Diskussion in der Vertretung der Europäischen Kommission zum Thema Aufbruch. Umbruch. Durchbruch? Die Ukraine vor den Wahlen fortgesetzt. Hier finden Sie eine Übersicht aller weiteren Termine, Themen und Podiumsgäste. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

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