Freispruch (in) der Kunst: Milo Raus „Moskauer Prozesse“

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In den letzten 10 Jahren gab es in Russland eine Reihe von spektakulären Prozessen gegen Künstler und Kuratoren. Der Fall um die Punk-Band Pussy Riot sorgte dabei für das größte mediale Interesse. Der Schweizer Regisseur und Autor Milo Rau hat 2013 im Moskauer Sacharov-Zentrum die Schauprozesse der religionskritischen Ausstellungen „Achtung, Religion!“ (2003) und „Verbotene Kunst“ (2007) reinszeniert. Die dritte Verhandlung im Rahmen von Raus Aktion „Die Moskauer Prozesse“ bezog sich auf Pussy Riot, deren Mitglied Katja Samuzevič selbst in der Rolle der Angeklagten teilnahm: Zwei weitere Aktivistinnen der Punkband waren zum Zeitpunkt des Prozess-Spektakels noch inhaftiert. In der Berliner Schaubühne stellte Rau nun gemeinsam mit Ol’ga Schakina (Anchorwoman des unabhängigen TV-Senders Dožd’, Richterin in „Die Moskauer Prozesse“) die filmische Dokumentation vor, welche in dieser Woche in den deutschen Kinos anläuft.

Im Prozess um die Akteure der Aussstellungen „Achtung Religion“ und „Verbotene Kunst“ wurden damals keineswegs die Randalierer schuldig gesprochen, sondern die beteiligten Künstler und Kuratoren aufgrund von angeblicher Verletzung der Gefühle orthodox Gläubiger. Milo Rau ist davon überzeugt, dass die offiziell unterlegene Seite die besseren Argumente hat, nur wurden diese zuvor nicht anerkannt. Wie kann es etwa sein, dass eine angeblich von Künstlern geschändete kirchliche Ikone dann selbst von einem Mitglied der „Kampfsportvereinigung orthodoxer Bürger“ als Protest gegen die Ausstellung zerstört wurde? Hat die Liebe zu Ikonen hier jemanden rasend gemacht? Um diese Ungereimtheiten erneut zu verhandeln, suchte Raus Team vor Ort sieben Geschworene, die die ganze Breite der Gesellschaft repräsentieren sollten, darunter etwa ein der orthodoxen Kirche anhängender Bienenzüchter. Während der dreitägigen Reinszenierung der Moskauer Prozesse versuchten Anklage und Verteidigung zusammen mit Experten von beiden Seiten die Geschworenen von ihrer Sicht zu überzeugen. 

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Pressebild 2 © IIPM / Maxim Lee
Der Ankläger

Auf der Moskauer Bühne stehen keine Schauspieler, sondern Akteure aus dem realen politischen Leben, etwa der in der Rolle eines „Experten von traditionalistischer Seite“ siegessicher auftretende Starmoderator des russischen Fernsehens, Maksim Ševčenko. Zudem tragen das juristische Vokabular und der gesamte Ablauf zeitweilig dazu bei, dass der Eindruck einer regulären Verhandlung entsteht. Sie ist jedoch in mehrfacher Hinsicht nicht regulär, denn zunächst einmal besticht sie durch Unabhängigkeit der zum Urteil kommenden Geschworenen. Milo Rau ist zu keinem Zeitpunkt von unabhängigen Gerichten ausgegangen, welche in den letzten Jahren in Moskau die Künstler und Kuratoren zu Geld- und sogar Haftstrafen verurteilten. Daher versuchte er mit künstlerischen Mitteln die schon gesprochenen Urteile neu zu beleuchten und damit eine politische Debatte anzustoßen, welche realen gesellschaftlichen Konsequenzen haben kann. Reale Auswirkungen der Show-Prozesse nach den Schauprozessen muss Milo Rau bis auf weiteres in Form eines Einreiseverbots spüren. Er sei eine unerwünschte Person, wie es ohne Angabe weiterer Gründe bei der Visa-Beantragung im Herbst 2013 hieß.

Der Film „Die Moskauer Prozesse“ beginnt im Stil einer sachlichen Dokumentation mit Off-Kommentar Milo Raus. Er zeigt zunächst den Aufbau des Gerichtssaals, der genau in jenem Raum installiert wurde, in dem zehn Jahre zuvor die Ausstellung „Achtung, Religion!“ von christlich-orthodoxen Nationalisten verwüstet worden war. Das Ausladen des Inventars macht deutlich, dass es sich bei den Tischen und Bänken um Requisiten handelt, die in dem kargen Raum wie Ausstellungstücke wirken. Später verfliegt dieser künstliche Charakter der Objekte. Die geschaffene Distanz zum Geschehen (der Zuschauer des Films weiß, dass eine geplante Inszenierung folgen wird) löst sich zunehmend auf, als klar wird, dass die Emotionen vieler Beteiligter in dieser Show echt und nicht inszeniert sind. Ein ähnlicher Effekt, der die Beteiligten und Zuschauer im Sacharov-Zentrum mehr und mehr erfasst, greift auch auf die Zuschauer des Films über. Sie sehen sich beim Zuschauen zu. Dieses Moment steht im Zentrum der Verfahren künstlerischer Reenactments der vergangen Jahre und insbesondere in Milo Raus „International Institute of Political Murder“. Die „Moskauer Prozesse“ sind aber schon aufgrund des Schöffengerichts kein Reenactment, sondern eine Neu-Inszenierung mit offenem Ausgang. Gleichwohl gilt auch hier vieles von dem, was künstlerische Reenactments auszeichnet. In diesen geht es nicht um den Versuch einer korrekten Wiederholung, sondern um die Freilegung von Potenzialen, die sich in vergangenen Ereignissen nicht entfalten konnten. Diesen Einbruch des Realen erläuterte Rau bereits 2011 in einem  Interview mit novinki: „Ein funktionierendes Reenactment und überhaupt ein funktionierendes Kunstwerk reaktiviert also im Zuschauer die Historizität seines Empfindens, seinen körperlichen, mimetischen Drang, das Schrecklichste mitzuerleben und seinen Wunsch nach Gewissheit, es zu verstehen, eben einen Sinn daraus zu ziehen.“

Wenn während der Prozess-Show der rechtsgerichtete und von der Schuld Pussy Riots überzeugte Künstler Aleksej Beljaev-Gintovt mit den Augen zuckt, weil ihn die Kunstkritikerin Jekaterina Degot während einer Befragung in die Zange nimmt, geschieht etwas Unfassbares: Degot wird real von Beljaev-Gintovt bedroht und der Gerichtssaal ist erfüllt von jener Aura des Hasses, welche der Philosoph Michail Ryklin im Zusammenhang mit den Prozessen schon frühzeitig in einem Essay aufgezeigt hat. Ryklins Frau, die Dichterin Anna Al’čuk, wurde als Kuratorin der Ausstellung „Vorsicht, Religion!“ angeklagt. Ihr bislang nicht geklärter Suizid im Jahr 2008 in Berlin steht Aussagen ihres Mannes zufolge in direktem Zusammenhang mit zuvor erhaltenen Drohbriefen. Der Film dokumentiert, wie eine zur Befragung geladene Expertin um eine Schweigeminute im Gedenken an Al’čuk bittet, es stehen allerdings wenige auf, von den Geschworenen sind es nur zwei, die sich dabei zudem recht verunsichert umschauen. Schon in dieser zögerlichen Bewegung ist die gesamte Problematik eigener Urteilsfindung verdichtet, welche in einem zunehmend klerikalisierten öffentlichen Raum immer schwieriger wird. Ein Riss wird deutlich, der durch die gesamte russische Gesellschaft geht.

Eben jenen Riss will Milo Rau sichtbar machen. Im Publikumsgespräch nach der Premiere sagt der 1977 in Bern geborene Regisseur, er sei letztlich froh gewesen, dass der Freispruch der Jury so knapp ausfiel. Mit einer eindeutigeren Entscheidung wären die Spannungen nicht so manifest geworden.

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Pressebild 3 © IIPM / Maxim Lee
Die Jury

Nach den dreitägigen Prozessen, die mehrfach von aufgeregten Kosaken sowie einer Personenkontrolle unterbrochen wurden, führte Rau in der Schweiz die „Zürcher Prozesse“ auf. Beide Prozesse werden demnächst im Verbrecher Verlag dokumentiert. In Zürich ging Rau im Prinzip noch einen Schritt weiter und setzte einen Prozess gegen die Schweizer Zeitung Weltwoche theatralisch in Gang. Es gab keinen bereits real geschehenen Gerichtsprozess als Referenz, als hier vor einer repräsentativ ausgewählten Jury echte Anwälte echte Zeugen und Experten im Hinblick auf reale Straftatbestände der Schweizer Rechtsordnung befragten. Zur Überraschung Raus unterlagen die links-liberalen Anwälte mit ihren Argumenten, welche sie gegen einige zuvor erschienene fremdenfeindliche Auslassungen der Weltwoche vorbrachten. In seinem jüngst erschienenen Essay „Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft“ geht er dieser Schwäche linker Positionen auf den Grund. Sein Film dokumentiert hingegen, mit welchen künstlerischen Mitteln ein kritisches Nachhaken und Wiederaufrollen von  vermeintlich schon ausdiskutierten Argumenten möglich sind. Gleichzeitig sind „Die Moskauer Prozesse“ ein einmaliges zeitgeschichtliches Dokument. Der Film lädt nach dem Medienrummel um Pussy Riot dazu ein, die Debatte angemessen komplex fortzuführen.

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