„Früher gab es Geld, heute gibt es Themen“

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Mit dem einwöchigen Festival Leaving is not an option? präsentierte das Berliner HAU (Hebbel am Ufer) aktuelle künstlerische Positionen aus Ungarn. Ein Bericht über das Festival (9.–16. März) und gegenwärtige ungarische Kulturpolitik.

Ich habe mein räumliches Denken verloren. Das macht mich immer sehr wütend. Mein größter Wunsch ist es, den Postkasten zu leeren. Ich brauche Erfolgserlebnisse! Greife aber immer daneben. Dann der Scheiß mit den Schuhen. Nicht zu schnüren. Verfehle immer die Löcher. Dann werde ich aggressiv! Aggression ist Schmerz. Ich kann ihn nur so ausdrücken. Ich bin nicht motiviert, deshalb aggressiv. Film und Theater schaden mir nur. Ich möchte demente Filme sehen, mit dementem Inhalt und ganz einfacher Handlung. Der Dialog ganz leise. Demente Kultur, Politik! Ein dementer Ministerpräsident! Es lebe die Demenz!

Die frühere Operndiva Mercédes (Lili Monori) scheint sich in Kornél Mundruczós Dementia, Or The Day Of My Great Happiness völlig auflösen zu wollen in einem geschichtslosen Raum. Ihr Monolog über die Sehnsucht nach Demenz in der Kultur spricht die politische Gegenwart in Ungarn sehr grell und direkt an. Der Budapester Autor, Filmemacher und Regisseur Mundruczó greift in seinem Stück den konkreten Fall der Schließung einer bekannten psychiatrischen Klinik auf. Das Thema der sozialen Folgen von Privatisierung ist einerseits allgemeingültig, andererseits fokussiert Mundruczó ganz eindeutig die ungarische Gesellschaft. Nach dem Verkauf des Gebäudes in der Budapester Innenstadt zwang der Investor die Patienten und die Belegschaft zum Gehen. Dieser konkrete Moment aus der Nachwendezeit wird auf der Bühne künstlich hinausgezögert. Die im dementen Wahn bis zur Zermürbung anhaltende Unentschiedenheit zwischen Gehen oder Bleiben, eingefasst in hyperrealistisch bröckelnde Wände einer Psychiatrie, trifft den Kern der Frage des Festivals: Leaving is not an option?

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Dementia, Or The Day Of My Great Happiness von Kornél Mundruczó                              Foto © Produktion

Seitdem die national-konservative Fidesz Partei unter Ministerpräsident Orbán im Jahr 2010 mit einer Zweidrittelmehrheit regiert, haben mehrere Hunderttausend Ungarn ihr Land verlassen. Allein 2013 stieg die Zahl der nach Deutschland ausgewanderten Ungarn um 25 %. Für viele Kulturschaffende sind insbesondere die gezielten Einschränkungen der künstlerischen Freiheit Anlass, eine Auswanderung zu erwägen. Die aus einer Privatinitiative nationalkonservativer Künstler hervorgegangene und durch die Regierung Orbán zur offiziellen Institution erhobene Ungarische Künstlerische Akademie (MMA) ist seit 2011 die höchste Instanz bei der Verteilung öffentlicher Fördergelder. György Fekete, der umstrittene Präsident der Akademie, möchte explizit nur noch Künstler mit „echter nationaler Einstellung“ fördern und bedauerte öffentlich, dass György Konrád (ehemals Präsident der Berliner Akademie der Künste) im Ausland als Ungar betrachtet werde.

Zu den Unterzeichnern eines Offenen Briefes gegen die nunmehr im Grundgesetz verankerte Vormachtstellung der Akademie gehört der Regisseur Árpád Schilling. Als künstlerischer Leiter des Produktionsbüros Krétakör (Kreidekreis) entwickelt Schilling seine filmischen und dramatischen Inszenierungen oft in internationaler Koproduktion, nicht zuletzt auch aufgrund der restriktiven Kulturpolitik und des Rückgangs öffentlicher Förderung in Ungarn. In einem Beitrag für das aktuelle Magazin (Nr. 21) der deutschen Kulturstiftung des Bundes bezeichnet er Ungarn als „nominell zwar demokratisch, aber in Wirklichkeit längst autoritär.“ Er wendet sich explizit gegen den Minister Zoltán Balog, dessen Ministerium für Humane Ressourcen neben Gesundheitswesen und Bildung auch die Bereiche Soziales und Kultur verwaltet. Balog, seit 2013 Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland, ist für die Gesetze zur Segregation an Schulen mitverantwortlich, welche laut Schilling vor allem für die Roma des Landes eine Zunahme gesellschaftlicher Ungleichheit bedeuten. Die künstlerische Auseinandersetzung Krétakörs mit diesen Themen, etwa im Projekt Új Néző (Neuer Zuschauer), war im HAU leider nur in einer kurzen Videodokumentation zu sehen. Da die Truppe noch mitten in den Proben für eine Premiere am 27. März im Budapester Kunsthaus Trafó steckt, konnte beim Festival in Berlin keine aktuelle Produktion gezeigt werden.

Das Trafó ist in seiner Bedeutung für die Theater-, Tanz- und Musikszene in Ungarn mit derjenigen des HAUs in Berlin vergleichbar. Es wurde 1998 vom Kulturmanager György Szabó gegründet, der während des Festivals in einer von Márton Gergely moderierten Diskussionsrunde mit dem Regisseur Béla Pintér und dem Autor und Musiker Sickratman über „Gehen und Bleiben“ nachdachte. Szabó wurde als Leiter des Hauses abgesetzt, die darauf folgende Stellenbesetzung entspricht in ihrer mangelnden Transparenz der gängigen Praxis vieler Stadt- und Landestheater Ungarns. Inzwischen ist Szabó wieder in niedrigerer Position am Haus engagiert und hat vorerst nicht vor, Ungarn zu verlassen.

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von links: Miklós Paizs aka Sickratman, Márton Gergely, Béla Pintér,                           György Szabó; Foto © HAU

Noch entschiedener lehnt Béla Pintér die Emigration ab, trotz des drastischen Mittelentzugs insbesondere im experimentellen Off-Theaterbereich. „Früher gab es Geld für Theater, heute liefert uns die Regierung Themen“, sagt Pintér und unterstreicht mit seiner Punk-Attitude, dass er die Mechanik staatlicher Ausgrenzung aus dem offiziellen Kanon mitvollzieht und so zum Thema macht. Seit 2010 hat sich die öffentliche Förderung für sein Ensemble halbiert, die zum Ausgleich erhöhten Kartenpreise vergraulen Pintérs Publikum jedoch keineswegs, seine Vorstellungen sind konstant ausverkauft. Die starke Nachfrage hat zur Folge, dass die in Berlin zum ersten Mal im Ausland gezeigte Produktion hier einfacher zu sehen gewesen ist als in Budapest. Der Erfolg seiner Stücke und die Anhängerschaft auch über die politischen Grenzen hinaus geben ein paradoxes Bild: Einerseits berichtet Pintér von einer erniedrigenden Praxis, die sein Ensemble in Unsicherheit versetzt, wenn etwa Gelder zu spät und quasi nur als „Wohltätigkeit“ zur Verfügung gestellt werden, andererseits gehören zu seinen Anhängern auch Orbán nahestehende Entscheidungsträger wie der Chef des Mineralölkonzerns MOL, Zsolt Hernádi.

Insgesamt herrscht in Budapest eine Atmosphäre der Unberechenbarkeit und schlimmstenfalls fatigue und Agonie vor, wie es Márton Gergelyi im Gespräch mit novinki ausdrückt. Gergelyi ist Redakteur der Online-Ausgabe der auflagenstärksten ungarischen Tageszeitung Népszabadság. Wenige Wochen vor den Parlamentswahlen in Ungarn scheinen insbesondere die Intellektuellen auf ein Wunder zu warten, oder auf den „deus ex machina“, wie es Gergely ausdrückt. „Die Reichweite dessen, was kritisch ist, schrumpft“, so Gergely. „Auch medial wird die Öffentlichkeit immer weiter eingeengt, sodass nur diejenigen erreicht werden, die eh schon im Abseits stehen.“ Zur besonderen künstlerischen Herausforderung wird es somit, über einen kleinen Kreis von Eingeweihten hinaus wahrgenommen zu werden, ohne sich zu weit auf die offiziellen Codes einzulassen. Auf welch subtile Weise Kunst und Kultur eingeschränkt werden, schildert Gergely anhand der Anekdote über Viktor Orbán, der als bekennender Sportfan in seinem Heimatdorf Felcsút direkt gegenüber seinem Haus mit Steuergeldern ein Stadion errichten ließ, in welches das gesamte Dorf zweimal hineinpasst. Währenddessen wurde ein Gesetz erlassen, um Spenden für den Sport steuerlich zu begünstigen, was vorher nur für Kultur und etwa Theaterensembles galt. Die Sorge besteht bei vielen Kulturschaffenden, dass Unternehmen in Zukunft eher für Fußballvereine spenden werden, was sicher auch Orbán freuen würde. Offene Kritik von Künstlern an diesen und ähnlichen Praktiken wird umgehend von offizieller Seite kommentiert und kann katastrophale finanzielle Folgen haben. Vieles im heutigen Ungarn erinnert Gergely an das frühere Lesen zwischen den Zeilen, an jenes Spiel mit der Macht, welches bestimmte Künstler vor dem Systemwechsel eingingen und innerhalb dessen Kritik (nur) versteckt möglich war.

Auch Béla Pintérs Stück Titkaink lebt von der Suche nach Antworten auf die Frage, welche historischen Szenen in der realen gegenwärtigen Gesellschaft wieder anklingen. Vordergründig geht es um eine Aufarbeitung der frühen 1980er Jahre und der damaligen Überwachung durch den Geheimdienst in Ungarn. In jeder politischen Ordnung können die Schurken überleben und wichtige Persönlichkeiten von heute sind mitunter die Informanten von gestern. In einer Atmosphäre der Verschwiegenheit und Denunziation bringt sich der pädophile István (Zoltán Friedenthal) schließlich um. Mit Pädophilie wird ein allgemeines Tabuthema berührt, zur Debatte steht jedoch auch eine spezifisch ungarische Geheimniskrämerei. Was dramaturgisch zunächst konventionell und fast naiv wirkt, ist eher eine Parodie auf das herkömmliche naiv-abbildende Theater und seine Unfähigkeit, die gesellschaftlichen und auch ästhetischen Tabus zu hinterfragen.

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