Der Euromaidan – Agora oder Kibbuz?

by

Am 15. April 2014 fand die erste Veranstaltung im Rahmen der Vortrags- und Diskussionsreihe Die Ukraine. Europäische Reflexionen der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) statt. Über den Maidan als Agora diskutierten Kateryna Mishchenko, Autorin und Herausgeberin der Literaturzeitschrift Prostory in Kiev, und Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift Osteuropa. Mustafa Nayyem, Journalist, Aktivist und Mitinitiator des Euromaidan hatte aufgrund der neuesten Entwicklung in der Ostukraine kurzfristig abgesagt.

Kateryna Mishchenko und Manfred Sapper auf dem Podium

Kateryna Mishchenko und Manfred Sapper © Jurkiewicz/DGO

In seinen Grußworten an das Publikum zitierte der Leiter des Literaturhauses, Ernest Wichner, aus einem zeitgleich in der FAZ erschienenen Artikel von Swetlana Alexijewitsch, Wer nicht jubelt, ist ein Volksfeind. Darin beklagt die Autorin nicht nur den Verlust vieler ihrer russischen Freunde durch die polarisierende Kraft Putins als neuem Heilsbringer, sondern auch die Rückkehr des längst tot geglaubten homo sovieticus: „Morgens schaltet man den Computer an und liest immer das Gleiche: Die Russen kommen, die Russen haben sich erhoben. […] Die roten Fahnen sind wieder da, der ‚rote‘ Mensch ist wieder da. Alles erweist sich als quicklebendig. […] Wohin treibt Russland? Statt Reformen wählen wir den Krieg. Der Durst, verlorenes Land zurückzugewinnen, kann Millionen Menschen um den Verstand bringen. Und zwar vernünftige Menschen, die noch gestern von einem europäischen Russland träumten. Heute geloben sie im Chor: ‚Wegen der Krim verzeihen wir Putin alles!‘“

Angesichts dieser deprimierenden Bilanz Alexijewitschs nach ihrer Maidan-Erfahrung gefragt, zeigte sich Kateryna Mishchenko überrascht und auch wieder nicht, denn, so ihre Feststellung, die Gespräche über die Ukraine fangen oft mit Russland oder Putin an, statt von den Menschen zu handeln, die auf dem Maidan gelebt und gekämpft haben. Leider werde weder der Maidan noch die Ukraine als Subjekt wahrgenommen, sondern als etwas, das zwischen der EU und Russland verhandelt wird. Dennoch: Das Maidan-Kollektiv sei etwas Besonderes, denn es sei nicht von großen Namen gemacht und geprägt, sondern von ganz normalen Bürgern, ihrem Alltag und der Forderung nach neuen Werten. Daher gefalle ihr auch der Titel der Veranstaltung so gut: Der Maidan als Agora. Es sei der Versuch, über die Ukraine einmal anders als immer nur in geopolitischen Dimensionen zu sprechen.

Auf die Frage, was die Dynamik des Maidan ausgemacht habe, was an ihm besonders sei, antwortete Mishchenko, dass man dort buchstäblich habe miterleben können, wie sich „ein neuer politischer Raum“ entwickelt. Der Auslöser des Protests – die Ankündigung der Regierung, das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht zu unterzeichnen – sei für die Menschen zunächst kaum von Interesse gewesen, dennoch hätten viele unmittelbar sein Potenzial gespürt. Nicht um das Abkommen sei es gegangen, sondern um etwas viel Grundlegenderes – die Hoffnung auf Veränderung. Erst als die Regierung versuchte, den Protest gewaltsam aufzulösen, habe sich das geändert. Danach seien die Leute auf den Maidan gekommen, um gegen die staatliche Gewalt und für die Aufklärung der Rechtsverletzungen zu demonstrieren.

Die EU habe im Osten mobilisierende Kraft, während der Westen EU-müde sei, bemerkte Manfred Sapper und wollte wissen, ob die Ukrainer uns zeigten, wie man Europa möglicherweise neu denken könne. Die EU-Flagge, so Mishchenko, sei für die Ukrainer ein Symbol der Freiheit, denn tatsächlich seien ihre Vorstellungen von der EU mehrheitlich eher von Mythen als von der Realität geprägt. Die Medienlandschaft in der Ukraine sei ziemlich schlecht, kritische Berichterstattung gebe es kaum. Im Grunde sei Europa für die Menschen zunächst ein leerer Begriff gewesen, der sich im Laufe der Proteste mit Inhalt gefüllt – Menschenrechte, Demokratie, Frieden, Rechtstaatlichkeit, eben die europäischen Werte – und der Bewegung den Namen Euromaidan eingebracht habe. Nach Jahren der Korruption und Gesetzlosigkeit manifestiere sich im Maidan die Ausweglosigkeit der Situation, wohingegen die EU den ukrainischen Traum von Europa verkörpere: „In dem Wort ‚Euro‘ steckte plötzlich ein Befreiungspotenzial, das weit über die Grenzen des bislang für möglich Gehaltenen hinausreichte. Die brennenden Barrikaden auf dem Maidan warfen ihr Licht auf den Wunsch und das Streben der Ukrainer nach der Anerkennung menschlicher Werte, die zuvor unter dem Zynismus der lokalen und internationalen Medien, der Politiker und all der Experten nicht mehr zu sehen waren.“ (Kateryna Mishchenko in der taz)

Kateryna Mishchenko und Manfred Sapper auf dem Podium

Kateryna Mishchenko und Manfred Sapper © Jurkiewicz/DGO

Über den Maidan als Agora sagte Mishchenko, dass seine Natur eine sehr räumliche, physische sei, mit einer einzigartigen Kraft zur wirtschaftlichen Selbstorganisation. Möglich sei er überhaupt nur dank der materiellen und ideellen Unterstützung der Bürger aus Kiev und den Regionen geworden. Aber der Maidan sei nicht nur überregional, sondern auch ein Kollektiv über alle sozialen Schichten, Berufs- und Altersgruppen der Gesellschaft hinweg. Und darin unterscheide er sich von der russischen Protestbewegung 2011/12, die vor allem vom Mittelstand getragen wurde.

Die Maidan-Bewegung ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, umso mehr beunruhigt das ihr anhaftende nationalistische, rechtspopulistische Image. Aus Sicht von Mishchenko hat das damit zu tun, dass es „zwei Ukrainen“ gibt, denn wer als Präsident Ukrainisch spricht, gilt per se als Nationalist und einer, der Russisch spricht, als Parteigänger Russlands. Die ukrainische Protestbewegung sei sehr durch Oleh Tjahnybok (Svoboda) geprägt worden, wodurch sie eine nationalistische Tendenz bekommen habe. Aber am Protest seien alle Oppositionsparteien beteiligt gewesen, und er habe starken Rückhalt in der Bevölkerung. Und gerade der gesellschaftsumspannende Geist des Maidan habe die Rechten neutralisiert. Den Faschismus-Vorwurf wies Mishchenko als reine Propaganda zurück. Er sei der Versuch, die Maidan-Bewegung zu diskreditieren. Dem hielt sie das Bild des von schwerbewaffneten Polizisten umstellten Maidan entgegen und fragte, was das denn sei, wenn nicht „ein faschistisches Gesamtkunstwerk“. Als die Publikumsdiskussion diese Frage erneut aufwarf, wurde Mishchenko noch deutlicher: Die Ukraine sei hinsichtlich des Phänomens Faschismus ein „ganz normales europäisches Land“ und wolle sich nicht von Europa belehren oder gar wie ein kleines Kind behandeln lassen. In einem Nebensatz verwies sie auf die österreichischen Nationalratswahlen 2013: Die FPÖ erhielt damals fast 22 Prozent der Sitze, Svoboda kommt in der Verchovna Rada derzeit auf knapp 8 Prozent.

Der Maidan als Europas Ground Zero? Auf die Frage, was der historische Ort des Maidan sei und womit er sich vergleichen lasse, antwortete Mishchenko spontan – Occupy. Der Maidan sei eine soziale Bewegung, es gehe um Grundrechte, auch wenn das leider nie so eindeutig artikuliert worden sei. Aber leicht sarkastisch fügte sie hinzu: „Eine Revolution ist wie sie ist, man kann sie nicht formatieren!“ Es gehe nicht um die Verarbeitung der sowjetischen Vergangenheit oder das Abstreifen der Identität des homo sovieticus. Die Bewegung sei supermodern und sehr medial: Bilder und Texte würden über Facebook und Livestream kommuniziert.

Manfred Sapper gab zu bedenken, dass visuelle Repräsentation keine Politik verändere, entscheidend sei vielmehr, ob und inwieweit es gelinge, die soziale Maidan-Bewegung zu institutionalisieren. Mishchenko zögerte, denn trotz der beharrlichen physischen Präsenz und der ungeheuren Selbstorganisationsleistung sei der Maidan politisch bisher nur eine Marginalie. Durch die Maidan-Quote gebe es zwar eine gewisse Partizipation der Aktivisten an der Regierung, aber die sei bisher auf die Ressorts Sport, Kultur und Bildung beschränkt, so dass von echter Institutionalisierung nicht die Rede sein könne. Zumindest bis zu den Präsidentschaftswahlen am 25. Mai bleibe der Maidan als Wache und Kontrollgremium bestehen, dann müsse man weitersehen. Wird der Maidan dann doch mehr Kibbuz als Agora bleiben, wie Volker Weichsel (DGO) kritisch anmerkte? Mishchenko räumte ein, dass die rhetorische Basis des Maidan nicht sozial genug gewesen sei, um alle Ukrainer zu vereinen, anfangs habe sie sogar völlig gefehlt. Aber das sei ein Kompromiss gewesen, um sich gemeinsam mit den Oppositionsparteien besser gegen Janukowitsch positionieren zu können. Ursächlich habe die Protestbewegung nicht mit den Parteien kooperieren wollen. Der Maidan sei aber zweifellos eine politische Bewegung (auch wenn hier so viel von seinem Alltagsleben die Rede war) und als solche bleibe er wichtig, denn nur durch ihn fühlen sich die Menschen vertreten und durch ihn haben sie die Möglichkeit, die Politik mitzugestalten. Keiner der Präsidentschaftskandidaten verfüge über dieses Potential.

Nach der Atmosphäre in Kiev angesichts der Entwicklungen im Osten des Landes gefragt, äußerte sich Mishchenko ebenfalls zaghaft und unkonkret. Ja, sie sei angespannt, denn keiner wisse, wie es weitergeht. Hörbar resigniert fügte sie noch hinzu: „Wenn der Feind vor der Tür steht, ist die ‚transparente Buchhaltung‘ (d.h. die Bekämpfung der Korruption) plötzlich nicht mehr so wichtig.“ Natürlich sei es leichter, auf der Basis eines sozialen Kampfes etwas Neues aufzubauen als auf den Trümmern eines Krieges, der jetzt immer wahrscheinlicher wird. Die Zukunft sei derzeit völlig ungewiss und Probleme gebe es unendlich viele. Die Krim und das, was aktuell im Osten passiere, sei Putins „Krieg“ gegen die Revolution, gegen die Maidan-Bewegung und nicht grundsätzlich gegen die Ukraine. Er fürchte deren universellen Geist und Ansteckungspotenzial.

Auch wenn viele Fragen offengeblieben und neue hinzugekommen sind, hat die Diskussion angesichts der oft verwirrenden und verzerrten Berichterstattung über den Maidan doch dazu beigetragen, mit etwas anderen Augen auf diesen „neuen politischen Raum“ vor den östlichen Toren der EU zu blicken.

Die Veranstaltungsreihe der DGO ist eine Kooperation mit der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, dem Literaturhaus Berlin, dem Suhrkamp Verlag, der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und dem Polnischen Institut. Hier finden Sie eine Übersicht aller weiteren Termine, Themen und Podiumsgäste. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Advertisements

Schlagwörter: ,

Eine Antwort to “Der Euromaidan – Agora oder Kibbuz?”

  1. Dr. Th.P. Carstensen, Schleswig Says:

    Swetlana Alexijewitsch ist der Entwicklung, gerade in Belarus, aber auch sonst, glatte 20 Jahre hinterher,
    vgl. Vera Chareuskaja, Die Friedenspreisträgerin und das deutsche Feuilleton, Einspruch aus Minsk, in:
    Literatur und Kritik, 481/82, März 2014, Kulturbriefe, S. 5-7

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: