Sprachverwirrung по-українськи

by

Dass die babylonische Sprachverwirrung kein ausschließlich biblisches Phänomen ist, sondern ukrainischer Alltag, ist an sich keine Neuigkeit. Wie schwierig sich jedoch allein das Bekenntnis zu, der Umgang mit und das Verhältnis von Ukrainisch und Russisch gestaltet – von der russisch-ukrainischen Mischsprache Suržyk sowie den zahlreichen anderen Regional- und Minderheitensprachen einmal ganz zu schweigen –, davon konnte sich das Publikum im Literaturhaus Berlin am vergangenen Dienstag einmal mehr überzeugen. Volodymyr Kulyk, habil. Politikwissenschaftler und Senior Researcher am Institut für politische und ethnische Studien der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine (Kiev) ist ausgewiesener Experte für die Sprachenpolitik in der Ukraine. Sein Vortrag Sprache und Nation machte die anscheinend unüberwindbare Dauerkrise in der Sprachenfrage mit ihren heiklen politischen Implikationen sehr deutlich, klaffen doch Sprachpraxis und Sprachidentität in der Ukraine weit auseinander oder anders gewendet: Der Sprachgebrauch hat prinzipiell nichts mit der ethnischen Zugehörigkeit zu tun; diese ist vielmehr das Produkt historischer und lokaler Prägungen. Für die Rechtsstellung einer Sprache ist jedoch die Sprachidentität wichtiger als ihr Gebrauch im Alltag.

Gabriele Freitag, Geschäftsführerin DGO

Gabriele Freitag, Geschäftsführerin DGO (links), Volodymyr Kulyk, Institut für politische und ethnische Studien der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine, Kiev (rechts) © Jurkiewicz/DGO

Zwei-/Mehrsprachigkeit: Problem oder Chance?

Das Problem der Mehrsprachigkeit – und dabei geht es vor allem um Ukrainisch und Russisch, denn die siebzehn anderen in der Ukraine gesprochenen Sprachen stellen in dieser Diskussion eher eine Marginalie dar – wird bereits am Status der Sprache (Muttersprache, Sprachgebrauch und Sprachpräferenz) recht deutlich, was hier anhand von nur einigen Zahlen gezeigt werden soll. Nach einer aktuellen Umfrage des KMIS (Kiever Internationales Institut für Soziologie), auf die sich Volodymyr Kulyk in seinem Vortrag bezog, bekennen sich 68% der Befragten zu Ukrainisch, 30% zu Russisch und 2% zu anderen Sprachen als Muttersprache. Aber Muttersprache und ethnische Identität fallen nicht unbedingt in eins, d.h. auch ethnische Ukrainer betrachten durchaus Russisch als ihre Muttersprache. Der private Sprachgebrauch ist – wie eingangs bereits erwähnt – davon unbenommen, denn 43% der Befragten geben an, Ukrainisch, 35% Russisch und 21% sogar beide Sprachen zu sprechen; die übrigen Sprachen kommen hier nur noch auf 1%. Und hinsichtlich der Sprachpräferenz hat Russisch mit 57% – gegenüber 43% für Ukrainisch – sogar die Nase vorn. Doch die Gründe für den jeweiligen Sprachgebrauch sind ebenso vielfältig, wie die potenziellen Kommunikationspartner und -situationen. Viele der Befragten äußerten z.B. eine Vorliebe für russischsprachige Bücher und Zeitungen sowie westliche Filme mit russischer Synchronisation, obwohl sie im Alltag Ukrainisch sprechen. Auch Alter und Wohnort (Lebensmittelpunkt) der Sprecher wirken sich auf den jeweiligen Sprachgebrauch aus: Während die Jungen sich verstärkt zu Ukrainisch bekennen, ist in der älteren, noch sowjetisch sozialisierten Generation Russisch stark verbreitet. Russisch ist außerdem die Sprache der Städte und Ukrainisch der ländlichen Regionen; ausgenommen im äußersten Westen, wo Ukrainisch auch in den Städten dominiert bzw. im Donbass und auf der Krim, wo Russisch auch auf dem Land die Hauptsprache ist. Doch so kompliziert und problematisch die sprachliche Situation auch erscheint, Tatsache ist auch, so Kulyk in seinem Aufsatz Gespaltene Zunge (Osteuropa 2-4/2010), dass „ein großer Teil der Bevölkerung beide Sprachen verwendet“ und durchaus „beide Sprachen in derselben Anwendungssituation miteinander verbindet“. Und dennoch: Das Gefälle hinsichtlich Sprachidentität, -gebrauch und -praxis ist groß. Während im Westen Ukrainisch klar dominiert, nimmt seine Präsenz in Richtung Osten immer weiter ab. Zwar überwiegt das Ukrainische auch im Zentrum immer noch nennenswert, aber im Südosten und in der Region Donbass/Krim verkehrt sich das Verhältnis zugunsten von Russisch in ihr Gegenteil.

Auch erweisen sich Sprachgebrauch und -präferenz als konjunkturabhängig, d.h. sie spiegeln die zwiespältige staatliche Sprachenpolitik wider, die seit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 immer wieder in den Verdacht der Begünstigung der einen zu Lasten der anderen Sprache geraten ist, ohne den Konflikt jemals beizulegen. Zu diesem Dilemma schreibt Kulyk: „Viele ukrainische Bürger sprechen eine andere Sprache als die, mit der sie sich identifizieren, und viele möchten, dass der Staat eine andere Sprache fördert als die, die sie sprechen.“ Und in der Tat offenbart sich die äußerst politische Dimension des Problems in der „vorsichtigen und widersprüchlichen Sprachenpolitik“ der ersten beiden Präsidenten der Ukraine Kravčuk und Kučma nicht weniger, als in der wenig ambitionierten Haltung ihres Nachfolgers Juščenko. Zwar wurde durch die Ratifizierung der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen (ECRM) und den Wahlkampf Anfang 2006, der mit der Rückkehr des prorussischen Janukovyč als Ministerpräsident endete, die Sprachenfrage wieder mehr in das Zentrum des politischen Interesses gerückt. Doch abgesehen von einer Reihe von Fördermaßnahmen im Bereich Bildung und Kultur, die tatsächlich zu einer Stärkung des Ukrainischen und Benachteiligung des Russischen geführt haben, passierte nichts. Zu der lange überfälligen Gesetzesänderung konnte sich niemand durchringen. Erst ein kurz vor den Parlamentswahlen 2012 durch Janukovyčs Partei der Regionen eingebrachter (auf den Richtlinien des ECRM gestützter) und in aller Eile verabschiedeter Gesetzesentwurf regelte die Sprachenfrage erstmals seit 1989 neu. Mit dieser Neuregelung wurde der Status des Russischen (und anderer Minderheitensprachen) als sog. Regionalsprache bzw. regionale Amtssprache sichtlich gestärkt. Obgleich der Status des Ukrainischen als alleinige Amtssprache unangetastet blieb, rief dieses Gesetz die Opposition auf den Plan. Also kassierte sie es eilends nach der Absetzung Janukovyčs im Februar 2014, um seine überhastete Rücknahme – auch auf Druck der EU – genauso schnell wieder rückgängig zu machen. Auch wenn die Debatte um die Sprachenfrage damit abermals Schaden genommen und die Interimsregierung sich nicht gerade als konsensorientiert empfohlen hat, bleibt vorerst alles beim Alten – bis zur Verabschiedung eines neuen Sprachengesetzes.

Und das kann dauern, denn während nach Aussage von Volodymyr Kulyk die eine Hälfte der Bevölkerung für eine Stärkung der russischen Sprache plädiere, sei die andere Hälfte dagegen. Allerdings: Der Wunsch nach Stärkung der einen Sprache solle, wenn es nach einem großen Teil der Menschen geht, nicht um den Preis einer Schwächung der anderen Sprache durchgesetzt werden. Weitgehend Einigkeit bestehe landesweit immerhin darüber, dass Ukrainisch als Titularsprache ein „wichtiges Symbol ukrainischer Staatlichkeit“ sei. Wie auch immer das neue Sprachengesetz ausfallen wird, die Bevölkerung, so Kulyk weiter, dürfe die Entscheidung darüber nicht wie in der Vergangenheit einfach an die Politik delegieren, sondern müsse – im Sinne einer Demokratisierung des Landes – selber aktiv diesen Prozess mitgestalten. Doch worauf könnte ein solcher hinauslaufen? Werden die Ukrainer ihre historisch bedingte Zwei-/Mehrsprachigkeit vielleicht doch noch als Chance begreifen, statt daraus immer neue Konflikte zu generieren? Kulyk ist da skeptisch, denn Koexistenz bedeute immer auch Wettbewerb, weshalb die Ukrainischsprecher in der Zweisprachigkeit keinen Vorteil erkennen. Die Russischsprecher ihrerseits befürchten immer dann, wenn der Staat eingreift, benachteiligt zu werden. Bleibt zu hoffen, dass der verstärkt durch die Majdan-Bewegung erwachte ukrainische Verfassungspatriotismus einen Weg aus der Sackgasse weist.

Die Veranstaltungsreihe der DGO ist eine Kooperation mit der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, dem Literaturhaus Berlin, dem Suhrkamp Verlag, der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und dem Polnischen Institut. Sie wird am 29. April mit einer Diskussion zu Geschichte und Erinnerung fortgesetzt. Hier finden Sie eine Übersicht aller weiteren Termine, Themen und Podiumsgäste. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Advertisements

Schlagwörter: ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: